HOME

Das Supermodel und die blutigen Diamanten

Hat ihr der Diktator Charles Taylor Blutdiamanten geschenkt? Topmodel Naomi Campbell bestreitet das. Doch jetzt muss sie in den Zeugenstand und im Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gegen den brutalen Machthaber aus Liberia aussagen. Ein Auftritt, den das Model gerne vermieden hätte.

Über Charles Taylor erzählte man in Westafrika Grauenhaftes: Als Rebellenführer habe er Blut ermordeter Bauern getrunken, um sich mit Dschungelgeistern zu verbünden. Einige Leute wundert es daher wenig, dass Naomi Campbell jetzt zögerte, diesem Mann wieder in die Augen zu sehen. Vor 13 Jahren soll der Diktator der Britin einen Blutdiamanten geschenkt haben. Am heutigen Donnerstag soll Campbell dazu als Zeugin vor dem Sondergerichtshof für Sierra Leone aussagen.

Ob ihre Angaben vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal bei Den Haag dazu beitragen, den 62-jährigen Ex-Diktator für immer hinter Gitter zu bringen, ist allerdings fraglich. Campbell wäre nicht die erste Zeugin im Taylor-Prozess, die Angst hat: Die 40-Jährige lehnte einen Auftritt im Zeugenstand ab, doch das Gericht ordnete ihr Erscheinen an.

Eingeständnis könnte Karriere schaden

Selbst als Untersuchungshäftling soll der Ex-Kriegsherr noch eine ebenso hörige wie brutale Gefolgschaft haben. Zudem dürfte ein Eingeständnis Campbells, von einem Despoten einen Edelstein akzeptiert zu haben, ihrer Karriere kaum zuträglich sein. Taylor wird die Mitverantwortung für Massenmorde, Folterungen, Vergewaltigungen und die Zwangsrekrutierung von Kindern vorgeworfen.

Vielleicht wird Campbell nur wiederholen, was sie im April in einem Studio des US-Senders ABC erklärte: "Ich habe keinen Diamanten bekommen", fauchte das Supermodel ihre Interviewerin an. Als die nachhakte, fegte die Britin aus dem Studio und schlug auf eine Kamera ein.

"Markenzeichen" dieses Bürgerkrieges in Sierra Leone, dem zwischen 1991 und 2002 mehr als 120.000 Menschen zum Opfer fielen, waren Verstümmelungen. Die "Revolutionary United Front" (RUF) des Taylor-Kumpanen Foday Sankoh hackte Dorfbewohnern Hände, Nasen und Ohren ab. Ihren Feldzug um die Macht in dem rohstoffreichen Land finanzierte sie mit Diamanten, die in Sklavenarbeit geschürft wurden.

Ein Supermodel als Superzeugin

Taylor war damals Präsident des Nachbarlandes Liberia. Er soll Mordtaten der RUF dirigiert, sie mit Waffen versorgt und dafür Rohdiamanten im Wert von hunderten Millionen Dollar kassiert haben. Der Angeklagte bestreitet das: "Ich habe nie Diamanten bekommen, weder in Mayonnaise-Gläsern noch in Kaffeedosen." Eindrucksvoller als durch die Bestätigung Campbells, einen Blutdiamanten von ihm erhalten zu haben, könnte er kaum widerlegt werden, meint die Staatsanwältin. Ein Supermodel als Superzeugin? Darauf zumindest hofft die amerikanische Staatsanwältin Brenda Hollis.

Der Aussage von Naomi Campbell misst Taylors Verteidigung demonstrativ keine Bedeutung zu. Der Anwalt wirft der Anklage vor, den Auftritt der Catwalk-Queen als "billigen Werbetrick" zu missbrauchen. Durch die weltbekannte Diva würden "all die negativen Sachen, die jahrelang über Charles Taylor verbreitet wurden, wieder in das öffentliche Gedächtnis zurückgerufen", sagte er. Tatsächlich interessieren sich so viele Journalisten wie noch nie für das Verfahren: Für die Anhörung Campbells wollten sich mehr als 200 Journalisten akkreditieren.

Der Diktator flirtete mit dem Model

Bei der Vorladung des Models stützte sich Hollis auf Angaben der US-Schauspielerin Mia Farrow und der damaligen PR-Agentin des Models, Carole White. Sie hatten berichtet, Campbell habe ihnen von dem Diamantengeschenk erzählt. White will es gar gesehen haben. Und es sei nicht nur ein Diamant gewesen, berichtete sie der Londoner Zeitung "Daily Mail": "Es waren sechs kleine Diamanten, ungeschliffen."

Schauplatz der Klunker-Geschichte war Kapstadt. An einem lauschigen Septemberabend des Jahres 1997 hatte Südafrikas Präsident Nelson Mandela etliche Prominente zu einem Charity-Dinner um sich versammelt. Auch Kricket-Star Imran Khan war dabei, Erzbischof Desmond Tutu und Michael Jacksons Produzent Quincy Jones. Bilder zeigen Campbell an der Seite von Taylor. Der habe geflirtet, erzählte White. Und noch am selben Abend sollen Bodyguards von Taylor an Campbells Schlafzimmer geklopft und das verhängnisvolle Geschenk überbracht haben.

Die Geschichte wird noch mysteriöser: Campbell habe die Diamanten nicht behalten, sagte White Ermittlern des Sierra-Leone-Tribunals. Sie habe Probleme befürchtet, sollte der Zoll bei ihr Rohdiamanten ohne Herkunftsbescheinigung finden. "Sie sagte, sie werde die Steine Nelson Mandelas Children's Fund schenken." Die "Daily Mail" fragte bei der Wohlfahrtsorganisation nach. Die Antwort: Man habe niemals Diamanten von Frau Campbell erhalten.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Naomi Campbell gibt Diamanten-Geschenk zu"

DPA/AFP/ukl/DPA

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren