Mit 30 war in den Fußstapfen ihres Vaters Wolfgang kein Platz für sie. Zehn Jahre später ist Jette Joop aus eigener Kraft zur wohl erfolgreichsten Design-Unternehmerin des Landes geworden - mit Ganzkörpereinsatz und einem starken Sinn fürs Populäre. Von Oliver Creutz

In Jette Joops Geschäftsplan spielen auch Äußerlichkeiten eine wichtige Rolle, wie sie bekennt© Ulrich Perrey/dpa
"Fassen Sie mal an." Jette Joop hält ein Stück Stoff ihres Kleides, in der Region zwischen Bauch und Brust, zwischen den Fingern. Sie nennt den vielsilbigen Namen eines italienischen Edellabels. "Reine Seide." Es ist Mittag im übervollen Berliner Restaurant Borchardt, Jette Joop hat an einem Ecktisch Platz genommen, so als sei sie Teil eines munteren Gesellschaftsstücks.
Ist das mädchenhafter Zeigestolz? Oder ihr geübtes Spiel auf der öffentlichen Bühne? Hier sitzt eine Designerin zum Anfassen, aber nicht irgendeine: Denn Henriette Joop, Chefin der Firma Jette GmbH und Tochter von Wolfgang Joop, gilt als eine der erfolgreichsten Design-Unternehmerinnen des Landes.
Jette ist erhältlich in Form von Schmuck, Duft, Damenund bald auch Herrenmode sowie in Form von Schuhen und Brillen - die 40-Jährige hat zwölf Lizenzen vergeben an Unternehmen, die Produkte in ihrem Namen herstellen. Macht für das Jahr 2007 einen Umsatz von ungefähr 140 Millionen Euro, für 2008 wird ein Wachstum von 20 Prozent erwartet. Wie kommen diese Zahlen zustande? Es kann nicht allein an den Klatschgeschichten liegen wie "Blitzhochzeit! Und jetzt ein Baby…" - so titelte im Februar die "Bunte", nachdem Joop die Heirat mit dem Fernsehproduzenten Christian Elsen bekannt gegeben hatte.
Ein anderer Grund ihres Erfolges ist die Hochgeschwindigkeit ihres Lebens und Arbeitens. Auch ein Essen im Borchardt gehört dazu, selbst wenn es so scheint, als wolle sie einen Mittag lang innehalten, um ein paar Dinge klarzustellen über sich. Am Tag zuvor ist sie aus dem Urlaub zurückgekehrt: "Eine Woche am Stück - so lange hatte ich seit zehn Jahren nicht mehr frei", sagt sie. In wenigen Tagen muss das Zirkuspferd Jette zurück in die Manege. Sie will in Stuttgart und Ulm den Verkauf ihres neuen Duftwassers ankurbeln; Stationen in sechs weiteren Städten folgen. Jette Joop reist durch die Läden wie ein Politiker durch Wirtshaussäle. Ihre Anhänger drängeln sich, um ihr Autogramm zu ergattern, Frauen jeden Alters halten Jette- Produkte zum Signieren hin, wollen ihr Traumfängerketten schenken. "Wahlkampf am Kunden" nennt sie ihre Auftritte.

Arm in Arm und Ton in Ton: Jette mit Wolfgang Joop© Tim Brakemeier/dpa
Für Jette-Produkte gilt das Gleiche wie für die Lieder von Dieter Bohlen und die Bücher von Susanne Fröhlich: Ihre Qualität wird nach Verkaufszahlen bemessen - um kreative Ausnahmeleistungen geht es nicht. "Montags erhalte ich die Hitliste von Christ: Wenn meine Schmuckstücke in Herzform die vorderen Plätze belegen, dann liefere ich weitere Herzstücke. Frauen wollen Herzen, so einfach ist das."
Dazu passt ein Satz ganz am Anfang ihrer Karriere, mit dem sie sich 1998 bei dem damaligen Chef der Juwelier-Kette Christ, Jörn Kreke, bewarb: "Und verkaufen sollen sich meine Sachen auch." Jette Joop war zu dem Zeitpunkt 30, hatte gerade eine Tochter zur Welt gebracht, und ihr Plan, eines Tages in die Firma ihres Vaters einzusteigen, hatte 1997 nach einem Managementwechsel bei Joop mit Streitereien und einem Hausverbot geendet. Dabei hatte sie sich akribisch auf diesen Schritt vorbereitet: mit einem Studium des Industriedesigns in Pasadena, Kalifornien, und mit Anstellungen etwa bei Ralph Lauren.
Etwas musste geschehen nach der Ausbootung, und weil sie diesen "irre anstrengenden Wahnsinnsehrgeiz" (O-Ton Jette) in sich hatte, beschloss sie, sich selbst auf den Markt zu tragen. Von vielen Seiten wurde ihr geraten, es bleiben zu lassen, auch weil sie aus markenrechtlichen Gründen den Nachnamen Joop nicht für ihre Produkte verwenden darf - tut sie es doch, hagelt es Abmahnungen der Joop GmbH. "Ich habe es diesen Ratgebern nicht gegönnt, dass sie recht behalten." Da hat sie gelernt, den Knochen, den sie verspeisen möchte, nicht mehr loszulassen.
"Mir war klar: Ich muss meine Optik einsetzen. Ich wollte, dass die Leute hinschauen." Seitdem tritt sie als Gesamtkunstwerk auf: als Designerin, als Unternehmerin - und als Objekt des Boulevards. Sie weiß sehr wohl, wie man öffentlich geführte Beziehungen, etwa die nun vier Jahre zurückliegende mit dem Fürsten von Schaumburg-Lippe, geschäftsfördernd nutzt. Sie kennt ihre Klatschbilanz genauso gut wie ihre Umsatzbilanz: "Es war okay, in diversen Publikationen erwähnt zu werden." Eine Zeit lang trat sie auf als eine Art Klaus Wowereit der Designwelt: Sie warb auf dem roten Teppich für ihre Marke, so wie der Regierende Bürgermeister auf dem Parkett für seine Stadt Berlin trommelt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 27/2008