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Huch, ich habe für den Diktator gesungen

Wenn sie das gewusst hätte: Jennifer Lopez entschuldigt ihren Auftritt vor dem turkmenischen Diktator mit einer fadenscheinigen Erklärung. Fans sind empört und fragen: "Macht sie für Geld alles?"

Von Jens Maier

  Im Glitzeroutfit vorm Diktator: Jennifer Lopez bei ihrem Auftritt in Turkmenistan

Im Glitzeroutfit vorm Diktator: Jennifer Lopez bei ihrem Auftritt in Turkmenistan

Atlanta, London oder Sydney. Normalerweise ist das der Moment, in dem sie den Namen der Stadt ruft, in der sie gerade auftritt. Doch der Badeort am Kaspischen Meer, in dem Jennifer Lopez am Samstagabend an einem künstlichen See auf einer riesigen Bühne steht, scheint der Sängerin suspekt zu sein. Awasa? Noch nie gehört. Stattdessen schreit Lopez laut den Landesnamen ins Mikrofon: "Turkmenistan."

Vielleicht hätte das etwas weniger begeistert geklungen, wenn die US-Sängerin vorher bei Wikipedia nachgeschaut hätte. Das Online-Lexikon klärt darüber auf, dass die ehemalige Sowjetrepublik Turkmenistan 6,7 Millionen Einwohner hat, dass das Land am Kaspischen Meer liegt und sich eine Grenze mit Iran, Afghanistan, Usbekistan und Kasachstan teilt, dass es über die viertgrößten Erdgasreserven der Welt verfügt und dass es von einem Mann mit seltsamem Namen und zweifelhaftem Ruf regiert wird: Gurbanguly Berdimuhamedow.

Ein Präsident mit "diktatorische Vollmachten", der systematisch die Opposition unterdrücke, den Besitz von Satellitenschüsseln verbiete und Menschenrechte missachte. "Die Gewalt gegen Menschenrechtler [ist] so groß, dass im Land keine Menschenrechtsbewegung existieren kann", heißt es wörtlich. Doch davon will Jennifer Lopez nichts gewusst haben, als sie am vergangenen Samstag im Retortenbadeort Awasa aus ihrem Privatjet stieg und dem Präsidenten ein Geburtstagsständchen sang.

Geburtstagsständchen für den Diktator

"Es war uns ein Vergnügen hier zu sein und wir wünschen Ihnen einen fröhlichen Geburtstag", sagte die Sängerin, ehe sie ganz in Marilyn-Monroe-Manier "Happy Birthday" ins Mikrofon hauchte. Der so besungene war zeitgleich auf einer riesigen LED-Wand im Hintergrund zu sehen. Dankbar hob er zum Gruß die Hände, ehe er sich mit einem Feuerwerk feiern ließ. Ein Diktator, wie er im Buche steht. Doch für Jennifer Lopez angeblich ein Unbekannter.

Nichts will die Sängerin gewusst haben von seinen Machenschaften. Das Konzert sei von der Ölgesellschaft "China National Petroleum" bezahlt und in Auftrag gegeben worden, sagte ein Sprecher Lopez' dem Fernsehsender "E! News". Der Auftritt sei für lokale Vertreter des Unternehmens in Turkmenistan geplant gewesen und habe keinen politischen Hintergrund gehabt. "Wenn sie Kenntnis über Menschenrechtsverletzungen gehabt hätte, egal welcher Art, wäre Jennifer nicht aufgetreten", ist sich der Sprecher sicher. Der Wunsch, dem Präsidenten ein Ständchen zu singen, sei erst in letzter Minute an Lopez herangetragen worden. Sie habe dem aus Höflichkeit entsprochen.

Das Video von Lopez' Auftritt in Turkmenistan

Fans werfen Lopez Geldgier vor

Eine Ausrede? Vielleicht. Eine Dummheit? Auf jeden Fall. Denn die Sängerin, die sonst für ihr soziales Engagement bekannt ist, beschädigt ihr Image. Auf ihrer Facebook-Seite bricht sich der Unmut ihrer Fans bereits Bahn. Obwohl Lopez den Auftritt in Turkmenistan mit keinem Wort erwähnt, wird sie heftig attackiert. "Wie viel haben Sie dafür bekommen, für den turkmenischen Diktator zu singen? Sind Sie noch nicht reich genug?", schreibt ein User. Die meisten Kommentare halten vor allem Lopez' Entschuldigung für unglaubwürdig. "Nichts gewusst? Das ist doch ein Witz. Sie haben das wegen des Geldes getan", bringt ein User die Meinung der meisten Nutzer auf den Punkt.

Ein Sturm der Entrüstung, wie er bereits Hilary Swank widerfahren ist. Die sang vor zwei Jahren für den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, auch er ein gefürchteter Machthaber. "Wenn ich volle Einsicht gehabt hätte, worum es bei dieser Veranstaltung offenbar ging, wäre ich nie hingegangen", sagte sie hinterher. Immerhin entschuldigte sich Swank damals persönlich und ging noch weiter: Die Schauspielerin spendete die Summe, die sie für ihren Auftritt bekommen hatte.

Will Lopez ihre Glaubwürdigkeit wieder herstellen, täte sie gut daran, Swanks Beispiel zu folgen. Um die 500.000 Dollar hat sie vermutlich für ihren Auftritt kassiert. Geld, das Human Rights Watch im Kampf für die Menschenrechte in Turkmenistan gut gebrauchen kann.

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