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17. September 2006, 10:00 Uhr

Götterdämmerung in Hollywood

Sie sind gefeuert! Der überraschende blaue Brief des Paramount - Studios an Tom Cruise ist das bisher spektakulärste Beispiel für die Krise des Star-Systems in der amerikanischen Filmindustrie.

Gefallene Helden: Weder Mel Gibson, noch Tim Cruise oder Jim Carey sind noch Garanaten für klingelnde Kinokassen© Corrado Giambalvo/AP; Jamie Squire/Getty Images; Vince Bucci/Getty Images

Von hier unten aus gesehen ist da oben die Hölle los. Erst die Sache mit Pluto - eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass verdiente alte Himmelskörper einfach so degradiert werden. Dann der Warnschuss für das Sternchen: Lindsay Lohan, glimmend am amerikanischen Teenie-Firmament und funkelnd vor allem in den Nachtclubs und Diskos von Los Angeles, wurde von einem grantigen Vorgesetzten öffentlich des Herumluderns bezichtigt. Und nun das: Tom Cruise, von unabhängigen Wirtschafts- und Glamour-Gremien zuverlässig zum größten aller Stars gewählt - Tom Cruise wird geschasst und obendrein für plemplem erklärt. Letzteres ahnte man schon länger, Ersteres kam auch für die Fachwelt so hart und überraschend wie ein Blitz aus heiterstem Oben.

Was war geschehen? Ein 83-jähriger Medien-Profi, Harvard-Absolvent und seit vielen Dekaden in der ökonomisch unberechenbarsten Industrie der Welt tätig, hatte die Faxen dicke. Über 14 Jahre hatte Sumner Redstone den Schauspieler Cruise und dessen Geschäftspartnerin Paula Wagner über einen lukrativen Vertrag an sein Filmstudio Paramount gebunden. Rund zehn Millionen Dollar zahlte das Medienunternehmen für die Verwaltung der Cruise-Wagnerschen Kleinfirma, gab ihnen genügend Dollars an die Hand, um Drehbücher und Kinolizenzen einzukaufen. Eine weit verbreitete Symbiose: Jeder Schauspieler, der mehr als nur fremder Leute Text aufsagen möchte, ist Chef so einer Produktionsfirma. Tom Hanks arbeitet über seine "Playtone Films" mit Universal zusammen und stellte mit dem Studio gemeinsam Filme wie "Cast Away" auf die Beine. Sandra Bullock ("Fortis Films") kooperiert mit Warner Brothers, Will Smith ("Overbook Entertainment") mit Sony. Im Schnitt zahlen die Studios 500 000 bis zwei Millionen Dollar für das Recht, als Erste Zugriff auf die Projekte ihrer Schützlinge zu haben. Cruise hatte, neben einer generösen Umsatzbeteiligung, die besten Konditionen herausgeschlagen, die je einem Star gewährt wurden. Doch bei den Neuverhandlungen des Vertrags wollte Paramount jetzt nur noch zwei Millionen bieten; so viel wie zum Beispiel Brad Pitt mit seiner Firma "Plan B" bekommt.

Harrison Ford und Nicole Kidman kassieren zweistellige Millionen-Gagen für Filme© Andrew Gombert/dpa

"So geht's nicht weiter

Es muss wohl einen Tag im Leben von Sumner Redstone gegeben haben, an dem ihn der Blick in die Rechnungsbücher von Paramount in etwa so peinigte wie der in den Fernsehapparat, wo sein Star und Vertragspartner sich gerade in der Diskussion um Medikamente gegen Depressionen zum Affen machte oder zum selben Zweck auf Sofas hüpfte und seine junge Verlobte knutschte. Der Scientology-Missionar Cruise schleuderte sich zielstrebig von einem PR-Debakel ins nächste, seine Sympathiewerte beim Publikum stürzten in den Keller. Sein jüngster Film, "Mission: Impossible III", spielte weltweit zwar 393 Millionen Dollar ein, kostete allerdings in Herstellung und Vermarktung rund 250 Millionen, und der Hauptdarsteller ist über Prozentanteile am Einspielergebnis beteiligt. Paramount erlitt angeblich einen Verlust von bis zu 150 Millionen Dollar. Da zog der alte Mann die Reißleine.

Als der laut "Forbes"-Liste "mächtigste Star der Welt" vor die Studiotür gesetzt wurde, erlitt nicht nur Cruise einen Nackenschlag, sondern das ganze Star-System. Redstone: Schauspieler seien überbezahlt, "die kriegen alles, und die Studios müssen ums Überleben kämpfen". Seine Warnung an Hollywood: "So geht's nicht weiter."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2006

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