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Drogen und Dreier

Kokain, Wodka, Ecstasy und Dreier: Das sollen die Vorlieben der Stil-Ikone Kate Moss sein. Vorhang auf für "Sex, Drugs and a Rockchick", die erste deutsche Biografie über das englische Topmodel.

Von Anne Webler

Fünf Lines in 40 Minuten: Mit dieser Szene beginnt die erste deutsche Biografie von Kate Moss: "Kate Moss. Sex, Drugs and a Rock Chick" vom Schwarzkopf und Schwarzkopf-Verlag. Moss sitzt in einem Tonstudio, in dem ihr Freund Pete Doherty mit seiner Band Babyshambles Aufnahmen für sein Album macht. Sie kramt ein Päckchen mit weißem Pulver hervor, teilt den Inhalt in zwanzig saubere Linien - fünf für sich, fünfzehn für die Crew. Dann zieht sie eine nach der anderen in ihre Nase. Doch sie wird heimlich gefilmt und das Video an die britische Tageszeitung "Daily Mirror" verkauft. Die Bilder werden unter der Überschrift "Cocaine Kate" veröffentlicht. Der Skandal ist da.

Autor Brandon Hurst beginnt die Biografie mit dieser Szene, weil sie den Tiefpunkt in Moss' Karriere markiert. Nach dem Bericht des "Daily Mirror" verlor Kate Moss ihre Werbeverträge bei H&M, Rimmel und Burberry, viele glaubten, von diesem Karriereknick würde sich das Model nie mehr erholen. Doch Kate Moss ist heute erfolgreicher denn je - und verdient mehr Geld als je zuvor: Allein 2006 war sie das Gesicht von 14 Werbekampagnen, unter anderem für Dior, Versace, Bulgari und Louis Vuitton. Keine Frage, der Kokain-Skandal ließ Kate Moss in den Medien unglaublich präsent sein, ihr Name war in aller Munde. Und die Konzerne rissen sich um das verruchte Model mit dem Riesen-Bekanntheitsgrad.

Kate wird entdeckt

Um das Phänomen Kate Moss zu erklären, geht Autor Hurst in seiner Biografie zurück an den Anfang. Er beschreibt das Model als Kind, als Schülerin, die den Unterricht schwänzte und stattdessen lieber mit Freunden rauchte und trank. Hurst stellt Moss' Eltern vor, berichtet von den Umständen der Trennung und wie Kate 1988 am New Yorker JFK-Flughafen von der Londoner Modelagentur Storm entdeckt wurde. Der Leser bekommt einen Einblick in die Modewelt der Achtziger und Neunziger mit ihren exzessiven Partys. Dagegen stellt Hurst das stärker vom Wettbewerb geprägte Modebusiness von heute, in dem sich die Models Disziplinlosigkeit nicht mehr leisten können.

Auch wenn Kate Moss in der Erinnerung der jetzigen Generation immer schon Supermodel war, begann ihre Karriere keineswegs mit einem steilen und sofortigen Aufstieg. Zu Anfang übernahm sie überwiegend unbezahlte Aufträge. Aber sie hatte ihr Ziel, berühmt zu werden und viel Geld zu verdienen, fest vor Augen. Moss' Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Auch wenn sie mit ihrem dürren Körper, den O-Beinen und ihren 1,70 Meter das Gegenteil der damals bekannten Supermodels wie Cindy Crawford und Claudia Schiffer darstellte, nahm sich in den Neunzigern eine New Yorker Modelagentur ihrer an. Glanz und Glamour, Silikon-Busen, wuchtige Frisuren und Perfektion waren out, Natürlichkeit und Lolita-Image in.

48 Kilo bei 1,70 Meter

Die ersten von Kate Moss veröffentlichten Bilder verursachten einen Sturm der Entrüstung. Mit ihren 48 Kilo bei einer Größe von 1,70 Meter verkörperte sie den "Heroin-Chic" der Neunziger Jahre. Es war die Phase, in der Models wie Drogenabhängige aussahen: dürr, blass, mit tiefliegenden dunklen Augen.

Passend dazu versorgt auch die Biografie den Leser mit Geschichten von Moss' übermäßigem Drogenmissbrauch: 2006 machte der Modelagent Gavin Maselle in der englischen Zeitung "Sun" Kates Kokainsucht publik. Auf Reisen brauchte sie angeblich alle fünf Minuten eine Line: vom Toilettendeckel, Fußboden oder einer CD-Hülle - Moss sei nicht gerade wählerisch gewesen. Auf einer Party soll sie einmal fünf Gramm Kokain zusammen mit der "Date-Rape-Droge" Rohypnol genommen haben. Ohnmächtig dämmerte sie für Stunden weg.

Was dennoch den Reiz der Stil-Ikone Kate Moss ausmacht? Sie kombiniert Sexualität und Unschuld perfekt, ist gleichzeitig raffiniert und naiv. Auch noch mit 33 Jahren hat sie die Züge eines jungen Mädchens, ist gleichzeitig aber Skandal-Rocker Pete Doherty zusammen. Eine Frau der Widersprüche, die faszinieren.

Kate macht's gern zu dritt

Und Hurst kann mit noch mehr Geschichten aufwarten: Gerüchten zufolge nehme Kate bereits morgens im Bett die erste Line Kokain - zum Wachwerden - und trinke dazu ein halbes Glas Weißwein. Am Tage steige sie um auf Champagner, abends treffe sie sich mit der "Moss-Posse", zu deren auserwähltem Kreis gehören Stars wie Jude Law, Naomi Campbell, Stella McCartney und Daniel Craig, mit dem Moss eine kurze Affäre hatte. Partnertausch unter Freunden sei hier keine Seltenheit, und im Kokainrausch habe die bisexuelle Kate auch gerne Mal Sex mit Frauen wie Naomi Campbell, so Hurst. Sogar Dreier, angeblich mit den Schauspielerinnen Sadie Frost und Davinia Taylor, mit denen sie angeblich eine langjährige lesbische Beziehung hatte, werden ihr unterstellt. Und Moss' Geburtstag-Party zum 30. wurde in der britischen Presse "eine der schockierendsten und ausschweifendsten Nächte, die es je in London gegeben hat" bezeichnet.

Das sind alles bunte und nett zu lesende Geschichten. Aber sind sie auch wahr? Brandon Hurst beruft sich auf verschiedene Quellen: Da ist die Mode Assistentin Rebecca White, die erzählt, Moss nähme neben Kokain und Rohypnol auch Valium und Ecstasy. White behauptet auch, Moss wolle gar nicht clean werden. Immerhin gibt diese Informantin ihre Identität preis, was sie zu einer glaubwürdigeren Zeugen macht als die vielen "unbekannte Quellen" Hursts. Der Autor zitiert immer wieder zahlreiche Freunde von Moss, um seine Schlüsse zu untermauern. Fraglich ist allerdings, was für "Freunde" das sind, die so intime Details über ihre "Freundin" Kate Moss ausplaudern. Fest steht, dass die Informanten für ihre Geschichten von den betreffenden Medien sicherlich eine schöne Summe Geld kassiert haben.

"Diät aus Champagner, Wodka und Drogen"

Moss' Agentin Sarah Doukas hingegen hält nicht viel von den Gerüchten über Kate Moss, aber welcher Agent ist schon stolz auf die Eskapaden seines Schützlings? Man muss dem Autor zugute halten, dass er sehr viele Quellen aufgetan hat. Inwieweit deren Geschichten aber stimmen, lässt sich nicht mit Sicherheit klären. Jedoch hat Kate Moss in einem ihrer seltenen Interviews selbst sehr offen über ihren Drogenkonsum gesprochen: Nach dem Aufenthalt in einer Entzugsklinik 1998 soll sie behauptet haben, dass "eine Diät aus Champagner, Wodka und Drogen die einzige Möglichkeit für sie sei, mit der nichtssagenden Welt der Mode fertig zu werden."

Kates drogenreiches und unangepasstes Leben scheint eng verbunden mit den Männern, mit denen sie zusammen war. Die Biografie erweckt den Eindruck, als ob labile Charaktere mit Hang zur Selbstzerstörung eine unbändige Anziehungskraft auf Kate Moss ausüben. Pete Doherty ist der Höhepunkt einer Reihe von Partnern, die gegen jegliche Konvention verstoßen.

Fazit

"Kate Moss. Sex, Drugs and a Rock Chick" liest sich gut und wird durch viele Fotos von Kate Moss vervollständigt. Der Autor beschreibt Moss' Werdegang nicht nur von ihrer Schulzeit an, sondern auch die Menschen, die in ihrem Leben wichtig waren oder sind: ihre Eltern, ihre Männer, Freunde, Weggefährten. So wird sie nicht isoliert dargestellt, sondern ein vollständiges Bild ihrer Person und ihres Umfelds gezeichnet. Der Leser kann sich Kate Moss' Persönlichkeit und ihr Leben gut vorstellen.

Wie viele andere Biografien von Rockstars oder Schauspielern lebt auch diese davon, dem Leser intime Einblicke in das Leben eines Stars zu gewähren. Die beschriebenen Drogenexzesse, wilden Promi-Partys und Orgien üben ihre eigene Faszination aus, weil sie ein Leben zeigen, dass der normale Bürger niemals führen oder kennenlernen wird. Zwischen zwei Buchdeckeln öffnet sich die Tür zu einer Welt, dessen Treiben der Leser durch den Türspalt unbemerkt beobachten darf.

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