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"Keine Ahnung, warum mich alle so toll finden"

Er ist einfach der schönste Mann der Welt - selbst wenn er schimpft. Ein Gespräch mit George Clooney über Mode, Stilfragen und seine Wut auf Amerika

Herr Clooney, wie schaffen Sie es eigentlich, immer so gut auszusehen?
Ich schere mich gar nicht groß um mein Aussehen, ich habe nicht mal einen persönlichen Stylisten. Das ist doch auch total unmännlich und unsexy, wenn man sich dauernd darum sorgt. Bei Frauen ist das etwas anderes, da spielt Stil eine größere Rolle. Tolle Frauen gehören in tolle Kleider, Audrey Hepburn etwa trug Haute Couture, und das sah großartig aus. Aber ich habe den Vorteil, ein Mann zu sein, ich darf einfach meine weißen T-Shirts und Jeans tragen, grau, glatzköpfig oder faltig werden, und niemand denkt: "O Gott, wie sieht der denn aus."

Viele Ihrer Kollegen denken anders und lassen sich die Haare färben oder die Falten unterspritzen. Der Regisseur Martin Scorsese beschwerte sich sogar kürzlich, dass es wegen Botox kaum mehr Schauspieler in Hollywood mit Mimik gebe.

Ja schon, aber das ist doch Maskerade. Jeder, der unbedingt jünger aussehen will, als er ist, macht einen Fehler. Man kann versuchen, besser auszuschauen und gesund zu leben. Aber ich finde, wenn man schon ein Mann ist, sollte man sich darüber freuen, in Würde altern zu dürfen. Ich benutze auch kein Make-up in Filmen und ziehe keine Klamotten an, die mir nicht stehen.

Aber für Ihre Rollen müssen Sie das doch?

Ich hasse es, wenn mir Stylisten und Kostümbildner Vorschriften machen wollen. Ich bin 42 Jahre alt und möchte wie ein Erwachsener behandelt werden. Bei dem Film "Ocean's Eleven" wurden die wildesten Outfits für mich entworfen: Lederhosen oder Seidenhemden mit Leopardenmuster. An Brad Pitt sieht so was toll aus, der wird jetzt zwar auch schon 40, wirkt jedoch eine Generation jünger. Aber ich mache mich lächerlich in solchen Klamotten. Also habe ich einige von meinen schlichten Anzügen und Hemden mitgebracht, das steht mir wenigstens. Man muss wissen, wann man zu alt ist für bestimmte Dinge. Früher habe ich auch mal einen Ohrring getragen, selbst gestochen. Heute trage ich aus gutem Grund gar keinen Schmuck mehr. Stellen Sie sich doch bitte nur mal vor, wie ältere Herren, etwa Harrison Ford, mit Ohrring aussähen. Entsetzlich!

Würden Sie sich als eitel bezeichnen?

Natürlich. Ich schaue eben, was zu mir passt. Armani zum Beispiel. Die Sachen von Giorgio sind sehr schön und klassisch, und geschenkt bekomme ich sie auch noch. Sehr zum Ärger meiner Kumpel. Neulich zeigte mir ein Freund ein weißes Hemd, das er für 450 Dollar gekauft hatte. So viel würde ich nie ausgeben für ein Hemd. Aber ich habe ja zum Glück Giorgio, der ist mittlerweile auch ein Freund. Er lädt mich zu den Modeschauen und in sein Haus ein. Deshalb fühle ich mich ihm auch ein bisschen verpflichtet.

Schicken Ihnen viele Designer Kleider zu?

Sehr viele. Wenn ich ein Hotelzimmer bei Filmfestspielen betrete, dann türmen sich auf dem Bett schon Mäntel, Schuhe oder Hosen von verschiedensten Designern. Sie können sich nicht vorstellen, was ich für unmögliches Zeug kriege. 90 Prozent davon schicke ich zurück. Für die meisten Leute klingt das sicher paradiesisch, aber ich muss aufpassen, mich nicht überzuvermarkten. Ich bin ja keine Werbetafel. Es ist zwar traumhaft, weil es mir das Einkaufen erspart, aber ...

... gehen Sie denn nie selbst einkaufen?

Doch, ich mache alles selbst, ich gehe zum Supermarkt oder zu GAP. Nur in die Waschstraße fahre ich ungern, weil man da so lange festsitzt. Bei mir muss es schnell gehen, deshalb kaufe ich auch gleich alles doppelt und dreifach, wenn ich schon mal auf Shopping-Tour bin. Los Angeles ist super zum Einkaufen, denn da ist ja praktisch jeder berühmt. Dort steht man in einer Boutique neben Clint Eastwood, und das beeindruckt niemanden.

Sie wollen nicht Aushängeschild einer bestimmten Firma sein. Für eine Kampagne des Motorradkleidung-Herstellers Belstaff arbeiten Sie aber doch als Model?

Stimmt, denn ich bin ein begeisterter Biker. Ich fahre jeden Tag, gestern saß ich acht Stunden auf meiner Harley, um vom Comer See nach Rom zu diesem Treffen zu kommen. Ich habe beim Fahren schon immer Belstaff-Jacken getragen. Irgendwann erwischten mich die Jungs und fragten, ob ich nicht eine Kampagne für sie machen wolle. Mir kam das gelegen, es bringt schließlich Geld, was hilft, wenn man wie ich oft Kinofilme macht, die wenig einspielen. Aber ich möchte jetzt nicht der Motorradjacken-Mann werden, deshalb habe ich mein Engagement für Belstaff an das Wohltätigkeitsprojekt "Running Heart Foundation" gekoppelt. So haben alle was davon.

Die "Running Heart Foundation" ist eine Initiative für erste Hilfe bei Herzattacken. Sanitäter auf speziell ausgerüsteten Motorrädern sollen den Opfern helfen. Wieso engagieren Sie sich gerade dafür?

Es sterben mehr Leute an Herzproblemen als an Aids oder Krebs. Mit diesen Rettungs-Bikes ist die Überlebenschance größer. Außerdem passe ich gut ins Konzept, ich bin schließlich als Arzt berühmt geworden und fahre selbst Motorrad. Wer je in Italien war, weiß auch, wie chaotisch der Verkehr ist. Ohne Zweirad ist es unmöglich, schnell irgendwo durchzukommen.

Sie verbringen den ganzen Sommer in Ihrer Villa am Comer See. Was lieben Sie so an Italien?

Prosciutto e vino. Und mich begeistert die europäische Geschichte. Wir Amerikaner sind ja noch wie Kinder, wir reißen Häuser nach 20 Jahren ab und bauen was Neues hin, weil wir schreckliche Angst vor allem haben, was alt aussieht. In Italien gibt es wunderschöne Gebäude, die über 1000 Jahre alt sind. Aber woher sollen Amerikaner das wissen, sie reisen zu wenig. Und wenn sie doch mal nach Europa kommen, muss man sich für sie schämen: schlimme Socken, Bermuda-Shorts und T-Shirts, auf denen "Bier" steht. Aber Engländer und Deutsche sind oft auch nicht besser.

Es gibt wenige renommierte US-Designer. Glauben Sie, dass Amerikaner weniger Stil haben als Europäer?

Ich habe da eine Theorie: Wir können beim Fußball nicht mithalten. Das ist nicht unsere Welt, wir haben damit nicht angefangen. So wie die Deutschen, mit Ausnahme von Dirk Nowitzki, nicht beim Basketball mit uns konkurrieren können. Aber wir holen auf, beim Fußball, in der Mode und beim Wein. Da fällt mir ein - ich interessierte mich mal für den Part eines Sommeliers. Um die Rolle zu bekommen, habe ich viel gegessen und mich wenig rasiert. Ich wollte ein bisschen verwegen aussehen und keinesfalls genussfeindlich. Als ich zum Besetzungsgespräch kam, war der Regisseur entsetzt: Er hatte mich nämlich für eine ganz andere Rolle im Sinn.

Was war der größte Fehler, den Sie je modisch begangen haben?

Ich komme aus Kentucky, der Top-Gegend für schlechten Geschmack. Wir hatten auch nicht viel Geld früher, also nähte meine Mutter meine Klamotten selbst, gerne aus falschem Leder. Manchmal habe ich auch abgetragene Anzüge von meinem Vater bekommen, diese schrecklichen 70-er-Jahre-Dinger mit riesigen Umschlägen und Kragen, die ich oft abgeschnitten habe. Ich hatte Talent, die Modesünden dieser Jahre zu überleben. Dennoch sind Fransen, hochgezogene Ärmel und diese unmöglichen Frisuren auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen. Meine Haare waren mal kinnlang. Das Gute ist, dass mich damals noch keiner kannte. Das Schlechte, dass es noch immer Fotos aus dieser Zeit gibt.

Mittlerweile gelten Sie als einer der bestangezogenen Männer der Welt...

Ja, und das wundert mich sehr. Keine Ahnung, wieso mich immer alle so toll finden. Jahrelang habe ich zu allen Veranstaltungen denselben alten Smoking getragen und dieselben schwarzen Schuhe. Lustigerweise wählte man mich immer wieder zum bestangezogenen Mann. Wenn Frauen zweimal dasselbe Outfit tragen, werden sie praktisch gelyncht. Bei mir jubelten alle, das sei klassisch.

Gwyneth Paltrow sagte mal: "Männer, die fabelhafte Schuhe tragen, sind entweder schwul oder verheiratet."

Wenn Sie mich anschauen, stimmt das. Ich trage gerade meine alten Biker-Boots - nicht so fabelhaft, oder?

Haben Sie ein Lieblingskleidungsstück?

Ja, ein Jeanshemd, das ist 17 Jahre alt und so abgewetzt, dass ich es eigentlich nicht mehr anziehen kann. Früher habe ich es oft zum Vorsprechen getragen und dann so gut wie jedes Mal den Job bekommen. Es ist also mein Glückshemd, deshalb nehme ich es mittlerweile überall mit hin.

Worin haben Sie richtig guten Geschmack?

Das Beste an mir sind meine Freunde, eine Hand voll Leute, die ich seit 20 oder 30 Jahren kenne. Manche haben Kinder, sie sind erfolgreich und gesund, und wenn sie mich in Italien besuchen, ist die Bude voll, und ich bin glücklich. Bei meinen Freunden habe ich wirklich Stil bewiesen. In Modedingen bin ich nicht so sicher - damit beschäftige ich mich zu wenig. Mich interessieren andere Sachen viel mehr, der Stil der amerikanischen Politik zum Beispiel.

Wie viele Italiener haben auch Sie an Ihrem Haus eine "PACE"-Flagge in Regenbogenfarben hängen. Warum?

In Rom sind drei Millionen Menschen für den Frieden auf die Straße gegangen. Ich bin in London mitgelaufen und dann nach Berlin geflogen, wo es auch eine riesige Demonstration gab. Es hat mich überwältigt, wie viele Leute Flagge gezeigt haben, die Engländer demonstrierten gegen, die Deutschen für ihre Regierung. Bei uns ist es momentan unmöglich, sich kritisch zu äußern - das bedeutet viel Ärger.

Sean Penn hat einen offenen Brief mit seiner Kritik an der Politik von George W. Bush in der "Washington Post" veröffentlicht. Und auch Sie haben sich gegen den Krieg im Irak geäußert. Sie wurden daraufhin nicht zu den Oscars eingeladen?

... da würde ich sowieso nur hingehen, wenn ein Film nominiert wäre, in dem ich mitgespielt habe. Das ist noch nicht passiert. Aber natürlich können Sie drauf wetten, dass meine Äußerungen einen Effekt auf meine Arbeit haben. Benutze ich in Interviews das Wort "liberal", guckt man mich schräg an. Liberal, das ist heute in Amerika ein Schimpfwort. Aber das wird auch wieder anders, wer die Geschichte kennt, weiß, am Ende des Tages ist die liberale immer auch die richtige Seite. Und es muss doch wohl erlaubt sein, Fragen zu stellen, bevor man auf Leute bombt und die eigenen in Lebensgefahr bringt. Und ein paar Antworten wären auch mal nicht schlecht.

Worauf hätten Sie gern eine Antwort?

Ich wüsste gern, wieso wir von den Menschen im Irak verlangen, ihre Waffen abzugeben, während in den USA jeder mit so einem Ding rumläuft. Bei uns heißt es: "Nicht Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen." Die Wahrheit ist aber doch, Menschen töten, weil sie Waffen haben. Wenn ich ständig eine geladene Kanone in der Hand halten würde, ich hätte garantiert auch schon mal jemanden umgebracht.

Trotz aller Kritik haben Sie aber immer beteuert, ein Patriot zu sein.

Das bin ich auch, ich liebe Amerika. Trotzdem macht es mir Angst, was gerade passiert. Und es macht mich wütend. Wir unterstützen Warlords in Afghanistan, wir bomben einige Länder platt und lassen Atommächte in Ruhe. Ich frage mich, mit welcher Berechtigung wir den Weltpolizisten spielen. Klar ist Saddam ein Schurke, aber was ist mit Gadhafi oder Mugabe? Was ist mit Nordkorea, Indien und Pakistan? Wenn man Ordnung schaffen will, dann bitte überall. Es gibt auch keine Beweise für Massenvernichtungswaffen. Seit dem 11. September 2001 hatten wir es auf den Irak abgesehen, haben einen Krieg geplant und dann erst nach Begründungen gesucht. Das ist eine Katastrophe. Und alles wegen eines Blow-Jobs.

Wie bitte?

Hätte Al Gore sich nicht von Clinton wegen der Lewinsky-Affäre distanzieren müssen, er hätte die Präsidentenwahl gewonnen. Und er wäre nie in den Krieg gezogen. So was Lächerliches, Lewinsky bläst dem Präsidenten einen, und deshalb attackieren wir den Irak. Jetzt hat keiner mehr den Mumm zu einer antikriegerischen Haltung, und den meisten Amerikanern ist es auch egal, ob Waffen gefunden wurden. Diese Einstellung wird sich aber ändern.

Wieso sind Sie da so sicher?

Weil Menschen Informationen wollen und die Wahrheit. Weil sie sich irgendwann wieder engagieren werden in einer neuen, jungen Bewegung. So läuft es immer, sonst geht man unter. Wir leben in spannenden Zeiten, die Welt ändert sich. Aus Freunden werden Feinde und umgekehrt. In den USA bekommt man Nachrichten nur aus dem Fernsehen, da gibt es keine Meinungsvielfalt. Wir denken, die Welt sei so, wie wir sie dort sehen, und alle Menschen seien so wie wir. Wer aber mal in Europa Zeitung liest oder BBC schaut, der merkt, dass wir gar nicht der große Retter sind, wie wir glauben. In vielen Teilen der Welt hält man uns für die Bösen. Das werden, das müssen die Amerikaner begreifen!

Sie haben mal auf die Frage, was das stilvollste Detail an George W. Bush sei, geantwortet: Colin Powell.

Stimmt, der hat wenigstens für die Wahrheit gekämpft - und ist jetzt erledigt. Aber Bush ist bestimmt überzeugt, das Richtige zu tun. Er sollte vielleicht keine Reden halten, aber der Mann ist kein schlechter Kerl. Ihm geht es nicht um Rache oder Öl, das würde ja bedeuten, dass er den Krieg steuert. Dafür sind wohl eher Rumsfeld, Cheney und Rice zuständig. Wissen Sie, ich würde das alles nicht unbedingt auf einer Pressekonferenz erzählen, aber wenn Sie schon fragen, bin ich ehrlich. Das beschäftigt mich nun mal sehr, auch wenn es bestimmt viel schlauer gewesen wäre, wir hätten nur über Mode gesprochen.

Bianca Lang/print

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