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19. November 2009, 16:13 Uhr

Impfen für die anderen

Er ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands - und Arzt. Im Gespräch mit stern.de verrät Eckart von Hirschhausen, warum er sich gegen die Schweinegrippe impfen lässt und wo in der Krise das Glück liegt.

Zoom
Eckart von Hirschhausen, Schweinegrippe, Liebesbeweise, Arzt

Eckart von Hirschhausen© Nigel Treblin/DDP

Lassen Sie sich gegen die Schweinegrippe impfen, Herr von Hirschhausen?
Ja. Die Grundidee bei allen Infektionskrankheiten ist, dass es sich nicht um ein individuelles, sondern ein Problem von uns allen handelt. Indem ich mich impfe, schütze ich mich selbst. Aber viel wichtiger ist doch, dass ich Leute schütze, die sich nicht schützen können. HIV-Erkrankte, Krebspatienten oder Organtransplantierte zum Beispiel, die gerade ihr Immunsystem unten haben, die dann mit einer an sich nicht schwierigen Infektion plötzlich überfordert sind. Aber auch Kinder, Schwangere. Jeder Gesunde, der geimpft ist, ist einer weniger, der die Erkrankung übertragen kann. Wenn man sich impfen lässt, denkt man nicht nur an sich, sondern solidarisch.

Das ist, ehrlich gesagt, das einzige Argument, das mich bisher überzeugt.
Das ist auch das einzige, das mich überzeugt. Kinderkrankheiten haben auf Grund der Impfungen ihren Schrecken verloren. Das hat dazu geführt, dass gerade naturheilkundlich orientierte Eltern diese Krankheiten nicht mehr ernst nehmen und denken "Mein Kind darf das ruhig alles selbst durchmachen". Aber jedes Jahr sterben Kinder an Masern, jedes Jahr gibt es Hirnhautentzündungen durch solche Virenerkrankungen, Fehlbildungen durch Röteln in der Schwangerschaft, Unfruchtbarkeit etc. – alles komplett unnötig. Es gibt genug Viren, gegen die man nicht impfen kann, an denen wir alle Erfahrungen von Gesundheit und Krankheit machen können. Wenn wir impfen können, sollten wir das auch tun. Das ist einer der größten Durchbrüche in der Geschichte der Medizin. Und das geht in der aktuellen Diskussion gerade ein bisschen verloren.

Sie engagieren sich in Benefiz-Projekten, und sicherlich bekommen Sie jeden Tag neue Anfragen zu solchen. Warum haben Sie die Aids-Gala unterstützt?
Ich unterstütze gerne Projekte, die mit meinem Ur-Anliegen zu tun haben: Nämlich dass Medizin kein Herrschaftswissen ist. Alles, was man über sich, seinen Körper und seine Seele wissen kann, soll allgemeinverständlich und zugänglich sein. Die Geschichte um die Aids-Gala herum ist auch eine Erfolgsgeschichte: Von relativ früh an haben sich Künstler dafür stark gemacht, der Tabuisierung dieser Infektionskrankheit entgegen zu treten. In Zeiten der Schweinegrippe ist das eine sehr aktuelle Geschichte. Wir denken schnell, dass die Medizin uns vor allem schützen und gegen Infektionskrankheiten tatsächlich etwas ausrichten könnte. Natürlich wird intensiv geforscht, aber das Beste ist immer noch die Vorbeugung. Das halte ich auch gerne mit komödiantischen Mitteln im allgemeinen Bewusstsein.

Sie zitieren Oscar Wildes Aphorismus: "Das Leben ist zu wichtig, um es zu ernst zu nehmen": Wie soll man eine Krankheit wie Aids, an deren Ende der Tod steht, nicht ernst nehmen?
An unser aller Lebensende steht der Tod. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Wenn die Zeit sehr kurz ist, ist das nicht witzig.
Nein, aber an der Bilanz ändert sich nichts, und das ist auch die eigentliche Quelle von Komik. Diese Grundabsurdität des menschlichen Daseins: Wir kommen aus Staub, wir werden zu Staub. Deshalb meinen die meisten Menschen, es müsse im Leben darum gehen, viel Staub aufzuwirbeln. Gesundheitsaufklärung hat ein großes Dilemma: Sie appelliert an die Vernunft, aber den größten Kick haben wir, wenn wir unvernünftig sind. Wenn ich mich gezielt in Gefahr bringe, was ja tatsächlich auch passiert, hat das damit zu tun, das natürlich im Bereich des Sexuellen unser Verstand am allerwenigsten funktioniert. Das weiß jeder Leser von allein. Aber das ist die wichtige Botschaft bei HIV: Man kann eine Infektion nicht wieder rückgängig machen. Deshalb muss man versuchen - so schwer das ist - einen Rest von Verstand zu behalten, selbst wenn das Blut gerade außerhalb des Hirnes gebraucht wird.

Ist Eckart von Hirschhausen eigentlich ein glücklicher Mensch?
Ja. Es geht mir grundsätzlich sehr gut, und es ging mir auch schon vor meinem Bucherfolg sehr gut. Und hoffentlich auch noch ein paar Jahre danach...

Sie sind also kein trauriger Clown?
Den Clown mit der Träne im Auge überlasse ich den Porzellanpuppenherstellern. Das ist ein Klischee wie das, dass Deutsche grundsätzlich keinen Humor haben oder dass alle Engländer welchen hätten. Ich werde oft gefragt, wie man vom Arzt zum Komiker wird: Die Grundfähigkeit ist sehr ähnlich. Die besteht maßgeblich darin zu beobachten.

Und in Empathie...
Und Empathie, sich reinfühlen, sich vorstellen können, wie man die Perspektive wechselt. Man muss im Kopf umdrehen können auf andere, vom Patienten aus denken. Das lernt man als Arzt zum Beispiel, wenn man rechts und links verwechselt (lacht) Beobachten, Empathie und das dann auch wieder allgemeinverständlich zusammenzufassen. Das mache ich auch als Komiker. So gesehen sind Komiker gar nicht die, die im Mittelpunkt stehen, sondern eher die am Rande, die sich das Ganze belustigt, augenzwinkernd angucken.

Eckart von Hirschhausen Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Jahrgang 1967, ist seit mehr als 15 Jahren als Kabarettist, Autor und Moderator in Deutschland präsent. Sein Bühnenprogramm "Glücksbringer" haben mehr als 500.000 Zuschauer live erlebt. Sein Buch "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" war das erfolgreichste Sachbuch 2008. Der Nachfolger "Glück kommt selten allein" steht seit Erscheinen auf Platz eins der Bestsellerliste. 2008 gründete er die Stiftung Humor hilft Heilen und sammelt Spenden, um das therapeutische Lachen in Medizin und Öffentlichkeit zu fördern und Clowns in Krankenhäuser zu bringen.

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KOMMENTARE (10 von 15)
 
schade77 (18.11.2009, 11:42 Uhr)
@bmpost
natürlich ist nicht alles ernst gemeint. Wie in jeder Talkshow auch bekommen die Komiker solche Fragen gestellt, die sie mit Zitaten aus ihren Bühnenprogrammen oder aus ihren Büchern beantworten können.
Extremst ist dieses Phänomen bei Barth zu erkennen. Weil fast jede Antwort hat er 1:1 aus seinem Programm, also ein Hoch auf das vorherige Absprechen in der Redaktion ;-)
bmpost (18.11.2009, 09:52 Uhr)
@arniston
komiker
Er ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands ?

Einer der lustigsten jedenfalls! Beweist er doch gerade mit seinem vor Sarkasmus triefenden Artikel... oder sollte der da alles TATSÄCHLICH ERNST meinen?
Sanjoaquin (18.11.2009, 08:38 Uhr)
Viele Leute sind geimpft,...
nicht real, dafür medial. Dadurch, dass die Medien seit Jahren aus jedem rektalen Lufthauch einen infernalen Feuersturm erzeugen, muss man sich nicht wundern, wenn die Leute irgendwann mal sagen: "Alles nur Panikmache". Und in Sachen Schweinegrippe stand hier vor kurzem genau das Gegenteil von dem, was heute hier steht. Da hiess es, es sollen sich nur die Schwachen, Kleinkinder und Ältere mit schwächlicher Konstitution, impfen lassen. Und was schon zu Zeiten des Kaisers für die Infanteristen bei unklarer Gefechtslage und Gefahr in Verzug galt: Wegducken und Abwarten, ist heute noch genauso aktuell.
AxelR. (18.11.2009, 08:33 Uhr)
noch mehr erschreckend
Ist die Massenhysterie, die durch Medien aller Art, egal bei welchem Thema, immer kräftig angeheizt wird. Individualismus scheint völlig out zu sein. Lasst die Leute doch selbst entscheiden was richtig ist, ohne diese ständigen medialen Manipulationsversuche. Wenn jemand soziales Gewissen zeigen möchte, dann indem er zuhause bleibt wenn er krank ist. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, Herr von Hirschhausen.
EifelViva (17.11.2009, 23:29 Uhr)
Wirklich erschreckend
an dieser Impfdebatte ist gar nicht die Frage, ob diese Impferei mehr schadet als nutzt: es ist das inzwischen fast paranoide Misstrauen gegen Politiker, internationale Organisationen und Fachverbände, das sich darin offenbart.
Das Verhalten der Politik und ihre Verflechtungen mit Wirtschaft und globalen Machtstrategen haben viel dazu beigetragen, dass so viele hinter dem bisherigen Hype um eine für Nicht-Virologen in ihrer (Un-)Gefährlichkeit kaum einschätzbare Krankheit eine finstere Verschwörung vermuten.

Mir macht meine Impfung daher weit weniger Sorge als die Zukunft einer Gesellschaft, die immer irrationaler reagiert, weil sie keiner Institution mehr glauben kann.
bob-der-meister (17.11.2009, 20:08 Uhr)
locker bleiben, Leute!
Niemand will irgendjemanden zwingen, sich impfen zu lassen! Ihr braucht euch auch keine Schuldgefühle haben, wenn ihr es nicht tut.
Aber lasst doch bitte Andersdenkende bei ihrer Meinung und vermutet nicht hinter allem gleich die große Verschwörung.
ullameyko.hawaii (17.11.2009, 19:54 Uhr)
impfen NEIN!
Ich lasse mich auf keinen Fall impfen. Da wurde vorher schon in den Medien getrommelt, dass sich der Verdacht aufgedrängt hat, sie würden dafür bezahlt. Die Regierung hat für Unsummen Impfstoff gekauft (im voraus -ein Schelm der böses dabei denkt) und jetzt wird auch Herr Hirschhausen, der sonst wirklich gute Gedanken zum Miteinander und zur Gesundheit unters Volk bringt auch noch vor den Karren gespannt. Zum Glück gibt es genügend kritische Menschen, die sich über Nebenwirkungen Gedanken machen und diese Wahrheiten auch verbreiten.
In den USA ist - entgegen den Berichten in Deutschland - keine Panik ausgebrochen...
Die "Ich lass mich impfen" Story fällt für mich in die Rubrik der "Mutti Merkel ist die Beste" Stories und ist genau derselbe Quatsch, mit dem wir täglich verdummt werden sollen... Funktioniert bloss nicht....
Honolulu (17.11.2009, 19:19 Uhr)
@wern2302
Geläufiger ist Herdenimmunität. (sichtbar beim googlen) Diese tritt je nach Krankheit bei 75-94 % geimpften Personen ein - glaubt irgendjemand, dass sich so viele impfen lassen werden, dass dieser Effekt eintreten wird? Ich nicht. Also lasse ich mich auch nicht impfen, und schon gar nicht lasse ich mich mit "das musst Du aber für die Allgemeinheit tun, Du Egoist" dazu bewegen. Das kann man mir sagen, wenn ich falsch parke oder zuviel Wasser verbrauche, aber nicht, wenn meine Gesundheit betroffen ist.
Was ist, wenn es in 10 Jahren Folgeschäden durch die Impfung gibt? Wer weiss so etwas schon? Nein danke.
rebegtar (17.11.2009, 18:54 Uhr)
Ich lasse mich nicht impfen...
auch für euch ;-)
bR4iNST0RM (17.11.2009, 18:22 Uhr)
Klasse Interview!
Bis auf die Impfgeschichte: Respekt an den Herrn Hirschhausen! Er hat das soziale Miteinander im Ganzen verstanden, und weiß, was wirklich weiter hilft und kann es dann auch noch erklären! Wirklich klasse!
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