Sie zählt zu den besten deutschen Schauspielerinnen. Und hatte als Tochter des Gewerkschaftsrebellen und Grünen-Mitbegründers Willi Hoss eine filmreife Kindheit. Ein Gespräch mit Nina Hoss über Leben und Sterben ihres Vaters, Antje Vollmers miese Tricks und den Kampf um einen Mars-Riegel.

Nina Hoss, 28, beim Foto-Shooting im Berliner "Münzclub"© Ali Kepenek
Privates öffentlich zu machen wäre meinem Vater nie eingefallen. Meine Mutter und ich haben ihn zu dem Buch überredet, weil sein Lebensweg unglaublich beeindruckend ist: Hitlerjunge, 25 Jahre KPD, Gewerkschaftsrebell, Betriebsrat bei Daimler-Benz, Mitbegründer und Fraktionssprecher der Grünen und mit 62 dann Entwicklungshelfer in Amazonien.
Ich saß mit ihm auf Parteitagen der Grünen an diesen wahnsinnig langen Tischen. Wenn nicht gerade Udo Lindenberg auftrat, war das ziemlich langweilig, weil man ruhig sein musste. Aufregend fand ich nur, dass ich bei Abstimmungen immer seine Stimmkarte hochhalten durfte. Bei den Blockaden gegen die Raketennachrüstung Anfang der 80er hatte ich furchtbare Angst, wenn ich sah, wie die Polizeimacht meinen Vater an den Armen abschleppte und in ein vergittertes Auto verfrachtete. Ich wäre am liebsten dazwischengegangen. Er ist ja auch nachts in amerikanische Kasernen eingestiegen und hat da Schafe reingetrieben. Die Soldaten hätten auf ihn schießen können, das wäre ihr Recht gewesen.
Ich bin ab und zu mitgefahren, um mir eine Sitzung des Bundestags anzuschauen. Das hat mich nicht außerordentlich beeindruckt. Erst als mein Vater im Flick-Untersuchungsausschuss Helmut Kohl verhörte, fand ich das wahnsinnig spannend: Der Kohl muss meinem Vater Rede und Antwort stehen - unglaublich!
Ja, aber ich begriff die Gefahr nicht, denn ich hatte keine Ahnung, dass in der Türkei systematisch gefoltert wurde. Ich war bei seinen Aktionen immer gespalten. Einerseits nahm ich sie ihm übel und sagte mir: "Spinnt der eigentlich? Wenn er stirbt, habe ich keinen Papa mehr!" Andererseits war ich natürlich wahnsinnig stolz, denn wer hat schon einen Vater, der sich mit Petra Kelly und Gert Bastian in der Deutschen Botschaft in Pretoria ankettet, um gegen deutsche Konzerne zu demonstrieren, die mit dem Apartheidsstaat Geschäfte machen?
Es gibt eine Szene, aus der man ersehen kann, wie es bei uns so abging: Mit fünf stand ich mit meiner Mutter an der Supermarktkasse und wollte ein Mars haben. Als meine Mutter mal wieder zu Erklärungen anheben wollte, schrie ich: "Ich kann das Wort "verzichten" nicht mehr hören!" Meine Mutter musste loslachen, und ich bekam mein Mars.
Ihr Vater, erst Landarbeiter, dann Schweißer, ist in der politischen Kaste stets ein Fremdling geblieben. Haben Sie seine Nöte gespürt? Er hat nie viel von sich gesprochen, aber es war mir klar, dass ihm Kungeleien, Egomanie und Machtmenschen nicht liegen. Seine jungen studierten Assistenten kamen morgens um neun in sein Büro und sagten: "So, Willi, heute müssen wir dich mit irgendwas in die Zeitungen bringen." Diese Art und Weise der Arbeit lag ihm nicht. Er konnte sich nicht d amit abfinden, dass man als Politiker anscheinend bestimmte Verhaltensweisen annehmen muss, um für Öffentlichkeit zu sorgen. Nelson Mandela sagte bei einem Staatsbesuch zu Ihrem Vater: "Im Gefängnis habe ich die Entwicklung der Grünen verfolgt und mir immer eine Frage gestellt, die Sie mir vielleicht beantworten können. Warum haben sie sich nicht ordentlich angezogen, wenn sie ins Parlament gingen? Warum zogen sie keine Krawatte an?" Mandela konnte schlecht wissen, dass das Äußere damals ein politisches Statement war. Es war für meinen Vater wichtig zu sagen: "Wir sind vom Volk gewählt, so, wie wir sind. Uns sind die Inhalte wichtig und nicht die Kleidung, die wir tragen." Das hatte damals eine Kraft. Deshalb gab es viele bunte Vögel, die im Parlament nur mit Turnschuhen und Schlabberpullis rumliefen. Mein Vater war immer ordentlich mit Jackett angezogen, nur Krawatten mochte er einfach nicht. Den ersten Smoking seines Lebens trug er, als ich 1996 auf dem Münchner Filmball eingeladen war. Weil es ihn Überwindung kostete, haben wir erst mal Witzfotos gemacht, wie er als Agent 007 im Smoking posiert.
Biografie Nina Hoss wurde am 7. Juli 1975 in Stuttgart geboren. Bereits als 14-Jährige gab sie am dortigen Theater ihr Schauspieldebüt und begann nach dem Abitur 1995 ihr Studium an der Berliner Hochschule für Film und Fernsehen "Ernst Busch". Noch während dieser Zeit drehte sie mit Joseph Vilsmaiers "? und keiner weint mir nach" ihren ersten Kinofilm. Anschließend gelang ihr in Bernd Eichingers TV-Produktion "Das Mädchen Rosemarie" der Durchbruch. Mittlerweile gilt Hoss als eine der besten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation. Sie lebt in Berlin "