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24. Dezember 2008, 14:37 Uhr

Ich bin nicht Christo

Männer können Uhrwerke zusammensetzen oder am Gehirn operieren - aber nicht Geschenke einpacken, weiß stern-Redakteur Kester Schlenz.

Anfangs war Schlenz' mieses Einpacken noch lustig, jetzt ist irgendwie der Soul raus© Kumicak + Namslau

Immer wenn meine Frau Geburtstag hat oder Weihnachten ist, werde ich nervös. Denn dann muss ich Geschenke einpacken. Ich kann aber nicht einpacken. Echt nicht. Ich habe es versucht, aber es geht nicht. Von mir verpackte Geschenke sehen scheiße aus.

Ich bin nicht ungeschickter als die meisten. Ich spiele sogar Schlagzeug, da muss man Arme und Beine unabhängig voneinander bewegen können. Ein Grobmotoriker bin ich nicht. Aber ich kann einfach nicht einpacken. Nicht mal ein Buch. Sogar hier sind die Papierränder asymmetrisch, an den Ecken sind solche dicken Knubbel, und die unbeholfen fixierten Tesastreifen scheitern kläglich bei dem Versuch, das Ganze irgendwie zusammenzuhalten. Das Geschenk franst stets aus. Eine von mir verpackte Vase oder eine Flasche Likör sehen noch grotesker aus. Als ob ein Gorilla den hilflosen Versuch unternommen hätte, einen versiert einpackenden Menschen zu imitieren.

stern-Redakteur Kester Schlenz kann bald einpacken© Karin Rocholl

Ich bin nicht allein mit meiner Unzulänglichkeit. Ich kenne viele Männer, die nicht einpacken können - einige von ihnen sind sogar Feinmechaniker oder Chirurgen. Wir Männer können grundsätzlich keine Geschenke einpacken. Irgendetwas in uns sperrt sich dagegen. Nur was? Ich vermute, es ist der schwer erträgliche Gedanke, dass das, was wir mit hübsch bedrucktem und oft teurem Papier verhüllen, kurz danach wieder von ungeduldigen Händen unter Zerstörung des Papiers enthüllt wird. Dieser Vorgang widerspricht unserem männlichen Pragmatismus. Er erscheint uns tief drinnen als komplett idiotisch und unnütz.

Natürlich ist das unromantisch. Niemand von uns kann es wagen, seiner Gattin ein Buch oder ein Parfüm direkt aus der Einkaufstüte "nackt" in die Hand zu pfeffern. Deshalb verpacken wir weiter, halbherzig, mit inneren Widerständen. Natürlich kann man das vom Verkaufspersonal machen lassen. Die verpacken klasse. Aber deren Werk erkennt jede Frau sofort. Das gilt nicht. Ist nicht selbst verpackt. Kommt nicht von Herzen. Man hat sich keine Mühe gegeben. Das wäre, als gäbe man ein Gedicht von Rilke als sein eigenes aus.

Ich habe aus meiner Verpackungsnot eine Tugend gemacht. Meine dadaistische Methode: die Geschenke betont doof einfach in Zeitungspapier einwickeln und dann mit einem schwarzen Filzer Herzchen und lustige Männchen draufmalen. Kam super an. Anfangs. Ich mach das nun im 15. Jahr, und irgendwie ist da jetzt der Soul raus. Neulich hat meine Frau mir zu verstehen gegeben, dass sie den Grad meiner Wertschätzung für ihre Person auch an der Art und Weise messe, wie ich in Zukunft Geschenke zu verpacken gedenke. Ich bin also echt gekniffen. Vielleicht suche ich mir eine Selbsthilfegruppe. Oder ich engagiere jemanden, der einpacken kann, aber das mit gefesselten Händen macht und es so glaubwürdig "halbgut" hinbekommt. Das könnte klappen. Auf jeden Fall muss ich was machen in Sachen Einpacken. Sonst kann ich einpacken!

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 47/2008

 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
S-achte (24.12.2008, 18:02 Uhr)
Ich bin nicht allein!!!
Und ich dachte schon, ich bin der alleinige Versager auf dem Gebiet! Seit meine Tochter aus dem Haus ist, ist es zappenduster mit einpacken hier!
Wir müßten einfach gegesteuern und den Dienstleistungsgedanken unter der besonderen Berücksichtigung der Schaffung von Arbeitsplätzen und den damit verbundenen sozialen Aspekt beim Fremdeinpacken mehr hervorheben.
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