Cory Kennedy hat eine globale Fangemeinde. Dabei kann das Cybergirl aus Kalifornien weder singen, noch besitzt es andere offensichtliche Talente. Cory spielt Cory - ein Lehrstück in Sachen Selbstvermarktung im World Wide Web. Von Christine Kruttschnitt

Mark Hunter (r.) liebt die Gesetze des Marketings und nutzt sie nach eigenem Gusto. Das Traumteam, diesmal bei der Virgin Mobile VMA Post Party in der Gottham Hall© Roger Kisby/Getty Images
Neulich sprach Mark, die Kobraschlange,
mit seinem Freund, dem DJ,
über den verblüffenden Erfolg ihrer
gemeinsamen Freundin Cory Kennedy.
"Alter, was hältst du von dieser ganzen
Cory-Sache?", fragte die Kobraschlange ein
wenig ratlos.
"Ist verrückt", erwiderte der DJ.
"Weil, sie sieht ja irgendwie komisch
aus", sagte die Kobraschlange, "eigentlich
nicht wie ein Model."
"Näh", sagte der DJ.
"Sie kann nicht singen", überlegte die
Kobraschlange laut.
Der DJ ächzte zustimmend.
"Ich weiß auch nicht, ob sie schauspielern
kann", fuhr die Kobraschlange zögerlich fort.
Der DJ schüttelte den Kopf.
"Aber irgendwie…", seufzte die Kobraschlange, "…irgendwas…"
"… hat sie", sagte der DJ fest.
Und so kamen der Party-Fotograf Mark Hunter - als "Mark the Cobrasnake" Präsentator einer bunten Bildergalerie im Internet - und der Indie-Rock-Musikproduzent Steve Aoki ebenfalls zu dem Schluss, in den jede Erklärung für das eigentümliche Phänomen Cory Kennedy mündet: Sie hat halt was.
Nun braucht sich niemand zu schämen, der in seinem Leben noch nie von Cory Kennedy gehört hat. Die 18-jährige Kalifornierin geisterte bis vor Kurzem hauptsächlich auf jener Webseite herum, die Mark Hunter zu nächtlicher Stunde in seinem Haus in Los Angeles mit frisch geschossenen Party-Fotos bestückt. Bilder von gut gelaunten jungen Leuten in kühnen Outfits, Jungs mit Hut und Mädchen mit rausgestreckter Zunge, nackte Bäuche, bierverklebte Böden, Küsse, Rülpser, Lacher. Dazwischen immer wieder die schmale Cory mit ihren Watte-Haaren und kugelrunden Augen; der typische mangelernährt amerikanische Teenager auf Stelzenbeinen und in Klamotten, die selbst auf vier weitere Personen verteilt noch krass fehlkombiniert wirken.
25 000 Menschen klicken diese Seite täglich an. Und auch wenn Nicht-Cory-Kenner nun aufatmen - ach soooo! Ist ja alles nur Subkultur! -, so hat diese Tatsache doch dazu geführt, dass Mark Hunter sich mit seinen 22 Jahren gerade eine Immobilie für beinahe eine Million Dollar gekauft hat und als selbstständiger Jungunternehmer Großkonzernen wie T-Mobile erzählt, wie sie coole Werbung machen und noch coolere Partys veranstalten können. Und dass Cory Kennedy von den "alten Medien" - liebe Leser: Das sind wir - als modisches "It-Girl" entdeckt, auf Zeitschriftentiteln gefeiert wird und nun Werbung für Kosmetik macht und, ausgerechnet: für Haarprodukte. "Sie ist die Stimme unserer Generation", verkündet Hunter, und auch wenn diese Stimme nichts zu sagen hat, so wird sie doch gehört.

Cory Kennedy bei der Mercedes Benz Fashion Week in Kalifornien© Charley Gallay/Getty Images
Denn was als Manko scheint, ist in Wahrheit der Kobraschlange stärkste Waffe: Nicht die Masse folgt ihr, sondern in fast jeder Metropole eine Hundertschaft eigensinniger Kids, die heute entscheiden, was übermorgen Mode wird. Welche Kopfhörer getragen, welche Bands gehört werden. Welche Designer in sind, welche Turnschuhe out. Hunter ist Teil dieser Szene - und gleichzeitig ihr Verkäufer. "Ich gehe mit diesen Leuten aus, ich sehe, was sie mögen, worüber sie sich lustig machen. Eine Zeit lang habe ich auf jeder Party - sei es hier in L. A. oder in Tokio oder in Paris - Kids mit diesen billigen, auffälligen Sonnenbrillen geknipst. Und zack, bekam ich den Auftrag von Converse, eine Werbekampagne für ihre neue Brillenkollektion zu fotografieren - die haben kapiert, was gerade läuft."
Hunter wird bezahlt dafür, dass er auf Feste geht - oft mit mehreren Zehntausend Dollar pro Abend. Er hat Fans, die ihn auf der Straße anquatschen, und Party-Girls wie Lindsay Lohan oder Paris Hilton werfen sich vor seine Kamera wie Flocke ins kalte Wasser. Auf seiner Seite www.thecobrasnake.com verkauft er selbst entworfene T-Shirts und preist Underground-Bands.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2008