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25. Januar 2009, 08:00 Uhr

Der Verstörende

Er spielt die Schwierigen, die Verzweifelten. Die mit den Abgründen. Und das macht Matthias Brandt, Willy Brandts Sohn, so gut, dass er zu Deutschlands meistbeschäftigten Schauspielern gehört. Von Ulrike Posche

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Der Mann mit dem besonderen Blick: Matthias Brandt, fotografiert in einem Berliner Hotel© Joachim Gern

Am Ende landen wir doch auf dem Friedhof. "Sollen wir noch eben bei Rut und Willy vorbeigehen?", fragt Matthias Brandt. Dann stoppt er seinen tomatensaftroten Mercedes 200, Baujahr 81, vorm Zehlendorfer Hauptportal. Er schnürt den Weg hinauf, zeigt auf Ehrengräber links und Ehrengräber rechts. Hier Hildchen Knef, da Ernst Reuter, dort Günter Pfitzmann. Nach kurzer Strecke steht er vor seinem Vater. "Und wieder 'ne einzelne Rose drauf ", singsangt er und keckert ein brüchiges Matthias-Brandt-Lachen, "hat noch viele Verehrer, unser Willy. Und Verehrerinnen."

Es klingt nicht böse, nur ein bisschen ironisch vielleicht, auch verlegen. Man ist sofort in einer dieser melancholischen Komödien, wenn man ihn reden und lachen hört. In Filmen, in denen der 47-Jährige Wunderlinge und Sonderlinge spielt. Den beherzten Loser neben Maria Furtwängler, das skurrile Seelentier neben Katja Flint, den wortwitzigen Schwerblüter neben Barbara Auer, den gestrauchelten Künstler, wie kürzlich in "Ein Sommer mit Paul" neben Anna Thalbach. Muttersöhne wie den Aquarianer Erwin, den er neben Monica Bleibtreu in "Die zweite Frau" gibt, oder Tierarzt Dr. Reinhold Schwarzebershagen in "Ein Mann, ein Fjord!" Brandts Welt ist immer kompliziert und meistens komisch. Man steht mit ihm vor Gräbern und muss lachen.

Andacht an Ruts Grab

Rut Brandt liegt weiter oben. Es dauert, bis man sie findet. Ein kleines Grab, er hat es selbst bepflanzt. Azaleenbäumchen, eine kleine Birke, der Türstopper-Stein vom Ferienhaus in Norwegen. Es hätte ihr gefallen, glaubt Matthias Brandt. Andächtig scheucht er mit den Händen welkes Laub von ihrer Erde. Hier ist plötzlich nichts mehr zum Lachen. Er hat seine Mutter geliebt. Und am Ende hat er an und mit ihr über Jahre gelitten: Alzheimer. Anfangs habe er nicht gewusst, wie er damit umgehen sollte, wenn sie ihm bei den täglichen Besuchen dreißigmal dasselbe erzählte, ihm mehr und mehr abhanden kam. Sie brauchte nun Pflege rund um die Uhr. Das kostete, und selbst die Rente einer Rut Brandt reichte dafür nicht aus. "Da macht man dann auch schon mal einen Film, von dem man nicht ganz so überzeugt ist", sagt er lakonisch ins Laub.

Zum Glück hebt Brandt auch schlechte Filme. Er adelt beinahe jeden. Er bringt seine Partner zum Leuchten. Dabei denkt er nicht wie ein Götz George zum Beispiel: Wenn ich da mitspiele, wird's sowieso ein guter Film! "Götz plant alles, ich setze mich aus." Brandt liebt den Selbstversuch. Er ist kein Perfektionist im Ausblenden von Unsicherheiten.

Drolligerweise ist er ausgerechnet auf dem linken Auge blind. Das rechte hätte wahrscheinlich früher abgeklebt werden müssen, damit das schwache stark wird. Doch Rut Brandt hatte schon zwei Kinder mit Brille, "sie wollte nicht noch eins". Gerade der irritierende Blick, dieser Schielfehler aus Kindertagen ist es jetzt, der die Kunst des Erwachsenen so eindringlich macht.

Das Heinzrühmannhafte

Aus seinem Schauspiel blitzt immer die Humilitas, wie Lateiner sagen würden. Die nur noch selten glänzende Mischung aus Bescheidenheit und Demut. Es ist dieses leicht Heinzrühmannhafte, das den Zuschauer berührt, wenn er Brandt mit Abgründen ringen sieht, mit dem Leben oder mit der, die ihn gerade verlassen will.

Matthias Brandt spielt immer ungeschützt. Einige Male sei er deshalb, wie er meint, in Kitschfilme geraten. Doch jede Rolle hat ihr Gutes. Dass er, zum Beispiel, einem völlig unbekannten 26-jährigen Absolventen der Filmhochschule traute und die Hauptrolle in dessen Kinofilm "Gegenüber" spielte, hat er nicht bereut. Obwohl er beim Dreh manchmal dachte: "Ist das jetzt voyeuristische Scheiße, oder ist das richtig gut?" Es war richtig gut.

Die Rolle eines von seiner Frau misshandelten Ehemanns bringt dem Grimme-Preis-Träger die Nominierung beim Deutschen Filmpreis 2008. Die Figur des verzweifelten Ehemannes einer psychisch kranken "Frau am Ende der Straße" trägt ihm 2008 die Goldene Kamera als bester deutscher Schauspieler ein. Nur einmal hat Brandt ein Drehbuch bereits nach den ersten Seiten abgelehnt. Er sollte in einer Serie an der Reling eines Dampfers stehen und ernst gemeint sagen: "Seit meine Frau gestorben ist, habe ich nicht mehr gelacht." Brandt ließ ausrichten: "Ich weiß ehrlich nicht, wie man so was spielen soll."

Aufgewachsen im Grünen

Marinesteig 14, eine Doppelhaushälfte am Schlachtensee. Kapitäne und Offiziere der Kriegsmarine haben in den 40er Jahren hier gewohnt. Und später Berlins Bürgermeister. Matthias Brandt ist mit seinen älteren Brüdern Peter und Lars im Grünen der Stadt aufgewachsen. Hier hat er Fußbälle verschossen und schwimmen gelernt, bevor die Familie in die Kanzlervilla auf dem Bonner Venusberg zog. Hierhin, jedenfalls in die Nähe des Marinesteigs, ist er nach seiner Ausbildung an der Schauspielschule Hannover, nach Nomadenjahren auf den Theaterbühnen von Bremen, Frankfurt, Zürich zurückgekehrt, nach Engagements in München, Mannheim und Bochum.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 04/2009

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