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Interview

Michael Mross: "Ich bin Hauptdarsteller in einem Horrorfilm"

In Sri Lanka hat Michael Mross bei einem Unfall ein Bein und einen Arm verloren. Mit dem stern sprach der ehemalige TV-Moderator über den Schicksalstag und seinen langen Kampf zurück ins Leben.

Michael Mross hat bei einem Unfall in Sri Lanka mehrere Körperteile verloren

Muss das Leben neu lernen: Michael Mross empfindet gegen den Unfallfahrer "keine Aggression oder Hass"

Ein Tag im März hat das Leben von Michael Mross für immer verändert. Der ehemalige TV-Moderator, der als Finanzexperte von N-TV und N24 bekannt geworden ist, saß gerade an einem Fruchtstand in dem kleinen sri-lankischen Küstenstädtchen Tangalle und genoss eine Kokosnuss, als ein Auto in die Gäste hineinraste. Das Fahrzeug erwischte auch Mross. Als er später in einem Krankenhaus wieder zu sich kam, musste er feststellen, dass sein rechtes Bein und rechter Arm fehlten. Außerdem waren auch sein linkes Bein und der Brustkorb gebrochen, ebenso mehrere Wirbel und Rippen. 

Jetzt liegt der 57-Jährige in einem Berliner Krankenhaus und kämpft sich wieder ins Leben zurück. Mit dem stern sprach er über den schicksalhaften Tag, seine Ängste vor der Zukunft und den Mann, der diese Tragödie verursacht hat.

Herr Mross, wie geht es Ihnen?

Den Umständen entsprechend. Ich bin zum ersten Mal von der Intensivstation entlassen worden. Aber bis ich das Krankenhaus verlassen kann, wird noch mindestens ein Monat vergehen.

Wie viele Operationen haben Sie bereits hinter sich? Wie viele stehen Ihnen noch bevor?

Es wurden zehn Operationen durchgeführt. Wie viele noch auf mich zukommen, lässt sich im Moment schwer einschätzen. Das hängt von dem Genesungsprozess ab.

In einer solchen Zeit ist es auch immer wichtig, wenn nahestehende Menschen einem Halt geben. Wer steht Ihnen in der schweren Zeit bei?

Meine Schwester. Sie macht einen großartigen Job. Sie verbringt jeden Tag acht Stunden bei mir im Krankenhaus. Und kümmert sich um alle Kleinigkeiten, sei es auch nur, einen Kaffee vorbeizubringen. Aber auch viele Freunde stehen mir bei.

Was quält Sie derzeit am meisten?

Die Frage, wie ich überhaupt leben kann mit einem Bein und einem Arm weniger. Man muss das Leben ganz neu erlernen. Ich könnte das Krankenhaus gar nicht verlassen, weil ich gar nicht überleben könnte.

Bekommen sie psychologische Hilfe?

Ja, ich werde im Krankenhaus von einem Psychologen betreut. Ohne Psychologen wären solche einschneidende Erlebnisse gar nicht zu bewältigen sein, glaube ich.

Was gibt Ihnen Kraft, den Lebensmut nicht zu verlieren?

Der pure Willen, weiter zu leben.

Können Sie sich noch an den Augenblick erinnern, als der Wagen auf sie zuraste?

Nein, diese Sekunden sind in meinem Gedächtnis komplett ausgeblendet. Ich erinnere mich noch an das Auto, das mit erhöhter Geschwindigkeit in meine Richtung fuhr. Ich habe in dem Augenblick aber nicht realisiert, dass es auf mich zukam. Das Auto hat mich erfasst, ohne dass ich es gesehen habe.  Laut meinem Psychologen kann es aber sein, dass das Gehirn diese Augenblicke aus meiner Erlebniswelt ausgeschnitten hat. Es kommt wohl öfter vor, dass bei solchen schweren Unfällen bestimmte Zeitabschnitte verdrängt werden.

Sie kamen nach dem Unfall erst im Krankenhaus wieder zu sich. Was war ihr erster Gedanke?

Ich bin Hauptdarsteller in einem Horrorfilm. Einem Horrorfilm, der real ist. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen. Ich habe geschrienen. Ich wurde ständig ohnmächtig, da ich einen sehr hohen Blutverlust hatte. In einem Augenblick des Bewusstseins sah ich in einer Ecke des Raumes ein vollkommen zerstörtes Bein liegen - mein Bein.

Steht mittlerweile fest, wer hinter dem Steuer des Autos saß? Und wie es zu dem Unfall kommen konnte?

Der Fahrer war nach dem Unfall geflüchtet, ist aber mittlerweile gefasst worden. Er wird sich vor Gericht verantworten müssen. Ich vermute, dass er stark alkoholisiert war.

Welche Gefühle empfinden Sie gegenüber dem Fahrer?

In mir herrscht eine Leere. Vielleicht hat Gott ihn mir als Prüfung geschickt. Das klingt albern, aber vielleicht ist es meine Chance, ein neues Leben anzufangen. Komischerweise empfinde ich ihm gegenüber keine Aggression oder Hass.

Haben Sie jemals in Ihrem Leben darüber nachgedacht, dass ein solcher Schicksalsschlag Sie treffen könnte?

In Sri Lanka herrscht generell ein Verkehrschaos. Ich bin dort schon fast mehrere Tode gestorben. Aber ich hatte jedes Mal Glück. Ich hatte immer das Gefühl, im Leben vom Glück begleitet zu werden. Der Unfall war jetzt wirklich eine ganz furchtbare Akkumulation des Pechs, eine Verkettung von unglückseligen Zufällen. Es war schon allein höchst unwahrscheinlich, dass dort, wo ich war, überhaupt ein Auto lang fahren würde. Das Café liegt nicht an einer Straße. Der Zufall hat mich nun erwischt.

Was ist ihre größte Angst für die Zukunft?

Dass ich nicht mehr selbstständig leben kann. Dass ich nicht über mein Leben bestimmen kann. Dass ich keinen Sport in der gewohnten Art und Weise machen kann. Dass ich meine Selbstständigkeit verliere. Die Selbstständigkeit ist das höchste Gut im Leben. Es ist so entscheidend, dass man selbst entscheiden kann und machen kann, was man will.

Sie haben von dem Unfall öffentlich berichtet. Warum entschlossen sie sich zu diesem Schritt?

Alle wollten wissen, was passiert war. Und ich wollte die Geschichte nicht jedem einzelnen erzählen müssen. Deswegen habe ich sie öffentlich aufgeschrieben. Irgendwann möchte ich die Geschichte in einem Buch aufschrieben. Für Menschen, die in eine ähnliche Situation geraten. Ich hoffe, dass meine Geschichte auch anderen Leuten Mut machen kann.

Werden Sie jemals wieder nach Sri Lanka reisen?

Das ist eine große Frage, die ich mir schon oft gestellt habe. Vielleicht. Aber ich weiß  nicht, ob ich dahin fahre, um "Guten Tag" oder endgültig "Good Bye" zu sagen.

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