Die Zwillingsschwestern Jutta Winkelmann und Gisela Getty waren Ikonen der 68er, berauschten sich am eigenen Glück und blieben doch vom Elend der Selbstüberschätzung nicht verschont. Im stern-Interview erzählen sie von ihren Drogenerfahrungen, denen ihrer Kinder und warum Sex ein notwendiges Übel ist.

Jutta Winkelmann (l.) und Gisela Getty bei einer Fotosession mit Papierkleidern, aufgenommen 1967© Dr. Klaus Baum
Jutta Winkelmann: Bob Dylan war immer unsere Lichtgestalt. Der Mann, an dem sich alle anderen Männer messen lassen mussten. Ich hatte Gisela in Los Angeles besucht und wollte ihn unbedingt kennen lernen. Also bat ich unseren Freund Dennis Hopper, mir dabei zu helfen. Er nahm uns mit zu einer Party in Malibu. Kris Kristofferson, Donovan und Harry Dean Stanton waren auch da. Man lagerte auf Teppichen und Matten. Es gab jede Menge Gras und Koks und hochfliegende Ideen. Wir folgten Dennis in die Küche - und dann stand Dylan plötzlich vor mir. Wir schauten uns nur an, und ich hatte das Gefühl, mit ihm zu verschmelzen. Wir unterhielten uns. Dann ging ich kurz aus dem Raum und als ich zurückkam, sah ich Gisela und Bob im intensiven Gespräch. Da explodierte in mir eine teuflische Eifersucht. Dieses Biest, dachte ich, zum Teufel mit der Zwillingssolidarität. Wir hatten verabredet, dass er mir gehört. Im Badezimmer haben wir uns dann richtig in die Haare gekriegt und aufeinander eingeschlagen. Es war kurz und heftig, dann sind wir zitternd auseinander gegangen.
Jutta Winkelmann: Ja, ich habe alles von ihm bekommen, was ich wollte. Das Übliche, also Sex, Ehe, Beziehung, war nicht das, was mir wichtig war. Es war für mich eine tiefe Begegnung, die mir weiterhalf. Aber nichts, was ein Voyeur sich vorstellt. Er hatte uns zwar noch seine Privatnummer gegeben und wollte uns malen. Aber als ich angerufen habe, hatte ich seine Frau am Telefon und hörte im Hintergrund Kinder schreien. Da legte ich auf.
Gisela Getty:Als Jutta und ich noch in Kassel zur Schule gingen, hörten wir eines Tages aus einem Laden eine Stimme, die anders klang, als alle Stimmen, die wir jemals gehört hatten. Sie vermittelte uns ein Gefühl von Freiheit. Am nächsten Tag gingen wir in einen Plattenladen und es dauerte nicht lange, bis wir wussten, wer "Like a Rolling Stone" gesungen hatte.
Jutta Winkelmann: Der Song war für mich wie eine Verheißung, dass es ein anderes Leben geben wird, als das unserer Eltern. "Like a Rolling Stone" war die Hymne unserer Erweckung. Danach entschloss ich mich, von der Schule zu gehen und Kunst zu studieren. Wir wurden Schülerinnen in der Klasse für experimentelle Fotografie. Dann galten wir auf einmal als die hübschesten Mädchen der Schule und standen für den neuen Frauentyp. Plötzlich waren wir nicht mehr zu dünn, sondern hip. Wir wurden nicht mehr ausgelacht, sondern angemacht.
Jutta Winkelmann: Auf keinen Fall. Alle haben sich immer um uns bemüht, nicht umgekehrt. Als Zwillinge waren wir ganz selbstverständlich Aufmerksamkeit gewohnt.
Gisela Getty: Wir waren ja selbst Künstlerinnen, hatten schon mit 18 Jahren den Filmpreis in Oberhausen gewonnen. Wir haben uns selbst als ziemlich großartig gesehen, auf Augenhöhe mit den Berühmtheiten, die uns interessierten. Unser Kriterium war auch nicht Berühmtheit, sondern Kreativität. Kommune 1, Rainer Langhans, Bob Dylan, Dennis Hopper - sie inspirierten und begeisterten uns. Wir fühlten uns verwandt. Diese Einteilung in 'Unten-Oben' gab es ja nicht, alle waren gleich. Natürlich haben wir, wie alle, in Allmachtsphantasien geschwelgt, sahen uns in einer Reihe mit Hermann Hesse, Nietzsche, Che Guevara, Mozart. Wir waren die geniale Generation, dazu ausersehen eine neue Welt zu schaffen. Vielleicht versteht man heute dieses Gefühl, dass alles möglich ist, nicht mehr.

Die Toxic-Twins heute, geläutert und ernüchtert© Frank Bauer
Gisela Getty:Heute ist zwar überall 68er-Bashing angesagt, aber wir sind absolut stolz darauf, was diese Generation geleistet hat. Ich blicke überhaupt nicht nostalgisch auf frühere Zeiten. Aber vieles, was wir damals erkämpft haben, ist heute selbstverständlich. Die Emanzipation, die Art zu denken, die Kultur, das Lebensgefühl - einfach alles haben wir verändert.
Jutta Winkelmann: Es war der Anfang einer neuen Geschichtsepoche. Wer heute sagt: Damals begann der Werteverfall, dem sage ich: Wir haben Werte geschaffen. Unsere Eltern hatten den Massenmord in Nazi-Deutschland mit zu verantworten. Es gab ja keine Werte mehr. Man kompensierte sein schlechtes Gewissen mit einem schamlosen Materialismus. Genau dagegen hat die Jugend der Welt rebelliert. Auch mit dem heute viel zu wenig beachteten wertvollen Satz "Make Love not War".
Gisela Getty: Ja, zu einer Utopie. Natürlich waren wir naiv damals. Paul war ein sehr schöner Junge mit kupferfarbenen Locken. Er war eine anziehende Mischung aus Schüchternheit und Draufgängertum - und ich verliebte mich. Wir wollten mit dem Geld des Großvaters eine kreative Auserwähltenkommune schaffen. So was wir Warhols Factory, nur viel ekstatischer und schöner.
Jutta Winkelmann: Als wir Paul trafen wussten wir sofort, er ist der Schlüssel zu unserer großen Vision - es ging ja um mehr. Wir wollten reich, berühmt und erleuchtet werden - ohne im männlichen Sinn hart dafür arbeiten zu müssen. In Paul sahen wir eine Art Unterpfand für die Zukunft und deshalb beschlossen wir, dass Gisela ihn heiraten soll.
Gisela Getty: Wir haben ja auch tatsächlich rumgesponnen, wie es wäre, eine Entführung zu inszenieren. Ursprünglich war es Pauls Idee. Er glaubte, weil er der Lieblingsenkel seines Großvaters sei, zahle der bestimmt für ihn. Wir haben das Projekt natürlich nicht in die Tat umgesetzt, es blieb bei den Spinnereien.
Jutta Winkelmann: Wir sind dann in Rom als Täterinnen verhaftet worden. Wir waren permanent in Geldnot, spielten in Gedanken sogar mit einem Banküberfall. Bankraub empfanden wir damals als revolutionäre Tat, solange die Räuber politisch auf der Höhe sind. Aber uns fehlte immer der Mut, weil wir auf keinen Fall unsere Freiheit verlieren wollten.
Jutta Winkelmann: Ich habe Vermutungen. Aber die werde ich ganz sicher nicht äußern. Mit der Mafia ist nicht zu scherzen. Wir sind damals durch extreme Welten gewandert. Mittags haben wir nobel mit Bertolucci gespeist, abends saßen wir mit Räubern auf der Straße. Wir lernten Fellini, Polanski, Glauber Rocha und Alberto Moravia kennen, aber wir konnten unsere Miete kaum zahlen. Eigentlich kannten wir nur Künstler und Diebe. Aber diese kleinen Gangster waren tolle Jungs mit langen Haaren und grünen Augen. Sie haben uns angetörnt, waren der Inbegriff des nichtbürgerlichen Lebens. Wir fanden das mit unserem kindergoldenen Blick alles ungeheuer aufregend.
Gisela Getty: Nein, überhaupt nicht. Wir fühlten uns ja erleuchtet. Für uns war in diesem "Sommer der Liebe" alles ein Spiel. Wir haben ab und zu mal Schmiere gestanden bei Einbrüchen. Und Marcello, ein befreundeter Maler, hatte die Idee, dass wir alle zum Pinsel greifen und Paul die Bilder mit seinem Namen signiert. Ein Restaurantbesitzer verkaufte sie dann als "echte Gettys" an Touristen. Dafür konnten wir alle immer bei ihm essen und manchmal gab er uns etwas Geld.
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Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen von Gisela Getty, Jutta Winkelmann und Jamal Tuschick, weissbooks.w, gebundene Ausgabe, 390 Seiten, 22 Euro