Traumhochzeit in den Niederlanden: Kronprinz Willem-Alexander machte seine Máxima zur Prinzessin. Oranje-Fan Hape Kerkeling war dabei, als die Argentinierin im Februar 2002 unter die königliche Haube kam.

Happy End bei Frühlingswetter: Nicht nur die Sonne, sondern auch das Brautpaar strahlt© dpa
Wenn das so ist, nehme ich auch noch eins. Ich sitze in Beurs Bodega am Tresen, einem Kämmerchen von Kneipe, vielleicht sieben Meter lang und drei Meter breit, und mir gegenüber hängt ein Poster. Es zeigt Willem-Alexander und seine Máxima, seit gut elf Stunden Mann und Frau, und zwei Sprechblasen. Bierchen, fragt der Kronprinz auf Holländisch: "Biertje?" "Ja", antwortet seine Angetraute, "ik wil." Paula, die nette Blonde hinterm Tresen, stellt mir noch ein Heineken hin. Ich bin fix und fertig. Das war ein Tag. Aber jetzt ist er endlich unter der Haube, der Alex.
Fragen Sie mich nicht, warum, aber als ich zehn wurde, habe ich die Schwester von Königin Beatrix zu meinem Geburtstag eingeladen. In einem Anfall juveniler geistiger Umnachtung dachte ich mir, Bea, damals Kronprinzessin, habe eh keine Zeit, und schrieb deshalb Prinzessin Irene einen Brief. Wie Sie sich vorstellen können, blieb Irene meinem Ehrentag in Recklinghausen fern. Dafür bekam ich Post von ihrem Sekretär, der sich entschuldigte, dass Ihre Hoheit leider verhindert sei. Sie wünsche mir aber alles Gute. Den Brief habe ich heute noch, irgendwo zu Hause in einer Kiste. Beeindruckt von der Liebenswürdigkeit dieser Antwort, bin ich dem Hause Oranje-Nassau seitdem zutiefst verbunden - abgesehen von einer kurzen Phase mit 13 oder 14, wo ich die Bay City Rollers einfach fetziger fand.
Später schrieb ich einen weiteren Brief an das Schloss Huis ten Bosch in Den Haag; 1991 war das, und Beatrix sollte auf Staatsbesuch nach Deutschland kommen. Ich moderierte inzwischen die Sendung 'Total Normal', und unsere Redaktion bat in unterwürfiger Schleimigkeit um ein Interview mit Ihrer Majestät. Die war wenig "geamuseerd" und verweigerte uns ebenso schleimig, aber deutlich gekonnter ein Gespräch. Was dazu führte, dass ich mich verkleidete und ihr freundlicherweise die Beschwerlichkeiten eines Staatsbesuches abnahm. Damals, auf Schloss Bellevue beim guten alten Richard von Weizsäcker.
Seitdem klebt die Beatrix an mir - und ich irgendwie auch an ihr. Da liegt es nahe, an einem ganz besonderen Festtag der Oranier schützend in ihrer Nähe zu sein. Also bestieg ich am vergangenen Freitag in Düsseldorf einen ICE und machte mich, mit Fachlektüre von 'Frau mit Herz' bis 'Neue Revue' bewaffnet, auf nach Amsterdam - zur Hochzeit von Beas Erstgeborenem. Willem-Alexander Claus George Ferdinand van Oranje-Nassau, kurz: Prinz Pilsje, der im Gesicht aussieht wie Stefan Effenberg und auf dem Kopf die Föhnfrisur meiner Tante Hilde aus Herne von 1976 aufträgt. Der sich morgen vermählen wird mit der Argentinierin Máxima Zorro, äh, Zorr.., ach, egal, morgen heißt sie eh wie er, hinten jedenfalls.
Am Abend in Amsterdam angekommen, spaziere ich vom Hauptbahnhof über den "Damrak" Richtung Palast. Die Stadt leuchtet orange, überall hängen rot-weiß-blaue Fahnen - so sieht's hier sonst nur aus, wenn die Holländer irgendwas im Fußball gewuppt haben. Da die nächste Fußball-WM ohne sie stattfinden wird, ist es gut, dass Bea die Neue in ihr Oranje-Team einberufen hat - und damit für morgen ein Volksfest. C&A hat deshalb sogar sein Logo geändert: W&M lese ich stattdessen auf dem Kaufhaus-Schild. Verdammt gutes Marketing.
Doch dann, o Schreck, was macht die denn hier? Über dem Eingang zum Casino prangt ein XXXXXL-Foto von Alex und seiner Braut. Vielleicht liegt's an der Dose Heineken, die ich schon intus habe, weil ich weiß, was sich in Beas Land gehört, aber ich glaube, Linda de Mol grinse auf mich herab. Verzeihung, Hoheit, eine Argentinierin stelle ich mir eher südländisch, nicht aber südholländisch vor.
Doch ob ich will oder nicht - das Fieber hat mich gepackt. Im nächstbesten Souvenirshop muss ich eine orangene Plüsch-Krone kaufen und ein orangenes T-Shirt mit dem holländischen Löwen drauf; das letzte vorhandene Máxima-Shirt in Größe S ist leider nix für mich. Ich nehme deshalb einen Schal mit ihrem Namen und lerne nebenbei: Die Euro-Preise sind hier noch fürstlicher als bei uns - der Spaß kostet mich 62,19 Euro.
Ich bleibe gelassen, weil ich weiß, ich habe ein Hotelzimmer mit Blick auf Beas Palast gebucht. Als ich wenig später aus dem Hotelfenster schaue, stelle ich fest: Das mit dem Palast-Blick war nicht gelogen. Mein Fenster geht raus auf eine Gasse, an deren Ende der Schlossplatz liegt. Ich erkenne in der Ferne einen Hauch der rechten Flügeltür und eine ziemlich korpulente, uniformierte Politesse; Bea wäre von der komplett abgedeckt. Immerhin kann ich sehen, dass man genau gegenüber bei McDonald's den Royal TS nicht in Royal WM umgetauft hat. Verdammt schlechtes Marketing.
Ich muss hier raus. Raus auf den Schlossplatz. Raus zu den netten deutschen Polizisten, die an diesem Wochenende ihre holländischen Kollegen unterstützen. Sie stehen vor der Absperrung an der Nieuwe Kerk, wo morgen so was von Ja gesagt wird, und werden von manchem Amsterdamer gefragt, was sie hier zu suchen haben. Worauf der sympathische Schutzmann aus Bochum wahrheitsgemäß antwortet: "Bomben." Vorm Palast, der um die Hälfte kleiner wirkt als das Rathaus von Recklinghausen, ist die Stimmung noch nicht so richtig bombig: Nur ein paar Nasen haben sich bisher an die Absperrungen verirrt, um zu gucken, ob was Wichtiges an Euro-Adel vorfährt. Stattdessen leere Limousinen mit Polizei-Eskorte - beeindruckend, aber für mich sinnlos: Die Holländer proben den ganzen Aufstand nur. Die Hoheiten feiern derweil Polterabend in der Amsterdam ArenA, ein paar Kilometer entfernt.
In Ermangelung hochkarätiger Prominenz muss ich dann ran: Am Gitter lehnen lässig Ditmar und Ralf, zwei Hamburger Hochzeitstouristen, wenig Haar auf dem Kopf, viel Gepierce im Gesicht, und freuen sich über ein bekanntes Gesicht: "Dass der Kerkeling hier auf die Straße darf." Warum denn nicht? Ich warte schließlich auf Bea. Die beiden Hamburger auf Máxima. Die allerdings, so raunt es entlang des Gitters, sei längst da. Um 23.54 Uhr fährt endlich eine schwarze Limousine mit Fahrgast vor: Willem-Alexander, den erkenne ich sofort an Tante Hildes Haaren. Er winkt uns, ich winke zurück, schon wieder eine Dose Heineken in der Hand. Prost, Majestät! Und lekker Slapen!
Es ist nicht überliefert, wann der denkwürdige Samstag für Willem-Alexander begann. Tatsache ist: Er muss genauso beschissen geschlafen haben wie ich. Denn vorm Palast, und der ist, wenn auch nicht wirklich in Sicht-, dann wenigstens in Hörweite, erklang es die ganze Nacht: "Oranje boven, Oranje boven." Wenn schon die Thermopane-Scheiben des Hotels den extrem aufgekratzten Laienchor von Fans nicht dämmen konnten - was muss der arme Kerl in dem Palast mit den ollen Fenstern durchgemacht haben?