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Der Getriebene

Krachendes Ende einer Weltkarriere: Wieder wird Michael Jackson sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. "Sie wollen mich tot oder lebendig" - schon 1995 sang er davon, gejagt zu werden. Jetzt gibt es seinen Steckbrief.

Die Geschichte, die Michael Jackson zerstören könnte, begann so märchenhaft, wie es der selbst ernannte "King of Pop" liebt. Sie begann auf der Kinderstation des Kaiser Hospitals in West-Los-Angeles. Dort kämpfte der zwölfjährige Krebspatient Gavin Arvizo, dessen Familie so arm war, dass sie einst in einem Stall leben musste, mit dem Tod. Die Ärzte hatten einen großen Tumor im Bauch herausoperiert und eine Niere entfernen müssen. Gavins großer Wunsch war es, einmal im Leben noch sein Vorbild Michael Jackson zu treffen. Und Jacksons großer Wunsch war es, dem armen Jungen einmal im Leben das Paradies zu zeigen. Der Superstar bezahlte Gavins Arztrechnungen, kaufte seiner Familie ein Auto - womöglich auch ein Haus - und brachte das Glück zurück in eine gepeinigte Kinderseele. So sah sich Jackson am liebsten - und so sollte die Welt ihn sehen: als Wohltäter, als Engel. Eine Figur, von der man sagt: Es gibt sie eigentlich nur im Märchen.

"Wann immer Kinder hierher kommen, wollen sie bei mir bleiben"

Der Superstar lud Gavin, dessen Geschwister Star, 11, und Davelin, 16, sowie ihre Mutter Janet auf seine Neverland-Ranch ein, eine Art Schlaraffenland, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles. Dort dürfen Kinder Eis und Bonbons essen, so viel sie wollen, es gibt Wasserrutschen, Karussells, ein eigenes Kino, sehr viele Disneyfilme und einen Privatzoo mit Tieren wie 'Muscles', der Boa Constrictor, 'Bubbles', dem Schimpansen, und 'Blackula', der Tarantel. Abends dürfen die Kinder zu Jackson in die Peter-Pan-Bettwäsche kriechen und die Nacht über bleiben. Ohne Aufsicht, ohne Verbote, angekuschelt an ein dürres, enthaartes, geschminktes, androgynes Kind von 45 Jahren.

Auch Gavin, ein hübscher Junge mit schwarzem Haar und dunklen Augen, übernachtete in diesem Bett. Das bestreitet heute niemand, auch Jackson nicht. In einem Fernsehinterview mit dem britischen Journalisten Martin Bashir im Februar dieses Jahres fragte Jackson empört, was daran so schlimm sei: "Die liebevollste Sache ist es, dein Bett mit jemandem zu teilen. Wann immer Kinder hierher kommen, wollen sie bei mir bleiben. Dann sage ich: klar. Wenn eure Eltern nichts dagegen haben."

Auch Gavin bestätigte in dem Film, wie schön die Nächte in Jacksons Bett seien. Er hielt Händchen mit dem 33 Jahre älteren, zweimal geschiedenen Mann und lehnte seinen Kopf zärtlich an dessen Schulter. Es sah merkwürdig aus. Aber selbst Mutter Janet, die auch auf der Ranch übernachtete, ihren Sohn aber allein in Jacksons Schlafzimmer zurückließ, fand nichts dabei. Von Jacksons pädophilen Neigungen hatte sie, die bettelarme einstige Kellnerin, angeblich nie etwas gehört. Britischen Zeitungen sagte sie: "Michael hat Kosenamen für alle meine Kinder, und Gavin nennt ihn sogar Daddy. Er ist der Vater, den sie nie hatten." Die Heilung des Kindes machte Fortschritte. Das Leben war schön. Das Märchen perfekt.

Anwälte und Psychologen

Anfang dieses Jahres kam es zur dramatischen Wende, deren Einzelheiten noch weitgehend unbekannt sind. Mutter Janet soll von Jacksons Leuten zunächst vertrieben und dann wieder zurückbeordert worden sein. Es heißt, Jackson habe die Familie nach Lateinamerika schicken wollen, um sie dem Medienwirbel nach Bashirs Film zu entziehen. Es heißt auch, dass sich die Mutter vor laufender Kamera positiv über Jackson äußern sollte - was sie wohl auch tat. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits einen Anwalt eingeschaltet.

Ihr Sohn verhielt sich merkwürdig, und Klassenkameraden hatten begonnen, Gavin wegen seiner Beziehung zu Jackson zu hänseln. Der Anwalt riet zum Besuch eines Psychologen, der wiederum zu dem Schluss kam, der Junge sei offenbar von Jackson missbraucht worden, möglicherweise nach Einflößung von Alkohol und Tabletten. Der Psychologe gab die Informationen an die Polizei weiter. Etwa die, die der 'Telegraph' aus London schrieb: Jackson soll den Jungen "rubba" genannt haben, weil eines ihrer Spiele "rubba rubba" hieß, reibe, reibe.

"Dom Sheldon is a cold man"

Die Ermittlungen fielen ausgerechnet in die Hände eines Mannes, den Jackson nur zu gut kannte, den er einst als Rassisten beschimpft und mit dem Ku-Klux-Klan in Verbindung gebracht hatte: Thomas Sneddon, Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara. Sneddon, 63, ist neunfacher Familienvater und ein Getriebener. Er führte bereits 1993 die Untersuchungen, als gegen Jackson erstmals wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch ermittelt wurde. Der Popstar widmete ihm später einen Song auf seinem 'History'-Album: "They wanna get my ass dead or alive, you know he really tried to make me down by surprise, I bet he missioned with the CIA, He don't do half what he say. Dom Sheldon is a cold man." So steht es im Text. Tatsächlich aber singt Jackson nicht "Dom Sheldon", sondern "Tom Sneddon". Und am Ende des Liedes fällt ein Schuss.

Sneddon will Jackson im Knast sehen

Während der Pressekonferenz am Mittwoch vergangener Woche, auf der der Haftbefehl gegen Jackson bekannt gegeben wurde und zu der Hundertschaften von Reportern aus aller Welt in Santa Barbara eingefallen waren, spiegelten Sneddons Gestik, Mimik und Sprache Genugtuung wider. Die Augen funkelten, er lachte, einmal rief er den Reportern zu: "Bleiben Sie möglichst lange hier und geben Sie Geld aus." Sneddon ist sich seiner Sache ganz sicher. Er war sich allerdings auch 1993 in einem anderen Fall schon mal sicher. Damals sagte er dem stern: "Glauben Sie mir, ich bringe ihn in den Knast." Er brachte ihn nicht in den Knast. Sneddon und Jackson, das ist wie ein modernes Westernduell. Der Staatsanwalt hat nie vergessen, wie sich der Star für viele Millionen von dem drohenden Gerichtsverfahren freikaufte. Der Star hat nie vergessen, wie ihn der Staatsanwalt demütigte - er musste sich fotografieren lassen, jedes Körperteil und ganz besonders genau seinen Penis. Später verbreitete Jackson ein Video, in dem er sich, den Tränen nahe, über die Behandlung beklagte und doch kein bisschen Reue zeigte: "In der Bibel steht, lasset die Kinder zu mir kommen. Ich will damit nicht sagen, dass ich Gott bin. Aber ich möchte mich verhalten wie Gott." Er hatte nichts begriffen.

Michael Jackson ist für Tom Sneddon der Fall seines Lebens. Damals sagte er: "Jackson ist nicht freigesprochen worden. Die Untersuchung ist nur aufgeschoben, bis wieder einer kommt." Nun ist wieder einer da.

Fall Jackson verdrängt sogar den Irak-Krieg aus den Schlagzeilen

Michael Jackson konnte das nicht überraschen. Bereits im Frühjahr, kurz nach der Ausstrahlung von Bashirs Film, hatte er den kalifornischen Star-Anwalt Mark Geragos angeheuert - ahnend oder sogar wissend, dass neue Ermittlungen drohten. Geragos ist auf Härtefälle spezialisiert: Zu seinen Klienten gehört ein Mann namens Scott Peterson, der Weihnachten vergangenen Jahres seine hochschwangere Frau bestialisch ermordet haben soll und zurzeit vor Gericht steht. Der Fall Jackson stellt sie jedoch alle in den Schatten, selbst O. J. Simpson. Er verdrängt in diesen Tagen sogar den Irak-Krieg aus den Schlagzeilen. Er ist der Jahrhundertskandal des Showgeschäfts. Ganz Amerika saß vor dem Fernseher, als Jackson in Handschellen ins Polizeigebäude von Santa Barbara geführt wurde. Angeklagt nach dem kalifornischen Gesetz 288, "lewd and lascivious", obszönes und zügelloses Verhalten, im Klartext: Kindesmissbrauch in mehreren Fällen. Nach einer guten halben Stunde war er gegen Zahlung von drei Millionen Dollar wieder frei; am 9. Januar wird Anklage erhoben. Und egal, wie die Sache ausgeht, egal, ob schuldig oder oder nicht - dies ist das Ende des Märchens von Michael Jackson.

Durchgeknalltes Psycho-Wrack

Für die meisten Amerikaner und Medien ist der Fall bereits entschieden: Ein durchgeknalltes Psycho-Wrack, schlimmer noch, ein Pädophiler, schlimmer noch, ein Pädophiler, der krebskranke Kinder missbraucht, schlimmer noch, ein Pädophiler, der seine Millionen und seinen Ruhm einsetzt, um krebskranke Kinder in einem geheimen Schlafzimmer zu missbrauchen. Am Wochenende zeigte das US-Fernsehen Bilder eines mit Puppen, Kissen und Kitsch ausgestatteten, verborgenen Raumes, der nach Aussagen von Ermittlern wie ein Pädophilen-Paradies aussieht. Kaum einer seiner Freunde, bis auf Liz Taylor, kommt ihm in diesen Tagen zu Hilfe. Nicht einmal seine Ex-Frau Debbie Rowe, die Mutter seiner Kinder Prince Michael I und Paris Michael, mag ihm helfen. Vor ihrer Villa in Beverly Hills steht nur ein Schild: "Kein Kommentar".

Lediglich sein Bruder Jermaine spricht von "moderner Lynchjustiz" und von einem Krieg, in den die Familie nun ziehe. Für alle anderen ist er auf ewig erledigt. "The King of Pop" ist tot. Kurt Loder, Moderator des Musikkanals MTV, jenes Senders, der ihn einst groß machte, sagt über Jackson: "Er ist ein Wrack. Es ist sehr traurig. Leute machen sich nur noch über ihn lustig. Dies könnte sein Sargnagel sein." Keiner legt noch großen Wert auf Jacksons Unschuldsbeteuerungen und nebulöse Verteidigungsworte.

Nicht immer plausible Erklärungen

Das Problem ist: Jackson hatte immer und für alles Erklärungen, und sie klangen nicht immer plausibel. Die Verfärbung seiner Haut von Braun über Rosa zu Kalkweiß schrieb er einer seltenen Krankheit namens Vitiligo zu. Die unzähligen Operationen seiner Nase begründete er mit der Pflicht, seine Stimme verbessern zu müssen. Er hatte sogar eine Erklärung dafür, warum er angeblich einen Voodoo-Zauberer beauftragte, Steven Spielberg mit einem Fluch zu belegen: Spielberg hatte sich geweigert, Jackson in dem Film 'Hook' die Rolle des Peter Pan spielen zu lassen.

Dabei ist nicht einmal ausgeschlossen, dass seine Erklärung in dem aktuellen Skandal sogar stimmt. Denn es gibt durchaus Merkwürdigkeiten. Warum hat die Mutter des verführten Jungen Jackson erst so vehement verteidigt - "Er hat etwas ganz Spezielles in unser Leben getragen" - und will ihn nunmehr verurteilt sehen? Russell Halpern, Anwalt von Gavins Vater David, der um das Sorgerecht für seine drei Kinder kämpft, bezeichnet die Mutter im Gespräch mit dem

stern

als instabile, manipulative Person: "Sie hat schon zu viele Lügen in die Welt gesetzt und zu viele Geschichten erfunden." Darauf setzen auch Jacksons Verteidiger. Sie wollen Janet Arvizo als "crack-whore" vorführen, als Crack-Hure . Als geldgierige Lügnerin, die sich nur deshalb mit dem Superstar überwarf, weil der die Zahlungen einstellen wollte. Sollte sie ihren Sohn tatsächlich zu einer falschen Aussage getrieben haben, bricht der ganze Fall in sich zusammen. Dann wäre sie es, die den Jungen missbraucht hat - aus finanziellen Motiven.

Ähnlich dem Skandal von 1992

Gegen den Star spricht seine Vergangenheit. Der Fall Gavin ähnelt fatal jenem Skandal, der im Mai 1992 seinen Anfang nahm: Motorschaden an Jacksons Limousine, Panne mitten auf der Straße in L. A., beinahe genau vor einem Autoverleih, "Rent-a-wreck", einem hippen Billigverleiher, der scheppernde Gebrauchtwagen an Studenten vermietet. Der Besitzer ruft seine Frau an, Superstar Jackson stehe vor der Tür und brauche ein Auto, die Frau kommt mit ihrem Sohn aus erster Ehe, dem damals zwölf Jahre alten Jordie, wie alle Kinder ein Bewunderer des Pop-Königs.

Man lernt sich kennen, man trifft sich, lädt sich ein, verreist zusammen, und im Dezember 1993 erzählt der kleine Jordan Chandler der Polizei, was Michael Jackson im Bett macht: "... in Monaco waren Michael und ich erkältet und blieben im Hotel, während meine Mutter ausging ... Wir nahmen zusammen ein Bad. Das war das erste Mal, dass wir uns nackt sahen. Michael erzählte mir von anderen Kindern, die vor ihm masturbiert hätten. Michael Jackson masturbierte dann vor mir und sagte, wenn er fertig wäre, würde er es auch bei mir machen. Als wir dann im Bett lagen, schob er seine Hand in meine Unterhose. Dann masturbierte er mich bis zum Höhepunkt. Nach dieser Nacht masturbierte mich Michael Jackson noch mehrere Male mit der Hand und mit dem Mund. Michael Jackson saugte auch meine Brustwarze und massierte die andere Brustwarze, während er masturbierte ... Ich sagte ihm, dass ich das nicht mochte. Michael Jackson fing an zu weinen."

Geld beruhigte Eltern

Als der kleine Jordan Chandler seine Erlebnisse seinem Vater berichtet, informiert der die Polizei, und der Fall explodiert. Es folgen eine Schlacht der Anwälte, endlose Schlagzeilen, endlose Verhandlungen, es ist eine unappetitliche Affäre mit unappetitlichen Beteiligten, die sich 1994 für geschätzte 25 Millionen Dollar einigen, dass Jordan Chandler nicht vor Gericht aussagen werde.

In Jacksons Umgebung war damals längst bekannt, das sich der 'Dangerous'-Sänger und Tierfreund schon lange auch Jungs in seinem privaten Zoo hielt. Bereits 1988, als Jackson sein Elternhaus verließ, fiel seine intensive Freundschaft zu dem zwölfjährigen Schauspieler Emmanuel Lewis auf. Die Freundschaft endete, nachdem Jackson sich mit dem Jungen in einem Luxushotel in L. A. als Vater und Sohn eincheckte. Auf Lewis folgte der zehnjährige Jimmy Safechuck, dessen Eltern er mit einem 100.000 Dollar teuren Rolls-Royce beruhigte.

Die Erlebnisse des Jordan Chandler waren also nicht die einzigen, die vom Michael-Clan für viel Geld aus der Erinnerung herausgekauft wurden, im Gegenteil. Neverland und die Kindernachmittage des Sängers entwickelten sich unter gewissenlosen Hollywood-Müttern zu einer zynischen "Mag er mein Kind?"-Lotterie, ungenannt die Nächte und "Schlafanzug-Partys", die für wenige tausend Dollar ungeschehen gemacht wurden. Nach Recherchen von 'Vanity Fair' bekam ein ehemaliges Hausmädchen der Neverland-Ranch eine siebenstellige Summe; sie hatte Jackson gemeinsam mit ihrem Sohn in einem Schlafsack erwischt. Und das frühere Hausmeisterpaar Mark und Faye Quindoy, das heute versteckt auf einer Karibikinsel lebt, berichtete 1993 der Polizei, wie der Neverland-König mit minderjährigen Jungen unter der Dusche gespielt habe. Robert Wegner, Jacksons früherer Sicherheitsbeauftragter, spricht von mehr als 100 Kindern, die im Schlafzimmer des Stars übernachteten.

Ermittlungen ohne Enderfolg

Auch Jacksons Schwester Latoya klagte, dass ihr Bruder oft Nächte mit Jungen in seinem Schlafzimmer verbracht habe. Sie könne "nicht mehr länger ein schweigender Kollaborateur seiner Verbrechen gegen kleine, unschuldige Kinder sein". Seine erste Frau Lisa Marie sah ihn auch während ihrer Ehe oft mit Jungen im Bett und schob die Schuld auf die Jungen: "Sie lassen ihn nicht mal ins Bad, ohne hinterherzulaufen. Sie lassen ihn nicht aus dem Blick. Sie springen sogar zu ihm ins Bett."

Die Staatsanwälte verkündeten damals, dass sie noch zwei weitere Opfer aufgetrieben hätten, die Ermittlungen aber einstellen müssten, weil die Jungen plötzlich nicht mehr kooperierten. Einer der Beamten: "Wir hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren pro Jahr einen dieser 'speziellen Freunde' identifiziert. Einige weigerten sich, mit uns zu reden. Andere, die es doch taten, logen." Die Schwierigkeiten der Ermittler, aus Kindern Beweiskräftiges über die Jackson-Nächte herauszubekommen, fasste Chandler-Anwalt Larry Feldman damals so zusammen: "Ich versuche alles, damit sich das Kind an Michael Jacksons Penis erinnert, und der Therapeut versucht alles, damit das Kind Michael Jacksons Penis vergisst." Feldman vertritt heute Gavin Arvizo.

Ankläger ist ein gefährlicher Job

Wer sich mit Jackson anlegt, muss wissen, dass er sich auf ein gefährliches Spiel einlässt. Larry Feldman zum Beispiel bekam damals monatelang Bodyguards vom Justizministerium zur Seite gestellt, weil er Morddrohungen erhalten hatte. Auch Jordan Chandler selbst wurde bedroht, wie ein Mitbewohner enthüllte: "Einer hinterließ eine enthauptete Ratte in einer Schuhschachtel auf den Treppenstufen mit einer Notiz: Du bist der Nächste." Dass Jacksons Leute dahinter steckten, konnte nicht nachgewiesen werden. Jackson hatte seinerzeit jedoch Anthony Pellicano angeheuert, den "Privatdetektiv der Stars", eine dubiose Gestalt aus Hollywood. Er führte die Verhandlungen mit Chandlers Vater und soll nach Aussagen von Angestellten Zeugen eingeschüchtert und belästigt haben. Im vergangenen November wurde Pellicano vom FBI wegen Sprengstoffbesitzes verhaftet. Er sitzt im Knast.

Schon seine Kindheit war ungewöhnlich

Wann Michael Jackson zu dem exzentrischen Menschen wurde, der er ist, lässt sich in etwa so schwer bestimmen wie die Farbe seiner Haut, die Zahl seiner Schönheitsoperationen oder die Zahl seiner Opfer. Um der Ursache auf die Spur zu kommen, betreiben Psychologen und Analytiker seit zehn Jahren Grundlagenforschung in der Kindheit des einstigen Superstars. Die war in der Tat hart, aber die Prügel und wiederholten "Peitschenhiebe mit einem Gürtel, nie mit einem Stock", wie Vater Joe Jackson vor zwei Wochen in einem Interview berichtigte, erzeugten nicht die blauen Flecken einer verlorenen Kindheit, die sich der Peter Pan des Pop nun auf ewig zurückzukaufen versuche, wie immer wieder analysiert wird. In der düsteren Industriestadt Gary im US-Bundesstaat Indiana kam Michael Joseph Jackson am 29. August 1958 als siebtes Kind der Eheleute Joseph und Katherine Jackson zur Welt. Vater Joseph, genannt Joe, arbeitete als Kranführer in einer Stahlhütte und spielte abends mit seinem Bruder in der kleinen Blues Band The Falcons im Wohnzimmer die Songs von Otis Redding und Chuck Berry nach, die Kinder hörten zu, einer trommelte, ein anderer tanzte, "wir machten Musik zu unserer Unterhaltung, und das hat die Familie zusammengehalten", schreibt Michael Jackson 1988 in seiner Biografie 'Moonwalk'. Früh erkannte Joe Jackson, dass seine Söhne das Talent zu einer Kinderband hatten, und früh roch er, dass mit schwarzer Musik Geld und Ruhm zu machen sind. Die abendlichen Musikstunden wurden zu Proben, Joe meldete fünf seiner Kinder, die Jackson 5, zu Talentwettbewerben in der Umgebung an. "Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt mir immer nur Arbeit ein. Aber ich wurde nicht gezwungen wie vielleicht Judy Garland, sondern ich mochte es, und Singen war für mich so etwas Natürliches wie atmen", schreibt Michael in seinen Erinnerungen. Die Schläge, die Schreie seines Vaters, der ihn als Neunjährigen einmal so heftig in ein Schlagzeug schubste, dass sich Michael verletzte, und der ihn angeblich zwang, auf einer heißen Herdplatte zu stehen, damit er die richtigen Schritte lernte - all das betrachtete der Jackson-Jüngste beinahe sportlich: "Ich begann die Fäuste zu ballen und mich zu wehren. Ich erinnere mich auch, wie ich unter Tische geflohen bin, was ihn immer wütender machte. Wir hatten eine turbulente Beziehung."

"Ein narzisstischer Extremist"

1968 unterschrieben die Jacksons einen Plattenvertrag bei der legendären Plattenfirma Motown, es folgten TV-Auftritte, Shows und Hits: 'ABC', 'I'll Be There' oder 'I Want You Back'. Es war die Zeit der singenden Kinder, Bands wie die weiße Partridge Family wurden Stars eigener Fernsehserien, die Jackson 5 waren das Pendant für die schwarzen Amerikaner. Und sie waren ohne den kleinen Michael nicht denkbar - mit seiner glockenhellen Stimme und den schon früh artistischen Tanzschritten war er zum Frontmann der Truppe geworden. Und er wusste das. "Er liebte seine Kindheit, weil er ein Kinderstar war. Michael ist ein narzisstischer Extremist", zitierte 1994 'Vanity Fair' eine enge Freundin der Jacksons.

Sicher, seine Kindheit als Star war isoliert, und Liebe fühlte er, wenn das Publikum jubelte. Den Rest seines jungen Lebens hockte er in Hotelzimmern vor dem Fernseher, und alles, was er an Glanz und Glamour sah, war weiß. Selbst der Junge, der Michael in einer TV-Serie über die Jacksons spielte, war weiß. Gleichzeitig verspotteten ihn seine Brüder mit dem Namen "Dicknase". In ihm wuchs eine bestimmte Art der Allmacht - über die Familie, über ein Millionenpublikum, ja sogar über den Vater Joe, der aufhörte, ihn zu schlagen, als Michael einmal drohte: "Noch einmal, und ich singe nie wieder für dich!" Der Glauben, auch Macht über die Hautfarbe, über Kinder und über Gesetze zu haben, kam später dazu.

Glitzernder Star, cleverer Geschäftsmann

Erst kam noch der 25. März 1983, die Plattenfirma Motown feiert ihr 25-jähriges Jubiläum mit einer großen TV-Show, auf der Bühne die Jackson 5 und solo Michael. Er singt und führt vor, was Musikgeschichte macht: den Moonwalk, das gleitende Rückwärtsgehen. Alles an diesem vierminütigen Motown-Auftritt wurde zum Symbol seines Ruhms: der Hut, den er artistisch über den Arm springen ließ, die strassbesetzten weißen Handschuhe und Strümpfe und sein "auiiieh"-Kiekser, der fortan beinahe jeden seiner Songs akustisch verzierte. 'Thriller' verkaufte sich fast 60 Millionen Mal, ein bis heute nicht erreichter Rekord. So spinnert Jackson in der Pop-Welt thronte, so ungeahnt clever agierte er im Verborgenen. Als ihm Paul McCartney Mitte der 80er Jahre in London beiläufig erzählte, dass er endlich die Rechte an den frühen Beatles-Songs zurückkaufen müsse, er komme nur nicht dazu, waren die Rechte an 'Yesterday', 'Paperback Writer' und anderen Hits Tage später weggekauft. Von Michael Jackson. "Ich dachte, wir wären Freunde", erinnert sich McCartney noch heute fassunglos.

Der Abstieg begann - privat wie musikalisch

Nach dem Skandal um die Kindesverführung 1993 bekam die Karriere Jacksons den finalen Bruch. Der Abstieg begann - privat wie musikalisch. Nach einem frühen Verhältnis mit dem Kinderstar Tatum O'Neal und einer gemeinsamen Nacht mit Madonna, in der beide 1991 angeblich nackt vor einem geöffneten Eisschrank saßen, heiratete Jackson 1994 die Tochter des King of Rock'n'Roll, Lisa Mary Presley. Neverland paarte sich mit Graceland - in den Augen vieler eine Scheinehe. Zu richtigem Sex, soll Lisa Mary später eingeräumt haben, sei es nie gekommen. Ein Jahr nach der Scheidung heiratet er abermals - diesmal die Assistentin seines Hautarztes, Debbie Rowe. Sie gebar ihm die Kinder Prince Michael I und Paris Michael und verflüchtigte sich, mehrere Millionen Dollar reicher, wieder aus seinem Leben. Die Mutter des dritten Kindes, Prince Michael II, ist unbekannt. Jackson spendete Samen und verlangte von der Gebärenden nur "gute Augen" und ausreichend "Intelligenz". Was mit den ewig verschleierten Kleinen geschehen wird, sollte ihr Vater ins Gefängnis wandern, ist ungewiss. Mittlerweile hielten nur noch die zu ihm, die sich in dem Sonderling Jackson aus ganz anderen Gründen wiedererkannten - Waisen- und Heimkinder, Behinderte, Ausgegrenzte. Ein wertvolles Publikum, aber für die Plattenindustrie wertlos. Sein letztes Album, 'Invincible', verkaufte sich nur zehn Millionen Mal. Ein Flop, der Jackson noch schrulliger werden ließ und Verschwörungstheorien befeuerte. Mitte 2002 demonstrierte Jackson in London mit einem Schild "Sony kills Music", nannte Sony-Chef Tommy Mottola einen Rassisten und "sehr, sehr, sehr teuflisch" und gab bekannt, dass er nur noch eine Platte für das verhasste Label machen wolle. Die Sony-Verantwortlichen atmeten auf. 'Number Ones' erschien in den USA an dem Tag, als 70 Polizisten Neverland durchsuchten. Die Single mit dem sinnigen Titel 'One More Chance' war zwei Tage nach Erscheinen nicht unter den ersten Hundert der US-Hitliste. Für die Produktion dieser vielleicht letzten Jackson-Aufnahme rief er den schwarzen Musiker R. Kelly ins Studio - der ist wegen Sex mit einer 13-Jährigen angeklagt.

Körperlicher Verfall

Zum kommerziellen Absturz kommt der physische Verfall des 1,80 Meter großen und nur 55 Kilo schweren Jackson: Die Haut pergamentdünn und sichtlich schmerzhaft gespannt, das Gesicht weiß geschminkt. Seine Augenbrauen sind nachgemalt, die Augäpfel rot von geplatzten Adern. Nach mehreren Operationen der Wangenknochen sind die Augen nach unten gerutscht, was ihm einen permanent traurigen Ausdruck gibt. Und die fragile Konstruktion besonders der Nase machen ihm Angst vor Berührungen.

Die Londoner 'Times' schreibt sogar, der Sänger sei pleite und habe 240 Millionen Dollar Schulden. Ein Sprecher seiner Finanzberatungsfirma 'Union Finance' sagte im Mai, Jacksons Situation sei eine "tickende finanzielle Zeitbombe, die jeden Moment hochgehen kann". Der "King of Pop" lebe auf Pump und müsse wenigstens 50 Prozent der Rechte an den Beatles-Platten wieder verkaufen. Die 'Times' bezifferte Jacksons monatliche Ausgaben auf 1,2 Millionen Dollar; er hält sich 120 Angestellte. Jackson wollte offenbar sogar Neverland für 22,5 Millionen Dollar verkaufen und verwarf die Pläne nur, weil ihm Immobilienmakler bedeuteten, er würde in diesen Zeiten gerade mal 13,5 Millionen dafür bekommen. Seine Wohltätigkeitsstiftung 'Heal The World' musste 1998 eingestellt werden, weil sie seit drei Jahren keine Spenden mehr verteilte. Jackson, einst 750 Millionen Dollar schwer, lebt seit Jahren über seine Verhältnisse.

Gerüchte um Gangster-Kontakte

In den USA wird nunmehr kolportiert, dass Michael nur noch liquide sei, weil ihn ein zwielichtiger Freund aus Miami unterstützt - Al Malnik, 69. Der Anwalt verteidigte den berühmten Gangster Meyer Lansky, und als der 1983 starb, ging die Saga, Malnik habe dessen Imperium übernommen. Er dementiert das natürlich. Er kann aber nicht dementieren, dass sein Hauptgeschäft Kreditvermittlung ist. Genau das, was Jackson zurzeit offenbar braucht. Auf den Danksagungen seiner neuen CD taucht Malnik unter "special thanks" auf.

Michael Jackson ist ruiniert - nicht nur finanziell. Wird er freigesprochen, werden für viele Zweifel bleiben. Wird er verurteilt, wenigstens drei Jahre, kommen unvorstellbare Zeiten auf ihn zu. In der Knasthierarchie gelten Kinderschänder als die Schlimmsten der Schlimmen. Schlimmer als Mörder, schlimmer als Vergewaltiger. Jackson würde wahrscheinlich abgeschottet von den anderen Insassen. Aber selbst die striktesten Sicherheitsvorkehrungen nutzen manchmal nichts. Im August wurde in einem Hochsicherheitsgefängnis in Massachusetts der Priester John Geoghan erdrosselt aufgefunden. Er saß ein wegen der Belästigung von Kindern in 150 Fällen. Sein Mörder sagte: "Pädophile müssen zahlen."

von Jochen Siemens, Michael Streck und Jan Christoph Wiechma/print

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