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Das Nationalheiligtum verlässt die Grande Nation

Prügeleien, Sauforgien, Urinieren im Flugzeug - all das haben ihm die Franzosen verziehen. Doch dass Gérard Depardieu Frankreich verlässt, geht vielen zu weit. Dabei ist er nicht der Einzige.

Von Claus Lutterbeck

  • Claus Lutterbeck

Er hat mit 14 angefangen zu arbeiten und immer brav seine Steuern bezahlt. Sagt er. Insgesamt 145 Millionen Euro, in 64 Jahren. Sagt er. So richtig glaubt ihm das niemand, denn das wären 8828 Euro pro Tag. Aber jetzt hat Gérard Depardieu die Schnauze voll. Am Sonntag hat der beliebteste Schauspieler Frankreichs mit großem Getöse auch seinen französischen Pass zurückgegeben. Er will nicht nur nach Belgien ziehen, nun will der Beleibte, der Obelix immer ähnlicher sieht, auch noch Belgier werden. Er fühlt sich von Premierminister Jean-Marc Ayrault persönlich beleidigt. Der hatte die Steuerflucht im Fernsehen "jämmerlich" genannt.

Wie Depardieu auf seine Zahlen kommt, ist nicht ganz klar. Er behauptet, er müsse in diesem Jahr 85 Prozent Steuern bezahlen. Tatsache ist: Präsident Hollande will die Steuerschraube im kommenden Jahr anziehen, dann soll der Spitzensatz auf 75 Prozent aller Einkommen steigen, die über einer Million Euro liegen. Obwohl Hollande intern zugegeben hat, dass die Maßnahme wenig bringt, soll sie in Kraft treten. Einziger Grund: Es macht sich derzeit gut, die Reichen zu schröpfen. In der andauernden Krise, in der vor allem von kleinen Leuten und Mittelstand verlangt wird, den Gürtel immer enger zu schnallen, klingt es gerecht, wenn man die Reichen gnadenlos zur Kasse bittet.

Die Reichen fliehen massenhaft

Das mag gut fürs sozialistische Image sein, ist aber schlecht für die Staatskasse. Denn die Reichen fliehen massenhaft vor dem gallischen Fiskus. In dem belgischen Flecken Néchin, einen Kilometer von der Grenze entfernt, hat sich auch einer der reichsten Franzosen niedergelassen, der milliardenschwere Besitzer der Kaufhauskette Auchan. Über ihre Steuermillionen freuen sich nun die französisch-sprachigen Regionen in Belgien und der Schweiz. Die Makler aus Genf und Brüssel melden, ihr Geschäft habe sich 2012 mehr als verdoppelt.

Aber auch England, wo Premierminister David Cameron ihnen den "roten Teppich" ausgelegt hat, oder Marokko sind beliebte Ziele. Belgien und das Vereinigte Königreich erheben keine Vermögenssteuer, in der Schweiz, wo jeder Kanton eigene Steuergesetze hat, ist sie deutlich niedriger als in Frankreich. Auch der Besitzer des Luxuskonzerns LVMH, Bernard Arnault, hat angekündigt, sich in Belgien niederzulassen. Falls er dort Steuern zahlt, dürfen sich die klammen Belgier freuen, Multi-Milliardär Arnault ist einer der reichsten Männer der Welt. Im übrigen ist es nichts Neues, dass sich reiche Franzosen ins Ausland absetzen. In den neunziger Jahren half ein besonders gewiefter Pariser Steueranwalt namens Nicolas Sarkozy seinen Klienten dabei, am Genfer See eine Bleibe zu finden.

Depardieu hat in 170 Filmen mitgespielt, nebenher ist er ein gewiefter Geschäftsmann. Er besitzt zahllose Weinberge an der Loire, in Burgund, Bordeaux, Osteuropa und Lateinamerika. In Paris gehören ihm eine Weinbar, ein feines Restaurant, das Fischgeschäft Moby Dick und ein japanischer Feinkostladen. Insgesamt, sagt er, beschäftigt er 80 Personen. Wie er damit freilich auf die Wahnsinnssume von 145 Millionen Euro Steuern kommt, ist nicht ganz klar. Mit dem Schauspielern, so eine offizielle Liste, hat er nicht schlecht verdient - 2010 waren es zwei Millionen Euro.

Dem enfant terrible sah man viel nach

Nicht schlecht für einen Rumtreiber, der selten in der Schule war und sie mit 15 Jahren endgültig verließ. Der sich als Lagerarbeiter und Drucker durchschlug und mit 16 nach Paris ging, um zu schauspielern. Dem enfant terrible sah man im toleranten Frankreich viel nach. Dass er mal im Flugzeug in den Flur pinkelte, besoffen vom Motorroller fiel oder einfach zuschlug, wenn ihm, dem Wortgewaltigen, die Argumente ausgingen.

Nun ist das Nationalheiligtum beleidigt: "Ich habe doch niemand umgebracht", rechtfertigt er sich, im Übrigen werfe er "keinen Stein auf all diejenigen, die zu viel Cholesterol im Blut" hätten oder die "zuckerkrank" seien oder "zu viel Alkohol" söffen: "Ich bin einer von ihnen." Und seinem Premierminister, der ihn "jämmerlich" nannte, rief er zum Abschied hinterher: "Monsieur, trotz meiner Exzesse, meines Appetits und meiner Lust aufs Leben bin ich ein freier Mensch, und ich bleibe höflich."

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