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Hart, härter, Heidi

Sie ist eine Erfolgsfrau. Nervensäge. Ein Sexsymbol. Domina. Eine Mutti für die Kinder. Eine Hexe für die Nachwuchsmodells. Germany's best Geschäftsmodel ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Aber wer ist diese Heidi Klum wirklich? Eine Spurensuche.

Von Christine Kruttschnitt

Der Kunde in "Joe's Pizza"-Laden In Los Angeles erkannte die Berühmtheit Ganz und gar nicht. Sie hatte ihm gerade Eine Pizza-Ecke verkauft und Tänzelte in Röhrenjeans und knappem weißem T-Shirt vor ihm, streckte ihm den flachen Bauch entgegen. "Die Leute sagen, ich hab eine tolle Figur", zwitscherte die Berühmtheit. "Findest du das auch?" - "Hm, ja, klar", nuschelte der Mann und mampfte seine Pizza. "Ich könnte bestimmt eine Menge Geld in einem Striplokal verdienen!", plapperte die Blonde weiter und klatschte sich mit der flachen Hand auf den Hintern. "So an der Stange rumtanzen, huuuiiii!" - "Dazu braucht es schon ein bisschen mehr", belehrte sie vollmundig der Kunde. "Mehr Busen zum Beispiel." - "Meine Freunde sagen, ich sehe aus wie Heidi Klum", schmollte die Verkäuferin, aber der Mann kaute nur: "Näh, die ist viel üppiger als du."

Kurz darauf wurde der Scherz aufgelöst. Als ein Fernsehteam dem Imbissgast eröffnete, dass er in einer dieser Shows mit versteckter Kamera gelandet war und dass es sich bei dem ungeschminkten Pizza-Girl tatsächlich um Heidi Klum handelte, zuckte er nur die Achseln. "Für mich sah sie aus wie eines dieser ganz normalen, typischen Los-Angeles-Girls, die einem tierisch auf die Nerven gehen."

Los Angeles-Girl

Damit lag der unaufmerksame Pizza-Esser natürlich völlig falsch. Und traf doch irgendwie ins Schwarze. Denn ganz klar ist Heidi Klum eines jener typischen Los Angeles-Girls: Die Brünette aus Bergisch Gladbach, die vor Jahren schon kalifornisch golden erblondete und pünktlich zur Obama-Wahl amerikanische Staatsbürgerin wurde, strotzt vor genau dem gesunden, sonnengefluteten, munteren Sex-Appeal, für den Amerikas Westküste mit seinen Surfer-Chicks und Hollywood-Starlets berühmt ist. Auch "ganz normal" sah sie in dem Fernsehstreich aus - so wie auf den meisten Paparazzi-Fotos: nicht glamourös, sondern lässig, mit Gummiband in den Haaren und ähnlich dehnbarer Mimik, Schnute hier, dreistöckiges Lachen dort, eine Stirn zum Runzeln, eine Nase zum Kräuseln - Botox, nein danke. Und dass Heidi Klum tierisch nerven kann, das hat Amerikas berühmteste Deutsche dieser Tage wieder mal in der alten Heimat erfahren.

Wenn am 21. Mai im Finale von "Germany's next Topmodel" zum vierten Mal ein ebensolches ermittelt wird (das, seien wir ehrlich, weder Germany noch die World so richtig braucht), hat die Moderatorin der Show in einer Preisklasse Ärger und Häme über sich hereinbrechen sehen, wie sie hierzulande eigentlich nur wirklich Großen vorbehalten ist.

Vor gut drei Jahren noch als fröhliche Anti-Diva gepriesen - die Heimat im Herzen und Muttis Sauerkrautsuppe im Magen -, gilt die Klum heute als sadistische Zerstörerin, die mit den Tränen der "GNTM"-Elevinnen das eigene Ego aufpoliert. Hat laut Karen Heumann, Chefstrategin der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt und Deutschlands führende Markenexpertin, früher "die deutsche Volksseele die Daumen gedrückt" für Heidis globalen Aufstieg - wie auch immer sie das angestellt hat, die arme Seele -, so entlädt sich jetzt eine ganz andere Stimmung ins Internet und in die Medien. In der Comedy-Reihe "Switch" zum Beispiel wird die Model-Mama als quiekende Kommandeuse eines heulenden Hühnerhaufens parodiert, in Live-Blogs zur Erfolgsshow lästern Zuschauer über Klums cool vorgetragene Erinnerungen an die eigene Glanzzeit als Model: "Damals ist Heidi noch mit ohne Schuhe 30 Kilometer durch den 5 Meter hohen Schnee gestampft, um ihr Bikini-Shooting zu machen. 36 Stunden am TAG!" Ein anderer: "Schnauze, Heidi!"

Die Casting-Domina

In Berichten über die Castingshow, die dank der perfiden "Challenges" fürs modelnde Frischfleisch immer mehr dem Dschungel-Camp ähnle, fallen Begriffe wie "Gouvernante" und "Domina" - für unsere einst so schnuckelige Vorzeige-Germanin. Der Fernsehnation schwant, es käme nun deren "wahrer Charakter zum Vorschein", nämlich "die beinharte, egozentrische Businesslady", die Hexe, die ihre heranwachsende Konkurrenz zusammenstaucht auf Heulkrampf komm raus.

Da befand auch Modemacher Wolfgang Joop, es sei an der Zeit, das Erfolgsmodell Klum abzuwatschen, und verhöhnte sie als "Werbegirl mit Dauergrinsen". Sein Kollege Karl Lagerfeld setzte bedeutungsvoll eins drauf: "Sie ist mehr auf Bling-Bling als auf heutige Mode!" Und es empörte sich Alice Schwarzer: "Einfach widerlich", erklärte sie nach Sichtung genau einer Folge von "GNTM", seien "die Kälte und Arroganz", mit der die rheinische Rohnatur Klum "diese naiven jungen Mädchen vorführt"; als hätten sich jene für einen Ikebana-Kurs angemeldet und wären fälschlich vor einer Jury gelandet, die Kommentare über ihr Aussehen abgibt, echt fies.

25 Prozent Marktanteil erzielt Heidis Maiden-Revue allwöchentlich, das sorgt für Champagnerlaune bei Pro Sieben. Und da kann es der Quotenfee - die das Format produziert - auch ziemlich wurscht sein, ob sie gelobt oder gejoopt wird. "Du bist ja sehr beliebt hier in Amerika", sagte der US-Talkmaster Jimmy Kimmel zu Heidi Klum. "Aber in Deutschland bist du wahrscheinlich Königin?" - "Klar!", rief Heidi und lachte mindestens vierstöckig. "Ich fahre auf Festwagen durch die Stadt und winke ins Volk!"

Winkt es zurück? Derzeit eher nicht. Das Volk ist verdrossen. Zum einen über Heidis mit Lust vorgetragene Bosheit. Ist sie, wie Hobby-Psychologen mutmaßen, etwa so barsch zu ihren Mägdlein, weil es ihr selbst ebenso erging, als sie im Gewerbe anfing und sich unter all den Gazellen abmeiern lassen musste als zu kräftig, zu allerweltshübsch, don't call us, we call you? Und jetzt muss die Nation zusehen, wie sich fatale Psycho-Muster replizieren: Die einst Gedemütigte gibt die Schläge an ihre Kinder weiter. Nö, danke.

Burger und Birkenstock

Und dann kommt zum Ver- der Überdruss: Kimmels "Queen of Germany" ist in Wahrheit Werbekönigin, zu bewundern an jeder Straßenecke, in Heftchen, im Fernsehen, überall. Sie strahlt und lockt für Rasierer und Burger und Birkenstock und auch noch für Haarprodukte und Autos und Klamotten. Sie macht alles, traut sich alles, posiert und singt und malt und entwirft und verziert. "Mein Kopf", schnurrte sie kürzlich, angesprochen auf ihre Kreativitätsschübe, "ist einfach immer am Denken!" Kein Zweifel: Heidi Klum, die vor knapp 17 Jahren für die Kamera entdeckt und vor fast elf Jahren auf einem "Sports Illustrated"-Titelblatt zum Sexsymbol erkoren wurde, ist, da haben die Herren Joop und Lagerfeld schon recht, kein Model mehr. Heidi Klum ist eine Marke.

Drüben in Amerika haben die das längst kapiert. Da sei Heidi "ein Sonnenschein, jeder liebt sie", wie Elaine D'Farley es erklärt. Sie hat damals als Stylistin die legendären "Sports Illustrated"-Aufnahmen auf den Malediven betreut, mit sandigen Schönheiten im Bikini, die nicht leicht zu finden gewesen seien. Die Models jener Zeit "waren meist der Typ verwahrlostes Kind", hohlwangig und elegisch. Nicht so Heidi from Germany: Die war laut D'Farley "positiv und glücklich, mit toller Haut, schönem Körper und gutem Lachen". Alle schwärmten von der Zusammenarbeit, die Katalog-Emse aus Deutschland sei so professionell und unkompliziert, konnte zuhören, mitdenken, warf sich in die Brust und in die Brandung mit nimmermüdem Elan. Und sprach, kaum dass der Indische Ozean auf ihrem Luxuskörper getrocknet war: "Ich brauche eine Publizistin." Denn der Heidi, so erklärt Elaine D'Farley, war schon damals klar, dass sie was Großes werden würde.

Ein "Powerhouse" nämlich, ein Kraftwerk. Ein "Supermogul". Ein "household name", jedem Kind bekannt. Dies alles sind Beschreibungen für Heidi - in den Staaten, wo so was respektvoll gemeint ist (hierzulande gelten Global Player ja eher als verdächtig). Auch wenn sie es nie ganz nach oben in die Adelsklasse der Supermodels geschafft hat: Eisern heiter baute Heidi Klum drüben ihr eigenes Lifestyle-Imperium auf: Als Fachkundige für Modisches - sie ist immerhin dienstältestes Dessous-Model auf dem Laufsteg von "Victoria's Secret" - moderiert sie eine erfolgreiche und hochgelobte Castingshow für Nachwuchsdesigner, entwickelt als Produzentin neue Fernsehformate, bringt eigenen Schmuck auf den Markt. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat ausgerechnet, dass La Klum im vergangenen Jahr 14 Millionen Dollar verdient hat.

Dabei hat sie sich gar nicht verändert, die Heidi. Sie spricht noch immer wie eine süße kleine Badeente, kichert wie ein Schulmädchen, ist für jeden dummen Scherz zu haben. Sie sei nun in einem Alter, sagte die 35-Jährige neulich, da planten andere bereits erste Schönheits-OPs. Sie aber - mit diesem unkontrollierbaren Kreiselkopf - habe sich eine Hautpflegeserie ausgedacht, die Falten einfach wegbügelt. Schwupp, saß sie bei der amerikanischen Talkmasterin Ellen DeGeneres auf dem Sofa und pries ihre Produkte. Die Moderatorin wollte die Sache nicht so ganz ernst nehmen und leckte probehalber an der Creme. Und Heidi, nie einem Gag abgeneigt, lutschte munter an der Tube - "und ich hab mir das Zeug immer ins Gesicht geschmiert, hm, lecker!"

Die Kunst der Selbstironie

Heidi ist nicht prüde, sie scherzt gern über ihre Brüste "Hans" und "Franz", und zu ihrem Konterfei auf einer Sonderbriefmarke sagt sie: "Es macht mir nichts aus, geleckt zu werden." Die Late-Night-Talker reißen sich um sie, weil sie die schon halb schlafende Nation aufscheucht mit ihren Miniröcken und ihrem Mädchengelächter und Trampolingehüpfe und drolligen Bekenntnissen wie jenem, dass sie gern in Hausfrauenkatalogen bestellt, zum Beispiel "Stangen zum Glühbirnenauswechseln". Die Marktlücke, die sie einst selbst geschaffen hat, füllt sie weiterhin allein aus: der Star, der über sich selbst lachen kann. Die Schicke, die keine Zicke ist.

Flirten gehört zum Image. Heidi schäkert mit allen, mit Jay Leno wie mit der lesbischen Ellen DeGeneres, mit Technikern am Set von Werbe-Drehs und mit Studiobossen, die mit ihr über Millionengagen verhandeln. Wenn sie in Verhandlungen mit all diesen Männern gehe, erzählt sie augenzwinkernd, wisse sie schon sehr genau, dass sie manches nur erreicht, weil sie eine Frau ist. Ihr Sex-Appeal ist dabei eher niedlich als beängstigend, sie ist mehr Kätzchen als männermordende Tigerin. Bezeichnend, dass hierzulande mehr Frauen als Männer Heidi "sehr sexy" finden, so ein Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern. Die Werbe-Fachfrau Karen Heumann: "Heidi bietet für deutsche Frauen eine riesige Projektionsfläche. Sie ist nicht so außergewöhnlich schön und unerreichbar wie Claudia Schiffer. Wie sie auszusehen traut sich auch die Durchschnittsdeutsche zu."

Klingt nicht unbedingt schmeichelhaft für ein "Topmodel", beschreibt aber genau die Marke Klum: nicht lasziv und geheimnisvoll, sondern sauber und glänzend wie ein frisch geputzter Küchenfußboden. So gesehen haben die beiden Affären, mit denen Heidi nach ihrer Scheidung von einem New Yorker Friseur 2003 von sich reden machte, ihr eher genützt als geschadet: Die Liebelei mit dem Rockmusiker Anthony Kiedis und die folgenreiche Liaison mit dem älteren italienischen Playboy Flavio Briatore hievten sie nicht nur von den Mode- auf die Gesellschaftsseiten der Illustrierten, sie verliehen ihr - im Scheitern - auch eine gewisse Tiefe, wovon Models gar nicht genug gebrauchen können.

Nützliche Liaison

Am Tag, da sie ihre Schwangerschaft bekannt gab, wurde der graubrüstige, mutmaßliche Vater in spe mit einer anderen erwischt. Worauf sich das bis dato belanglose Privatleben der Heidi Klum erst ins Dramatische, dann ins Romantische wendete: Die gedemütigte junge Mutter traf den Soulsänger Seal, der Blitz schlug ein, und Seal verschrieb sich von Stund an seiner kleinen Instant-Familie. Heidi flocht ihn behende ein ins Klum-Imperium, er komponiert Musik zu ihren Laufstegläufen, tritt in ihren Werbespots auf, aber mehr noch, er macht aus ihr eine superglückliche Heidi, die immer noch mehr Einfälle hat, wenn sie ihn in der Nähe weiß. Am 10. Mai wird mit großer Party im mexikanischen Feriendomizil der fünfte Hochzeitstag gefeiert, im Herbst die Geburt eines vierten Klümchens. Ein Happy End nach Hollywood-Art: Sie gibt ihm Sex-Appeal, er gibt ihr Klasse.

Sie ist fester Bestandteil der Entertainment-Welt, tritt bei Galas auf, verteilt Preise, wurde selbst schon für die renommierteste US-Fernsehauszeichnung nominiert, den "Emmy". Und zwar zu Recht. In ihrer amerikanischen Castingshow für Designer "Project Runway" ist sie, was sie in Deutschland nicht sein kann oder soll: eine kompetente Moderatorin, ruhig, charmant, ohne jede Häme. Wenn sie den jeweiligen Verlierer der Woche verabschiedet, gibt es ein Luftküsschen und ein auf Deutsch geflötetes "Auf Wiedersehen!", was längst Kult geworden ist. Vielleicht ist Heidi in Amerika ja so mild, weil sie nicht die eigenen Nachfolgerinnen, sondern "nur" Jung-Designer bewerten muss.

Zu ihren Nachbarn in den Bergen von Beverly Hills zählen die Stallones und die Cruises und die Beckhams. Geht sie zu Dreharbeiten, kommt ihr deutscher Fahrer mit, ein blonder Hüne, der als Bodyguard fungiert und ihr aufdringliche Bewunderer vom Leib hält. Kein Zweifel: Drüben ist Heidi ein Star. Weil sie so nett deutsch ist. Hier wird sie angemacht. Weil sie so verdammt amerikanisch tut. Laut Forsa kennen sie 96 Prozent der Deutschen, das ist mehr, als die meisten Bundesminister vorweisen können. Satte 85 Prozent sind überzeugt, sie sei eine "clevere Geschäftsfrau". Aber die haben es schwer hierzulande: Nur 61 Prozent finden Heidi Klum sympathisch, "alles in allem".

"Talentlose deutsche Wurst"

Der Modelagent John Casablancas, der seinen Schützling eine "talentlose deutsche Wurst" nannte, als Heidi seine Agentur Elite verließ und zum Konkurrenten IMG wechselte, hatte einst bemerkt: "Hinter ihrem Lachen, ihrer blonden Art schlägt das Herz eines Hais." Haie müssen bekanntlich immer schwimmen, kommen nie zur Ruhe.

"Ich kenne sie nur busy", sagt Karin Sistig über ihre beste Freundin aus Kindertagen. "Als ich sie in Los Angeles besucht habe, ist sie immer sehr früh aufgestanden und hat gearbeitet." Die Cutterin und Hobby-Fotografin hatte der berühmten Tochter Bergisch Gladbachs zur Teilnahme an einem Model-Wettbewerb geraten. Sie war dabei, als Heidi in einer Show von Thomas Gottschalk das "Model '92" wurde. Der Gewinn: 300.000 Dollar und ein Vertrag bei einer amerikanischen Modelagentur. "Da hatte sie Blut geleckt. Sie wollte mehr. Sie hat es in Hamburg versucht, es lief nicht so. Dann zog sie mit 20 nach New York in eine Model-WG. Sie ging von Casting zu Casting, klapperte alle Fotografen ab, es war ein harter Weg."

Heidis Erfolgsrezept? "Sie hat die Diplomatie von der Mutter und vom Vater den Geschäftssinn", sagt Karin Sistig. Das Heitere und das Scharfe, vereint im Model-Leib. Heidi Klums Zauber liegt in der überraschenden Union solcher Gegensätze: Spielend verbindet sie Beverly Hills und Bergisch Gladbach, Kaviar und Krautsuppe, den Duft der großen weiten Welt und Drei-Wetter-Taft.

Eine andere große Heidi im Model-Geschäft, die Agenturchefin Heidi Gross aus Hamburg ("Model Management"), erinnert sich noch genau, wie 1998 der Anruf kam von Günther Klum: "Ich brauche jetzt eine anständige Agentur." Gross ist die Grande Dame der Model-Macher, betreut Germanys wahre Topmodels wie Claudia Schiffer sowie Brasiliens Top-Beauty Gisele Bündchen, "dat Gisela" genannt von Vater Klum. Gross erzählt, sie habe die dicken Verträge für Heidi in den ersten Karrierejahren an Land gezogen: den vierjährigen Werbevertrag mit McDonald's. Oder die seit sieben Jahren bestehende Geschäftsverbindung mit dem Beauty-Konzern LR, der Klums Kosmetikprodukte und die Düfte der "GNTM"-Gewinnerinnen vermarktet. Den Vertrag mit Katjes. Sogar die Vertragsverhandlungen für "Germany's next Topmodel" habe sie geführt.

Dennoch: Günther Klum beendete im Jahre 2005 die bis dahin so fruchtbare Zusammenarbeit mit Heidi Gross. Ja, der Herr Klum. Immer wieder hört man, die Heidi sei ja nett, das Schlimme sei ihr Vater. Und das Schlimme an ihr: dass sie ihren Vater alles machen lässt. Nur ihm vertraut sie. Günther Klum weiß, wie man Redakteure wahnsinnig macht mit ständigen Forderungen: noch einen Flug für Seal, einen für das Kindermädchen, erste Klasse Minimum. Dass die "Topmodel"-Staffel zu einem beträchtlichen Teil in Los Angeles gedreht wurde, soll auch daran liegen, dass es für die Produktionsfirma günstiger war, die Mädchen und das Team für die Dreharbeiten dorthin zu fliegen als immer wieder Heidi samt Entourage nach Deutschland.

Der Vollstrecker

Befragt zu Günther Klum und seinen Geschäftsmethoden, werden viele Menschen sehr schweigsam. Das betrifft Regisseure, Marketingchefs, Produzenten. Keiner will Ärger riskieren mit Klum, Heidis Vollstrecker, der gern mit Anwälten droht. Einige raunen, es müsse "sehr gut überlegt sein", ob man sich äußern solle. Dann sind sie nicht mehr erreichbar. In Urlaub, in Konferenzen, erkrankt. Es ist ein bisschen wie in einem Mafia-Film.

Schweigen auch bei Heidis früherem "GNTM"-Co-Juror Bruce Darnell, beim Stylisten Boris Entrup und anderen "Topmodel"-Mitarbeitern, sobald der Name Klum fällt. Selbst die bei der Plattenfirma Warner vorgetragene Bitte nach einem Gespräch mit Seal über seine Frau endet mit der Auskunft: Da müssen Sie Herrn Klum fragen.

Das wollen wir gern tun. Auftritt Günther Klum himself. Klum ist eine mächtige Erscheinung, eine Mischung aus Weihnachtsmann und Schießbudenbesitzer. Er vermittelt rasch: mein Revier. Vollbart, Gel im Haar und Brille mit Goldbügeln und Goldsteg, die Gläser verdunkeln sich bei Sonnenschein. Er trägt Birkenstock-Latschen aus Heidis Kollektion, bedruckt mit dem Text von "Kiss from a Rose", dem größten Erfolg seines singenden den Schwiegersohns. In seinem früheren Leben war Günther Klum Produktionsleiter bei 4711. Jetzt managt er das Produkt Heidi Klum, wobei er das Wort Manager nicht mag. Er ist Geschäftsführer der Heidi Klum GmbH und Co. KG mit Sitz in Bergisch Gladbach. Die Firma leitet er, als wär's ein Klempnerladen oder eine Autowerkstatt. Ruppig, robust, patriarchalisch. Post von Günther bekommt man meist vorab als Fax und am Folgetag noch mal als Brief: vorn eine Wohlfahrtsmarke, hinten ein rotes Siegel mit einem großen "H" für Heidi. Das Wachs kauft er in Fünf-Kilo-Säcken.

"Er hat die Heidi ja geschmiedet"

Bergisch Gladbach: Klum-Town. Wo alle herkommen, wo alles anfing, wo alle so bekennend verwurzelt sind. Karl-Heinz Eil ruft erst mal "beim Jünther" an, bevor er über ihn spricht. Eil ist Friseur. Erna Klum hat früher in seinem Salon gearbeitet. Er ist der Mann, den Günther Klum an seine Haare lässt. Ein enger Freund der Familie ist auch Fritz Roth, der Bestatter. Von ihm möchte Günther Klum eines fernen Tags unter die Erde gebracht werden. Roth bescheinigt Klum "einen weichen Kern", immerhin, "aber er kann sehr kantig sein und kompromisslos. Eigentlich will er nur anerkannt werden. Er hat die Heidi ja geschmiedet. Er glaubt an sie. Und an sich".

Heidis Lieblingsrestaurant ist "Hähnchen Ewald" in Kürten, 20 Autominuten vom Elternhaus entfernt. An der Wand hängt ein Foto von Heidi Klum, kaum geschminkt und wenig glamourös. Der Wirt Reiner Herzhoff räumt ein, "wenn sie nicht zurechtgemacht ist, erkennen die Gäste sie manchmal gar nicht". Wenn die Klums kommen, kommen sie alle. Mit Kind und Kegel. Das machen sie bei Hähnchen Ewald genauso wie bei der Escada-Gala. Nur dass bei Hähnchen Ewald hinterher keiner tuschelt, da hätten wieder "die deutschen Flodders" in der ersten Reihe gesessen.

In Kürten haben die Stammgäste auch mal den Flavio Briatore gesehen, nun kommt die Heidi mit Seal. Soll der doch zusehen, wie er diesen Kulturschock verdaut. Heidi gibt es eben nur mit dem gesamten Paket, der schräge Günther gehört dazu wie die übrige Folklore und das Engagement der Familie im rheinischen Karneval. Wenn die Klums beim Rosenmontagszug dabei sind, vom Wagen winkend und Kamelle werfend, lacht Seal tapfer mit - es muss Liebe sein.

Die Schöne ist das Biest

Und man gibt auch gern im Hause Klum. So unterstützen Heidi und Günther seit Jahren das Bethanien-Kinderdorf in Bergisch Gladbach. Heidi war mehrmals zu Besuch, hat auch schon mit den Kindern Lebkuchen gebacken. Als sie beim Promi-"Wer wird Millionär?" antrat, ging ihr Gewinn ans Kinderdorf, ebenso der Erlös ihrer CD "Wonderland". Beinahe wäre auch Heinz Fischer zum Spender geworden.

Der Hartz-IV-Empfänger aus Aue im Erzgebirge hatte im Oktober 2008 das Foto eines Marilyn-Monroe-Doubles von einer amerikanischen Website gefischt und auf den Flyer gedruckt, der für eine Party werben sollte. Dass die Blondine mit dem Kussmund, deren Bild er da unter die Leute brachte, Heidi Klum war, wusste Fischer nicht. Er sollte es erfahren, als ihn Günther Klum anrief. Wo er die Rechnung über 142.800 Euro - 100.000 Euro Fotohonorar plus 20.000 Euro Agenturprovision plus Mehrwertsteuer - denn nun hinschicken solle, polterte Klum. Mittlerweile hat das Gericht entschieden: Fischer muss 2300 Euro zahlen. Aber die hat schon Jenny Elvers-Elbertzhagen gespendet, die von Fischers Not las und ihm im Kampf gegen die Klums unter die Arme griff. Heinz Fischer seufzt: "Hätte Heidi bloß zu ihrem Vater gesagt: 'Nun lass doch den armen Mann in Ruhe!'"

Er glaubt fest, dass es bei den Klums eine Schöne gibt. Und ein Biest. Und er weiß nicht, dass das eine ohne das andere nicht sein kann.

Mitarbeit: Ulrike von Bülow, Helge Hopp, Alexander Kühn, Stefanie Luxat

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