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27. Oktober 2008, 12:20 Uhr

Die Droge Craig

Zu klein und zu blond - anfangs trauten nur wenige Daniel Craig die Rolle als neuer Bond-Schauspieler zu. Inzwischen halten ihn viele für den besten Bond aller 007-Zeiten. Und er ist sogar noch besser, wenn er nicht Bond spielt. Ein Vormittag mit Daniel Craig als: Daniel Craig. Von Jochen Siemens

Ein kantiger Kopf mit strahlend blauen Augen: Bond-Schauspieler Daniel Craig© Matt Dunham/AP

Zu den Geschichten, die nur Männer verstehen, gehört die von jenem Abend auf Jamaika 1952. Der Schriftsteller Ian Fleming sollte am nächsten Morgen heiraten, die Hochzeitsgesellschaft war schon da, durch die Fenster hörte man es feiern. Fleming saß vor seiner Schreibmaschine, und über das weiße Papier huschte der Schatten eines Mannes, der ab sofort sein Männerleben weiterleben sollte: schnelle Autos, schöne Frauen, Wodka-Martinis und Schurken jagen. Einer, der den Satz "Liebling, ich komme heute später" nicht kennt. Fleming tippte dazu noch ein paar Zeilen der Sehnsucht, nannte den Mann James Bond und begab sich seufzend in die Ehe. Daniel Craig sagt erst mal nichts, wenn man ihm die Geschichte erzählt. Nein, er lächelt, "das wusste ich nicht". Jetzt wirft man noch Hemingway hinterher, "ein Mann kann zerstört werden, nicht aber besiegt", Craig wird sagen, es sei die Überraschung, verletzt zu werden, die einen Mann ausmacht; und wir sind beim Thema.

Nein, nicht bei Bond. Wir werden nicht über die Walther PPK und die Aston Martins sprechen oder darüber, ob Martinis gerührt oder geschüttelt werden müssen. Darüber hatte Craig schon in "Casino Royale" den besten Satz überhaupt gesagt: "Sehe ich so aus, als würde mich das verdammt noch mal interessieren?" Nein. Bond ist etwas anderes, Bond ist eines der vielen Synonyme, die sich Männer suchen, wenn sie mal wieder allein denken wollen. Frauen werden das nie verstehen. Männer suchen sich Prärien des Denkens; Pferde, Autos oder Raumschiffe sind nur Fantasien, sich weit weg zu denken. Darüber lohnt es sich zu reden, über die stillen Ideen. Gefragt wird Daniel Craig aber immer nur nach den Faustschlägen. Als ob Männer sich gern prügeln, wenn sie es nicht müssen. Also gut, eine "körperlich anspruchsvolle Rolle" und "eine Figur, die sich mit der Geschichte entwickelt", sagt er dann immer, und man sieht ihm die Mühe an, seine Langeweile zu verbergen. Einmal hat er zugegeben, dass es eher die Kunst sei, so zu tun, als seien die Fragen wirklich sensationell gut, und er sich die Antwort genau überlegen müsse, die er dann vorführe. Bis auf ein Mal hat Craig auch die dummen Fragen nach seiner hellblauen Speedo-Badehose, in der er in "Casino Royale" aus dem Wasser steigt, routiniert retourniert. Aber als ihn auf dem roten Teppich einer Preisverleihung der bekannte schwule englische Kolumnist Johann Hari fragte, warum er nicht in dieser Badehose gekommen sei, zuckte kurz mit "fucking fool" die Wortfaust aus seinem Mund, was ihm in der Gay-Presse die Anklage einbrachte, er sei ein Schwulenhasser.

Ist er nicht, ist aber auch egal. Die blauen Augen, die in seinen granitigen Kopf wie Glassplitter eingelassen sind, schauen kurz durchs Zimmer, und man sieht etwas Spöttisches im Blick schimmern. Spott für all diese Unwichtigkeiten des Lebens. Badehose, Schwulenhasser, bestangezogener Bond, mein Gott, geht's darum? Ich muss das ja machen, dieses Fragespiel, sagt er, schließlich ist Bond ein Geschäft. Aber wenn es nach ihm ginge, würde er lieber schweigen. "Über mich selbst zu sprechen ist für mich, wie beim Zahnarzt zu sein." Dann lächelt er und schweigt. Und sagt damit alles, was man wissen muss.

Es ist ein Vormittag in London, und Daniel Craig muss am nächsten Tag noch ein paar Stunden Bond spielen, dann ist sein zweiter 007-Auftritt fertig. Mag sein, dass er dann entspannter im Stuhl sitzt als jetzt. Er ist nicht groß, aber breit wie eine Tür. Sein Händedruck ist, anders als erwartet, kein Knochenbruch, eher von schüchterner Kraft. Sein steiniges Gesicht versucht er, mit milder Mimik zu moderieren, seine kurzen blonden Haare sehen aus wie eilig geschnittenes Stroh, über das eben ein Trecker gefahren ist. Er trägt ein dunkles Shirt und ein Jackett, das keine Falte wirft, weil es auf diesem Körpergebilde wie eine zweite Haut sitzt. Wenn er Bond ist, muss er das machen, sagt er, tägliches Work-out, Gewichte stemmen, Protein-Diät, um die Spannung zu bekommen, die man braucht, um aus einem rasenden Auto zu springen und sich dabei nicht alle Knochen zu brechen. Das Problem sei ja nicht, Hanteln in die Luft zu heben, das Problem sei, "dass man davon besessen werden muss, es zu tun. Sonst wirkt es nicht".

Frauen mögen besessen davon sein, jeden Millimeter Fett an den Oberschenkeln auf dem Laufband wegzukämpfen, aber wozu sollen Männer Leidenschaft entwickeln, unsinnig Kilos zu wuchten? Klüger macht das nicht. Craig lächelt, und man muss an die Deppen aus dem Fitnessstudio denken, die mit Maßbändern ihre Bizepse messen. Ob er mal darüber nachgedacht hat, dass er der Welt nicht eine neue Version von Bond geliefert hat, sondern eine neue Definition von Mann? Hhmm, sagt er, ob das nicht zu hoch gegriffen ist?

Nein. Als "Casino Royale" Rekordergebnisse einspielte, war den meisten ziemlich egal, ob Bond das Pokerspiel gegen Le Chiffre gewinnen würde oder nicht. Man war vielmehr erleichtert, zwei Stunden lang einen Mann zu sehen, der endlich die ganze metrosexuelle Waschlappenkultur wegfegte, die sich in ihren Altbauwohnungen zwischen Habitat-Möbeln, Milchaufschäumern und den Paulo-Coelho-Büchern ihrer Frauen breitgemacht hatte. Dieser den meisten kaum bekannte Brite war, als ob Gott auf den Tisch gehauen und "Männer, so hab ich euch gemeint!" gedonnert hätte. Craig zuzuschauen war wie eine Mahnung, die männlichen Gene zu pflegen. Nicht die Faustschlag-und Pistolennummer, Daniel Craigs Mannsein ist viel subtiler, eleganter und, ja, verletzbarer. "Das, was Daniel vor der Kamera nicht macht, ist bei ihm genauso wichtig wie das, was er macht", hat Matthew Vaughn gesagt, Regisseur von "Layer Cake" und Claudia Schiffers Ehemann, "gute Schauspieler sind so. Du denkst, sie tun nichts, und wenn du dann die Aufnahmen siehst, ist es großes Schauspiel". Und der Regisseur John Maybury fühlt sich an einen der ganz großen Männer des Films erinnert. "Ich muss an Steve McQueen denken, wenn ich Daniel sehe."

Craigs Bond ist wortkarg, er redet nicht viel, er macht. Punkt. In halbem Scherz hat Craig mal gesagt, dass er nie gern Shakespeare-Stücke spielen wollte, "die haben einfach zu viel Text". In Frauenfilmen wie "Sex and the City" wird gequasselt, dass einem schwindelig wird. Aber passieren tut da wenig. Jetzt muss Craig lachen, er mag das, "ja, da gibt es eine Diskussion. Frauen würden jetzt sagen, dass sie aus gutem Grund viel reden. So arbeiten sie ihre Probleme ab". Oder herbei? Jetzt lachen zwei Männer, und alles ist gesagt. Aber Vorsicht, Craig kann abrupt aufhören zu lachen und sein Gesicht wieder zum Fels machen. Die Welt ist kein Scherz, man sollte lachen, wenn es lustig ist, sonst nicht.

Es ist ja oft genug erzählt worden, was er gemacht hat, als ihn 2005 Barbara Broccoli, die Produzentin und Rechte-Inhaberin der Bond-Serie, anrief und ihm sagte: "Daniel, wir haben uns für Sie entschieden." Er hat eine Flasche Wodka gekauft und sich betrunken. Heute, sagt er, freue er sich auf die Tage nach den Dreharbeiten – "endlich mal wieder früh am Tag ein Bier trinken". Daniel Craig ist 40, er ist der erste Bond-Darsteller, der geboren wurde, als es schon 007-Filme gab. 1968 war das, in Chester, einer kleinen Stadt bei Liverpool. Daniels Eltern waren eine Paarung, die man in ihm wiederzuerkennen glaubt: der Vater Seemann, die Mutter Kunstlehrerin. Die Eltern trennten sich früh, und Daniel zog mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Liverpool. Kein großes Leben, Daniel ödete die Schule an, er spielte Rugby und stand in kleinen Rollen auf der Schulbühne. Wie das so ist, wenn man arm in grauen Städten lebt, ist die Flucht die Flasche oder das Kino. Nicht die kleine Scheibe Fernsehen, sondern die Leinwand, die sich wie ein Horizont vor dem eigenen grauen Leben aufspannt. Gott, wie leicht ist es zu fliehen. Daniel war 14, 15 und wohnte fast schon in den Kinos der Stadt, im Odeon an der London Road, im Plaza an der Crosby Road oder im Woolton. "Ich schaute mir alles an, von ‚Am Anfang war das Feuer‘ bis ‚Blade Runner‘. Ich dachte nur: Das ist es, was ich machen will", sagt er heute. Die Liverpool-Jahre prägten Craig. Der Junge ohne Vater mit zwei Frauen zu Hause, die ambitionierte Mutter, die den Sohn immer wieder ins Theater mitnahm, die Schauspieler, die er danach im Pub kennenlernte, und auch sein Cousin Joe Craig, der in London ein gefragter Komponist und Kinderbuchautor wurde. Die Craigs waren die kleinen Leute, die Künstler werden wollten. Keine Stars. Daniel Craig sagt, dass er nie von Hollywood oder Oscars träumte, sondern einfach nur Künstler werden wollte, so wie andere Bäcker, Schneider, Koch.

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Gefunden in... ... der Zeitschrift . Titelthema in der aktuellen Ausgabe (Heft 11): Karl Lagerfeld. Warum der Mödeschöpfer überlegt, Moslem zu werden

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KOMMENTARE (9 von 9)
 
Dewerth (30.10.2008, 18:22 Uhr)
Der Reklameschreiber…
…dieses Bondbejubelartikels kann nicht darüber hinwegschreiben, dass Bond Vergangenheit ist. Tot. Basta!
zuribueb (30.10.2008, 11:41 Uhr)
Goldfinger
Es gibt wirklich nur einen Schauspieler, der den James Bond so richtig cool und sexy gespielt hat: Sean Connery. Alle, die sich an diesem Film mit Craig ergözen, empfehle ich den Bond 007-Film "GOLDFINGER". Dann wisst ihr, was ich meine.
abonnent (27.10.2008, 23:49 Uhr)
unglaublich...
dass Sie für so etwas ein Honorar zahlen!! der "Journalist" schreibt:
"Ob das alles stimmt oder nicht, es führt zu keinerlei Erkenntnis über den Mann, der auf der Leinwand gleichzeitig sich selbst und nie sich selbst spielt" - stand da zu viel Rotwein neben der Schreibmaschine? Und wäre es nicht sein Job gewesen, zu recherchieren, statt zu behaupten, das führe nicht weiter?
oder "da kommt wieder Liverpool durch" - war er dabei?
und schliesslich, was alles schon geschrieben worden, sei vom wodka-besäufnis nach dem jobangebot etwa - nur weil der Autor vor dem Schreiben erst mal in seine Artikel-Datenbanken schaut, tun wir das noch lange nicht! Mir war das nicht bekannt, und Anlass zum Selbstlob a la "so was schreiben nur die anderen" bietet das schon gar nicht!
Aber schön zu lesen, dass sich "Journalisten" noch ehrlich in Interviewpartner verlieben können!
makira (27.10.2008, 23:33 Uhr)
Unterschied?
Wo ist noch der Unterschied zwischen einem normalen Actionér und einem Bond Film? Der Bond Charme hat sich mit Craig in Luft aufgelöst....und findet den echt einer gutausehend?.....
Sandygirl (27.10.2008, 23:21 Uhr)
Augen
Warum werden von dem immer die Fotos mit den nachbearbeiteten blauen Augen gezeigt? Reichen die normalen Augen nicht?
alwo (27.10.2008, 22:31 Uhr)
Bauzeichner
Daniel Küblböck ist ja auch Aushängeschild für deutsche Kultur. Der Unterschied zwischen Craig und Küblböck ist ungefähr wie der eines Bauleiters und eben nur eines....Bauzeichners.
Bauzeichner (27.10.2008, 20:52 Uhr)
Lächerlich
Daniel Kübelböck wäre ein besserer Bond als Daniel Craig!
facilidad_de_ser (27.10.2008, 19:47 Uhr)
Please...
Zitat: Inzwischen halten ihn viele für den besten Bond aller 007-Zeiten.
Daniel Craig ist alles was Sie wollen, aber kein James Bond. Der letzte James Bond war der übelste aller Zeiten, bitte!
Josh67 (27.10.2008, 19:08 Uhr)
lieber Stern
bitte markieren Sie Werbung doch besser, damit man es nicht mit einem Artikel verwechslt.
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