Für sein bewegendes Interview mit Inge Jens, deren Mann Walter Jens an Demenz erkrankt ist, wurde stern-Autor Arno Luik jetzt als Kulturjournalist des Jahres ausgezeichnet. Der wortgewaltige Professor Jens versank in eine Welt jenseits der Sprache, jenseits der Gedanken. Hier das Interview. Von Arno Luik

Seit 57 Jahren sind Inge und Walter Jens verheiratet. 2003 schrieben sie den Bestseller "Frau Thomas Mann". Inge Jens: "Dass uns das noch gelungen ist, war eine späte Gnade"© Volker Hinz
Am Esstisch in seiner Wohnung sitzt Walter Jens, er trägt einen farbigen Ringelpullover und Bluejeans. Überall stehen Blumen, vor zwei Wochen ist Jens 85 Jahre alt geworden, die Spitzen des Staates gratulierten ihm, sie feierten ihn als "letzten großen Intellektuellen der Republik", als "sprachmächtigen Aufklärer". Etwas zusammengesunken sitzt er jetzt da, er schaut auf seine Hände. Seine Frau sagt zu ihm: "Es sind Gäste hier. Kennst du noch Herrn Luik?" Walter Jens blickt auf, lächelt freundlich, sagt mit merkwürdig heller, fast kindlich-fröhlicher Stimme: "Ja, ja!" Dann blickt er wieder auf den Tisch, auf die Hände. "Kennst du auch noch den Fotografen, Herrn Hinz?" Walter Jens blickt wieder auf, lächelt freundlich, sagt im gleichen Tonfall: "Ja, ja!" Dann blickt er wieder auf den Tisch, auf die Hände. Plötzlich weint er.
Nein, das bin ich nicht, aber ich bin jemand, der seinen Partner verloren hat. Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr. Dass ich seine Frau bin, das sagt ihm nichts. Ich bin ihm irgendwie vertraut, das spüre ich, so vertraut wie ein altes Möbelstück. Die wirklich harte, unendlich traurige, schmerzvolle Zeit habe ich allerdings hinter mir.
Ja. Was Sie wahrscheinlich kaum realisieren können, ist, was es heißt, dass der Mann, der aussieht, als wenn er der Ihre wäre, der Ihre nicht mehr ist.
Er ist nicht mehr mein Mann. Die Krankheit hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Damit muss ich umgehen. Manchmal erinnert er mich noch an meinen Mann, in manchen Gesten erkenne ich ihn wieder, manchmal ist er so anders, dass ich sage: "Gott sei Dank, er ist es nicht!" Er ist in einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe.
Wir waren jetzt 57 Jahre verheiratet, und unser Fundament war das gleichberechtigte, das fortlaufende Gespräch. Aber er kann nicht mehr reden. Er hat keine Gedanken mehr. Wenn er im Rollstuhl säße, körperliche Schmerzen hätte, wäre ich auch traurig, aber es wäre sicherlich einfacher, weil ich ihn noch durch Worte erreichen könnte. Ich würde ihn aber nie verlassen.
Nein, nein, das Sterben ist nicht aktuell. Ich sehe einem Entschwinden zu.
Mein Mann ist mir in den vergangenen Jahren nach und nach entglitten. Und als er verschwand, erst unmerklich, dann so unaufhaltsam- unabwendbar, das war fürchterlich. Ich habe nur gefühlt, wie er mir entgleitet, ohne dass ich wusste, wohin er geht, ohne dass ich ihm hätte folgen, ohne dass ich ihn hätte auffangen können. Heute weiß er nicht mehr, dass ihm eine Welt zusammengebrochen ist. Aber der Weg bis dahin war lang. Er - auch ich -, wir haben eine schlimme Zeit hinter uns, als …

stern-Autor Arno Luik mit Inge und Walter Jens in deren Tübinger Haus© Volker Hinz
Vor vier Jahren begann es, Tag für Tag ließen seine Arbeitskonzentration und seine kommunikativen Fähigkeiten nach, er spürte, sein Geist verlässt ihn, ohne zu wissen, was mit ihm geschieht. Er war von Anfang an verzweifelt, aber hat nicht gewusst, was auf ihn zukommt. Die Welt war ihm, er war sich wohl selbst zu einem Rätsel geworden. Da war plötzlich Angst in ihm. Fragen. Entsetzen, ungeheure Aggressionen. Er schlug um sich vor Verzweiflung. Mein Mann, der nie im Leben irgendwie, irgendwas, irgendwen geschlagen hat! Dann überkam ihn große Traurigkeit. Eines Morgens stand er vor diesem Bild dort an der Wand, sein Gott Fontane, den er liebt und in- und auswendig kennt - oder muss ich sagen: kannte? Er stand davor, blickte auf den Mann mit dem Schnauzer und fragte: "Wer war das noch mal?"
Es ist grauenhaft. Er fühlte, etwas Unfassbares passiert mit mir, er konnte noch gehen, reden, er hatte keine Schmerzen - aber im Kopf passierte etwas, das ihm seine Fähigkeiten raubte, klar zu denken. Was ihn sein ganzes Leben ausgezeichnet hatte, dieses zielsichere Denken - es verschwand. Am Anfang fiel mir das gar nicht so richtig auf, ich hielt es für einen depressiven Schub.
… dass uns das gelungen ist, war eine späte Gnade. Es war eine gemeinsame Freude mit segensreichen Folgen: Ohne diesen kommerziellen Erfolg könnte ich die gute Pflege - und da haben wir es besser als viele andere in ähnlicher Lage - gar nicht bezahlen, wäre mein Mann vielleicht schon im Heim, vielleicht schon tot. Allerdings muss ich sagen, bei unserem zweiten Buch, "Katias Mutter", das wir vor drei Jahren beendet haben, war es schon ein bisschen schwierig. Er gab mir Dinge zu lesen, die gingen an den Problemen vorbei. Er fing an, Zeitsprünge zu machen, schrieb über Nebensachen 10, 15 Seiten. Ich versuchte mit ihm darüber zu reden, er wurde dann schnell aggressiv. Nein, nein, wir haben uns nicht angeschrien - aber es klappte einfach nicht mehr.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 15/2008