New Orleans unter Wasser, Chaos im Irak - doch die US-Schlagzeilen beherrschten sie: Angelina Jolie, Brad Pitt und seine geschasste Ehefrau Jennifer Aniston. Sie sorgten für das aufregendste Melodram des Jahres - und 2006 geht's weiter.

Regierten 2005 die internationalen Titelseiten und auch 2006 wird man das ein oder andere über Angelina Jolie, Brad Pitt und Jennifer Aniston lesen dürfen
"Erwürg den Scheißkerl." Shirley MacLaine hält kurz inne, während die junge Frau neben ihr errötet und nach Luft schnappt, dann fügt sie achselzuckend hinzu: "Den Rat habe ich ihr gegeben. Was hätte sie denn sonst tun sollen? Es gibt nur eine Lösung. Den Scheißkerl erwürgen." Sie, das ist die 36-jährige Schauspielerin Jennifer Aniston. Sie sitzt neben Shirley MacLaine vor Journalisten in einer Hotel-Suite in Pasadena und war bis jetzt wild entschlossen, nur über die Komödie zu reden, die sie mit Hollywoods undamenhaftester Grande Dame gedreht hat; und zwar Ende vergangenen Jahres, als Amerikas sensationellstes und - für alle außer den Beteiligten - unterhaltsamstes Melodram zu schwelen begann. Im Januar fetzte es dann richtig los.
Der Scheisskerl, das ist Brad Pitt. Von dem hat sich Jennifer Aniston unlängst scheiden lassen, weshalb sie von der amerikanischen Bevölkerung angeblich tiefer bedauert wird als Mütter von gefallenen Irak-Soldaten. Die US-Zeitschrift "GQ" hat diese bemerkenswerte These aufgestellt, aber wer jetzt tadelnd den Kopf schüttelt, sollte sich vergegenwärtigen, dass es im Strudel der Berichterstattung über dieses Ehe-Dramolett eigentlich niemanden mehr gibt, der noch alle Tassen im Schrank hat.
Über keine zerbröselte Beziehung wurde 2005 mehr gerätselt und spekuliert, keine machte Paparazzi reicher. Selbst Tom Cruise, erfolgreichster Schauspieler von Hollywood, und seine schrill angebetete Verlobte Katie Holmes vermochten nur vorübergehend Glanz von diesem banal-tragischen Geschehen abzuziehen. Der Niedergang des Glamour-Paars Aniston-Pitt, vor fast genau einem Jahr offiziell eingeläutet und seitdem kontrapunktisch begleitet vom Aufstieg des Glamour-Paars Pitt und Angelina Jolie, spiegelte tiefe Sehnsüchte und Ängste wider, die vom Treiben einer zunehmend hysterischen Klatschindustrie nur gefüttert werden, nicht geweckt.
Fünfeinhalb Jahre ist es her, da feierte Jennifer Aniston in Malibu ein millionenteures Hochzeitsfest, streute glückselig ihr Lächeln in jede Kamera und verwandelte sich an der Seite ihres "Sexiest Man Alive" in Amerikas Liebling. Ein braun gebranntes, lustiges, herzliches Mädchen von nebenan mit beneidenswertem Haar und prächtigen Zähnen, gleichwohl niemals zu prächtig, sodass jede Hausfrau im Mittleren Westen oder jede "Friends"-Serienzuschauerin im fernen Deutschland sich mit ihr identifizieren konnte. Pitt, einer der schönsten Männer Hollywoods, wurde durch ihren gedämpften Sexappeal noch begehrter; Aniston hielt ihn am Boden. "Die ganze Welt war bereit, ihre Super-Ehe zu bejubeln", sagt die US-Klatschkolumnistin Liz Smith. "Ihr Super-Haus, ihre Super-Karrieren, ihr Super-Baby. Nun gibt es halt stattdessen die Super-Scheidung."

Bei der Premiere ihres gemeinsamen Films "Mr. & Mrs. Smith" vermieden Pitt und Jolie Körperkontakt und schoben Produzenten Arnon Milchan in ihre Mitte© Kevin Winter/Getty Images
In Interviews erklärten Pitt wie Aniston mehrmals unbehaglich, dass ihnen die Rolle des Vorzeigepaars nicht passe; sie hätten Probleme wie andere Leute auch. Genau darum ging es natürlich: Die beiden lebten die Hollywood-Version von jedermanns Beziehungsalltag. Unser kleines Leben, vorgespielt von Göttern. Wie aufregend, wie tröstlich. Da geht es genauso um Eifersucht und Betrug; um den Kummer, den anderen mehr zu lieben, als man geliebt wird; um die Frage, wann endlich die Zeit kommt für ein Baby. Und natürlich - Auftritt Angelina Jolie! - die Angst vor der neuen, umwerfend schönen Kollegin, für die der Scheißkerl sich neuerdings so sorgfältig anzieht.
Als das "Golden Couple" im Januar seine Trennung bekannt gab, hätte Jennifer Aniston wahrscheinlich gern in Ruhe über ihr weiteres Leben nachgedacht. Hätte gern auf dem Sofa gesessen, viel geheult. Mit Freundinnen geredet, mehr geheult. In ihren Lieblingsrestaurants alle Dickmacher verdrückt, bisschen geheult. Neue Schuhe gekauft, Nase geputzt. Sorgfältig Brandlöcher auf seine blöden Designer-Kommoden appliziert, bisschen gelacht. Aber vor den Lieblingslokalen und Schuhläden lagerten Paparazzi, und ihr Haus samt Sofa wurde ausgespäht von meterlangen Teleobjektiven. "Vermisse ich es, eine Privatsphäre zu haben?", fragt sie seufzend. "Natürlich."
In den vergangenen Monaten war Jennifer Aniston nicht weniger als neunmal auf dem Titel von "US Weekly". Eine Ausgabe davon - "Jens Rache" - ist die bestverkaufte Ausgabe in der fünfjährigen Geschichte des Blatts. "US Weekly" hat eine Auflage von anderthalb Millionen Exemplaren, die hauptsächlich mit Fotos von Stars auf dem roten Teppich, beim Einkaufen oder Ehebrechen gefüllt werden. Ganz ähnlich blättern sich "Star", "In-Touch", "Life&Style", "Celebrity Living" und "Inside TV"; ein Sammelsurium an Gefälligkeiten und Gemeinheiten ("Stars ohne Make-up!") auf einem an sich engen Markt, der vom Revolverblatt "National Enquirer" ganz unten und dem Familienheft "People" in Augenhöhe abgesteckt wird. Letzteres drückt jede Woche 3,6 Millionen Exemplare in ein Land des Hechelns: Jeder Popel liest "People".
Jeder Popel will wissen, wie es Jen geht. Was Brad macht. Wo Angelina steckt. Ungefähr 150 Paparazzi begeben sich allein in Los Angeles - dem Epizentrum der Klatschindustrie - auf ihre Fährte; vor zehn Jahren gab es hier nur 20 solcher Jäger. Als im April Fotos auftauchten von Pitt und Jolie am Badestrand von Mombasa, zahlte "US Weekly" die Rekordsumme von 500 000 Dollar. "Unsere Form von investigativem Journalismus", nannte der zuständige Bildredakteur das Sümmchen. Die Jagd geht weiter; für Bilder von einem Spaziergang der beiden mit Händchenhalten "ist die Bezahlung nach oben offen", weiß Gary Morgan von der Paparazzi-Agentur "Splash".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 2/2006