3. Oktober 2012, 12:30 Uhr

Liebe in Zeiten der "Spiegel"-Affäre

Eine letzte Liebesnacht, bevor Rudolf Augstein für 103 Tage ins Gefängnis ging: Maria Carlsson-Augstein berichtet im stern über die Tage der "Spiegel-Affäre" und wie sie Beweise versteckte.

Augstein, Spiegel, Spiegel-Affäre, Rudolf Augstein, Maria Carlsson, Maria Carlsson-Augstein, stern

War in den Tagen der "Spiegel"-Affäre mit Rudolf Augstein liiert: Maria Carlsson, von 1968 bis 1970 mit dem "Spiegel"-Chef verheiratet©

Es war der 8. Oktober vor 50 Jahren, als jene Ausgabe des Hamburger Magazins erschien, die die "Spiegel"-Affäre auslöste. In der Folge wurde die Redaktion besetzt, mehrere Redakteure des Blattes verhaftet und am Ende musste der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) zurücktreten. Über die unbekannte, menschliche Seite des Skandals erzählt im stern nun Maria Carlsson-Augstein, Geliebte und spätere Ehefrau Rudolf Augsteins, in einem Gespräch mit ihrer Tochter, der Journalistin Franziska Augstein ("Süddeutsche Zeitung").

Die seinerzeit 25-jährige Übersetzerin war damals erst seit wenigen Monaten mit dem "Spiegel"-Chef liiert. Als am Abend des 26. Oktober 1962 die Bundesanwaltschaft Augstein in seinem Hamburger Haus verhaften wollte, war er gemeinsam mit seiner Freundin in einer anderen Wohnung. "Er war in dieser Zeit ganz besonders verliebt", erinnert sich Maria Carlsson-Augstein, "weil er ahnte: Wenn er sich jetzt eine Weile von mir trennen muss, dann kann er mich nicht sehen, mich nicht in den Arm nehmen, kann nicht mit mir schlafen." Während die Redaktion des Magazins schon besetzt war, verbrachte das Paar eine letzte Nacht miteinander, bevor sich Augstein stellte und für 103 Tage ins Gefängnis musste. "Wir sind die ganze Nacht über und auch am folgenden Vormittag gar nicht aus dem Bett herausgekommen", erzählt Maria Carlsson-Augstein im stern.

Eine Nacht in Untersuchungshaft

Nach der Verhaftung Augsteins übergab sein Bruder und Anwalt Josef Augstein der Freundin "eine rote Mappe mit Papieren" zur Verwahrung. Er habe gesagt: "Versteck das so, dass es kein Mensch findet." Vermutlich handelte es sich um Unterlagen, aus denen der damalige Informant des "Spiegel", ein Oberst der Bundeswehr, hervorging.

Daraufhin versteckte Maria Carlsson, die auch Mutter von Jakob Augstein, dem Verleger des "Freitag", ist, die Unterlagen im Weinkeller eines befreundeten stern-Fotografen. Einige Wochen später wurde die Augstein-Freundin deswegen sogar von der Bundesanwaltschaft festgenommen. Der damalige Bundesanwalt Siegfried Buback habe von Ihr wissen wollen: "Da gebe es eine kleine Aktenmappe, in der drei oder vier Blatt Papier liegen müssten". Sie aber habe behauptet: "Nein, ich weiß nicht wovon Sie reden". Daraufhin habe er zu ihr gesagt: "Sie lügen, und wegen Verdunklungsgefahr werden wir Sie jetzt mal ein bisschen ins Gefängnis bringen". Dort musste Augsteins Freundin, wie sie sich erinnert, dann die Stockbetten mit Prostituierten ohne Papiere teilen, ehe sie der Untersuchungsrichter am nächste Tag freiließ.

Rudolf Augstein sei außer sich gewesen, als er erfahren habe, dass man sie verhaftet hatte und habe einen Brief an Buback geschrieben: "Wenn ich jemals in die Lage käme, mit ihrer Frau zu tun zu bekommen, ich würde mich ihr gegenüber besser benehmen, als Sie sich meiner Frau gegenüber benommen haben."

Mehr zum Thema...

Mehr zum Thema... ... lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des stern

Lorenz Wolf-Doettinchem
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Überraschende Enthüllung Martin Walser ist Jakob Augsteins Vater

Faustdicke Überraschung für die Medien- und Kulturwelt: Der leibliche Vater von Verleger Jakob Augstein ist nicht der verstorbene "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein. Der 42-Jährige teilte mehreren Zeitungen mit, sein leiblicher Vater sei der Schriftsteller Martin Walser.

Buchtipp Schreiben, was ist

Rudolf Augstein gehörte zu den prägenden deutschen Journalisten der Nachkriegszeit. Durch sein Magazin 'Der Spiegel' beeinflusste er die politische Kultur bis heute. Diese Sammlung aus Kommentaren und Reden Augsteins zeichnen ein Bild des Publizisten und zugleich ein Panorama der Nachkriegszeit.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?