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Pornostars zum Anfassen

Auf der riesigen Sexschau in Berlin werden mehr oder weniger hübsche Frauen von eher weniger hübschen Männern gefilmt und fotografiert. Das ist schon seit zwölf Jahren so. Warum, wissen die Fans manchmal selbst nicht so genau. Das Geld, sagen die Darsteller.

Von Johannes Gernert

Rod Sted mag eigentlich lieber kleine Brüste. "Um ganz ehrlich zu sein", sagt er. "Aber die", er zeigt auf die beiden Ballons, die unter dem Kinn seiner Freundin schweben, "die bringen uns Geld." Rod Sted lacht. Seine Freundin posiert. Auf dem Gang in einer Halle der Sexmesse Venus haben sich einige Männer versammelt, um sie zu fotografieren und zu filmen. Kilometerlange Auslegware, grelles Kunstlicht. Brooke Jameson, so heißt Steds Freundin, nimmt ihre Brüste in die Hand und schaut wie so schauen bei solchen Gelegenheiten. Kinn nach unten, ganz leichter Schmollmund. 5000 englische Pfund hat die jüngste Operation gekostet. Es ist die dritte gewesen. Jameson hat sich langsam gesteigert. Sie ist jetzt 24. Vor vier Jahren hat sie mit dem Vergrößern angefangen.

Die Investition wirft ordentlich Dividende ab. Ungefähr 300.000 Pfund verdienen die beiden im Jahr. Sie vor allem, sagt er. Ihre Brüste, die solariumbraun sind und nur noch ein bisschen vernarbt. Sted hat Sportwissenschaften studiert, Jameson ist Programmiererin gewesen. Sie kommen aus London. Dort haben sie sich in irgendwelchen Swinger-Clubs kennen gelernt. Sex sei ihr Hobby gewesen, schon immer, sagt Rod Sted, der schwarz ist, ein enges T-Shirt mit goldener Schnörkel-Schrift trägt und in Pornofilmen so heißt, weil sein Penis ziemlich lang ist.

Erst Sex, dann richtiger Sex

Jetzt haben sie beide Sex und werden dafür bezahlt. Viel besser als in den alten Jobs. Zuhause haben sie dann nach den Drehs noch mal richtigen Sex, unbezahlt. Beziehungssex. Rein technisch betrachtet dasselbe, aber trotzdem ganz anders, sagt Sted. Er hält die Handtasche seiner Freundin. Sie hat ja die meiste Zeit ihre Brüste in der Hand. Auch als dieser Rocker-Typ mit dem "Busenfreund"-T-Shirt sie fürs Foto in den Arm nimmt. Dann kommt der Mann vom Stand mit den Masken, direkt nebenan, und sagt, dass sie ein bisschen ungünstig stehen und mit diesem Menschenauflauf den Gang verstopfen. Brooke Jameson packt ihre Brüsten wieder ein und rollt genervt mit den Augen.

Es ist auch eine seltsame Beschwerde in einer Halle, in der sich überall mehr oder weniger hübsche Frauen in Gängen und an Stangen räkeln und eher weniger hübsche in Pulks davor stehen und ihre Kameras hochhalten. Dazwischen DVD-Stände, Dildo-Regale, die Mitarbeiterinnen eines Komplettenthaarungsanbieters und die eines Herstellers von glitzerndem Wachs, das sofort nach dem Auftragen attraktiv macht - behauptet die Mitarbeiterin. Bei Beate Uhse TV läuft ein Darsteller im Kreis um eine Stange und singt zu einer Ballermann-Melodie, dass das Leben ein Pornofilm ist. So ist die Venus. Sex eben, sagt Karl Bürger, der an einem der weniger erotischen Stände lehnt. Es sei seit 12 Jahren, seit die Messe zum ersten Mal stattfand, immer dasselbe.

Nur die Kameras waren früher größer

Bürger ist so etwas wie ein neutraler Beobachter. Ein Geschäftsmann im grauen Anzug, mit goldener Krawatte. Er verkauft Wein, von Anfang an. Das sei schließlich "eines der schönsten Vorspiele vor dem Vorspiel." Sicher, sagt Bürger, vielleicht seien die Kameras in den Männer-Pulks etwas kleiner geworden im Laufe der Jahre. Vor 12 Jahren, erinnert er sich, standen manche außerdem noch etwas abseits und reckten unauffällig den Hals in Richtung Vaginal-Demonstration. Heute halten wirklich alle drauf. Für Pornos schämt sich keiner mehr. "Riesig", schreit Henk einige rote Teppichmeter weiter, "unglaublich riesig." Er meint nicht die Brüste der Frauen, die er gerade am Computerbildschirm vorführt.

"Hier", sagt er, und scrollt durch eine endlose Liste von Namen. Stracy Stone, Penny Flame, Lexxi Tyler. Hinter jedem Namen verbergen sich neue Listen, mit Dingen, die die Namen tun. Auf irgendetwas reiten beispielsweise. Dahinter lagern die Clips. Henk spielt welche an und zeigt dann auf die zugehörigen Darstellerinnen: "Das da drüben auf dem Sofa ist Carol Goldnerova". Andere aus dem digitalen Katalog lehnen an der Bar. Henks Freund hat sie einfliegen lassen und zahlt für alles. Auf seiner Seite Freeones vertreibt er ihre Clips. "Riesig", brüllt Henk. "Das ganze Geschäft." Er ist lang, trägt schlichte Jeans, hat gegelte Haare und arbeitet als Makler an der Amsterdamer Börse. Henk heißt nicht Henk.

Und was machen die Leute in der Krise?

Nur am Wochenende ist er auf solchen Messen unterwegs. Die Unterschiede zwischen der Pornobranche und dem Aktienmarkt hält er nicht für besonders groß. "Es geht nur ums Geld", sagt er. "Nur Geld." Und die Industrie wachse. Immer weiter. So wie Brooke Jamesons Brüste, so wie die Liste mit den Namen auf der Webseite seines Kumpels. Für deren Wachstum ist Henk zuständig. Er sucht auf der Messe nach neuen Namen. Auch wenn die Aktienmärkte zusammenbrechen und manche amerikanischen Firmen deswegen in diesem Jahr nicht zur Venus angereist sind. Gar nicht schlecht so ein Crash, prophezeit Henk. Die Leute werden arbeitslos, sitzen zuhause. Und was machen sie dann? Er zeigt auf den Bildschirm mit den vielen Listen.

"Die sieht aus wie ein Hund"

Caroline Sullivan sieht das ganz ähnlich. Sie wartet unter einem Banner ihrer Firma Hot Movies, ganz hinten in einer Hallenecke. Ein Tisch, ein paar Stühle, Flyer. Sullivan ist aus den USA angereist, um für den Internetauftritt zu werben. Eigentlich wollte auch die Pornodarstellerin Jenna Haze zu einer Autogrammstunde kommen. "Sie sollte längst hier sein", sagt Sullivan. Dann schaut sie auf eines der großen Venus-Plakate, auf denen in diesem Jahr Tatjana Gsell liegt, die Schönheitschirurgen-Witwe. "Wuff, wuff2, macht Sullivan. "Wie ein Hund", sagt sie, "die sieht aus wie ein Hund."

Keine Himbeertorten bei Youtube

Sullivan ist 39, schmal, hat ein kleines Tattoo auf dem Arm und dreht selbst keine Filme. Sie spricht Texte für Telefonwarteschleifen, mit denen die Kunden von Sex-Hotlines hingehalten werden. "Drücken Sie jetzt diesen Knopf", solche Sachen. Der Pornobetrieb ist ihr ein bisschen fremd. Die Nummer mit den Geburtstagstorten beispielsweise. Die Leute haben immer speziellere Wünsche, die ihnen die Internetanbieter erfüllen sollen. Es gibt welche, die stehen darauf, wenn Frauen sich in Geburtstagstorten hinein setzen. Sponking, nennt man sowas, sagt Sullivan und schüttelt den Kopf: "Die wollen das dann erst mit einer Erdbeertorte, dann Himbeer, dann Pfirsich und immer so weiter." Das ist der Grund, denkt sie, warum immer noch Leute auf die Bezahlseiten kommen, obwohl die Clips auf vielen Online-Plattformen gratis sind: Bei Youporn kann man keine Himbeertorte bestellen. Gegen Geld gibt es Filme, in denen beschmieren sich die Darstellerinnen mit Baked Beans. Sullivan versteht die Sucht der Männer nicht.

Schwer nachvollziehbar für sie auch, dass die Mitdreißiger Oliver und Stefan den ganzen Tag mit ihren Spiegelreflex-Kameras über die Messe streifen. Jetzt wollen sie wissen, wann Jenna Haze kommt. Oliver hat im Rucksack eine Mappe mit DIN-A-4-Abzügen seiner Bilder. Er lässt viele sofort entwickeln, dann kann er sie am nächsten Tag von den Darstellern unterschreiben lassen. "Der Mensch ist Jäger und Sammler", sagt Stefan, dessen Gesichtshaut sehr rot und uneben ist. Die beiden machen das seit einigen Jahren und freuen sich über jeden kleinen Small-Talk mit den US-Stars. Wie geht’s? - Gut! - Super! - Heute schon wieder hier? - Genau! - Und wie ist es so? - Toll! "Es sind ja keine Maschinen", sagt Stefan. Sie fotografieren nicht "gynäkologisch", erzählen sie, wie viele andere. "Der Kopf sollte schon noch mit drauf", sagt Oliver.

Als die 26 Jahre alte Darstellerin namens Jenna Haze während ihres ersten Europabesuchs dann doch noch den Hot-Movies-Stand findet, fällt sie kaum auf. Sie trägt eine Brille mit Plastikrand, einen grau-schwarzen Rock und einen Blazer. Sehr dünn, sehr schülerinnenhaft. Und sehr angezogen - so macht man das in Amerika. Sie setzt sich vor einen Stapel Autogrammflyer und zunächst mal merkt niemand, dass Jenna Haze da ist. Die Frauen gegenüber sind einfach nackter. Nach und nach kommen Leute, auch Oliver und Stefan. Die Männer schreiben ihre Namen auf einen Zettel und Jenna Haze überträgt sie von dort auf ihr Bild. So ist es am effizientesten. Zwischendurch wird sie umarmt. Ähnlich wie bei der Signierstunde eines Bestseller-Autoren.

Nur dass die Fans des Bestseller-Autoren meist dessen Namen kennen und oft auch ein paar Bücher. Der Name ist hier nicht entscheidend. Mit dem Werk sind auch viele nicht unbedingt vertraut. Es ist wichtig, dass ein Sexstar auf dem Foto ist. Welcher scheint relativ egal. "Man kann sie anfassen", sagt ein Sonnenbankbrauner aus Berlin-Neukölln. Das sei die Hauptsache. Deshalb komme er her. Dann drängelt er sich in Richtung Jenna Haze. Sein Freund hält schon mal das Foto-Handy hoch.

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