Eros Ramazzotti

18. April 2006, 16:00 Uhr

Auf der Bühne gibt der italienische Popstar seit mehr als 20 Jahren erfolgreich den romantischen Latin Lover. Jetzt enthüllt eine Biografie den wahren Eros - einen Mann voller Selbstzweifel und Komplexe. Von Irmgard Hochreither

Scheuer Troubadour: Mit seiner Musik hat Eros Ramazzotti die Herzen von Millionen, vor allem weiblicher, Fans erobert. Privat ist er misstrauisch und hat nur wenige gute Freunde©

Am Anfang war der Zoff. Der Priester weigerte sich, den Vorstadtbengel auf diesen "anstößigen" Namen zu taufen. Aber da hatte der katholische Gottesmann nicht mit dem mütterlichen Eigensinn der römischen Hausfrau gerechnet. Die sonst so brave und schweigsame Person machte ordentlich Rabatz und setzte ihren Sturkopf durch. Seitdem heißt ihr Jüngster eben vorne wie der griechische Liebesgott und hinten wie ein italienischer Magenbitter. Eros Ramazzotti! Dio mio, was für ein verheißungsvoller Start ins Leben. Wollte Mama Raffaella ihrem kleinen Liebling ganz intuitiv die Erotik des Erfolges in die Wiege legen?

Irgendwie hat es dann ja auch prima geklappt. Zumindest mit dem Aufstieg dorthin, wo die Pop-Götter wohnen. Das Märchen geht so: Mittelloser Sohn eines Anstreichers und Hobby-Schlagzeugers aus Cinecittà, dem Armeleuteviertel der Heiligen Stadt, wird zum Platten-Millionär, füllt die Stadien, bringt Teenies und Omis um den Verstand, heiratet eine blonde Traumfrau und wird Vater einer süßen Tochter. Eros Nazionale. Die Italiener beten ihn an. Und für die Deutschen zählt er neben Pizza und Prada zum begehrtesten Italo-Import. Bringt doch dieser mediterrane Blues in der Stimme selbst herbe Vorstandssekretärinnen in hochgeschlossenen Seidenblüschen dazu, von einer schwülen Notte italiana am Strand von Rimini zu träumen.

Man möchte reflexartig in Deckung gehen

Doch im wahren Leben wird der singende Herzschrittmacher vom Schicksal ganz schön getriezt. Es scheint, als müsse er ständig anrennen gegen eine Wand von Komplexen. Und weil Signore Ramazzotti im Umgang mit fremden Menschen zu tapsiger Schüchternheit neigt, spurtet der Star so betont forsch durch den feinen Salon des Salzburger Hotels auf uns zu wie ein Stürmer beim Angriff auf das gegnerische Tor. Man möchte reflexartig in Deckung gehen, dabei will der Mann doch nur Begrüßungsküsschen verteilen. Dann lässt er sich in das ochsenblutrote Samtsofa plumpsen und zupft den Satinblazer im Edelknitter-Look zurecht. Schwarz ist der. Weil schwarz am besten die Problemzone kaschiert. Fast schon manisch fürchtet der Sänger das Anschwellen von Rettungsringen im Bauch- und Hüftbereich. Es ist zwar nicht das allerkleinste Röllchen zu sehen, aber "wenn ich mich nicht kontrollieren würde beim Essen", seufzt er, "würde ich 120 Kilo wiegen".

Seine Tochter ist das Wichtigste für Ramazotti, ihren Namen "Aurora" hat er fett auf den Unterarm tätowiert©

Kummerspeck? Begünstigt womöglich der Trennungsschmerz von Gattin Michelle das Wachstum der Fettzellen? Kein gutes Thema. Als ihr Name fällt, verfinstert sich die Miene des Troubadours augenblicklich. Offenbar ist nichts dran an den Gerüchten über das Wiederaufflackern der Liebe zwischen dem entzweiten einstigen Dreamteam. Erst kürzlich hat die Immernoch-Ehefrau zu einem Schlag unter die Gürtellinie ausgeholt, indem sie rausposaunte, dass sie noch nie einen guten Lover im Bett hatte. Also nix mit Eros und Amore.

Heiraten wollte er nicht

Es ist schon paradox: Da singt einer seit mehr als 20 Jahren mit heiserer Inbrunst von ewiger Liebe und verzehrender Leidenschaft, doch die private Romanze endet im Ehekrach all'arrabbiata. Sie sagt: Seine Eifersucht war der Liebeskiller. Er sagt: Alles Lüge. Was ihm nach drei Jahren, zehn Monaten und 18 Tagen von der italienisch-schweizerischen Verbindung blieb: die gemeinsame Tochter Aurora, 9, "mein größter Schatz", und die Erkenntnis, "ich werde nie wieder heiraten". Überhaupt sei er nur vor den Traualtar getreten, weil Michelle darauf bestand. "Ich bin Atheist", bekennt er, "für mich ist die Ehe nichts Natürliches, Gottgewolltes."

In seiner Biografie, die am 13. April erscheint (Blanvalet, 320 Seiten, 16 Euro), geht es um die aufwendige Produktion seines neuen Albums "Calma apparente" in Los Angeles, London und Mailand, um seine musikalische Karriere, aber auch um Kindheit und Jugend im schäbigen Wohnblock der Vorstadt, um die erste Liebe, um falsche Freunde, um Affären, Fehltritte und die "verrückten Jahre" mit dem einstigen Dessous-Model Michelle Hunziker, deren ansehnlicher Popo einst sämtliche Plakatwände Mailands zierte. Er habe dieses Buch schreiben lassen, weil er in Interviews oft so unsympathisch und ruppig rüberkomme, sich nicht richtig ausdrücken könne und deshalb immer missverstanden werde. Ah ja.

Das singende Nationalheiligtum hadert mit seiner Popularität

In der Tat ist der Mann nur singend auf der Bühne ein Riese. Das gesprochene Wort ist nicht unbedingt seine Stärke. Doch dass seine Ausführungen eher von ergreifender Schlichtheit sind, hat auch wieder etwas Entwaffnendes. "Du musst schreiben", diktiert er aufgebracht, "dass Eros Ramazzotti nie über die Beziehung mit Michelle gesprochen hat. Dagegen hat sie allein in Deutschland Hunderte Interviews gegeben. Ich habe nie von dieser ganzen Sache profitiert. Und ich will es auch nicht." Die Frage, warum er dann in seinem Buch sehr wohl die ehelichen Spannungen bis zur Trennung zum Thema macht, bringt ihn erst recht in Rage. "Ich spreche darüber", raunzt er, "weil es mein Buch ist. Aber Sachen zu lesen und zu hören, die ich nie gesagt habe, das macht mich wütend. Verstanden?" Die Arme rudern durch die Luft, das Gesicht zeigt Zornesröte. Logik ist was für Memmen. "Es geht nur um einen kleinen Auszug aus diesem Teil meines Lebens. Für die ganze Wahrheit hätte ich zehn Bücher gebraucht."

Anastacias Liebesgott - aber nur auf der Bühne. Privat hadert Eros Ramazotti mit seinem Liebesleben©

Wer nun glaubt, dass dieser Eros Ramazzotti ein echter Stiesel ist, der irrt. Er ist einer, der seinem Papa vom ersten selbst verdienten Geld eine Villa kauft, seine Mutter zu sich holt, als es ihr schlecht geht, guten Freunden ein Auto zum Geschenk macht und sich in seiner Lieblingstaverne zum Bezahlen wie Krethi und Plethi an der Kasse anstellt. Er kickt in einer Promi-Fußballmannschaft für den guten Zweck und hält seine Tochter an, immer schön "danke" und "bitte" zu sagen. Nur kann das singende Nationalheiligtum der Italiener mit seiner Popularität bis heute nicht wirklich umgehen. Auch nicht mit den Widersprüchlichkeiten, die er seit Kindertagen mit sich herumschleppt.

"Wenig romantische Einstellung zu Frauen"

Irgendwie will er so sein wie du und ich - und dann doch wieder nicht. Er sucht die Nähe zu "normalen" Menschen und ist dabei bis in die Haarspitzen misstrauisch. Er will von allen geliebt werden, umgibt sich aber mit der Aura des einsamen Wolfs. Er kauft sich "gute" Bücher, die er aber nicht liest, weil er lieber faulenzt oder Fußball guckt. Er kann ganz gut austeilen, gilt aber selbst bei seinen Freunden als Mimose. Kurz: Herr Ramazzotti steht sich gern ein bisschen selbst im Weg.

"Es liegt wohl an meiner Erziehung", hat er erkannt. In seinem Elternhaus gab es keine Bücher, keine Anregung zum geistreichen Gespräch, keine Hilfe auf der Suche nach sich selbst. Zum Zwecke der Aufklärung reichte ihm der Herr Papa "anstößige Fotos von Frauen, und dann wütete er herum, wenn er mich dabei erwischte, wie ich masturbierte". Das habe sicher auch seine "wenig romantische Einstellung zu Frauen" beeinflusst.

Nie gelernt, mit Geld umzugehen

Immerhin erkennt der Vater das musikalische Talent seines Sohnes und schenkt ihm eine Gitarre, "mein einziger Halt". Als der junge Römer Anfang der 80er Jahre nach Mailand zieht, "um mein musikalisches Können und meinen Charakter auszubilden", ist er so schüchtern, "dass ich oft nichts zu Abend aß, weil ich mich schämte, allein in ein Restaurant zu gehen". Doch dann, 1984, wird er über Nacht zum Superstar. Er gewinnt mit der Eigenkomposition "Terra promessa" den Nachwuchspreis beim Festival von San Remo und zwei Jahre später mit "Adesso tu" die Haupttrophäe des renommierten Wettbewerbs. Begehrt, umschwärmt, geliebt, schwimmt er plötzlich in Millionen. "Aber ich hatte nie gelernt, mit Geld umzugehen", gibt der heute 42-Jährige zu Protokoll.

Die Zeit zwischen 1995 und 2000 nennt er nur "die verrückten Jahre", in denen er wie im Rausch auf Shoppingtour geht. Häuser, Autos, Motorräder, Klamotten. Die Hochzeit mit Michelle arrangiert er als gigantische Fete mit 500 geladenen Gästen. Mit der Familie lebt er am Comer See in Zimmerfluchten mit verglasten Decken. Das heimische Eros-Center verfügt über Kinosaal, Festsaal, Sauna, Fitnessräume, ein völlig verglastes Schwimmbad mit flexiblen Wänden, einen Fußball- und einen Tennisplatz. Dann kauft er ein Schloss mit 4000 Quadratmeter Wohnfläche, bei dessen Umbau er in sieben Jahren ein Vermögen verschwendet. In der Garage stehen sechs Autos, vom Ferrari, Porsche, Mercedes bis zum Geländewagen und Elektromobil, sowie zahllose Motorräder. "Ich war nicht besonders helle", ist sein Kommentar dazu, "ich wollte alles haben und tat fast nichts außer Fußballspielen und Geldausgeben. Und ich bin in jenen Jahren ein richtig fettes Schwein geworden."

Affären nur im Ausland

Heute kurvt Ramazzotti im Mini durch Mailand, wo er ganz in der Nähe von Frau und Tochter eine Wohnung mit Dachterrasse und Kinderzimmer bezogen hat. Für seine vergötterte Aurora steht er früh auf, macht Frühstück, bringt sie zur Schule, wacht leidenschaftlich über ihr Wohlergehen. In ihrer Anwesenheit verkneift er sich jedes böse Wort über die Ex. "Aurora soll spüren, wie sehr sie von uns beiden geliebt wird." Selbst seine kleinen Affären mit Blondinen und Brünetten verlegt er deshalb am liebsten ins Ausland, nach L.A., Miami oder sonst wo auf der Welt.

Die Zeiten, in denen er sogar die schwedische Königin warten ließ, weil er sich gerade mit einem Groupie unter der Dusche vergnügte, sind sowieso lange vorbei. Jenseits der 40 führt er jetzt ein Single-Leben, das er "schwierig und ein bisschen anstrengend" findet. Wie seine Traumfrau für eine dauerhafte Beziehung aussehen sollte, weiß er auch nicht so genau. "Ich will keine, die mich anruft und fragt: Wann kommst du nach Hause? Ich will auch keine, die kuscht und mir ständig alles recht machen will. Ich hätte gern eine unabhängige Frau. Aber eigentlich habe ich nur verdammt viel Schiss davor, mich zu verknallen. Man wird zum Idioten, wenn man sich verliebt."

Dann lieber weitersingen von großen Gefühlen und verpassten Chancen. Im Mai auch wieder live auf deutschen Bühnen. Aber bitte nur so lange, bis die Fußball-WM losgeht. Ab dann nämlich ist Schluss mit Amore. Der Fan von Juventus Turin wird rund um die Uhr vor der Glotze sitzen und nur noch Tore zählen, Tore, Tore, Tore.

Ach, Eros, Liebesgötter sehen anders aus.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 15/2006

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