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Jan Böhmermann - privat wie nie!

In der aktuellen Ausgabe des stern spricht Jan Böhmermann exklusiv über sein Privatleben, Papi-Populismus und Moral. Hier lesen Sie das ungekürzte Gespräch.


Jan Böhmermann

Ob als Quatschmacher, Rapper oder Moralist: Jan Böhmermann gönnt sich zur Zeit (fast) keine Ruhepause.

Harald Schmidt sagte, seine bleibende Leistung sei, das Wort "Gesichtsfotze" im deutschen Fernsehen etabliert zu haben. Worauf sind Sie stolz?
Ich bin einmal auf einem Einrad im String-Tanga und mit einem Sombrero über die Kölner Domplatte gefahren. Und nur Dank meiner übermenschlichen Rhetorik konnte ich mich aus den Fängen der Staatsgewalt befreien.


Wir dachten, es wäre das legendäre Video, in dem Sie behaupten, Sie hätten Varoufakis’ Stinkefinger gefälscht.
Das denken Sie als Anhänger der Systempresse.

 

Welche Idee steckt hinter dem Varoufakis-Video?
Damals waren die Griechen noch Staatsfeind Nummer eins. Halb Deutschland stand mit Mistgabeln und brennenden Reisigbündeln auf dem Marktplatz und forderte in Lynchmobs das Ende des griechischen Finanzministers. Ich fand diesen Ton gegenüber Griechenland bedenklich. Eine ungerechte Rhetorik gegenüber unseren griechischen Freunden, mit denen wir jetzt gemeinsam in den Krieg gegen den Terror ziehen und die uns gerade so viel helfen bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise.

 

Kommt hier hinter dem Komiker Böhmermann der Moralist hervor?
Ja! Und der ist auch nie weg! Wenn Sie sich mit den Typen von der „Titanic“ in Frankfurt mal so richtig besaufen und am Ende unterm Tisch hängen, dann ist der moralische Kern das Einzige, was irgendwann noch bleibt. Das sind die Plutonium-Stäbe, die das Kraftwerk betreiben.

 

ZDF-Unterhaltungschef Norbert Himmler hat einen Tag später die Verhältnisse klar gestellt. Hätten Sie Jauch gern noch etwas länger schmoren lassen?
Ich bin nicht verantwortlich für das Ausmaß der sadistischen Neigungen der Programmdirektion. 

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann im stern-Interview

Aber Sie hätten Jauch doch sicher gern noch ein bisschen zappeln lassen.
Jauch zappelt doch immer noch. Hat er nicht gerade seinen Job geschmissen? Ist das nicht Teil des Zappelns?

 

Jörg Thadeusz hat gesagt ...
Wer?

 

Ein anderer TV-Arbeiter.
Ich höre in dem Namen Migrationshintergrund. Klingt, als hätte er sich mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland geschlichen. Ich bin misstrauisch.

 

Vielleicht ist er polnischer Herkunft.
Ach du je.

 

Wie Sie.
Ich bin nicht direkt polnischer Abstammung. Ich bin deutscher Abstammung. Meine Familie landete nach dem Krieg in einen Teil Deutschlands, der polnisch ist. Aber, da bin ich grob mit Erika Steinbach d’accord: Das kann sich jederzeit wieder ändern.

 

Thadeusz sagte: „Wer Böhmermanns Varoufakis-Finger als Meisterwerk betrachtet, der hat sich zu sehr an das Ficki-Fotzi-Niveau von Böhmermanns Generation gewöhnt.“
Das klingt ja fast, als wäre er der Pressesprecher des Norddeutschen Rundfunks. Nach dem, was ich bei Facebook gelesen habe, gab es beim NDR nach dem Varoufakis-Finger leichte Irritationen. Vielleicht gibt es irgendwelche Verbindungen zwischen ihm und dem NDR. Welcher aufrichtige Kolumnist ließe sich sonst zu solchen fäkalverbalen Tiefschlägen gegen wohlmeinende Digitalspartenkasper wie mich herab?

 

Mit dem Video haben Sie die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fälschung verwischt.
Ich kann Sie aufklären: Der Finger ist von uns gefälscht.

 

Pegida ruft „Lügenpresse“, und Sie untergraben mit Manipulationen die Autorität der Medien. Ist das nicht unmoralisch?
Untergraben die Medien nicht ihre eigene Autorität, wenn sie einen Finger erstens aus dem Zusammenhang reißen, zweitens nicht genau wissen, ob der überhaupt echt ist oder nicht, und drittens dann aus rein populistischen Gründen in eine politische Talkshow bringen, vor ein Millionenpublikum, gleich nach dem „Tatort“, wo alle eh nur noch halb hingucken?

 

Sie können mit einem Video ganze Karrieren zerstören. Genießen Sie das
Ich kann gar nichts. Ich bin doch ein kleines Würstchen. Das Einzige, was ich machen kann, ist, Leute, die an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, darauf hinweisen, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, sich auf die andere Seite des Astes zu setzen, bevor sie die Säge ansetzen. Ich mache mir keine Illusionen über das, was ich kann und was ich nicht kann.

Jan Böhmermann

Der stern blickte hinter die Ironie-Maske von Jan Böhmermann 

Ein ganz so kleines Würstchen sind sie ja nun nicht. Immerhin wollte sich Sigmar Gabriel mit Ihnen treffen, um über Griechenland zu reden.

Naja. Aber ich wollte mich nicht mit Sigmar Gabriel treffen.

 

Warum haben Sie gekniffen?
Weil ich ein Spaßvogel und kein Gesprächspartner von Politikern bin. Dann kann ich ja gleich die Jan-Böhmermann-Foundation gründen und ein Vorzeige-Flüchtlingsheim in Osnabrück bauen und dann doch wieder nicht. Und dann spanne ich Sigmar Gabriel dafür ein. Neee, das ist doch nicht mein Job. Know your place in society.

 

Mögen Sie Gabriel nicht?
Privat würde ich ihn irre gerne mal treffen. Und als Gast im Neo Magazin Royale ist er natürlich auch jederzeit willkommen. Allein, um ihn zu fragen, wie er das hinbekommt, im Einklang mit dem Halbtagsjob als stellvertretender Regierungschefs der führenden Industrienation Europas immer mittwochs in Goslar sein Kind aus dem Kindergarten abzuholen, egal, was in der Welt passiert.

 

Das ist gelebte Emanzipation.
Nein, das ist gelebter Papi-Populismus, totaler Bullshit. Ich habe ernsthafte Sicherheitsbedenken, wenn ein Vize-Kanzler in diesen Zeiten seine Tochter mittwochs aus der Kita abholt. Auch wenn das natürlich super bemüht und toll familienorientiert klingt. Da werbe ich als aufgeklärter Feminist für pragmatische Lösungen und Verständnis: „Solange mein Mann Vize-Kanzler ist, kümmere ich mich ausnahmsweise darum, dieses Kind mittwochs abzuholen. Lass mal, Schatz. Kümmere du dich um die Terroristen, ich hole unsere Tochter ab.“

 

Kümmern wir uns um die Terroristen. Was ist Ihr bester IS-Gag?
Ich finde, in Zeiten wie diesen, in denen das einzig Positive der HIV-Test von Charlie Sheen ist, sollte man keine Gags über IS machen.

 

Bieten Terroristen Stoff für einen Comedian?
Was heißt denn Terroristen?

 

Attentäter.
Ich würde sagen: Großversager, die in ihrem Leben nichts gebacken bekommen. Die in Frankreich oder Belgien aufgewachsen sind, und statt sich auf dem ersten, zweiten oder dritten Arbeitsmarkt zu integrieren, sich dazu entschieden haben, andere Leute, die nicht ihrer Meinung sind, umzunieten.

 

Also keine Scherze über Terroristen?
Wir können als Deutsche allenfalls Ratschläge geben. Wenn einer Erfahrung mit Fanatismus hat, dann wir. Wir brauchen nicht einmal einen selbst ausgedachten Gott oder einen Kalifen. Uns reicht ein arbeitsloser österreichischer Kunstmaler mit Mundgeruch und Verdauungsproblemen.

 

Was ist also Ihr Rat an ISIS?
Legt euch nicht mit Frankreich an. Wir haben das zwei, drei Mal probiert. Unser Kalif lief sogar schon stolz unterm Eiffelturm herum und am Ende hat es trotzdem nicht funktioniert. Schauen Sie sich einmal den Text der französischen Nationalhymne an. Jedes Kind, das die Marseillaise singt, tut das mit einem aufgeklappten Messer in der Tasche. Die warten seit 200 Jahren darauf, dass so etwas passiert. Frankreich gewinnt immer. Mindestens moralisch und zivilisatorisch.

 

Ihr Lehrmeister war Harald Schmidt, drei Jahre haben Sie für seine Show gearbeitet.
Was heißt Lehrmeister? Ich habe alle seine Texte geschrieben.

 

Was hält er von Ihrer Show?
Seit Harald nicht mehr bei Base ist, haben wir keinen Kontakt mehr. Bei Whats-App war er lange nicht mehr online.

 

Schätzt er Sie als Entertainer?
Ich muss das mit einer Gegenfrage beantworten: Schätze ich mich als Entertainer?

 

Und?
Die Antwort ist immer im Fluss.

 

Was haben Sie von Harald Schmidt gelernt?
Wie eine gute Thymian-Polenta funktioniert. Man muss sich Zeit nehmen und nur die besten Zutaten in den Topf tun.

 

Warum wirkte Harald Schmidt bloß so gelangweilt am Schluss?
Es war das Heroin, das ihm am Ende das Genick gebrochen hat.

 

Sie gelten als Hoffnungsträger des Fernsehens. Ist die große Samstag-Abend-Show Ihr Lebensziel?
Das Lebensziel ist Ferien für immer. Jeden Tag Wochenende. Was ist denn der Samstag-Abend? Das große Quiz der Deutschen, wo der große Frank Elstner auf einem noch größeren Elefanten durchs Studio reitet?

 

Die große Show-Treppe. Das Lagerfeuer, um das sich die Nation versammelt.
Ich habe doch jeden Mittwoch die große Show-Treppe.


Aber Samstag Abend wäre besser, oder?
Ich sitze Samstag-Abend am liebsten auf dem Sofa und esse Chips.

 

Bester Sendeplatz, Millionenpublikum, meine Damen und Herren: Jan Böhmermann!
Wer will um diese Zeit arbeiten?

 

Ist der Samstag Abend tot?
In Zeiten wie diesen muss man mit Begriffen wie „tot“ wahnsinnig aufpassen. Da hätte ich mir etwas mehr Sensibilität erwartet. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich am Samstag Abend auszubreiten. Ich glaube auch nicht, dass ich dafür geeignet bin. Dazu mache ich viel zu gerne, was ich jetzt mache.

 

Sie sind jetzt seit Anfang des Jahres im ZDF-Hauptprogramm. Gab es schon hüstelnde Anrufe vom Programmdirektor, der sagte: Hier sind Sie zu weit gegangen?
Ich sage mal, es gibt einen lebendigen Diskurs. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sind Hitler und Religion tabu. Dafür kannst du bei Pro Sieben nicht Herbert Hainer von Adidas auf den Kopf kacken und ihn und seine Firma dafür verantwortlich machen, dass Teile des deutschen Fußballs korrupt sind. So wie wir es gemacht haben.

 

Möchten Sie immer als Gewinner vom Platz gehen?
Gewinnen ist mir egal. Man muss auch mal so richtig geil vor die Wand fahren und für alle sichtbar scheitern.

 

So wie neulich. Da posteten Sie nach den Pariser Attentaten 100 Fragen auf Facebook. Z.B.: „Warum?“ oder „Was sind das für Typen?“ Und der Feuilletonchef der „Welt“ hat dann 100 Antworten auf Ihre Frage geliefert, die Sie nicht richtig gut dastehen lassen.
Der Boss des RTL2-Feuilletons der „Welt“ hat beim Schreiben in der nächtlichen Hektik vielleicht übersehen, dass es rhetorische Fragen sind, die man nicht unbedingt beantworten muss. Er hat sich wahrscheinlich herausgefordert gefühlt.

 

Würden Sie ihm jetzt gerne darauf antworten?
Warum sollte ich auf die Antworten auf rhetorische Fragen noch einmal antworten?

 

Es ärgert Sie also doch.
Was heißt ärgern?

 

Sieht so aus.
Ich habe sehr gelacht! Ich finde es amüsant, dass jemand so viel Zeit und Energie für die eigene Selbstdemontage verwendet. Vielleicht schreibe ich da meine Bachelorarbeit drüber. Diese 100 Fragen habe ich aus reinem Affekt geschrieben. Das war tatsächlich halbprivater Ausdruck meiner Betroffenheit und Ratlosigkeit, so unglaublich das klingt. Künstlerisch sind sie in dem Moment, in dem ich auf ‚Veröffentlichen‘ geklickt habe, für mich nicht mehr von Bedeutung.

 

Einer der wenigen Momente, wo Böhmermann die Ironie-Maske hat fallen lassen.
Ich behaupte mal, ich lasse eigentlich oft die Maske fallen. Manchmal erkennt der Laie das vielleicht nicht ohne Bedienungsanleitung.

 

Schauen wir etwas hinter die Maske. Sie sind in Bremen-Nord aufgewachsen.
Aufstiegsorientiertes Arbeitermilieu. Mit hedonistischen Tendenzen, die ich aber selbst da rein gebracht habe. Ich habe sehr junge Eltern. Meine Mutter ist jetzt 53.

 

Sie reden schon wieder so komisch. Sie driften jetzt aber bitte nicht wieder in Ironie ab. Beim NDR hat man Ihnen ja sogar verboten, die Nachrichten vorzulesen, weil alles immer nach Gag klang.
Nein, ist jetzt kein Spaß. Meine Mutter hat mich bekommen, da war sie 18. Ganz schön asozial, schon klar. Aber außerhalb ihrer Blase soll es Menschen geben, die kriegen jung Kinder. Es sind sogar viele. Es sind sogar Millionen!

 

Okay, okay.
Mein Vater ist Polizist gewesen. War beim Bundesgrenzschutz, bei der Bereitschaftspolizei, auf dem Castor. Er war entsprechend selten da. Später war er beim Mobilen Einsatzkommando. Er ist damals den Gladbecker Geiselgangstern hinterher gefahren. Ab und an kam er nach einem Einsatz mit gebrochenen Knochen und anderen Verletzungen nach Hause. Später war er dann bei der Mordkommission. Das war seine letzte Station. Er hat also die komplette Polizeikarriere mitgemacht.

 

Ihr Vater ist an Leukämie gestorben, als Sie 17 waren. Wie hat er Sie geprägt?
Ich fand es beeindruckend, wenn er mir erzählte, dass er wieder eine Nazi-Demo geschützt hat. Obwohl er nicht gut fand, was die Nazis gemacht haben. Trotzdem hat er dafür gesorgt, dass die keins aufs Maul bekamen. Wenn du das ein Mal hörst, zwei Mal hörst, jedes Wochenende hörst, dann machst Du Dir Gedanken darüber, dass es eventuell vielleicht eine gute Grundlage für eine Zivilisation ist. Achte auch die Rechte derer, mit denen Du nicht einer Meinung bist. Und dass es bedenklich ist, diesen Pfad zu verlassen.

 

Ihr Vater hat Ihnen klare Grundwerte vermittelt.
Man muss Dinge einfach aushalten. Mit Leuten klar kommen, die anderer Meinung sind. Das ist unser kleinster gemeinsamer Nenner. Den dürfen wir nicht aufgeben, nur weil irgendwelche asozialen Loser durchgeknallt genug sind, Unschuldigen die Köpfe abzuschneiden. Du kannst keinen Krieg mit einer Zivilisation anzetteln, wenn du keine Zivilisation hast.

 

Sie mögen Deutschland.
Egal, wie unvollkommen das ist, was wir hier haben: Es ist immer noch besser als alles, was uns diese Fanatiker zu bieten haben. Diese Überlegenheit ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Teile in Europa. Das ist doch das Schöne: Seit 70 Jahren dehnt sich das über den ganzen Kontinent. Ich finde, darauf muss man hinweisen. Und nicht auf die Leute hören, die sagen: „Jetzt müssen wir die Grenzen wieder aufbauen.“ Wir haben 40 Jahre lang mitten in Deutschland versucht, mit einer gesicherten Grenze ein Flüchtlingsproblem zu lösen. Das hat nicht funktioniert. Ich finde, damit sollte man auch nicht anfangen.

 

Wie sah Ihr Umfeld in Bremen Nord aus?
Meine Freunde waren, grob gesagt, kiffende Antifas. Ich wollte nicht kiffen und mich in der Antifa engagieren – schon aus familiären Gründen. Not all cops are bastards. Die meisten sind eigentlich ganz nett. Wie mein Vadder immer sagte: „Arschlöcher gibt es überall.“

 

Wie kamen die kiffenden Antifas mit dem Polizisten-Sohn klar?
Wir haben immer noch ganz guten Kontakt. Uns verbindet dieses Gefühl von fröhlicher Perspektivlosigkeit, das man hat wenn man in Bremen Nord aufgewachsen ist.

 

Warum kokettieren Sie mit Ihrer bescheidenen sozialen Herkunft?
Wenn ich heute beim Elternabend in der Kita sitze, reden die Eltern abfällig über die Kinder aus den Blocks. Mit denen sollen ihre Kinder bloß nichts zu tun haben. Da denke ich mir: Moment mal, ich bin ein Kind aus dem Block. Wir haben in einer Genossenschaftswohnung gewohnt. Und es war eine Top-Kindheit. Wenn du 18-jährige Eltern hast, die ganz normal für ihr Geld arbeiten gehen, dann kriegst du eben keinen Altbau-Loft im Friedrichshain. Und zwar nicht nur nicht jetzt, sondern auch nicht in 20 Jahren. Wenn du mit 18 Kinder bekommst, bist du ganz schön weit davon entfernt, das zu erreichen, was du erreichst, wenn du mit 35 ein Kind bekommst. Mich widern diese schwer engagierten Pekip-Eltern mit ihren frühgeförderten Hochbegabtenscheißkindern an.

 

Sie sind nun richtig wütend.
Jetzt habe ich mit Eltern zu tun, die Social-Hopping-Seminare belegen müssen, um mit Leuten reden zu können, die aus ihnen nur vom Hörensagen bekannten Gesellschaftsschichten kommen. Die wollen lernen, über soziale Schichten hinweg zu kommunizieren. Was ein Bullshit! Das kann man nicht lernen, wenn man 35 ist. Das muss man lernen, wenn man klein ist. Deshalb glaube ich auch, dass es nicht gut ist, dass es in NRW zu 50 Prozent kirchliche Kindergärten und Schulen gibt. Da schicken dann die Rechtsanwälte ihre Kinder hin. Ab und zu mal ein muslimisches Kind für die Quote. Oder ein schwarzes Kind aus Eritrea, damit man sich als Multi-Kulti-Kindergarten brüsten kann. Aber die Kinder aus den Blocks und die Migrantenkinder werden in irgendwelche mäßig ausgestatteten Stadtrandkindergärten abgeschoben. Das führt nur dazu, dass sich Menschen schon als Kinder voneinander entfernen. Und das ist nicht gut.

 

Wie haben Ihre Kinder Ihre Sicht auf die Welt verändert?
Die Barbara-Frage! Man spürt eine Art Zuneigung und Liebe, die man nicht kennt, wenn man keine Kinder hat. Und es gehen einem Dinge tatsächlich näher.

 

Beispiel?
Wenn du den kleinen Jungen am türkischen Strand mit dem Gesicht nach unten liegen siehst, denkst du nicht: Darf ich das Foto aus presserechtlichen Gründen zeigen? Sondern du lehnst es aus emotionalen Gründen einfach ab. Dass Menschen im Mittelmeer ersaufen, muss man nicht damit illustrieren, indem man ein Kind zeigt, das tot mit dem Kopf im Sand liegt.

 

Haben Ihre Kinder Sie empathischer gemacht?
Unweigerlich. Neulich war ich am Bahnhof Zoo und habe mitbekommen, wie vor mir ein Vater sein zehnjähriges Kind geschlagen hat. Er hat es am Hals gepackt und die Wand hoch gedrückt. Das Kind fing an zu schreien. Die Mutter stand dabei und machte nicht den Eindruck, als wäre dies das erste Mal. Da habe ich die Polizei gerufen. Alles andere wäre unverzeihlich gewesen. Als Vater wird man sensibler für solche Sachen. Was nicht heißt, dass man als Nicht-Vater nicht dazwischen gehen muss.

 

Wissen Ihre Kinder, was Ihr Vater macht?
Ja. Quatsch.

 

Legen Sie sich Grenzen auf, seit Sie Kinder haben?
Nein. Dass ich Kinder habe, heißt ja nicht, dass ich nicht halbnackt im Tanga mit Sombrero über die Kölner Domplatte fahren kann. Wie schon gesagt: meine größte künstlerische Leistung.

 

Wovor soll Ihr Ironie-Panzer Sie eigentlich schützen?
Ich habe keinen Ironie-Panzer. Ich trage einen Ironie-Hut.

 

Wozu war Ironie noch mal gut?
Ironie dient dazu, Dinge, die einem zu sehr zu Herzen gehen würden, von sich fern zu halten, um sich Zeit mit der Verarbeitung zu nehmen.

 

Ironie macht Sie aalglatt.
Ich bin zum Glück kein Politiker. Ich muss nicht gewählt werden. Ich muss die Leute nicht von irgendetwas und schon gar nicht von mir überzeugen. Mein Job ist es, Gags zu machen. Außerdem sind meine Positionen stets im Fluss. Dafür ist Ironie auch hilfreich. Ich komme aus einer lustigen, ironischen Familie. Ironie ist bei mir nichts Angelerntes. Sondern sie ist schwer pathologisch.

 

Genau wie Ihr Schauspieldrang. Sie sind schon als Kind auf dem Bett Ihrer Eltern herum gehopst.
Ja, der Kern ist pathologisch. Und da ist es am besten, die Leute nicht in anderen Berufen zu nerven. Sondern den Job anzunehmen, den man anscheinend sowieso schon immer hatte.

 

Das kam allerdings erst recht spät.
Quatschvogel ist ja auch kein Ausbildungsberuf der IHK. Man lernt ein Leben lang autodidaktisch vor sich hin. Und es ist ein steter Prozess, seine eigentliche Bestimmung zum Quatschvogel anzuerkennen.

 

Aus was haben Sie die Kunstfigur Böhmermann zusammengesetzt?
Aus Teilen von mir. 90 % von mir. Die anderen 10 % kommen aus Dingen, von denen ich gar nicht so genau weiß, woher sie kommen.

 

Aus Teilen, die Ihnen sympathisch sind? Oder unsympathisch?
Beides. Je nach Moment.

 

Mögen Sie die Kunstfigur Böhmermann?
Sie ist aushaltbar. Sonst würde ich verrückt werden.

 

Ist Ihr Beruf eine Art Teufelsaustreibung?
Nein, es ist eher so: Der Rechtsanwalt zieht sich seine Robe an, ich ziehe mir meinen Anzug an. Der Richter macht schmutzige Witze privat, aber nicht vor Gericht. Ich mach das andersherum. Wäre ich auch privat so wie beruflich, läge ich in zwei Wochen mit einer Nadel im Arm am Bahnhof Zoo. Zuhause bin ich unglaublich langweilig. Und sobald ich diesen Raum betrete...

 

... Sind sie unglaublich spannend ...
... halte ich mich für die Behauptung von spannend.


Camus sagte: "Ab 40 ist man für sein Gesicht verantwortlich." Was werden Sie tun um ihrem jungenhaften Gesicht mehr Ecken und Kanten zu geben?

Ach, das regelt die Natur von alleine. Ein Jahr mit Kindern sind sieben Menschenjahre. Und der Verfall kommt schneller als einem lieb ist. So eitel bin ich dann auch nicht, dass ich mir ein markanteres Kinn wünsche oder größere Brüste. Oder einen kleineren Penis. Das ist doch nicht passiert.


Nervt es, dass die Frauen immer ihren Kopf wollen, nie ihren Körper?

Ich bin sapiosexuell, mir geht es also auch nicht anders. Ihre Frage empfinde ich als Beleidigung: Ich bin nicht nur wahnsinnig intelligent, uneitel und bescheiden. Ich bin auch körperlich extrem anziehend.


Das Gespräch ist im aktuellen stern erschienen


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