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Die Auflagen-Millionäre

Die Bücher "Wanderhure" und "Ketzerbraut" machten die Autoren Iny Klocke und Elmar Wohlrath bekannt - und reich. Der beste Stoff ist jedoch ihre Lebensgeschichte.

"Wanderhure"-Autorenduo Iny Lorentz in ihrem Wohnwagen

Sie sind Iny Lorentz: Elmar Wohlrath und Iny Klocke in ihrem Wohnzimmer in Poing bei München. Sie tragen gern Partnerlook. Die goldene Schallplatte gab's für das Hörbuch der "Wanderhure".

Einmal hätte es die Wanderhure fast erwischt. Sie lag schon tot im Sarg, betrauert von ihren Nachfahren. Doch dann ließen ihre Schöpfer sie wiederauferstehen. Denn die Wanderhure darf nicht sterben. So will es der Verlag. Und so strichen Iny Klocke und Elmar Wohlrath die Szene wieder, die Wanderhure Marie blieb am Leben und wird auch weiterhin von ihren Schöpfern ins Abenteuer geschickt werden und Geld mit nach Hause bringen. 2018 soll der nächste Band erscheinen.

"Wanderhure"-Autorenduo Iny Lorentz in ihrem Wohnwagen

Vitrinenschränke voll mit eigenen Werken, dazu Mitbringsel von Recherchereisen

Mehr als 13 Millionen Bücher haben Iny Klocke und Elmar Wohlrath bislang verkauft. Sie ist 68 Jahre alt, er 64, seit 35 Jahren sind sie verheiratet. Ihr Haus im Münchner Vorort Poing, ein terrakottafarbener Bungalow in einer Neubausiedlung mit Sichtschutzzäunen und langen Garagenreihen, quillt fast über vor Büchern. Im Erdgeschoss ziehen sich Vitrinenschränke vom Wohnzimmer durch ihre zwei Arbeitszimmer. Darin: Ausgaben aller ihrer Romane, Hard cover, Taschenbuch, Übersetzungen, Hörbücher, dazwischen Fantasy-Figuren aus Porzellan und Mitbringsel von Recherche reisen. "Trophäenschränke" nennt das Paar die Vitrinen. Im Wohnzimmer hängt eine Goldene Schallplatte für das Hörbuch der "".

Zehn bis zwölf Seiten pro Tag produzieren die Autoren

31 historische Romane haben Klocke und Wohlrath bisher unter dem Namen geschrieben, mit Titeln wie: "Die Ketzerbraut", "Die Wanderapothekerin", "Die Pilgerin". Hinzu kommen: Fantasybücher unter dem Pseudonym Sandra Melli über die Katzenfrau Laisa; historisch-erotische Fantasyromane unter dem Namen Mara Volkers; Jugendbuch-Fantasy als Diana Wohlrath, als Nicola Marni Thriller über einen Geheimagenten; als Nike Andeer Krimis mit einer jungen Wissenschaftlerin aus Augsburg als Ermittlerin; Heimatromane im bäuerlichen Umfeld als Anni Lechner.

Das ist ein Pensum, bei dem man als Autor nicht darauf warten kann, dass einen die Muse küsst, einem zufällig ein raffinierter Plot-Twist einfällt oder bei dem man stundenlang an einer einzigen Formulierung feilt. So ein Pensum schafft man nur, indem man es diszipliniert abarbeitet. Zehn bis zwölf Seiten pro Tag produziert das Autoren-Duo. Er schreibt, sie überarbeitet, hinzu kommt die Recherche in Geschichtsbüchern und auf Reisen.

Das Paar hat Verpflichtungen zu erfüllen: einen "11er-Vertrag" haben die beiden aktuell mit ihrem Verlag abgeschlossen, das heißt: Elf Bücher müssen sie mindestens noch liefern, die sind durchgeplant bis 2024. Elmar Wohlrath wirft mit Jahreszahlen und altertümlichen Vornamen um sich, wenn er darüber spricht, redet von Garibald, Falko, "Gudrid kommt 20, den für 19 haben wir noch nicht angefangen, da machen wir eine Recherchereise nach Kärnten und Venetien."

"Wanderhure"-Autorenduo Iny Lorentz in ihrem Wohnwagen

Klocke und Wohlrath verfassen seit 35 Jahren Geschichten. Sie erfinden sie zusammen, er schreibt, sie überarbeitet.

Vier Bücher pro Jahr, das ist das Soll, das Klocke und Wohlrath erfüllen wollen. Warum tut man sich dieses Pensum an, wenn man längst zu den etabliertesten und bestverdienenden Autoren gehört und außerdem in einem Alter ist, in dem andere in Rente gehen? Das Ehepaar dürfte einen zweistelligen Millionenbetrag verdient haben, sechs Werke wurden verfilmt, "wir standen insgesamt 791 Wochen auf der Bestsellerliste", sagt Wohlrath. Wenn man so viel erreicht hat, warum reduziert man nicht, auf ein, zwei Romane pro Jahr?

"Wir sind noch zu jung, um unsere Karriere zu beenden"

Iny Klocke schnaubt empört. "Sollen wir dabei zusehen, wie der Name Iny Lorentz aus den Buchhandlungen verschwindet? Sicher nicht. "Wir sind noch zu jung, um unsere Karriere zu beenden."

Um zu verstehen, was die beiden Autoren antreibt, muss man sich ihre Lebensgeschichten anschauen. Dramaturgisch gesehen könnten die auch Stoff für ihre Bücher sein: harte und entbehrungsreiche Kindheit, dazu ein großer Traum, den sie erst nach vielen Rückschlägen verwirklichen können, dann ein fast märchenhaftes Happy End.

Klocke wuchs in Köln auf, als Scheidungskind bei den Großeltern. Ihr Großvater, "ein schwieriger Mann", wie sie sagt, verbot ihr, mit anderen Kindern zu spielen. Iny flüchtete sich in die Welt der Bücher, las sich quer durch die Stadtbibliothek. Ein Buch, das sie mit acht oder neun Jahren auslieh, beeindruckte sie besonders: "Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters." Es beschreibt, wie die einfachen Menschen früher gelebt haben, die kleinen Leute. Mit zwölf beschloss Iny, Schriftstellerin zu werden, schrieb erste Geschichten.

Elmar Wohlrath wurde auf einem Bauernhof in der Nähe von München groß, sein Vater starb, als er zehn Jahre war, und von da an musste Elmar mit seiner Mutter allein den Hof bewirtschaften. Auch er las, was er in Bibliotheken finden konnte, "ich fraß die Bücher förmlich".

Kennengelernt haben sich Klocke und Wohlrath 1977 in einem Fantasy-Fanklub, in dem man per Brief Rollenspiele mit Magiern, Kriegern und Druiden verfasste und sich zu Treffen verabredete. Anderthalb Jahre schrieben sich Klocke und Wohlrath Briefe, bevor sie sich erstmals trafen. 1982 heirateten sie.

"Wanderhure"-Autorenduo Iny Lorentz in ihrem Wohnwagen

Das Ehepaar verreist gern mit dem Wohnwagen. Während der Frankfurter Buchmesse übernachteten sie auf einem Campingplatz. Iny Klocke mag keine Hotels.

35 Jahre später scheint das Ehepaar zu einer Symbiose verschmolzen: Sie tragen Partnerlook, T-Shirts mit Fantasy-Motiven, Katzen mit Wahrsagerkugeln, Tiger, Adler, darüber oft Lederwesten. An Halsketten tragen sie ihre Eheringe, Nachbildungen aus "Der Herr der Ringe". Iny Klocke vervollständigt die angefangenen Sätze ihres Gatten, beim Mittagessen im kroatischen Restaurant "Bei Onkel Ivo" in Poing bestellen beide Pfannkuchensuppe, Cevapcici, Schwarztee. Sie halten ständig Händchen. Und ihre Rollen scheinen klar verteilt: Sie ist die Aktivere, kümmert sich ums Praktische und die Finanzen, er ist der Ruhepol, der mit stoischer Gelassenheit das Schreibpensum abarbeitet.

Seit 1982 schreiben sie zu zweit Geschichten, zunächst Fantasy-Storys für Anthologien. Erfolgreich waren sie damit nicht. Als ihnen ein Herausgeber bescheinigte, sie seien "komplett unfähig", hörten sie mehrere Jahre ganz auf mit dem Schreiben. Bei Kritik haben die beiden ein Elefantengedächtnis. Sie wissen genau, wer wann etwas Negatives gesagt hat. Sie sei "überempfindlich und verletzlich", was das Schreiben angeht, sagt Klocke, auch heute noch, trotz des Erfolges. Ihre Bücher werden oft als Fließbandliteratur abgetan, als Kommerz-Kitsch, doch Klocke und Wohlrath stecken Herzblut in die Romane. Sie wollen für Menschen schreiben, die nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommen und mit Büchern abtauchen wollen in fremde oder vergangene Welten, in denen Gut und Böse klar verteilt sind und das Happy End ganz sicher kommt. Sie schreiben für Menschen, wie sie selbst es sind.

 "Balzac lebte fürs Schreiben, ich tat es nicht"

Ein paar Jahre nach der deutlichen Kritik des Herausgebers las Elmar Wohlrath eine Balzac-Biografie, in der steht, wie der französische Autor trotz finanzieller Not nichts anderes als Schriftsteller sein wollte. "Balzac lebte fürs Schreiben, ich tat es nicht", sagt Wohlrath. Und so setzten er und seine Frau sich wieder an die Schreibtische, statt Fantasy verfassten sie Historienromane. Es folgten weitere Jahre voller Absagen, von Verlagen, von Agenten – bis sie sich für eine weibliche Hauptfigur entschieden. Zuvor war der amerikanische Roman "Die Päpstin" ein Bestseller. Klocke und Wohlrath erdachten eine Geschichte über ein junges Mädchen, das sich als Kastratensänger verkleidet. Mit diesem Manuskript fanden sie erst eine Agentin und schließlich ihren Verlag. 2003 erschien "Die Kastratin", ein Jahr später "Die Wanderhure", weitere drei Jahre später konnten sie es sich leisten, ihre Jobs in der EDV einer Versicherung zu kündigen.

"Iny Lorentz sind ganz nah bei ihren Lesern", sagt Christine Steffen-Reimann, ihre Lektorin bei Droemer Knaur. "Sie wissen, was die wollen: Sinnlichkeit, Dramatik, spannende Geschichten mit akribischer Recherche. Und sie sind Autoren, die im Sinne des Verlags denken. Das findet man selten."

Tatsächlich haben Klocke und Wohlrath eine Arbeitseinstellung, die eher an Angestellte als an freiberufliche Künstler erinnert. Will der Verlag Manuskripte früher oder noch einen Roman zusätzlich, dann schimpfen sie zwar ein wenig, arbeiten die Wünsche aber pflichtschuldig ab. Klocke trägt stets vier Speicherkarten bei sich, auf denen jeweils alle ihre Werke gespeichert sind, fertige und unfertige – falls zu Hause die Festplatten kaputt gehen. "Ich fühl mich besser, wenn ich die Romane alle in der Tasche habe. Die ganze Arbeit, das ganze Geld." Auch bei der Agentin liegen Speicherkarten. "Falls uns etwas passiert, kann der Verlag ohne viel Arbeit noch ein paar Bücher rausbringen, und wir halten die Verträge ein", sagt Klocke.

So richtig scheinen sich die Autoren noch nicht an ihr Dasein als Auflagen-Millionäre gewöhnt zu haben. Sie leben weiterhin ohne großen Luxus, ihre Honorare stecken sie in Recherchereisen und in Immobilien. Wer so lange auf Erfolg gewartet hat, braucht offenbar länger, bis er wagt, sich darauf auszuruhen. Bis dahin wird die Wanderhure wohl weiterwandern müssen.

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