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Die sexy Spionin ist ein Mythos

Geschmeidig wie eine Katze bewegt sie sich durch den Raum, mit einer verführerischen Bewegung streicht sie an ihren Beinen entlang - und zückt eine Pistole. Sie ist eine Geheimagentin. Gefährlich. Sexy. Und nicht real.

Von Monique Berends

Geheimagentinnen. Entweder sind die Gespielinnen oder Feindinnen von James Bond. Man stellt sie sich vor im hoch geschlitzten schwarzen Rock, mit hochhackigen Lederstiefeln und einer engen Bluse, die den Vorbau kaum bändigen kann. Nettes Bild, aber die Realität sieht ganz anders aus. Wenn Agentinnen überhaupt Ähnlichkeit mit den Charakteren der 007-Filme haben, dann am ehesten mit Eva Green aus dem aktuellen Film "Casino Royale". Als kühle Finanzbeamtin Vesper Lynd schaut sie James Bond genau auf die Finger: korrekt, konsequent und etwas unscheinbar. Wie eine gute Beamtin eben zu sein hat.

Emanzipation an der unsichtbaren Front

Obwohl die Emanzipation auch in den Geheimdiensten Einzug gehalten hat, sind Agentinnen das absolute Gegenteil vom James-Bond-Klischee. Als "fleißige, konsequente und äußerst ehrgeizige Mitarbeiterinnen" bezeichnet Wilhelm Dietl Spioninnen des Bundesnachrichtendienstes (BND). Der ehemalige BND-Mitarbeiter und Autor zollt den weiblichen Agentinnen eine Menge Respekt: "Sie haben sich in einer Männerwelt durchgesetzt und sind jetzt in führenden Positionen."

In seinem Buch "Spy Ladies" nimmt Dietl Geheimagentinnen wie Stella Rimington genauer unter die Lupe. Rimington arbeitete sich im britischen Geheimdienst hoch - bis an die Spitze des MI5. Ihre Erfahrungen in der Welt der Spionage inspirierten sie inzwischen zu einem Roman. Ein weiterer ist in Arbeit. Thriller, versteht sich.

Auch wenn der US-Geheimdienst CIA verkündet, die Hälfte seiner Belegschaft seien Frauen, gibt Dietl zu denken, dass diese Angaben auch Mitarbeiter wie Reinigungskräfte beinhalten. Der tatsächliche Frauenanteil bei Geheimdiensten ist schwer einzuschätzen. Dietl schätzt, dass nur etwa 15 bis 20 Prozent der Agenten Frauen sind und auch davon werde nur ein Bruchteil bei gefährlichen Aktionen eingesetzt.

Nach Meinung des Autor sind Frauen oft die besseren Agenten. "Frauen wirken deeskalierend, das beruhigt die Gegenseite. Während Männer sofort in die Offensive gehen, wollen Frauen erst mal reden." In prekären Situationen kann das schon mal Leben retten. Seit Mitte der 80er Jahre ist das auch in den Geheimdiensten bekannt - seit dieser Zeit werden vermehrt Frauen akquiriert. "Frauen haben einen natürlichen Charme, den Männer nicht haben. Sie können dadurch viel leichter in geschlossene Zirkel eindringen und sich aber nur im absoluten Ausnahmefall mit der Geheimwaffe Sex durchsetzten"

Sag niemals nie

Jedem Geheimdienstmitarbeiter steht es frei, wie er seine Informationen heranschafft. Ob nun mit Geldgeschenken, Pässen oder Asyl - Informanten können auf vielfältige Weise dazu verführt werden, wichtige Nachrichten Preis zu geben. Wenn ein Agent, und das schließt Männer mit ein, um jeden Preis Erfolg haben will und dazu bereit ist, seinen Körper einzusetzen, darf er oder sie das tun. Allerdings wird nicht darüber gesprochen. Sex ist beim BND ein Tabu.

Sex, so Dietl, war vor allem in der ehemaligen Sowjetunion ein beliebtes Mittel der Agentinnen. Aber auch die Stasi bediente sich dieser Methode. Eigens für Großveranstaltungen wie Messen wurden Prostituierte angeworben, um Geschäftsleute und andere hohe Tiere zu bespitzeln. Laut Dietl "wurde den Damen mit echter Freizügigkeit gedankt. Sie bekamen Wohnungen oder Autos schneller als das Normalvolk, wurden beschützt und durften großzügig mit Devisen umgehen. Sie waren die Spioninnen der etwas anderen Art."

James Bond lässt grüßen. Ganz so weit hergeholt sind die verführerischen Gespielinnen von 007 also doch nicht. Dennoch gilt vor allem für den BND, der keinen militärischen Charakter hat, sondern viel mehr als eine sehr schnelle Redaktion exklusiv fürs Kanzleramt gesehen werden kann, dass der Job einer Agentin eher der einer drögen Büromaus gleicht, als der einer Spionin hinter feindlichen Linien.

Schulstunde Spionagetechnik

So wird man beim BND auch nicht im Umgang mit Waffen geschult. Allerdings stehen in der Ausbildung Fächer wie Konspiration und Spionagetechniken und vor allem Sprachen auf dem Stundenplan. Mit Containern sollten die Damen ebenfalls umgehen können. "Container" ist der Fachbegriff für zum Beispiel Handtaschen, die Geheimfächer haben. So können Dokumente verborgen werden, die nicht einmal beim Abtasten erkannt werden können.

Das Beschaffen und der Austausch von Informationen sind nach wie vor die Hauptaufgabe der Geheimdienste. Dabei gehe es zwischen den unterschiedlichen Lagern zu, wie bei kleinen Jungs, die Fußballbildchen austauschten, so Dietl. Für eine gute Information müsse man da schon einiges mehr bieten, als für den langweiligen Ladenhüter, der noch nicht einmal mit zur WM durfte.

Informationen heran zu schaffen und zu verwalten entspricht nicht dem spannenden James-Bond-Klischee. Agentinnen sind "typisch deutsche Beamtinnen" - sie sind korrekt, denken an Verordnungen und Gesetzte und vor allem an ihre Pensionierung, wird Claudia Schmidt, Chefin des Berliner Verfassungsschutzes, in "Spy Ladies" zitiert. 007 ist eben nur ein Märchen, wenn auch ein sehr spannendes.

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