Die Zeit der grauhaarigen Männer an Heidi Klums Seite ist vorbei. Im Frühling verliebte sie sich in den Soul-Sänger Seal und ist glücklicher und erfolgreicher als je zuvor.

Als wären die Flügel echt: Heidi bei einer Schau in New York (2002)© AP
Außer ihr scheint es die ganze Welt von Anfang an gewusst zu haben. Ein Blick aufs Brusthaar hat genügt. Schlimmere Wolle als Gotthilf Fischer auf dem Kopf! Goldkettchen! Bierbauch! Jeder Leserin, der dieser graue Playboy aus "Bunte" und "Gala" entgegenlachte, war klar, dass er kein Mann war für Heidi. Für Heidi! "Unsere" Heidi, so katjes-süß und kalifornienblond, das meistfotografierte Model der Welt im vergangenen Jahr, das meistbeschriebene in diesem. Denn zu erzählen gab's, anders als in anderen Model-Leben, reichlich. Als Heidi Klum, "The Body" aus Bergisch Gladbach, im sechsten Monat schwanger war, trennte sie sich vom 23 Jahre älteren italienischen Formel-1-Boss Flavio Briatore - oder er sich von ihr, das wurde nicht ganz klar. Briatore ließ charmant verbreiten, das Kind sei vielleicht gar nicht von ihm, ehe er sein Goldkettchen ans nächste Model presste. Heidi indes entwickelte sich zur Hauptdarstellerin einer Romanze, die einem schon unwirklich vorkäme, wenn sie in der "Lindenstraße" passierte. Wie rührend erst im wahren Leben: Sie verliebte sich in den britischen Popstar Seal und gründete mit ihm die aufsehenerregendste kleine Patchwork-Familie des Jahres.
Als Miss Klum im Mai niederkam, eilte der Soul-Sänger ("Kiss From A Rose") ans New Yorker Wochenbett, zusammen mit den aus Deutschland eingeflogenen Eltern. Und eine Lokalzeitung stellte am nächsten Tag richtig, was als Gerücht angesichts des jungen Glücks entflammt war: Seal kam als leiblicher Vater gar nicht infrage, das Mädchen sei "total weiß!".

Heidi Klum und Soul-Sänger Seal bei der Bambi-Verleihung in Hamburg© Tom Maelsa / Getty Images
Aber was können Gene schon richten gegen wahren Vaterstolz. Auf seiner jüngsten CD veröffentlichte der 41-Jährige eine Widmung, die härteste Zyniker zum Schlucken brachte: "Für meine Familie", schrieb Seal, "für meine Tochter Leni." Und bekannte in Interviews, dass er der Kleinen zuliebe Lieder erfinde und Deutsch lerne, "ich muss doch die Muttersprache meines Kindes können!". Die "Bunte", Fachblatt für Seelentiefe, analysierte nach einem Seal-Interview: "Was ihn endgültig unwiderstehlich macht, ist die Liebe zu einem Kind, das nicht einmal sein eigenes ist." Auch Seal behauptet, erst seine beiden German Girls sorgten dafür, dass Frauen auf ihn fliegen. Das bisschen Mörderstimme, das er schon vorher hatte, das Häuchlein Sexappeal, durch das seine Platten zu Welterfolgen avancierten - völlig unattraktiv gegen Spuckflecken am Revers. Seine einst gerühmten schönen Hände? Können wickeln, darauf kommt's an. Die Öffentlichkeit kann sich gar nicht satt sehen an dem Paar, dessen Beziehung vor anziehender Gegensätzlichkeit geradezu vibriert: Heidi das behütete Fräuleinwunder aus der Provinz, Seal die Kämpfernatur mit einigen düsteren Stellen in der Biografie; hier ganz blonde Energie, dort sehnsuchtsvolle Melancholie. Ihre Images prallen beinahe funkenstiebend aufeinander, ein PR-Traum: Wenn Heidi für Schönheit und Oberfläche steht, so steht Seal für Wahrheit und Tiefgang - sie gibt ihm Leichtigkeit, er gibt ihr Sex.
Denn Heidi Klum, eine der schönsten Frauen der Welt, hatte bislang immer etwas - nun ja, Unschuldiges. Ein kurviger Engel, der in knappsten Dessous für "Victoria's Secret" übern Laufsteg schwebte, nur sahen bei ihr die riesigen Flügel aus Federn und Glitzerwerk immer so aus, als wären es die eigenen. Ihr prachtvolles Dekolleté - zum Anbeißen, aber eben wie mit Puderzucker bestäubt, nichts für Carnivoren. Heidi war die süße kleine Sünde unter den Supermodels, nie verrucht, nie die Schlampe, nie die Diva, stets viel mehr liebens- als begehrenswert. Im amerikanischen Fernsehen laufen derzeit Spots für den Wäschekonzern, in denen Models sich in Strapsen rekeln - Heidi macht das so drollig selbstironisch, dass man unwillkürlich lächeln muss. Aber seit der Sache mit Seal, komisch, da ahnt man plötzlich, dass die Klum auf Arbeit das Kätzchen ist und zu Hause eine Frau aus Fleisch und Blut. Und ist gar nicht mehr verwundert, dass "Bild" sie gar "schamlos" nennt - eine Vokabel, die Heidi bisher so schlecht beschrieb wie magersüchtig oder freudlos.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 01/2005