Gerade wurde Senioren-Playboy Rolf Eden wieder zu den "peinlichsten Berlinern" gewählt. Gleichzeitig zeigt ein Film, dass der Mann auch anders kann. Und beides zusammen macht sogar Sinn. Von Sophie Albers

Rolf Eden hat nach dem Krieg das Berliner Nachtleben wachgerüttelt© RainerAdolph/Adolphpress/CENTRAL FILM Verleih
Ist er weich geworden? Hat er am Ende seines wahrlich gelebten Lebens nun doch Zweifel am "Nach mir die Sintflut -Prinzip"? Will er gar aufräumen, richtigstellen, indem er mit diesem Film zeigt, dass der Blondinen-verschlingende, in den 80ern hängengebliebene Super-Poser Rolf Eden nur eine Seite der Medaille ist? "Ich rufe dich später an. Ciao, Baby!", sagt die Berliner Lokalgröße nicht nur zu Frauen, die sogar am Telefon blond klingen, Eden beantwortet damit auch solche Fragen. Ein Leben, zu dessen Melodie man nicht schunkeln kann, ist in den zwei Mal gelifteten Augen des alten Mannes hinter dem Schreibtisch reine Verschwendung.
Da sitzt er täglich, auch mit 81 Jahren. Zwar hat er den letzten seiner berühmten Clubs am Kudamm längst verkauft, doch gehören ihm zahlreiche Immobilien in der Hauptstadt, um die er sich genauso kümmert wie um seine sieben Kinder von sieben Frauen. Und jetzt, da der Film "The Big Eden" über sein Leben - und das ist mehr als 50 Jahre deutsche Unterhaltungskultur - draußen ist, und im nächsten Jahr zudem seine Memoiren heraus kommen sollen, rufen andauernd Journalisten an, sagt er. Ins Fernsehen müsse er auch ständig: "Die lieben mich in den Talkshows, weil ich sagen kann, was ich denke. Weil ich frei bin."
Dass diese Freiheit Grenzen hat, wird klar, während man in Edens ebenfalls in der Lieblosigkeit der 80er hängengebliebenem Büro sitzt und die Bilder auf einen einprasseln. Von allen Wänden schreit es "Rolf Eden": In Schwarz-Weiß, in Farbe, auf Fotos oder auf Leinwand, Postern, Briefen, Zeitungsausschnitten. Der Mann hat sich mit sich selbst zupflastert. Edens Freiheit endet bei seiner Person. "In seinen Augen ist nichts zu lesen als immer wieder das kleine Markenzeichen: Rolf Eden", schrieb "B.Z."-Redakteurin Christiane Höllger bereits Anfang der 60er Jahre, als der junge Mann aus Israel gerade begann, die Berliner Nachtleben wachzurütteln.
Israel? Dort hat Eden seine prägende Zeit erlebt. Er wurde zwar 1930 in Berlin geboren, doch hatte sein Vater, ein jüdischer Unternehmer, die Weitsicht und die Familie das Glück, nach Palästina auszuwandern, als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm. So wurde aus Rolf Sigmund Eden der kleine Shimon, der eine "sehr schöne Kindheit" in der Hafenstadt Haifa verbrachte, bevor er als 18-Jähriger in den israelischen Gründungskrieg zog. Da hatte er nicht nur als einziger in seiner Palmach-Einheit bereits eine Freundin, die er auch gleich schwängerte, er hatte auch wieder dieses Glück, das in seinem Leben eine Hauptrolle spielt. Und an diesem Punkt nahm sein Schicksal als "professioneller Verdränger" offensichtlich einen schrecklichen Anfang.

Rolf Eden mit seiner aktuellen Blondine Brigitte© Hannibal/DPA
Vier Kilometer vor Jerusalem sollte seine Einheit das auf einem Hügel gelegene arabische Dorf Nebi Samwil einnehmen. "Wir sind diesen Hügel raufgestürmt mit unseren kleinen Gewehren, die gerade mal acht Meter weit schossen", erzählt Eden. "Die Araber hatten schon Maschinengewehre. Mit einem Mal wurden meine Kameraden um mich herum alle erschossen. Nur ich nicht, weil ich vorher ohnmächtig geworden bin. Ich bin umgefallen, weil wir so wenig zu essen hatten. Die Araber dachten, ich sei auch tot. Zwei Tage später bin ich im Krankenhaus aufgewacht. Und alles war gut."
Eden ging nach Paris und landete schließlich in Berlin. Israel war ihm zu klein. Das Land aufbauen, für das man gekämpft hat? "Ich wollte nichts aufbauen, außer mich selbst", sagt Eden. Nach Berlin gefahren sei er nur, weil es für Verfolgte des Naziregimes bei ihrer Rückkehr 6000 Mark gab. "Das war eine Menge Geld." Und weil die Berliner "Damen" so "süß" gewesen seien, blieb er gleich dort. Eden eröffnete den ersten Jazz-Club, auf dessen Erfolg er sein Nachtclubimperium aufbaute, das ihn über Jahre zum "König des Kudamm" machte, der Stars von Jane Mansfield bis zu den Rolling Stones in die Stadt holte. Von dem Ruf zehrt er bis heute, was ihn zuletzt mal wieder zu einem der "peinlichsten" Berliner werden ließ, der sich mit Frauen-, Kinder- und noch mehr Frauengeschichten an jedes Klatschblatt zu verkaufen scheint, das seine Nummer kennt. Und die ist nicht schwer zu finden.
Letzter Versuch, eine tiefere Bedeutung zu finden: Herr Eden, fiel es Ihnen nicht schwer, in das Land der Shoah zurückzukehren? "Was interessiert mich, was zwölf Jahre vorher war? Was habe ich damit zu tun? Was war, war!" Rolf Eden fährt nicht rückwärts. Wut? Kenne er nicht, genauso wenig Angst. Verdrängung sei "eine sehr gute Gabe". Ob er nicht einmal den Tod fürchte? "Ich denke darüber überhaupt nicht nach. Morgen kann es vorbei sei, wie bei einer zerknackten Kakerlake: tot, fertig, ciao, arrividerci."
Das Handy meldet sich immer wieder mit einer brachial-banalen Partymelodie. Mal sind es Frauen, die er mit Kosenamen vertröstet, mal Geschäftspartner. Eine abgelegte Blondine mit Tochter kommt vorbei. "Die ist nicht von mir", sagt Eden und freut sich als einziger über seinen Ruf. In diesem Büro stehen einige tote Pflanzen herum. Er habe keine Freunde, hat Eden einmal gesagt. Das sei ihm zu anstrengend. Aber er wisse, wie man sich Leute gewogen mache. "Das ist ein guter Trick."
Wer Rolf Edens Museum seiner selbst schließlich - etwas erschöpft - verlässt, weiß nicht, ob der alte Mann einem leid tun oder ob man ihn bewundern soll. Ihm ist es sowieso völlig gleich.
Rolf Eden Rolf Sigmund Eden wurde 1930 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren. Als er drei Jahre alt war, wanderte die Familie nach Palästina aus und entkam so der Shoah. Eden kämpfte im israelischen Gründungskrieg. Ende der 50er kam er nach Berlin und errichtete ein Nachtclub-Imperium auf dem Kurfürstendamm. Seitdem pflegt Eden sein Image als im Luxus schwimmender Playboy - auch mit 81 Jahren. Peter Dörflers Film "The Big Eden" zeigt erstmals Edens Israel-Zeit. Im kommenden Jahr will Rolf Eden seine Memoiren veröffentlichen, der Titel lautet "Das ganze Leben nur Glück gehabt"