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Eine Frau zwischen Leben und Tod

Ein blasser, bis auf die Knochen abgemagerter Körper, die Wangen eingefallen, der greisenhafte Mund halb geöffnet: Isabelle Caro ist seit 14 Jahren magersüchtig. Der stern hat das Model in Paris besucht und das Interview mit der Kamera begleitet.

Von Stefanie Rosenkranz

  • Stefanie Rosenkranz

Isabelle Caro, das ist vor allem ein Körper, 165 Zentimeter groß, 32 Kilo schwer, abgemagert, ausgezehrt, geschunden, ein Schlachtfeld zwischen Leben und Tod. Im Moment obsiegt gerade noch das Leben.

Dieser Körper, er wird von seiner Besitzerin nicht versteckt, er wird ausgestellt wie der Leib Christi. Er ist alles, was die 25- jährige Isabelle Caro derzeit hat. Tief ist das Décolleté ihrer schwarzen Bluse. Unter einer Haut, dünn wie Pergament, sieht man die Schlüsselbeine, das Brustbein, die Rippen. Ein Röntgenbild in Farbe. Der Unterkörper ist bedeckt von einer gleichfalls schwarzen Hose, die an den Beckenknochen hängt wie an einem Bügel.

Wie es unter ihrer Kleidung aussieht, weiß man nur allzu genau, seit sich Caro für den 65-jährigen italienischen Fotografen Oliviero Toscani entblößte, der ihr dafür 700 Euro zahlte: Die Brüste hängen schlaff herunter, am Gesäß blättert die Haut in schorfigen Krusten ab. Hände und Füße wirken viel zu groß an grausam dünnen Armen und Beinen. Und dann sind da noch diese Augen, riesig in tiefen Höhlen.

Toscani machte einst mit Aidskranken, toten Soldaten und zum Tode verurteilten Mördern Reklame für die Pullover der Firma Benetton. Jetzt bediente er sich des gezeichneten Körpers von Isabelle Caro, um einerseits auf riesigen Billboards zu fordern: "No Anorexia" und andererseits Werbung zu machen für das venezianische Mode-Label "Nolita".

Er ist hochzufrieden mit seinem Werk, es erinnert ihn an Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei". Weniger zufrieden ist er mit seinem Model. "Es ist schrecklich, was derzeit passiert. Isabelle redet unablässig über sich selbst und ist zum Starlet der Magersucht geworden. Die Medien glorifizieren sie - und damit indirekt auch die Anorexie", so Toscani zum stern. Er dagegen hat selbstverständlich nur edle Motive. "Ich will wachrütteln, und das ist mir auch gelungen", sagt er. "Wir leben in einer magersüchtigen Welt. Wir sind befallen von einer kulturellen Krankheit, an der die Mode, die Medien und vor allem das Fernsehen die Schuld tragen. Weil wir uns selbst hassen, finden wir Gefallen an Monstern."

"Alle wollen mich"

Das Monster, es sitzt im Restaurant eines schicken Pariser Hotels, wo der amerikanische Fernsehsender CBS es untergebracht hat, und trinkt winzige Schlückchen warmer Milch mit Süßstoff. Es bereitet fast schon physische Qualen, Isabelle Caro dabei zuzusehen, und deswegen betrachtet man lieber ihre grün-blauen Augen; wunderschön starren sie aus einem Totenkopf, über dem die Haut mit tätowierten Sommersprossen so sehr spannt, dass es jedes Mal wirkt, als fletsche sie die Zähne, wenn sie den Mund aufmacht.

Mit leiser, leidender Stimme und nicht ohne Genugtuung berichtet sie von ihrem derzeit sehr hektischen Leben. "Alle wollen mich", sagt sie. "Hunderte von Journalisten hinterlassen mir Nachrichten auf meiner Mailbox. Ich war in Mailand während der Modewoche, ich war in Madrid fürs Fernsehen und ‚El Mundo‘, ich war in den französischen Nachrichten. Nächste Woche fliege ich nach New York, für CBS."

Magersucht ist jetzt ihr Beruf, aber natürlich will auch sie nur Gutes. "Ich sehe mich als Botschafterin gegen die Anorexie", sagt sie, und es klingt wie auswendig gelernt. "Magersüchtig zu sein ist kein Lebensstil, sondern eine entsetzliche Krankheit, unter der ich leide und vor der ich warnen will. Was sie anrichtet, kann man an meinem Körper sehen: Er ist das Grauen schlechthin, ein Kadaver, ein Skelett. Am Ende wartet der Tod. Was ich tue, mache ich für die Millionen von Mädchen, die leiden."

Aus der Krankengeschichte wurde eine kranke Geschichte

Toscani dagegen sagt, sie tue das alles "hauptsächlich für sich selbst". Sie retourniert: "Er interessiert sich nur für die Anorexie, um noch berühmter zu werden, als er ohnehin schon ist. Er hat mich benutzt wie ein Objekt und nicht damit gerechnet, dass ich spreche." "Sie ist nicht Isabelle Caro", sagt er kalt. "Sie ist ein Prototyp, mehr nicht. Sie ist Anorexie. Und wie alle Magersüchtigen ist sie hypernarzisstisch." Was vermutlich auch auf ihn zutrifft.

Es ist eine Krankengeschichte, längst degeneriert zu einer kranken Geschichte. Zunächst die Krankengeschichte, ihre Version, eine andere gibt es nicht. Eine Erzählung voller Entsetzen, unfassbar und zugleich unglaublich. "Ich weiß, es ist Wahnsinn, aber es ist wahr", schickt die Patientin voraus. Die Mutter ist ausgebildete Lehrerin und depressiv, der Mann ihrer Mutter Unternehmer, Isabelles Erzeuger "ein bekannter Künstler, der mich nicht anerkannt hat und über den ich nichts sagen darf ". Der Stiefvater ist 193 Zentimeter groß, der Vater ist 163 Zentimeter klein.

Als Isabelle vier Jahre alt ist, prophezeit der Kinderarzt bei einer Routineuntersuchung, sie werde sicher ein großes Mädchen werden. "Meine Mutter wollte nicht, dass ich sein Kind bin, das Kind ihres Mannes." Fortan darf ihre Tochter das Haus kaum noch verlassen, und wenn, dann nur mit einem Schal auf Mund und Nase. "Sie hatte panische Angst davor, dass ich wachse. Frische Luft macht groß, so dachte sie, und jedes Mal, wenn ich draußen war, musste ich mich verschleiern."

Woher weiß sie, was normal ist?

Aus einer bislang halbwegs normalen Kindheit wird ein Gefängnis. Isabelle darf die Schule nicht besuchen, stattdessen überwacht die Mutter den Fernunterricht. Die beiden leben in klaustrophobischer Isolation in einem alten Haus mit undichtem Dach in der Normandie, unweit von Paris. Das nächste Dorf ist zwei Kilometer entfernt. Einmal in der Woche kommt ein Geigenlehrer ins Haus und unterrichtet das Kind; der Stiefvater, ständig unterwegs, erscheint einmal alle zwei Wochen, isst, schläft und geht wieder. "Er wusste, was meine Mutter mir antat, aber er ließ es geschehen. Es war ihm völlig egal."

Die Gefangene wird ruhiggestellt mit einer Spielzeuglawine, verkleidet sich viel und träumt von einem anderen Leben. Ein einziges Mal im Jahr, zu Weihnachten, besuchen Mutter und Tochter die Großeltern. "Ihnen durfte ich natürlich kein Wort über meinen Alltag erzählen. Ich musste so tun, als wäre bei uns zu Hause alles normal." Woher weiß sie, was normal ist? "Aus Büchern und aus dem Fernsehen. Das waren meine einzigen Fenster zur Welt. Ich ging nicht aus dem Haus, ich floh in Geschichten."

Im Hintergrund weint unablässig ihre Mutter, wenn sie nicht mit ihrer ebenfalls depressiven Schwester telefoniert. "Stundenlang sprachen sie darüber, wie sie sich umbringen wollten." Isabelle ist 15, als ihre Tante sich das Leben nimmt. "Sie hat sich vor einen Lastwagen geworfen. Da war ich schon längst magersüchtig."

"Sie will nur nichts essen"

Es ist diese traurige Tante, eine Krankenschwester, die das erste Mal den Namen der Krankheit ausspricht, in dessen Schatten Caro als Schatten ihrer selbst seit über einem Jahrzehnt lebt: Anorexie.

Zum Ursprung ihrer Magersucht liefert Caro eine eigentümliche, fast zu glatte Geschichte: "Unser Herd funktionierte mit Gasflaschen. Sie wurden bis zum Zaun geliefert, und dann musste meine Mutter sie den langen Weg bis ins Haus tragen. Sie wogen 35 Kilo, und ich erinnere mich noch ganz genau, wie sie einmal sagte: ‚Kannst du dir vorstellen, was es bedeutet, dazu gezwungen zu sein, 35 Kilo zu schleppen? Dieses Gewicht ist unerträglich.‘"

Kurz darauf erkrankt Isabelle, damals zwölf und bis dahin stets kerngesund - "ich hatte ja niemanden, bei dem ich mich anstecken konnte" -, an einer schweren Angina. "Zum ersten Mal seit meinem vierten Lebensjahr brachte meine Mutter mich zum Arzt. Er hat mich gemessen und gewogen. Ich war 152 Zentimeter groß, meine Mutter war glücklich: Das ging noch. Aber ich wog 39 Kilo, und als sie das erfuhr, machte sie ein sonderbares Gesicht. Und ich dachte: Ich wiege mehr als die Gasflasche, ich bin ihr eine Last. Ich habe mir eine Waage gewünscht und sie bekommen und angefangen, Diät zu machen." Seither hat sie das Gewicht der Gasflasche nur noch unter Zwang erreicht, im Krankenhaus.

Ihr Leben ist anders, aber nicht sonderbar

Die Mutter unterstützt sie, zunächst. Doch als Isabelle fast nichts mehr isst, erzählt sie es ihrer Schwester, die von Magersucht spricht. "Magersüchtige können nichts essen, Isabelle will nichts essen", urteilt sie indes. Doch irgendwann öffnet sie die Tür des Gefängnisses einen kleinen Spalt breit, "aus Angst", so Caro. "Sie dachte sich: Wenn ich Sport mache, werde ich essen." Isabelle darf zum Ballett gehen und nimmt Eislaufunterricht, Violine spielt sie jetzt im Konservatorium und nicht mehr allein zu Haus.

Und sie isst, nicht viel, aber gerade genug. Für zwei Sportarten ist sie zu schwach, also gibt sie das Ballett auf. Manchmal, "ein- bis zweimal im Jahr", lädt sie Freundinnen zu sich nach Hause ein. Ihr Leben ist immer noch sonderbar, aber nicht mehr völlig anders als das der anderen.

Alles, was sie macht, macht Isabelle gründlich, wie die meisten Magersüchtigen. Sie spielt Geige bis zur Konzertreife, sie läuft Schlittschuh bis zur Perfektion, sie schafft ohne Mühe ihr Abitur, sie macht ihren Magister in Theaterwissenschaften. Ihre Abschlussarbeit schreibt sie über ihr Idol Isabelle Huppert; ihretwegen lässt sie sich die Haare rotblond färben und Sommersprossen tätowieren, eine verstörende Hommage an den fernen Star. Sie nimmt Schauspielunterricht am berühmten Pariser Cours Florent. "Auf der Bühne vergesse ich alles, ich bin nicht mehr ich, ich bin befreit." Allerdings bietet man ihr selten Rollen an, und wenn, dann soll sie Drogensüchtige oder Kranke spielen.

Irgendwann wiegt sie nur noch 25 Kilo

Denn am gründlichsten hungert sie, sie hungert sich ganz nah heran an den Tod, eisern und unbeirrt. Ihr Körper wird zum Kadaver, ein Triumph des Willens über die Natur, über die Zeit, über die Mutter. Die muss ihre Tochter im Rollstuhl an die Uni schieben, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Als sie das erzählt, hat Caro einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, als habe sie es genossen, das knöcherne Symbol des Versagens dieser Frau zu sein.

Mit ihrer Mutter kann sie nicht leben und ohne sie schon gar nicht. Immer wieder landet Caro im Krankenhaus, sie hasst es dort. "Man wird isoliert, ich war mein ganzes Leben lang isoliert. Man bekommt eine Sonde in den Magen geschoben. Man wird mit grässlichem Essen vollgestopft wie eine Mastgans. Man wird gezwungen zuzunehmen. Und kaum wird man entlassen, nimmt man alles wieder ab. Jedenfalls war das bei mir so."

Die Zwanghafte hasst den Zwang. Sie ist ein kapriziöser Tyrann, das gehört zu ihrer paradoxen Pathologie. Und wie alle Tyrannen ist sie nicht glücklich, weil sie ständig den Machtverlust fürchtet. Sie weiß das. "Magersüchtige denken, dass sie alles kontrollieren, obwohl sie die Kontrolle längst verloren haben", sagt sie.

Irgendwann wiegt Caro nur noch 25 Kilo. Vor anderthalb Jahren wacht sie in einem Krankenhaus auf. Vier Tage lang lag sie im Koma - dass sie überlebt hat, grenzt an ein Wunder. "Ich habe den Tod gesehen und Angst bekommen. Und seither habe ich beschlossen, gesund zu werden."

"Ich koste alles, außer Reis und Kartoffeln"

Caro verlässt ihre Mutter und zieht fast 1000 Kilometer weit weg, nach Marseille. Sie sagt, dass sie regelmäßig zum Psychiater geht und einmal im Monat zum Kardiologen. Von den wöchentlichen Blutproben zeugen riesige blaue Flecken auf ihren dürren Armen. Aber gesund ist sie nicht. "Nein", sagt sie. "Aber ich bin auf dem Weg. Vor allem darf ich nicht abnehmen." Sollte sie nicht vor allem zunehmen? "Sicher", sagt sie und bestellt noch eine warme Milch, sie demonstriert gute Absichten. Während sie auf den Kellner wartet, versagt plötzlich ihre Stimme, "alles tut so weh", flüstert sie. Und fügt übergangslos und ohne jede Überzeugung hinzu: "Man kann sich retten, wenn man es will, wenn man das Leben liebt. Denn das Leben ist zwar unendlich schmerzhaft, aber auch wirklich schön."

Als die Milch gekommen ist, spricht sie vom Essen. "Ich koste jetzt alles, außer Reis und Kartoffeln, das kann ich einfach nicht." Am liebsten mag sie Sashimi. "Ich koche auch gerne, besonders für andere, zum Beispiel Dorade mit Fenchelgemüse", sagt sie. Doch im Verlauf des Gesprächs wird klar, dass es diese anderen nicht gibt und auch die Dorade nie zubereitet wird. "In Marseille hat ein Jahr lang niemand mit mir gesprochen. Ich traute mich lange nicht aus dem Haus, weil ich die Blicke der Menschen nicht ertragen konnte, weil ich ihre Kommentare nicht hören wollte. ‚Was hat die denn hier zu suchen? Die gehört ins Krankenhaus.‘ Ich wurde aus Cafés hinauskomplimentiert, und als ich zu Silvester in eine Disco gehen wollte, hat man mich nicht reingelassen." Sie sagt, es gebe einen Mann in ihrem Leben, "doch das ist kompliziert. Ich bin sehr alleine".

Im Juni nimmt sie an einer Sendung im französischen Fernsehen über Magersüchtige teil, und seither grüßen sie ihre Nachbarn. Dann wird sie von Toscani gecastet, und im September hängt ihr ausgemergelter Leib überlebensgroß an den Häuserwänden von Mailand. Sie reist ihren Bildern hinterher. "Niemand hatte auf sie gewartet", sagt Toscani, der sich weigert, sie zu treffen. Als sie die Firma Nolita darum bittet, sie mit Kleidern auszustatten, sorgt der Fotograf dafür, dass man ihr Größe 38 schickt. "Sie wollte Model spielen, und meine Botschaft an sie war: Models sollen nicht magersüchtig sein, sondern normal, 38 ist eine normale Größe." Logisch und grausam. Caro hat Größe 32, und selbst die ist ihr viel zu weit.

Heimliche Heldin der "pro-Ana"-Foren

Sie steckt das weg, denn "durch Toscani hat sich mein Leben völlig verändert". Caro steht jetzt im Rampenlicht und findet, dass dies genau der richtige Platz für sie ist. Sie nimmt sich einen Anwalt, sie wünscht sich einen Agenten, sie kontrolliert jedes Foto, das von ihr gemacht wird, sie will demnächst ein Buch schreiben, sie will einen Film drehen, sie will wieder auf die Bühne. "Ich werde jetzt akzeptiert, so wie ich bin", sagt sie. Und das ist das Entsetzliche. Denn nur, wenn sie nicht so bleibt, wie sie ist, kann sie gesund werden, aber wenn sie gesund wird, vergeht ihr kranker Ruhm.

So dreht sie unablässig am Karussell: Sie erzählt alles, zeigt alles, ihr Exhibitionismus kennt keine Grenzen. "Ich musste mich jahrelang verstecken", rechtfertigt sie sich.

Was man nicht im Fernsehen sieht, sieht man auf ihren Blogs: Isabelle in der Badewanne, Isabelle im Bikini, Isabelle in Shorts. Dafür bekommt sie Mails voller Bewunderung - für ihre Kraft, ihre Mission, aber auch für ihre Figur. "Du bist dünn, aber nicht zu dünn", schreibt eine Mette, und eine Geneviève findet sie "süß".

Inzwischen ist sie längst die heimliche Heldin der "pro-Ana"-Foren geworden, in denen kranke Frauen ihre Magersucht glorifizieren und sich gegenseitig Tipps zum Kotzen geben, garniert mit Fotos, die denen von Toscani in nichts nachstehen. Was die einen abstößt, halten andere für göttlich: Todeslager-Glamour.

In Frankreich werden ihre Bilder nicht gezeigt

Auf Caros Blog prangt immer mal wieder eine Werbung für Diätpillen - "Für immer schlank!" - , auf der Website von Nolita ist Isabelles Leidensleib nur einen Mausklick entfernt von einem schlanken Model, das die Kleider der Firma vorführt. Gleichzeitig tönt Toscani: "Hinter den Kulissen der Mode lauert der Tod."

Falls seine Kampagne tatsächlich eine Botschaft hat, so ist sie verwirrend bis zur Obszönität. Der französische Autor Jean- Philippe de Tonnac, der in seiner Jugend selbst unter Anorexie litt, bescheinigt sowohl Toscani als auch Caro "zweideutige Naivität. Entweder richtet sich die Kampagne an all jene, die bereits krank sind oder im Begriff, es zu werden. Sie werden sich nicht durch die so hehren Motive des Fotografen und seines Models von ihrem Weg abbringen lassen. Oder sie richtet sich an Jugendliche, an Eltern, ans Krankenhauspersonal, um sie aufmerksam zu machen auf ein Übel, dessen Folgen durch den fleischlosen Körper Caros illustriert werden. Aber Anorexie ist nicht ansteckend, sondern steckt tief in der Geschichte des Kranken. Diese Reklame bedient nur die Verlogenheit, mit der über den mageren Leib gesprochen wird, während er zugleich von der Mode in Szene gesetzt wird".

In Frankreich wurde die Toscani-Reklame nicht gezeigt; sie "drohe die Menschenwürde zu verletzen", hieß es in der Begründung der Behörde für Werbekontrolle. Caro findet das "völlig unverständlich. Man muss der Realität ins Auge sehen". Aber welcher Realität?

Die Realität, das ist sie, die ihren Koffer nicht tragen kann. Die sagt, dass CBS ihr angeboten hat, eine Freundin nach New York mitzunehmen, "aber mir fiel niemand ein". Die einen bittet, sie ins nächste Hotel zu bringen, wo sie eine weitere Nacht alleine vor ihrem Computer verbringen wird. Die keine Kraft hat, die Tür zu ihrem Zimmer zu öffnen, die schwer hinter ihr ins Schloss fällt. Und die zugrunde geht an dem Einzigen, was sie hat: Anorexie.

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