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"Ein Propagandaminister der Gegenwart"

Der Cruise-Goebbels-Vergleich von TV-Historiker Guido Knopp hat kontroverse Diskussionen ausgelöst. Im stern.de-Interview erklärt Arnie Lerma, Amerikas Scientology-Gegner Nummer eins, weshalb er diesen Vergleich für durchaus gerechtfertigt hält.

Arnie Lerma gilt als der bekannteste Scientology-Kritiker in den Vereinigten Staaten. Von seinem 18. Lebensjahr an war er Teil der Gruppe. In seinen zehn Jahren bei Scientology stieg er bis in die elitäre "Sea Organization" auf. Als sich Lerma in die Tochter von Gründer L. Ron Hubbard verliebte und die beiden heiraten wollten, wurde er von Scientology unter erheblichen Druck gesetzt, die Beziehung abzubrechen. Schließlich kam es in Florida zu einem stundenlangen Verhör. Lerma: "Der Deal war: Wir garantieren dir, dass du Florida sicher und mit allen Körperteilen verlassen kannst, wenn du Suzette Hubbard sagst, dass die Heirat abgeblasen ist." Lerma kehrte Scientology den Rücken, seit 1992 beschäftigt er sich intensiv mit den Methoden der Gruppe. Mitte der neunziger Jahre gelang es dem heute 57-Jährigen, die Original-Dokumente der Science-Fiction-artigen Scientology-Lehre zum ersten Mal der weltweiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Lerma, der die Website www.lermanet.com betreibt, wurde deshalb von Scientology verklagt.

Mr. Lerma, ein deutscher Historiker hat Tom Cruise, der in einem Video den Satz "Sollen wir diesen Platz säubern?" sagt, mit Joseph Goebbels verglichen. Der fragte die Deutschen einst: "Wollt ihr den totalen Krieg?". Hat der Historiker recht - oder übertreibt er?

Die Parallele zu einem Propagandaminister ist nicht fernliegend. Der totale Krieg als Konzept ist im Gedankengut aller überzeugten Scientologen verankert. "Clean this place up" bedeutet "clear the planet" - also die Erde von den Feinden jener zu säubern, die meinen, die ultimative Lösung für die Probleme der Menschheit parat zu haben: den Scientologen. Cruise vermittelt hier eine Ideologie des Hasses. Auch wenn er über "suppressive persons", also Scientology-Gegner, sogenannte Unterdrücker, spricht. Es gibt ein Scientology-Lehrbuch namens "Shattering Suppression". Auf dem Cover ist ein Gesicht abgebildet, das zerschmettert wird. Anders als in der neuen Biografie, in der er als zweitwichtigster Scientologe tituliert wird, würde ich sogar noch einen Schritt weitergehen: Cruise ist der wichtigste Scientologe überhaupt. Weil er der beste Promoter dieser Organisation ist. Also in der Tat der eine Art Propagandaminister.

Sind Vergleiche mit dem "Dritten Reich" nicht grundsätzlich überzogen?

Wenn Sie sich das Ganze genauer anschauen, erkennen Sie es: Was Scientology propagiert und verdeckt betreibt, ist identisch mit den totalitären Dogmen des "Dritten Reichs". Hinter dem ganzen obskuren Scientology-Slang, mit dem auch Cruise um sich wirft, steckt eine Verschleierungstaktik. Die seltsame Sprache verbirgt die schlimmen Ziele - und den offensichtlichen geschichtlichen Vorläufer. Diese Sprache erschwert eine Überprüfung - weil die meisten Leute erfundene Termini wie "suppressive person" nicht kennen. Der Plan dahinter ist, die Dimension des Ganzen zu verbergen. Der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard wollte seinen Mitgliedern einprogammieren, Euthanasie als eine praktikable Alternative anzusehen, anstatt den Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft gerecht zu werden. Hubbards Hoffnung war: Wenn genügend Menschen realisiert haben, was Scientology wirklich ist, wird es bereits zu spät sein. Er meinte einmal: "Eines Tages wird sicher jemand sagen, dass das alles ungesetzlich ist. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass wir dann schon jene sind, die bestimmen, was Gesetz ist und was nicht."

Dennoch: Der Scientologe Cruise hat gerade Graf Stauffenberg gespielt, also einen Gegner Hitlers.

Das Motiv, den Film "Walküre" zu machen, hatte viel mit einem Ablenkungsmanöver gemeinsam. Mit Bühnenzauberei. Um die Aufmerksamkeit der Deutschen in eine andere Richtung zu lenken - sodass sie die Gefahr weniger wahrnehmen, die in Wirklichkeit von dieser Organisation ausgeht. Ich bin mir sicher, dass sich die Intelligenzmaschinerie von Scientology genau bewusst war, warum Cruise gerade "Walküre" drehte, und gerade in Deutschland. Damit wurde ein Ziel verfolgt. Wegen ihrer Vergangenheit erkennen die Deutschen die Ideologie von Scientology besonders gut als das, was sie wirklich ist. Und: Ihr Land bringt die eigene Geschichte heute auch anderen Völkern nah. "Walküre" war also eine präventive Maßnahme, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dahinter steckt eine Verschleierungstaktik.

Und Cruise ist Teil dieser Taktik?

Ja. Er glaubt das, wovon ihm erzählt wird, dass er es zu glauben hat. Die Videos mit ihm sind ein Beweis dafür. Gleichzeitig zeigen sie die psychologische Kriegsführung, die die Organisation gegenüber ihren eigenen Mitgliedern ausübt, um sie in einer Art Traumwelt gefangen zu halten. Wie soll man solche Leute eigentlich ernst nehmen? Ein Scientologe denkt, dass in seinem Körper der Geist eines toten Außerirdischen steckt.

Interview: Jörg Isert

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