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Dicke Hose in Düsseldorf

Sie lebten in Saus und Braus, aber bezahlt haben andere. Jetzt ist die Firma von Franjo Pooth pleite, und auch die Geschäftsgrundlage von Gattin Verona wankt. Ende eines Illusionstheaters.

Von Gerd Elendt und Jochen Siemens

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Jochen Siemens und Gerd Elendt

Es muss so manche Tage bei Familie Pooth gegeben haben, die anfingen, als wäre das Leben ein Werbespot. Die Sonne ging auf über der Meerbuscher Villa direkt am Rhein, und Verona fragte: "Du, Franjo, was machst du heute?" Und Franjo, die Haargel-Tube noch in der Hand, antwortete: "Ich muss in die Stadt, ein, zwei Millionen holen."

Und so geht der Werbespot weiter, ein weißer Hummer-Geländewagen rauscht in die City von Düsseldorf, Verona steigt an der Steinstraße aus, um sich die Haare bei "Heavensgate", einem kleinen In-Friseur, machen zu lassen, Franjo parkt den Wagen in der Tiefgarage der Stadtsparkasse Düsseldorf an der Berliner Allee. Dann, wie in der Werbung, großes "Hallo" in der Vorstandsetage, Schulterklopfen, lautes "Hahaha", kurz verhaken sich die pfundschweren Armbanduhren, mal Rolex, mal Panerai. Ein paar Worte, ein paar Zahlen, Franjo unterschreibt, die nächsten Millionen auf Pump fließen, wieder lautes Gelächter und ein "Wollen wir noch …?"

Ja, man wollte, also spazierte man ins "Victorian" um die Ecke, oder man fuhr ins "Saitta Vini". Als jetzt die Innenrevision der Sparkasse die Spesen des Vorstands prüfte, staunte man über zahlreich ausgeschenkte Ramazzotti und einige Flaschen Wein. "Wir waren vor allem überrascht, wie viel manche Menschen offenbar vertragen können", berichtet Joachim Erwin, Düsseldorfs Oberbürgermeister und als solcher oberster Dienstherr der Stadtsparkasse.

Man muss das alles so erzählen, um zu verstehen, warum Verona Pooth in der vergangenen Woche die Welt immer noch als einen Werbespot sah, auch wenn die Firma ihres Mannes mit 14 Millionen Euro in die Pleite gestürzt war. "Harte Zeiten" mache Franjo durch, sagte sie in der "Kerner"-TV-Show, aber Insolvenzen passierten auch 40.000 anderen Deutschen, und das werde sich bald alles klären. Sie liebe ihren Mann, und schließlich seien sie keine Kriminellen. Im Studio von Johannes B. Kerner applaudierten die Zuschauer, manche leicht angeweicht vom süßen Sekt im Foyer. "So kämpft eine liebende Frau für ihren Mann", seufzte die "Bild"-Zeitung.

Immense Diskrepanz

Der Vorstand der Düsseldorfer Stadtsparkasse und die Staatsanwaltschaft der Stadt sehen das alles nicht so zuckrig. Die immense Diskrepanz zwischen den sich auftürmenden Vorwürfen, dem Verdacht der Bestechung und der langen Liste der Gläubiger einerseits und dem "Alles nicht so schlimm"-Geflöte der deutschen "Werbe-Ikone" sagt viel aus über das Geldverständnis in der Kunstwelt dieser Prominenz: Es gibt keines.

Ach, sie mache sich Sorgen um ihren Franjo, tränte Verona vergangene Woche, er rauche eine Zigarette nach der anderen und könne nicht mehr schlafen. Sorgen? Sorgen machte sich Sebastian Korinth, Geschäftsführer der Elektronik-Vertriebsfirma "Lexxum", das ganze vergangene Jahr, "das war für uns schon eine große Krise. Nur durch privates finanzielles Engagement und Freisetzen von Mitarbeitern konnten wir den Schaden auffangen". Geschätzte 300.000 Euro schuldet ihm die Pooth-Firma "Maxfield", "es gab keine E-Mail und keinen Anruf, lediglich patzige Briefe von Pooths Anwalt". Über 80.000 Euro klagte Korinth beim Amtsgericht Hannover ein, bislang ohne Erfolg, "Herr Pooth scheint einen Prominentenbonus zu haben, er verschob jede vom Gericht festgesetzte Frist, immer mit Terminen oder Krankheit entschuldigt. Einem namenlosen Unternehmer würde das kein Richter durchgehen lassen".

Korinth stöhnt vor allem über die Spätfolgen seiner "Maxfield"-Partnerschaft: "Durch Pooths Äußerungen scheint nun das ganze Geschäftsmodell als nicht tragfähig. Das macht es uns Importeuren nicht leichter, Banken zu überzeugen."

Leichtes Geschäft, wenn man Bescheid weiß

Dieses ganze Geschäft ist leicht und schwer zugleich. Leicht, wenn man in der Unterhaltungselektronik Bescheid weiß und vor Jahren erkannt hat, dass Apple mit dem MP3-Player "iPod" einen ganzen Markt revolutioniert, dass sich aber nicht jeder einen teuren "iPod" leisten kann. Preiswertere Alternativen standen seitdem vor allem bei Teenagern hoch im Kurs und waren aus Asien leicht zu importieren. Schwer ist so ein Geschäft, wenn man sich nicht darauf versteht.

Franjo Pooth, der 38-jährige Sohn des renommierten Ingenieurs und Architekten Franz-Josef Pooth, verstand sich nicht darauf. Aber er wollte endlich auch mal wer sein. Über den Beruf Sohn und Ehemann von Verona, einst Feldbusch, war das halb Siegfried-, halb Milchgesicht nie hinausgekommen. Ein Architekturstudium in London brach er ab, als er Verona kennenlernte, seitdem trieb er in ihrem Fahrwasser, in dem die Dinge des Lebens von anderen bezahlt wurden. "Dem ist immer Zucker in den Arsch geblasen worden", sagt einer, der Franjo gut kennt.

Die Posse spielt in Düsseldorf, manche sagen "Dicke-Hose-Dorf ", hier gilt, was Stadtsohn Heinrich Heine so formulierte: "Ich merke: Hat der Mensch kein Geld, so ist der Mensch schon halb gestorben."

Die Kunst lag im Kaufmännischen

Die Idee, die Franjo Pooth 2002 hatte, war erst mal nicht so dumm: MP3-Spieler preiswert aus China importieren, sie in ein schickes Gehäuse packen und rein in die Media- und Saturn-Märkte. Technisch, so Branchenkenner, war an den "Maxfield"- Geräten wenig zu meckern. "Der Sound ist gut, die Handhabung etwas gewöhnungsbedürftig", urteilte der Internet-Tester "xonio.com" über den Max IVY-Player. Doch die Kunst des Geschäfts lag nicht im Technischen, sondern im Kaufmännischen. "Man muss eben bescheiden sein und langjährige Branchenerfahrungen haben", beschreibt Sebastian Korinth sein kommerzielles Grundgesetz. Bescheiden? In Düsseldorf? Hier hat man Geld wie Lärm.

Einer, der den Lärm über Jahre verwaltete, war Heinz-Martin Humme, 55, Vorsitzender der Düsseldorfer Sparkasse und richtig dicke Hose, könnte man sagen. Als Humme, Ex-Commerzbank-Manager und verheiratet, auf Wunsch des Oberbürgermeisters Joachim Erwin 2003 zur Sparkasse kam, bändelte er mit der Sparkassenmitarbeiterin Anna-Julia L. an, die sich wenig später schwanger meldete.

Der Lebemann Humme war außerdem beinahe Meerbuscher Nachbar der Pooths. Der Pooths! Man muss wissen, dass Verona Pooth in Düsseldorf eine Frau ist, vor der sich die Menschenmengen auf der Kö teilen, sie ist hier eine 1-a-Prominente, sie ist der Hauch von Hollywood in dieser an Prominenten armen Stadt, von den Ohovens redet ja keiner mehr. Verona zu kennen ist wie eine Breitling rechts und eine Rolex links zu tragen. Und Humme kannte sie.

Man traf sich privat, der Franjo hatte diese eschäftsidee und schon einen Start-up-Kredit über 2,5 Millionen Euro. Die Dicken Hosen Humme und Pooth konnten sich gar nicht genug an der Idee berauschen, es denen von Apple mal richtig zu zeigen. Der erste Kredit wurde bald aufgestockt, wie das leicht so ist, wenn der eine Geld verleiht, das ihm nicht gehört, und der andere Geld ausgibt, das nicht sein eigenes ist. So waren sie es gewohnt.

Noch sind die Details der Poothschen Misswirtschaft nicht bekannt, aber als die Firma im Januar Insolvenz meldete, standen 27 Mitarbeiter auf der Straße. Allein 9,2 Millionen der 14 Millionen Euro Gesamtverbindlichkeiten waren von der Sparkasse geflossen. Humme und Bankenvorstand Karl-Heinz Stiegemann hatten sie in mehreren Raten genehmigt, und so mancher in der Bank hatte dabei schon früh Bauchschmerzen. Denn als Hauptsicherheit konnte Pooth nur ein Warenlager voller MP3-Spieler und Handys vorweisen - nach Branchennachrichten höchstens zwei Millionen Euro wert. Die anderen Sicherheiten waren eher Aussichten: "Der Humme hat zu tief in Veronas Dekolleté gestarrt", spottet man in Düsseldorf.

Verschleppte Insolvenz?

Als dann das Weihnachtsgeschäft 2006 für "Maxfield" nahezu floppte, versuchten in der Bank einige zu bremsen. Im Frühjahr stellte Franjo eine neue Kreditanfrage, doch man war nur noch bereit, 500.000 Euro nachzulegen. Wie dann aus der halben Million in wenigen Tagen doch 1,5 Millionen wurden, beschäftigt heute die Staatsanwaltschaft, die eine verschleppte Insolvenz zu schnuppern glaubt. Pooths Anwalt Christian Richter geht davon aus, dass dieses Verfahren "alsbald" erledigt ist, weil "Herr Pooth sich für die Fragen einer Insolvenzantragspflicht auf Auskünfte und Ratschläge der ihm in diesen Fragen weit überlegenen Vorstände und Mitarbeiter der Stadtsparkasse" verlassen habe.

Wo die 1,5 Millionen verbrannt wurden, konnte jeder auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin sehen, wo "Maxfield" mit einem hallengroßen Stand, brüllend lauter Musik und Stretchlimousinen die Kundschaft entsetzte. "Lieber Mr. Jobs, das hätten Sie gemacht, wenn Sie Eier gehabt hätten!", verkündeten Plakate. Ei-Pooth - wollte die Geschichte der Unterhaltungselektronik etwa umgeschrieben werden?

Ob Franjo Pooth die üppigen Kredite auch noch mit Gefälligkeiten wie Flachbildschirmen, Einladungen zur Pooth-Hochzeit in Wien oder teuren Mietwagen schmierte, das zu klären ist Sache der Staatsanwaltschaft. Sie prüft eine Ermittlung wegen Korruption.

Dass zumindest einiges droht, konnte man vorige Woche zwischen den Sätzen Veronas heraushören, die gebetsmühlenartig betonte, sie habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Gar nichts?

Verona ist mit keinem Cent beteiligt

Noch 2005 hatte sie auf einem Empfang gesagt: "Ich danke meinem Freund Martin. Er und Karl-Heinz Stiegemann von der Sparkasse sind meine neuen Lebensgefährten. Seit ich in Düsseldorf lebe, hecken sie immer neue Termine für mich aus." Auf dem Papier ist Verona mit keinem Cent an "Maxfield" beteiligt. "Warum auch? Sie versteht von der Sache nichts", sagt ihr Manager Alain Midzic.

Bemüht cool versuchen er und seine Klientin die Marke "Verona" unbefleckt zu halten. Das Risiko in der hochsensiblen Image-Industrie ist groß, in den Strudel einer dilettantischen Pleiteaffäre zu geraten. Keine Gefahr, sagt Midzic, erst vor ein paar Wochen habe der Marmeladenkonzern Schwartau einen Werbevertrag mit Verona gemacht. Und die Hauptrolle in einem Film stehe auch in Aussicht, sagt Verona. Na ja, Schwartau wollte schon recht genau wissen, dass sie mit "Maxfield" nichts zu tun habe, und der Film wird von Alain Midzic produziert, wenn überhaupt. Also wieder mal viel Dampf bei den Pooths.

Fragt man beim Karstadt-Konzern nach, weshalb man nach gut einem Jahr die Dessous- Linie "Verona's Dreams" aus den Regalen genommen habe, kommt ein knappes "wir haben uns im Einvernehmen getrennt und planen keine weitere Zusammenarbeit". Fragt man Silberschmuck-Hersteller Frank Heringer, wie die Zusammenarbeit mit Verona war, kommt ein knappes "musste Insolvenz anmelden".

Der Verona- Schmuck verkaufte sich schlecht, die Namensgeberin bestand aber auf ihren Lizenzzahlungen, sodass die Firma "bhl" schließen musste. Und so geht das weiter. Meldungen, dass der Sender Pro Sieben mit Verona und Franjo eine Doku-Soap über den Bau ihres neuen Hauses in Düsseldorf plane, werden vom Sender mit "es gibt keine konkreten Pläne für eine Zusammenarbeit" kommentiert. Die Internetseite "Verona's Dreams" zeigt sich seit Wochen als Baustelle.

Überhaupt Baustelle. Noch vor vier Wochen versicherte Verona Pooth, dass sich auf ihrem neuen Grundstück an der Meerbuscher Hildegundis Allee, einer millionenschweren Wohnlage, bald die Bagger und Schaufeln bewegen werden. Das ist nun nicht mehr so sicher, denn seit die Staatsanwaltschaft Düsseldorf bemerkt hat, dass Franjo Pooth seinen Grundstücksanteil an seine Frau verkauft hat, ist der teure Flecken interessant. "Sollte die Übereignung von Verona Pooth nicht wertgerecht bezahlt worden sein, könnten Gläubiger verlangen, dass die Differenz zum wahren Preis ausgeglichen wird", schreibt die "Rheinische Post". Dann müsste Verona zahlen. Franjo Pooths Anwalt Christian Richter versichert: "Ein entsprechender Wertausgleich ist erfolgt."

System Pooth hat schwersten Schaden genommen

Wie auch immer die "Maxfield"-Pleite strafrechtlich ausgehen wird, in der Prominentenindustrie hat das System Pooth schwersten Schaden genommen. Diese Pleite ist nicht eine von "40.000", wie Verona es zu sehen versucht, diese Pleite ist der Crash des Selbstverständnisses, dass immer andere alles bezahlen. Sponsoren, Medien, Prominenz-besoffene Banker, die nun vor den Trümmern ihrer Karriere stehen. Nicht gezählt die Lieferanten, Angestellten und Partnerfirmen, die sich nur schwer oder gar nicht von der Dickhose Franjo Pooth erholen.

Fragt man Manager Alain Midzic, ob es sein könne, dass Franjo auch Kosten der Pooth-Hochzeit in Wien über "Maxfield" abgerechnet habe, sagt der erst mal Nein. Aber dann: Die Hochzeit sei doch ein "Event" gewesen, eine Geschäftsveranstaltung also. Das ganze Leben ein Event. Damit ist jetzt wohl Schluss.

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