Der Skandal von Paris: Die greise L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt hat ihrem Galan François-Marie Banier knapp eine Milliarde Euro geschenkt - wirklich ganz freiwillig? Die Familie tobt und zieht vor Gericht. Von Claus Lutterbeck

Die großzügige Gönnerin: Liliane Bettencourt© Getty Images
Armer, kleiner Sgarbi. Schmort in einer bayerischen Gefängniszelle, weil er Susanne Klatten, der reichsten Frau Deutschlands, sieben Millionen Euro abgeschwatzt hat. Schlappe sieben Millionen! Und wie jämmerlich musste er dafür lügen! Da kann Monsieur Banier nur müde lächeln. Mit etwas Charme, Esprit und einem Schuss Dreistigkeit kriegt man viel mehr. Für das Enfant terrible der feinen Pariser Gesellschaft hat Liliane Bettencourt, 86, besonders tief in ihr Portemonnaie gegriffen. Ihrem 61-jährigen Hausfreund hat die reichste Frau Europas schon Schätze für eine knappe Milliarde zugesteckt, und mehr ist gut drin. Mal ein erlesener Picasso, mal ein kleiner Scheck mit sechs Nullen vor dem Komma, mal eine fette Lebensversicherung. Ein bisschen viel, fand ihre Tochter irgendwann. Selbst wenn man nicht auf jede Million achten muss - schließlich zählt man zu den reichsten Familien der Welt -, sind 993 Millionen Euro richtig Geld.
Françoise Bettencourt Meyers, 55, dachte anfangs, ihre Mutter habe den Pariser Maler, Schriftsteller, Schauspieler, Society-Fotografen und Salonlöwen nur mit einer halben Milliarde beglückt. Sie fand schon diese Summe abenteuerlich und erstattete Anzeige wegen "Missbrauchs von Schwäche". Das Staunen war groß, als die Ermittler in die Kontoauszüge des Künstlers schauten und fast die doppelte Summe entdeckten. Ob das viele Geld ganz rechtmäßig in seinen Händen gelandet ist, muss derzeit ein Ermittlungsrichter herausfinden. Seither tobt in der Familie Bettencourt, die den Kosmetikkonzern L'Oréal kontrolliert, eine Schlammschlacht, die sich auch mit den besten Produkten des Hauses nicht wegschminken lässt. Und tout Paris zerreißt sich das Maul: Die einen finden, eine reiche alte Frau habe das Recht, ihren jüngeren Freund so generös zu beschenken, wie sie will. Und die anderen sind davon überzeugt, der schillernde Selbstdarsteller habe die alte Dame, der wohl etwas langweilig war mit all ihrem Geld, ausgenommen wie eine goldene Gans.
François-Marie Banier, 61, lernte die Milliardärin 1987 kennen, als er sie für das luxuriöse Bilderblatt "L'Egoïste" ablichtete und interviewte. Schon damals machte sie klar, dass sie dem Klischee der reichen Frau entfliehen wolle, denn "ab einer gewissen Zahl drehen die Leute durch". Madame fand den Charmeur mit dem frechen Mundwerk erfrischend und amüsant. Er hatte ein paar Romane geschrieben, er kannte Gott und die Welt, er brachte sie mit einer Spezies in Kontakt, die sie nur vom Hörensagen kannte - Leute ohne Geld, Künstler, Sänger, Bohemiens. Man kam sich näher, verreiste zusammen, sie war hingerissen von einer Type, die sich selbstverliebt damit brüstete, "mit den Energien anderer Leute zu spielen wie Faust mit dem Feuer".
Er spielte auf Topniveau. Angeblich hatte er das Ohr des ehemaligen Staatspräsidenten François Mitterrand, weil "ich immer die Wahrheit gesagt habe". Den russischen Pianisten Wladimir Horowitz will er aus seinen Altersdepressionen erweckt und zu seiner letzten, triumphalen Abschiedstournee überredet haben. Und mit dem Schriftsteller Louis Aragon sei ihm das Gleiche noch mal gelungen, der Vater des Surrealismus habe sein letztes Buch nur verfasst, weil Banier ihn dazu beflügelt habe.
An Selbstbewusstsein hat es dem rebellischen Sohn aus gutbürgerlichem Haus nie gemangelt. Mit 15 Jahren packte Banier seine Bilder unter den Arm und ging ins Pariser Luxushotel Meurice, wo Salvador Dalí in einer Suite residierte. Irgendwie schaffte er es, vorgelassen zu werden. Dalí fand seine Bilder schlecht ("Junger Mann, dein Strich ist zu dick, wie dein Schwanz vielleicht auch"), aber seine Gesellschaft elektrisierend. Er ließ den hübschen Jungen mit den Engelslocken jeden Tag mit dem Auto abholen und erzählte ihm dann, wie das US-Magazin "Vanity Fair" berichtete, Schweinereien aus seinem Leben. So sei es schmerzhaft gewesen, mit Garcia Lorca zu schlafen, weil sein Penis zu groß war. Banier war begeistert von dem Exzentriker, telefonierte jeden Tag mit ihm und nannte ihn seinen "Ersatzvater". Als "Ersatzmütter" suchte er sich die italienische Schauspielerin Silvana Mangano aus - "sie ist die schönste Frau seit Nofretete" - und zwei betagte Damen der feinsten französischen Gesellschaft. Wohl nicht ganz zu seinem finanziellen Nachteil, wie der Enkel einer der Alten heute argwöhnt.
Baniers richtiger Vater war ein ungarischer Jude, der Banyiaï hieß und es in Paris als Werbefachmann zu Geld gebracht hatte. Er schlug seinen Sohn, weil der sich weigerte, den Regeln des feinen 16. Arrondissements zu gehorchen. Der hübsche "Zwerg mit den großen Ohren", so seine Selbstbeschreibung, wollte raus aus der spießigen Bourgeoisie. In der glitzernden Modewelt fand er endlich das Publikum, das seine exaltierten Auftritte genoss. Banier behauptet, er habe damals für das Modehaus Dior den Namen Poison zu dem Parfüm gefunden und für Yves Saint Laurent den zu seinem erfolgreichsten Duft Opium. Das bestreitet der Freund des Modemachers, Pierre Bergé, energisch. Der Modeschöpfer Pierre Cardin fand den 20-Jährigen so außergewöhnlich intelligent, dass er ihn zu seinem Pressesprecher machte. Banier sei, so jubelte die Londoner "Sunday Times", der "Golden Boy of Paris".
Diesem genialen Selbstvermarkter erlag auch die L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt. Sie lebte bis dahin in der hermetisch abgeschlossenen Welt von unerhörtem Reichtum, spannend fand sie ihr Leben nicht. Bis Banier auftauchte. 20 Jahre später schrieb sie ihrer Tochter wütend: "Dank seiner (Baniers) blieb ich nicht in dem konventionellen Milieu eingeschlossen, das mein Vermögen für mich ausersehen hatte."
Madame Bettencourt lebt in einem Palast im besten Vorort von Paris, Neuilly, umgeben von einem riesigen Park. An den Wänden ihrer Wohnung hängen die feinsten Werke von Miró und Léger, Picasso, Matisse und Mondrian. Sie kann die Klage ihrer einzigen Tochter, die bei ihrem Tod das ungeheure L'Oréal-Aktienpaket (derzeitiger Wert ca. zehn Milliarden Euro) erben wird, nicht verstehen: "Welche Mücke sticht sie?" Banier sei ein Künstler, der ihr Leben bereichert habe, sagte sie dem "Journal du Dimanche", er stecke "voller Ideen", er sehe "die Dinge anders. Die Epochen ändern sich, alles bewegt sich, man muss in dieser Bewegung bleiben, non?"
Er und sein Freund, ein Fotograf, seien charmant und gebildet, und sie hätten sie getröstet, als ihr Mann André, ein gaullistischer Politiker, vor zwei Jahren starb: "Wissen Sie, es ist ja nicht alles lustig, nur weil man Geld hat." Ihre Tochter müsse einfach damit leben, dass sie "eine freie Frau" sei.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009