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25. März 2008, 09:46 Uhr
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"Wir müssen den Sex zurückerobern!"

So freudvoll kann Feminismus sein: Die Autorinnen Charlotte Roche und Ariadne von Schirach plädieren für ein Körperbewusstsein jenseits von Rasurzwang und Beauty-Terror - und erzählen, warum Frauen auch mal ins Bordell gehen sollten. Von Silke Müller und Andrea Ritter

Ariadne von Schirach lebt als freie Autorin in Berlin. Charlotte Roche lebt in Köln. Ihr Roman "Feuchtgebiete" sorgt für Gesprächsstoff.© Birgit Klemt

Frau Roche, in Ihrem Buch "Feuchtgebiete" geht es um ein 18-jähriges Mädchen, das sich - unter anderem - Avocadokerne einführt und über Körpergerüche philosophiert. Jetzt sind Sie auf Lesereise. Wie reagiert das Publikum?

Sehr positiv. Aber das ist ja auch klar. Die kennen das Buch oder ahnen zumindest, was auf sie zukommt. Übrigens sind immer sehr viele Frauen im Publikum. Und je mehr Frauen da sind, umso lauter wird gelacht.

Und die Männer? Wollen die sich nicht vielleicht einfach mal die Frau anschauen, die so explizit über Sex schreibt?

Das kann gut sein. Es gibt immer eine Handvoll voyeuristischer Männer, die ein bisschen vor sich hingeifern.

Das fordert Ihr Buch ja auch heraus.

Klar. Und trotzdem gibt es Leute, die das abstreiten. Die sagen: "Quatsch, dein Buch ist keine Pornografie und keine Wichsvorlage." Denen würde ich immer antworten: "Doch, das ist es. Auch." Es gibt pornografische Stellen. Und es eignet sich stellenweise als Wichsvorlage. Männer geben das meistens auch zu. Frauen reden da überhaupt nicht drüber. Bisher hat keine Frau freiwillig gesagt: "Hu, da wird einem ja untenrum ganz schön warm." Ich muss das aus denen rausprügeln. Dabei fände ich es super, wenn Frauen das dafür benutzen würden.

Frau von Schirach, Sie unterstützen die "PorNo"-Kampagne der "Emma" und attestieren unserer Gesellschaft eine fortschreitende Pornografisierung. Was halten Sie von Charlotte Roches Buch?

Zunächst mal: Ich bin nicht grundsätzlich gegen jede Art von Pornografie. Sondern dagegen, dass wir die Körper-Ideale, die im Porno produziert werden, auf unseren Alltag übertragen. Charlottes Buch wehrt sich ebenfalls gegen diese Ideale. Da findet eine Frau eine Sprache für ihr Begehren. Das ist immer noch sehr selten.

Aber wäre für Frauen eine andere Projektionsfläche nicht aufregender als dieses 18-jährige Mädchen im Buch?

Roche: Natürlich ist es eine klassische Männerfantasie, einer Frau beim Masturbieren zuzugucken. Für Frauen gibt es solch klassische Fantasien nicht. Das kann man nicht umdrehen. Eine Frau findet das zum Beispiel nicht unbedingt erotisch, einen masturbierenden Mann zu beobachten. Frauen sagen eher: "Äh, ekelhaft, der Kerl masturbiert."

Kann es sein, dass Frauen masturbierende Frauen interessanter finden?

Roche: Das ist dann eher so, dass die daraus was lernen wollen. Ich habe gemerkt, dass die Frauen sich aus dem Buch Sachen rauspicken, die mit ihrem Leben zu tun haben. Es ist ja kein Zufall, dass ich mit Frauen so viel über Rasur reden muss. Die Frauen sind so dankbar, dass man mal darüber redet, wie anstrengend es eigentlich ist, seinen Körper andauernd zu enthaaren. Neulich hat eine Frau nach einer Lesung zu mir gesagt, dass dieser Rasurzwang bei ihr so weit fortgeschritten ist, dass sie keinen Sex mit ihrem Ehemann hat, wenn sie sich einen Tag die Beine nicht rasiert hat.

Tatsächlich? Wie alt war die Dame?

Roche: Mitte 30, schätze ich. Die denkt, ihr Mann findet einen Tag alte Beinstoppeln so ekelhaft, dass sie lieber sagt: "Oh, ich kann jetzt nicht, ich muss kurz ins Badezimmer." Das ist doch schrecklich. Die Beinstoppeln stehen über der Lust und über dem Sex.

Von Schirach: Das klingt jetzt nach einem lustigen Einzelfall - und tatsächlich merkt man ja erst, wie absurd das ist, wenn man es ausspricht. Dieser ganze Körperoptimierungswahn setzt uns die ganze Zeit unter Druck, auch unbewusst. Wie in den USA beispielsweise, wo viele junge Frauen mit Pornos sozialisiert werden - da ist das Ergebnis ja nicht etwa eine freiere Sexualität.

Sondern?

Von Schirach: Die Frauen lernen aus Pornos, dass beim Sex wahnsinnig gestöhnt werden muss - und zwar nicht, weil ihnen danach ist, sondern weil das als klassisches Accessoire zum Sex dazugehört. Die Folge ist, dass so viel Energie in die Performance fließt, dass sie die eigene Lust vergessen. Genau wie beim Rasurzwang. Erst wenn ich komplett enthaart und superschlank bin, wenn jedes Körperteil gepimpt ist, also optimiert - erst dann bin ich begehrenswert. Deswegen sage ich: Hey, wir müssen den Sex zurückerobern! Das ist etwas, das uns gehört! Der Körper ist kostbar, und unsere Lust ist es auch!

Roche: Wirklicher Sex ist viel tierischer. Und es ist egal, wie man aussieht, es spielt keine Rolle, ob man Haare an den Beinen hat. Und dass man viel freier und wilder und vielleicht auch viel ekelhafter aussieht beim Kopulieren als die Frauen in den Pornofilmen. Ich würde mir wünschen, dass Frauen mit ihrer Sexualität und ihrem Körper selbstbewusster umgehen. Dass sie Sachen ausprobieren.

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Ausgabe 12/2008

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Administrator (25.03.2008, 11:13 Uhr)
Kommentare gelöscht
Liebe User,
wir haben einzelne Kommentare gelöscht, da diese persönliche Beleidigungen enthielten oder sehr unsachlich waren.
Viele Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Kalox (25.03.2008, 10:44 Uhr)
lachhaft
die logik hinter all dem inhaltsleerem gefasel erschliesst sich mir nicht. wir (menschen) wollen alles ästhetisch haben: autos, möbel, häuser, kleidung etc. und dann soll ausgerechnet der menschen als zentrales element in einer gesellschaft ungepflegt und quasi asozial sein? ausserdem fand ich die bemerkung, dass roche attraktiv sein soll, fast schon zynisch, bei der anderen sieht das komplett anders aus...
jedifreund82 (25.03.2008, 10:15 Uhr)
Ui...
... Spießertum at its best *g*
logon (25.03.2008, 09:33 Uhr)
...
mir fällt es schwer CR als Frau zu bezeichnen....meine Freundin sitzt neben mir und wäre zutiefst beleidigt
michianso (25.03.2008, 08:42 Uhr)
Im Westen nichts Neues aber doch Wahres
Die Intention der Autorinnen stelle ich in den Hintergrund und vieles ist sicher altbekannt, aber dennoch bewahrheitet und immer noch interessant.
Selbstverständlich haben wir Männer ein Frauenidealbild geschaffen und das schon über Jahrhunderte hinweg, in allen Kulturen. Warum laufen muslimische Frauen mit Kopftüchern oder Ganzkörpergewändern durch die Gegend? Warum dürfen sie in vielen Ländern nicht mal Autofahren? Weil die Männer es so wollen. (Religion? Die wurde von Männern entwickelt, schliesslich durften seinerzeit nur Männer lesen und schreiben lernen.) Warum hat sich über viele Jahrzehnte das Bild geprägt, dass Frauen hinter den Herd gehören die Kinder erziehen sollen. Und das war nicht nur ein Bild, das war auch tatsächlich so. Fragt Eure Grosseltern, in dieser Generation (und denen davor) kannte man nichts anderes. Auch mussten Frauen immer das brave Püppchen sein, das macht was man ihm sagt, adrett aussehen, fröhlich lächeln, gefügig sein, das nette Anhängsel spielen, das Accessoire. Auch ist es definitiv so, dass Frauen in derselben Position wie Männer weniger verdienen. Ich kenne selbst genügend Beispiele in meinen bisherigen Unternehmen. Der Gipfel ist bislang, dass ich eine gute Kollegin habe, die einen Rang über mir steht, aber 10% weniger verdient.
Wer hier noch etwas von Feministinnenscheisse erzählt, ist nichts anderes als ein weltfremdes proletarisches Chauvinistenschwein.
Was jedoch an Körperpflege und Rasur auszusetzen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Was ist wohl schöner anzusehen und auch anzufassen, ein behaartes (oder stoppeliges) Bein oder ein seidenglatt rasiertes? Was für ein Feuchtgebiet ist beim Oralsex wohl angenehmer zu erkunden, eines mit Urwald oder eines mit kleinem, gepflegtem Englischen Garten? Für mich keine Frage. Und, liebe Frauen, gebt es zu: Euch gefällt das auch besser. Und auch andersherum: An was für einer Brust wollt Ihr lieber knabbern, an der stark behaarten wabbeligen oder an der blanken knackigen? Wollt Ihr einen Mann mit Achselhaaren, in denen sich der ganze Schweiss und damit Bakterien und Gerüche ansammeln? Sicher nicht. Ich auch nicht. Also tue ich auch etwas dafür. Und erwarte aber dasselbe von einer Frau. Also wo ist dabei das Problem? Ich eifere damit nicht irgendwelchen künstlichen Pornoidealen nach oder verzehre mich nach denen, sondern ich tue etwas um das zu erlangen, was für mich Ästhetik bedeutet. Dass diese einem gesellschaftlichen Wandel unterzogen ist und in jeder Epoche anders aussieht, ist eine Sache kultureller Entwicklung und damit völlig normal. Wie stark man dieser nacheifert und für sich als Massstab nimmt, bleibt einem jedoch selbst überlassen.
Aber auch hier ist es in unserer Gesellschaft tatsächlich so, dass man eher eine Venus mit Bud Spencer antrifft als ein Adonis mit einer Rubens-Frau.
Aber das liegt m.E. vor allem daran, dass Frauen unbedingt einen Partner wollen. Und warum das? Weil die biologische Uhr kein Hirngespinst ist, sondern eine natürliche Einrichtung. Schliesslich ist einer der Urtriebe eines Lebewesens die eigene Arterhaltung. Also nimmt man zur Not auch einen, der augenscheinlich vielleicht weniger attraktiv ist. Aber auch für diesen muss man etwas zu bieten haben. Und da die (weibliche) Konkurrenz grossteils den Schönheitsidealen nachkommt und sich eben mit Cremes pomadiert und Haare zupft, tut man das eben auch um mindestens gleichziehen zu können. Das liebe Frauen, ist aber hausgemachtes Problem. Wie von den Autorinnen schon gesagt: Man muss sich im eigenen Körper wohl fühlen und wenn das nun mal bedeutet, sich die Haare entfernen und ins Fitnessstudio rennen zu müssen, dann ist das eben in Kauf zu nehmen. Letztendlich kann das aber jede(r) für sich entscheiden.
Bebuquin (25.03.2008, 00:17 Uhr)
Von Männern aufgedrängt?
Wenn ich lese:
"Frauen haben sich jahrhundertelang mit absurden, von Männern entwickelten Vorstellungen herumschlagen müssen."
Würde ich von dieser Frau von Schirach, die sich mir im Interview ein wenig zu penetrant im Selbstmitleid suhlt, wissen, wie das denn ausgesehen haben soll? Haben sich irgendwo Männer in einem konspirativen Zirkel getroffen und überlegt, was sie jetzt an neuen weiblichen Schönheitsidealen propagieren könnten? Mir greift diese Erklärung einfach zu kurz.
Auch das absurde Bild von Pornographie in diesem Interview ist schon reichlich komisch. Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass es nur Hochglanzpornographie gäbe und sonst nichts. Wer sich dann sein Schönheitsideal nach Silikontitten und Bodybuildermuskeln kontruiert, ist wirklich selbst schuld...
Dewerth (24.03.2008, 17:47 Uhr)
Tja...
...Hühner interviewen Hühner. So what?
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