Marietta Slomka, Moderatorin des ZDF-"Heute-Journals", will mit einem Buch den ganz jungen Menschen Politik nahebringen. Im stern-Interview spricht sie über ihre Jugend, erste politische Erlebnisse - und erklärt schon mal die Finanzkrise kindgerecht.

Marietta Slomka, 39, ist seit 1998 beim ZDF. Sie war Parlamentskorrespondentin und arbeitet auch als Reporterin. Schon mit zehn, sagt sie, habe sie sich für Politik interessiert© Thomas Rabsch
Nein, das finde ich überhaupt nicht.
Um Gottes willen. Darum geht es gar nicht. Das sind auch zwei ganz unterschiedliche Konzepte. Bei mir geht es mehr um Konkretes aus der aktuellen Politik: Wie sieht der Tag einer Kanzlerin aus? Warum ist Herr Glos zurückgetreten? Warum wurde beim G-8-Gipfel ein riesengroßer Strandkorb gezeigt? Wie inszeniert sich Politik?
Das fände ich unpassend. So einfach und so lustig ist Politik dann auch wieder nicht. Ich glaube, dass sich Jugendliche für ernst zu nehmende Fragen interessieren. Wie zum Beispiel: Warum gibt es immer noch Hunger auf der Welt? Wozu braucht man Parteien? Was hat es mit Europa auf sich? Die wissen schon, dass das nicht immer nur leicht und lustig ist.
Früh. In der fünften, sechsten Klasse habe ich zu denen gehört, die im Politikunterricht eifrig mitdiskutierten. Da war ich dann allerdings oft auch das einzige Mädchen. Politik war damals noch mehr was für Jungs.
Nicht unbedingt. Ich glaube, ich war einmal im Gymnasium Klassensprecherin. Aber auch nur kurz. Politische Ämter sind nicht so mein Ding. Doch bei der Wahl von Klassensprechern ist ja vor allem interessant, dass sogar Kinder schnell wissen, wer dafür überhaupt infrage kommt. Das ist im Grunde auch Politik …
Sagen wir mal so: Die kleine Marietta hatte zumindest nie Angst, sich mit Lehrern anzulegen. Den Mund aufzumachen. Das ist ja schon mal eine Voraussetzung.
Ich erinnere mich, dass Anfang der Achtziger viel über den Nato-Doppelbeschluss diskutiert wurde. Da war ich gerade im Konfirmandenunterricht. Während der Ostermärsche 1983 war die evangelische Kirche natürlich sehr friedensbewegt. Da habe ich trotzig gesagt: Ich finde den Nato- Doppelbeschluss richtig. Das gab natürlich unglaubliche Diskussionen. "Wie kann das Kind nur so etwas sagen? Hat sie bestimmt von zu Hause." Aber das fand ich schon spannend, einfach gegen den Strom zu schwimmen.
Das ist acht Jahre her.
Kindsköpfig bin ich ganz bestimmt nicht. Das ist nicht mein Stil.
Auch nicht. Flapsig ist etwas anderes, nämlich gewollt, künstlich, effektheischerisch. Mir war es immer wichtig, normale Sprache in einer Nachrichtensendung zu verwenden. Das kann auch mal bedeuten, dass man sagt: "Hallo, geht's denn?" Im Sinne von: "Was wollen die uns da jetzt wieder verkaufen?" Das sollte aber nicht aufgesetzt wirken, nach dem Motto: "Ich mach jetzt mal einen auf Jargon, um möglichst cool zu sein. Oder um auf mich aufmerksam zu machen." Das funktioniert nicht.
Das, was ich selber sage, verstehe ich gut, ja.
Ich denke schon, dass ich vieles verstehe. Zumindest arbeite ich mich in viele Themen intensiv ein und verfolge sie seit vielen Jahren. Manches verstehe ich aber auch nicht. Ich tue dann aber auch nicht so. Sondern ich weise darauf hin, dass da kaum einer durchblickt. Wer kann zum Beispiel schon auf Anhieb sagen, ob eine "Bad Bank" etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist und wie sie genau funktioniert? Ich bin Volkswirtin und kann das trotzdem nicht schlüssig beurteilen.
Man kann sie nicht in drei Sätzen erklären. Aber man kann schon erklären, wie es anfing. Dass man den Leuten das Gefühl gegeben hat: Ich kann mir Sachen leisten, auch wenn ich sie mir eigentlich gar nicht leisten kann. Ich gebe viel mehr aus, als ich habe, und vertraue darauf, dass das irgendwann schon klappen wird. Dass ich irgendwann meine Schulden zurückzahlen kann. Dass das Haus im Wert immer weiter steigt. Dass ich also immer eine Sicherheit habe. Und diese Idee von einem Leben, das über die eigenen Verhältnisse hinausgeht, die kann man einem Kind schon erklären. Und auch, dass das dann wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen kann.
Das Thema würde in der "Tagesschau" wohl so nicht auftauchen. Deswegen würde ich es dem Kleinen auch nicht erklären müssen.
Ein Kind wäre damit wohl etwas überfordert. Ich würde Jugendlichen vielleicht sagen, dass es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer auch die Frage gibt, wer ihn kontrolliert. Einerseits gibt es ein berechtigtes Interesse daran, ein Auge darauf zu haben, was dieser Rundfunk macht. Weil er sich über Gebühren finanziert, also über öffentliche Gelder. Deshalb muss sich der Intendant zu wichtigen Fragen, wie etwa der Berufung des Chefredakteurs, mit dem Verwaltungsrat abstimmen. Ich würde dann erklären, dass diese Kontrolle manchmal aber auch zu weit gehen kann. Und dass sich Journalisten dann gegen Einflussnahmen wehren müssen, weil das Wichtigste für einen Journalisten seine politische Unabhängigkeit ist. Mir persönlich wäre es wichtig, einem Jugendlichen zu sagen: Wenn du mich abends im Fernsehen siehst, dann hast du da definitiv nicht das Sprachrohr einer Interessengruppe vor dir, sondern eine Journalistin, die keiner Partei angehört, die noch nicht mal Stammwählerin einer bestimmten Partei ist. Und dass diese Unabhängigkeit letztlich auch ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie ist.
Herr Koch hat diverse Zahlen miteinander verglichen. Dazu ist ja von anderen auch schon einiges gesagt und korrigiert worden.
Es hat mich erstaunt. Solche Quotenvergleiche in der Form hätte ich von einem Politiker so nicht erwartet. Weil ja sonst gerade bei Informationssendungen der Vorrang der Qualität vor der Quote gefordert wird.
Darauf würde ich freundlich lächeln und dem Kind antworten: "Weißt du, es gibt Dinge, die sind so privat, dazu muss man sich nicht äußern."
Ich glaube schon. Vielleicht auch, weil ich sie nicht dutzi-dutzi behandele, sondern eher normal mit Kindern rede, wenn ich mit ihnen zu tun habe. Meistens mögen das Kinder auch ganz gerne. Ist mein Eindruck.
Ja. Ich kann auch mit kleinen Kindern etwas anfangen. Wissen Sie, ich finde es eigentlich ziemlich traurig, dass Frauen, die mit 39 noch nicht mindestens zwei Kinder haben, unterstellt wird, sie würden Kinder nicht mögen; sie könnten nicht mit kleinen Kindern; sie seien nur karrieregeil. Erstens ist das sehr ungerecht, weil das oft ganz individuelle Geschichten sind. Das kann dann auch sehr verletzend sein. Und zweitens finde ich es auch total chauvinistisch. Denn Männern werden diese Fragen so nicht gestellt. Das muss ich Ihnen jetzt leider auch mal so deutlich sagen.
Ich finde, man sollte aus dieser ganzen Debatte vor allem keine Fraktionsdebatte machen: Frauen mit Kindern contra Frauen ohne Kinder. Frauen mit Kindern und berufstätig contra Frauen mit Kindern und nicht berufstätig. Das ist ja ganz schlimm, wie diese Debatten zum Teil laufen. Ich find das jedenfalls ganz schlimm, wie Frauen da auch gegeneinander ausgespielt werden. Nach dem Motto: Die eine muss ein schlechtes Gewissen haben, weil sie eine Tagesmutter hat oder das Kind in die Kita gibt. Die andere muss ein schlechtes Gewissen haben, weil sie nur Hausfrau ist. Und wieder andere sollen sich rechtfertigen, warum sie gar keine Kinder haben. Ich finde, das geht gar nicht. Das sollte jedem selbst überlassen sein.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2009
Das Buch Marietta Slomka:
"Kanzler lieben
Gummistiefel.
So funktioniert Politik"
Pantheon, 24,95 Euro