So freudvoll kann Feminismus sein: Die Autorinnen Charlotte Roche und Ariadne von Schirach plädieren für ein Körperbewusstsein jenseits von Rasurzwang und Beauty-Terror - und erzählen, warum Frauen auch mal ins Bordell gehen sollten. Von Silke Müller und Andrea Ritter

Ariadne von Schirach lebt als freie Autorin in Berlin. Charlotte Roche lebt in Köln. Ihr Roman "Feuchtgebiete" sorgt für Gesprächsstoff.© Birgit Klemt
Sehr positiv. Aber das ist ja auch klar. Die kennen das Buch oder ahnen zumindest, was auf sie zukommt. Übrigens sind immer sehr viele Frauen im Publikum. Und je mehr Frauen da sind, umso lauter wird gelacht.
Das kann gut sein. Es gibt immer eine Handvoll voyeuristischer Männer, die ein bisschen vor sich hingeifern.
Klar. Und trotzdem gibt es Leute, die das abstreiten. Die sagen: "Quatsch, dein Buch ist keine Pornografie und keine Wichsvorlage." Denen würde ich immer antworten: "Doch, das ist es. Auch." Es gibt pornografische Stellen. Und es eignet sich stellenweise als Wichsvorlage. Männer geben das meistens auch zu. Frauen reden da überhaupt nicht drüber. Bisher hat keine Frau freiwillig gesagt: "Hu, da wird einem ja untenrum ganz schön warm." Ich muss das aus denen rausprügeln. Dabei fände ich es super, wenn Frauen das dafür benutzen würden.
Zunächst mal: Ich bin nicht grundsätzlich gegen jede Art von Pornografie. Sondern dagegen, dass wir die Körper-Ideale, die im Porno produziert werden, auf unseren Alltag übertragen. Charlottes Buch wehrt sich ebenfalls gegen diese Ideale. Da findet eine Frau eine Sprache für ihr Begehren. Das ist immer noch sehr selten.
Roche: Natürlich ist es eine klassische Männerfantasie, einer Frau beim Masturbieren zuzugucken. Für Frauen gibt es solch klassische Fantasien nicht. Das kann man nicht umdrehen. Eine Frau findet das zum Beispiel nicht unbedingt erotisch, einen masturbierenden Mann zu beobachten. Frauen sagen eher: "Äh, ekelhaft, der Kerl masturbiert."
Roche: Das ist dann eher so, dass die daraus was lernen wollen. Ich habe gemerkt, dass die Frauen sich aus dem Buch Sachen rauspicken, die mit ihrem Leben zu tun haben. Es ist ja kein Zufall, dass ich mit Frauen so viel über Rasur reden muss. Die Frauen sind so dankbar, dass man mal darüber redet, wie anstrengend es eigentlich ist, seinen Körper andauernd zu enthaaren. Neulich hat eine Frau nach einer Lesung zu mir gesagt, dass dieser Rasurzwang bei ihr so weit fortgeschritten ist, dass sie keinen Sex mit ihrem Ehemann hat, wenn sie sich einen Tag die Beine nicht rasiert hat.
Roche: Mitte 30, schätze ich. Die denkt, ihr Mann findet einen Tag alte Beinstoppeln so ekelhaft, dass sie lieber sagt: "Oh, ich kann jetzt nicht, ich muss kurz ins Badezimmer." Das ist doch schrecklich. Die Beinstoppeln stehen über der Lust und über dem Sex.
Von Schirach: Das klingt jetzt nach einem lustigen Einzelfall - und tatsächlich merkt man ja erst, wie absurd das ist, wenn man es ausspricht. Dieser ganze Körperoptimierungswahn setzt uns die ganze Zeit unter Druck, auch unbewusst. Wie in den USA beispielsweise, wo viele junge Frauen mit Pornos sozialisiert werden - da ist das Ergebnis ja nicht etwa eine freiere Sexualität.
Von Schirach: Die Frauen lernen aus Pornos, dass beim Sex wahnsinnig gestöhnt werden muss - und zwar nicht, weil ihnen danach ist, sondern weil das als klassisches Accessoire zum Sex dazugehört. Die Folge ist, dass so viel Energie in die Performance fließt, dass sie die eigene Lust vergessen. Genau wie beim Rasurzwang. Erst wenn ich komplett enthaart und superschlank bin, wenn jedes Körperteil gepimpt ist, also optimiert - erst dann bin ich begehrenswert. Deswegen sage ich: Hey, wir müssen den Sex zurückerobern! Das ist etwas, das uns gehört! Der Körper ist kostbar, und unsere Lust ist es auch!
Roche: Wirklicher Sex ist viel tierischer. Und es ist egal, wie man aussieht, es spielt keine Rolle, ob man Haare an den Beinen hat. Und dass man viel freier und wilder und vielleicht auch viel ekelhafter aussieht beim Kopulieren als die Frauen in den Pornofilmen. Ich würde mir wünschen, dass Frauen mit ihrer Sexualität und ihrem Körper selbstbewusster umgehen. Dass sie Sachen ausprobieren.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 12/2008