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Der Junge auf der Schokolade

Seine Augen strahlten aus dem Supermarktregal, sein Lächeln animierte 30 Jahre lang zum Kauf. Nun hat der Schokoladenjunge seine Identität enthüllt und einen Pressetrubel ausgelöst.

Da hat "Mister Kinderschokolade" mit der Enthüllung seines süßen Geheimnisses gerade noch den rechten Zeitpunkt erwischt: Mehr als 30 Jahre lang zierte das Kinderbild Günter Euringers jede Tafel, weltweit lächelte er mit blauen Augen und strahlend weißen Zähnen aus Supermarkt-Regalen - und oft wurde gerätselt, wem das vertraute Schokogrinsen gehört. Doch genau in jenem Moment, in dem der 42-Jährige das "Versteckspiel" beendet, führt Hersteller Ferrero ein neues Jungengesicht ein. "Wenn schon verabschieden, dann mit einem Tusch", hatte sich Euringer daraufhin gesagt - und kann sich seitdem vor Interviewanfragen kaum retten.

Aus Frust die Wimpern abgeschnitten

"Mit solch einer Resonanz hat niemand gerechnet", erzählt der in Haar bei München lebende Filmemacher und Kameramann, dessen Autobiografie ("Günter Euringer. Das Kind der Schokolade") der Schweizer Giger-Verlag herausgebracht hat. Nach dem ersten "Outing" im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" begann für ihn der ungewohnte Pressetrubel. "Früher wollte ich nie, dass mich jemand erkennt", erinnert sich das einstige Kinder-Fotomodell. "Es hat mich extrem genervt, dass ich als netter, hübscher Bub gesehen wurde." Er habe sich deshalb sogar einmal die Wimpern abgeschnitten. Der Schokoladen- Auftritt blieb sein größter: "Ich konnte auch nur das eine Grinsen."

Während das Kinderfoto jetzt auf dem Buchdeckel prangt, endet in den Süßwarenständen eine Ära. "Wir führen sukzessive eine Verpackung mit einem anderen Jungen ein", berichtet eine Sprecherin der Firma in Frankfurt/Main. "Überlegungen, den Auftritt zu modernisieren, gab es schon länger." Zudem solle das Bild auf der Riegelschokolade international einheitlich werden; Euringers Foto war - je nach Land - in leicht veränderten Versionen erschienen. Hemd und Haarlänge des Jungen haben sich inzwischen geändert, er bekam fremde Ohren verpasst. Dass sich sein Gesicht aber so lange als Werbeträger eignen würde, war auch für das Unternehmen "nicht absehbar".

300 Mark für 30 Jahre Werbung

Dass das Konterfei eines der international bekanntesten Kindergesichter ausgerechnet jetzt aus dem Alltag verschwindet, ist nach Angaben der Sprecherin "Zufall". "Extrem zufällig", wundert sich hingegen Euringer, "aber möglicherweise habe ich mit meinem Buch provoziert." Vielleicht habe Ferrero immer ein namen- und geschichtsloses Kind gewollt. Rund 151 Euro (300 Mark) bekam der Junge damals für die Fotos, Kontakt zum Unternehmen gab es danach nie. Dafür aber konnte Euringer immer wieder erfahren, wie andere Menschen sich als "Junge auf der Schokolade" ausgaben. Wieder andere dagegen mussten den "Verdacht" immer wieder von sich weisen, wie etwa TV- Moderator Thomas Ohrner in der Talkshow "Johannes B. Kerner".

Als Kerner auch noch den Aufruf startete, das Kind von der Schokolade möge sich melden, begann Euringer über das Ende seines Schweigens nachzudenken. "Ich hatte gehofft, dass die Geschichte interessieren würde", meint der Vater zweier Söhne. Es tue "schon weh", wenn die letzten alten Verpackungen mit seinem Antlitz aus den Geschäften verschwinden. "Aber ich musste ja immer damit rechnen." Und er könnte sich sogar vorstellen, wieder Werbung zu machen. "Dass sich noch einmal eine Schokoladenfirma bei mir meldet, glaube ich jedoch nicht." Schließlich hat er ein weiteres Geheimnis gelüftet: "Ich habe mir noch nie etwas aus Schokolade gemacht."

Dorit Koch / DPA/DPA
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