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31. August 2006, 11:03 Uhr

Eva Herman verarbeitet ihr Leben

Ihre Thesen spalten die Nation in Erzürnte und Entzückte. In ihrem neuen Buch fordert die Moderatorin: Frauen sollten ihre Karriere knicken, ihre Männer ehren und die Kinderschar vermehren. Gelebt hat sie anders. Von Alexander Kühn

Rituale aus mittlerweile vergangenen Zeiten: Eva Herman vorige Woche bei der Vorbereitung für die 20-Uhr-"Tagesschau". Ein bisschen Spray ins Haar, ein paar Atemhol- und Betonungszeichen in die Meldungen, ein kecker Blick über den Computer hinweg in© Jörg Fokuhl

Für kleine Musliminnen, das stand neulich irgendwo in der Zeitung, gibt es so Puppen, die sehen aus wie Barbies, nur dunkelhaarig, mit Kopftuch und zugeknöpftem Blümchenkleid. Auf dass sie den Mädchen Sittsamkeit vermitteln mögen. Für den deutschen Markt, und darauf ist erstaunlicherweise noch niemand gekommen, ließe sich mit wenig Mühe ein Eva-Herman-Püppchen entwerfen. Blond und adrett wie das Original, man müsste ihm lediglich eine Schürze umbinden, einen Kochlöffel in die Hand und ein Baby in den Arm drücken. Um den Mädels spielerisch ihre Bestimmung aufzuzeigen: Hausfrau zu sein und Mutter.

Im Mai hatte die Zeitschrift "Cicero" eine Streitschrift von Frau Herman gedruckt: "Die Emanzipation - ein Irrtum?"; Alice Schwarzer war sehr aufgebracht, sprach von "Mutterkreuz" und "Steinzeitkeule". Der Text war nur der Blasensprung, nun erfolgt die Geburt: Nächsten Mittwoch kommt Eva Hermans Buch in die Läden, "Das Eva-Prinzip", benannt nach dem Prototypen aller Frauen. Die Schriftstellerin Karen Duve sagte dazu in der "Zeit", die Thesen seien zum "Knochenkotzen". Und "Frau im Spiegel" fand heraus: Drei Viertel der Deutschen halten dieses Frauenbild für überholt.

In dem Buch steht ungefähr dies: Männer sind stärker als Frauen. Und stärker behaart. Männer können gut Stadtpläne lesen und Getränkekisten schleppen (der Autor dieser Zeilen verneint für sich beides entschieden), Frauen verbringen endlos Zeit in Schuhgeschäften und führen Handtaschen mit sich (Autor stimmt zu). Conclusio: Frauen sind keine Männer und sollten sich auch nicht so benehmen. Sondern Röcke tragen. Vor allem aber sollen sie: zu Hause bleiben und Kinder bekommen. Sonst sterben die Deutschen aus.

So weit die Theorie. Jetzt die Praxis: Eva Herman, geboren 1958 als Eva Feldker, aufgewachsen in Emden und im Harz. Tochter eines Hotelier-Ehepaars. Mädchentraumberuf: Journalistin. Ausbildung zur Hotelkauffrau - Anordnung der Mutter. "Ich fügte mich. Und beschloss, Karriere zu machen", sagt Frau Herman heute, ihre Augenbrauen lüpfen sich, sagen: sorry, war dumm. "Wenn schon Gastronomie -Êdann wollte ich mindestens Hoteldirektorin werden." Maritim Braunlage. Maritim Timmendorf. Kellnern in München. Da meldete sich wieder der eigene Wille. Vorsprechen beim Bayerischen Rundfunk. Ausbildung zur Journalistin und Sprecherin. Moderationen für Radio und Fernsehen.

1989 der Olymp: die "Tagesschau". Seit 1997 die Zwei-Frauen-Talkshow "Herman und Tietjen", eine CD haben die beiden Damen auch besungen. Seit Dezember 2000 das Quiz "Wer hat's gesehen?" Mode für den Otto-Versand hat Eva Herman entworfen. Romane geschrieben. Bücher übers Stillen, über schlafgestörte Kinder und über Fernsehfrauen. Ihr derzeitiger Ehemann ist Nummer vier, einen Sohn hat sie, der ist acht und von Nummer drei.

Eigentlich könnte man eine ganze Kollektion von Eva-Herman-Püppchen erschaffen. Das Modell "Karrierefrau": mit tomatenrotem Blazer, Stöckelschuhen, Mini-Lippenstiftchen. Das batteriebetriebene Modell "Barbarella", das mit einer Knarre durch den Blätterwald marschiert und, ratta-tatta-tatta-tam, seine Thesen auf berufstätige Frauen ballert. Und das Modell "Evchen".

Das echte Evchen wuchs auf mit einem Bruder und einer Schwester. Die Mutter betrieb ein Ausflugslokal, Akkordeon wurde gespielt, Hirschgeweihe schmückten die Wand, hin und wieder zog sie dem Kind ein selbst genähtes Dirndl an, und es half bedienen. Evchen konnte schön singen und Gedichte aufsagen, bei Vorlesewettbewerben räumte es ab. Die Mutter und die Mutter der Mutter sagten: "Unser Evchen kann alles, macht alles, unser Evchen ist toll." Das kleine Ding badete in Anerkennung, erfüllte bald nur noch, was die andern erwarteten. "Es kann sein", so analysiert Eva Herman das heute, "dass da Lob mit Liebe verwechselt wurde."

Sie war sechs, als der Vater starb. Und Anfang zwanzig, als sie feststellte, wie sehr er ihr fehlte. Evchen war zur Eva geworden und hatte die Bücher der Psychologin Alice Miller entdeckt, "Das Drama des begabten Kindes", "Abbruch der Schweigemauer". Sie besuchte Vaters Frau aus erster Ehe, sprach mit ihr über den Mann, der sie verband und über den zu Hause kaum geredet wurde; die Mutter war ja glücklich mit dem Stiefvater. Bis heute gilt Eva Hermans Sehnsucht der heilen Familie: Vater, Mutter, Kinder. Was sie als Mädchen wie als Frau nur kurz hatte. Ihr Buch über das "Eva-Prinzip" ist ihre Couch, der Leser ihr Therapeut.

Die Oma war Hausfrau aus Leidenschaft, wollte nicht arbeiten gehen, brauchte es auch nicht, das tat ja der Gatte. Überhaupt, so meinte sie, solle man das Geldverdienen den Männern überlassen. Was zu heftigen Fehden mit Evas berufstätiger Mutter führte, zu Debatten wie der aktuellen über Hermans Buch. Als die Enkelin berühmt war, riet die Oma ihr, sich lieber um die Familie zu kümmern. "Dann siehst du mich aber nicht mehr in der ,Tagesschau"", antwortete die. Und die Oma schwieg. War es doch ihr Schönstes, das ganze Seniorenheim vor den Fernseher zu zwingen, wenn ihre Enkeltochter die Nachrichten las.

Die "Tagesschau" wird in Hamburg gemacht, beim NDR, um die Ecke vom Tierpark Hagenbeck. Um zu Kai Gniffke zu kommen, muss man Pförtner eins an der Schranke überwinden, Pförtner zwei am Eingang von Haus 18 und im zweiten Stock noch in eine Überwachungskamera schauen. Gniffke, ein kleiner, hochstirniger Mann, ist der Chef der "Tagesschau"; vor drei Wochen ließ Eva Herman ihn wissen, dass sie mit Vorlesen aufhören wolle. Hätte sie"s nicht getan, dann hätte er es ihr angeboten, aber ganz sicher.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2006

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