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Der widerliche Mr. Weinstein

Meryl Streep bezeichnete ihn einst als "Gott": Harvey Weinstein entpuppt sich als einer, der über Jahrzehnte Schauspielerinnen belästigte. Seine Methode hatte System.

Er hat sechs Oscars, war an den erfolgreichsten Filmen in Hollywood beteiligt: "Shakespeare in Love", "Pulp Fiction", "Good Will Hunting", "Der englische Patient" und "The King's Speech". Blockbuster, die jeder kennt, tragen seine Handschrift. Harvey Weinstein ist der erfolgreichste Produzent der vergangenen Jahrzehnte. Er hat sich nicht nur ein Vermögen und Filmimperium aufgebaut, er wurde wie ein König verehrt. Meryl Streep bezeichnete ihn in ihrer Golden-Globe-Dankesrede 2012 als "Gott". Sogar in der Politik war er hoch angesehen, Hillary Clinton ließ sich bereitwillig mit ihm ablichten und nahm dankbar Spenden an. Weinstein war der Größte. Ein 136 Kilo schwerer Hüne mit viel Macht und Einfluss. Doch was jetzt ans Licht kommt, lässt den Schluss zu: Mister Hollywood ist ein Schwein.

Das Ausmaß der Missbrauchsvorwürfe gegen den 65-Jährigen nimmt immer drastischere Formen an. Nachdem prominente Schauspielerinnen wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow ihn bereits der Belästigung bezichtigt hatten, melden sich nun auch Frauen zu Wort, die ihn der Vergewaltigung beschuldigen. Weinstein soll sie zum Oralsex gezwungen haben. Er selbst streitet die Vorwürfe ab, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Doch immer mehr Frauen melden sich zu Wort. Es könnte der größte Hollywood-Sexskandal seit Roscoe "Fatty" Arbuckle sein, der in den 20er Jahren eine Frau beim Sexspiel zu Tode gequält hatte.

Die Vorwürfe: Von Angelina Jolie bis Gwyneth Paltrow: Diese Frauen klagen Weinstein an
Diese Promis klagen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein an

Gwyneth Paltrow verdankt Harvey Weinstein ihren großen Durchbruch: Er war es, der sie 1996 in der Jane-Austen-Verfilmung "Emma" besetzte. Doch kurz vor den Dreharbeiten lernte Paltrow auch den Preis dafür kennen. In einem Hotelzimmer in Beverly Hills fasste er die damals 22-Jährige an und schlug vor, sich im Schlafzimmer gegenseitig zu massieren. "Ich war ein Kind, ich hatte unterschrieben, ich war wie versteinert", erzählt Paltrow der "New York Times" von dem Vorfall. Sie habe sich geweigert und sich ihrem damaligen Freund Brad Pitt anvertraut. Dieser habe Weinstein zur Rede gestellt - doch der Filmproduzent habe sauer reagiert. "Er hat mich sehr lange angeschrien", erinnert sich Paltrow. Trotzdem arbeitete sie auch später mit ihm zusammen. "Es wurde erwartet, dass ich über alles schweige."

Harvey Weinstein bestreitet die Belästigungsvorwürfe nicht

Erschreckend ist vor allem, über welch langen Zeitraum und mit welcher Kaltschnäuzigkeit Weinstein seine Machenschaften ausgeübt haben soll. Manche Fälle liegen über 30 Jahre zurück. Die Aussagen der Frauen legen den Verdacht nahe, dass seine Methode System hatte. Demnach nutzte er seine Macht schamlos aus, um Schauspielerinnen einzuschüchtern und sexuell zu nötigen. Aus Angst, keinen Job mehr in Hollywood zu bekommen, ließen viele seiner Opfer die  Widerwärtigkeiten zu. Wer dennoch aufmuckte, wurde mit viel Geld zum Schweigen gebracht. "Ich habe vielen Kolleginnen eine Menge Leid zugefügt und entschuldige mich aufrichtig dafür", schrieb Weinstein in einer E-Mail an die "New York Times". Eine späte Einsicht.

Weinstein ist das Fleisch gewordene Klischee eines Hollywood-Produzenten. Dick, unansehnlich, aber mächtig und reich fasst er jungen Schauspielerinnen unter den Rock, die in Erwartung einer großen Karriere die Besetzungscouch über sich ergehen lassen. Es klingt wie ein schlechtes Drehbuch über die Traumfabrik aus den 70er oder 80er Jahren. Umso erschreckender, dass Frauen erst 2017 den Mut haben, ihm das Handwerk zu legen.

Wer wusste von Weinsteins Machenschaften?

Der Fall wirft viele Fragen auf. Wie viele Frauen waren es wirklich, die Weinstein belästigt hat? Warum griff die Polizei oder die Justiz trotz Anzeigen nicht ein? Wer wusste davon? Wer hat Weinstein gedeckt? Meryl Streep betonte in einem Interview mit der "Huffington Post", dass "nicht jeder" von Weinsteins Fehlverhalten gewusst habe. Doch Weinstein hatte Komplizen.

Es ist wahrscheinlich, dass Weinstein nicht nur von vielen seiner engsten Mitarbeiter gedeckt wurde, sondern auch von prominenten Schauspielern oder Schauspielerinnen. Seine Schützlinge verhielten sich loyal. Sie schwiegen oder schauten im besten Fall weg. Ein Verhalten, das vielen Frauen Leid zufügte. 

Die Karriere von Harvey Weinstein ist beendet. Von der Weinstein Company wurde er gefeuert. Er flüchtete aus Hollywood, um sich angeblich in eine Sexsucht-Therapie zu begeben. Ob er als Angeklagter nach Los Angeles zurückkehren wird, ist fraglich. In der Vergangenheit einigte sich Weinstein bei aufkommenden Missbrauchsvorwürfen außergerichtlich. Man könnte auch sagen, er hat sich freigekauft. Nur wenn sich genug mutige Frauen in Hollywood finden, könnte er auf der Anklagebank landen.

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