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12. April 2007, 13:00 Uhr

Er will ja nur nerven!

Drängeln, sticheln, Mitmenschen beleidigen - und das mit bewundernswertem Fleiß. So wurde Oliver Pocher einer der erfolgreichsten Comedians des Landes. Nun spielt er die Hauptrolle in der Komödie Vollidiot. Nein, dieser Kinofilm ist nicht autobiografisch Von Alexander Kühn

Stillstehen? Tiefgründig dreinschauen? Für Oliver Pocher gänzlich unnatürliche Posen. Am wohlsten fühlt sich der kleine Mann, 29, wenn er von früh bis spät zappeln und rumkaspern kann© Boris Breuer

Um gleich mit einem Superlativ zu beginnen: Oliver Pocher ist einer der verhaltensauffälligsten Autofahrer der Republik. Seine Vorlieben: mit 90 Sachen durch die City flitzen, verstopfte Straßen durch einen Abstecher auf den Bürgersteig umgehen, schleichende Straßenbahnen mit der Lichthupe jagen. So fährt Pocher, wenn er es eilig hat. Pocher hat es immer eilig. Derzeitiger Punktestand in Flensburg: zehn. Wer Pocher kennenlernen will, sollte sich eine Tour mit ihm antun in seinem Audi Q 7. Weil der Typ sein ganzes Leben gestaltet wie eine Autofahrt: Gas geben, dicht auffahren, drängeln. Vielleicht muss man so drauf sein, wenn man bereits als kleiner Junge im tristen Hannover-Altwarmbüchen auf die Frage der Eltern, was man später machen wolle, verkündet: Leute zum Lachen bringen. Und das verdammt ernst meint.

Von der eigenen Witzigkeit, sagt Pocher, sei er stets überzeugt gewesen - "schwierig war es nur, den Rest der Welt auf meine Seite zu bringen". Es ist ein sonniger Wintermittwoch, Pocher hockt in der Maschine von Berlin nach München, fast hätte er den Flug verpasst. Um die Augen sieht er aus wie ein kleiner Papst Benedikt, die Nacht war kurz. Pocher flöht die bunten Blätter nach Meldungen über prominente Knallchargen - Futter für kommende Auftritte. Jemals Selbstzweifel gehabt? "Ganz ehrlich? Öhhh... Nö!" Seit zwei Jahren tourt er mit seinem Bühnenprogramm, einem Abend voll mit Brachialkomik. Das Publikum: viele 30- bis 40-Jährige - und Massen von Teenies. Wenn er dann vor ihnen steht, mit Schildkappe und Trainingsjacke, und Poster signiert, sind sie doch ziemlich baff: "Och, der is' aber klein!" Einsdreiundsiebzig. Für "Bravo"-Leser ist Pocher ein Popstar, Kategorie Lafee oder Tokio Hotel: sieht mit 29 aus wie 17, darf Sachen sagen, für die sie selber was auf die Finger bekämen.

Mariah Carey als Presswurst beleidigt

Pochers Ausflüge in die Welt der Erwachsenen stießen selten auf Gegenliebe. Sein Einsatz als Außenreporter bei "Wetten, dass..?" zog die Zahlung von 6000 Euro nach sich, weil er einer Frau zu einer Gesichtsoperation geraten hatte. In einer anderen Gottschalk-Show fragte er angesichts einer eng gewandeten Mariah Carey: "Was heißt eigentlich Presswurst auf Englisch?" Worauf Frau Carey zur Leberwurst mutierte, zur beleidigten. Die Werbung für Media Markt, "Lass dich nicht verarschen", machte ihn bundesweit bekannt. Für Pro Sieben ist er, neben Stefan Raab, das wichtigste Sendergesicht, zuletzt als Moderator des vergleichsweise mauen "Gameshow-Marathons". In der kommenden Woche könnte sich Pochers Eintritt in die Massentauglichkeit vollziehen. Dann läuft in den Kinos die Komödie "Vollidiot" an, mit Pocher als T-Punkt-Verkäufer auf der Suche nach Zweisamkeit, Anke Engelke spielt seine Chefin.

Pochers Grundausstattung mit Humor hat sein Elternhaus zu verantworten. Da gab es Bücher von Loriot und Heinz Erhardt. Und Platten von Otto Waalkes. Papa Pocher überspielte sie für Olli auf Kassette, unter Weglassung der nicht jugendfreien Passagen. Papa, also Gerd Pocher, ist nicht minder unterhaltsam als sein Sohn, füllt Stunden mit Anekdoten, bis man schließlich bei Olivers Großvater anlangt, der in den 1930ern als Variétékünstler durchs Land tingelte, mit zahlreichen Witzen und einer singenden Säge. Die frühen Auftritte des Oliver Pocher fanden im Wohnzimmer statt, vor der Videokamera. Da moderierte er große Shows, seine Schwester Susanne assistierte, er imitierte Freddy Quinn und erbrach Mutters Milchreis in einen Teller. Dann kam der 20. Hochzeitstag der Eltern, im Oktober 1993, man feierte beim Italiener. Pocher war 15 und spielte vor versammelter Verwandtschaft Szenen einer Ehe nach. Die Mutter rief: "Genau so isses bei uns!" Das war der Tag, an dem Gerd Pocher zu seiner Frau sagte: "Ich glaub, der kann das als Beruf machen."

Beleidigungen sind im Eintritt inbegriffen

Als Olli irgendwann im Fernsehen zum ersten Mal "ficken" sagte, wandte sich die Mutter empört an den Vater: "Gerd, muss er das sagen?" Der meinte nur: "Jutta, lass ihn, das ist halt so." Und so blieb es. Zunächst bei Viva, wo Pocher von 1999 an moderierte. Und auch danach mühte er sich, das Niveau zu halten, ab 2003, in seinen Shows auf Pro Sieben: bei "Rent a Pocher", wo man ihn mieten konnte, als Babysitter, Postboten, Softballspieler, was auch immer, oder bei der Präsentation der "Bundesjugendspiele". Als Gast in der "Schillerstraße" auf Sat 1. Und auf seiner Tournee durch Deutschlands Mehrzweckhallen. Mit dem Erwerb einer Eintrittskarte für Pochers Bühnenshow ist das Recht verbunden, einen Abend lang Beleidigungen über sich ergehen zu lassen. "Wir sind hier im Venedig von Deutschland", trompetet Pocher in Dresden. Pause. "Wegen der Taubenscheiße." Die Sekretärin in Reihe eins wird veräppelt, das Pärchen in Reihe drei, ansonsten geht es um Sex im Altersheim, koksende Mainzelmännchen und die Frage, warum Micky Maus an jeder Hand nur vier Finger hat. Wenige Komiker schaffen es, 3000 Zuschauer so schnell für sich einzunehmen wie Pocher.

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