HOME

Die Schöne und die Biester

In den 80er Jahren wurde die Tschechin Paulina Porizkova zum ersten Megastar der Modelszene - jetzt, mit 42 Jahren, hat sie ihre nicht immer erfreulichen Erfahrungen mit der Modewelt in einem barschen Roman verarbeitet.

Von Jochen Siemens

Neulich, sagt sie, hat sie mit einer Freundin im Fernsehen "so einen Bericht über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" gesehen. Da ging es um Chefs, die Frauen an den Hintern fassen, und um Kollegen, die glitschige Witze erzählen und so weiter. "Meine Freundin und ich haben uns nur angeguckt: Hey, bei uns nannte man so was Komplimente machen." Die Ampel an der New Yorker Fifth Avenue wird grün. Wenn man mit Paulina Porizkova über die Straße geht, sieht man, wie die Blicke der Entgegenkommenden an ihr kleben bleiben. Paulina ist 42 und 1,80 Meter groß, und einige schauen sie an und überlegen offenbar, was an ihr so irritierend ist hier mittags im vollen New York.

Man kann ein paar Schritte hinter ihr gehen und beobachten, wie sich der Menschenstrom vor ihr teilt, wie sich manche noch mal umdrehen, so als wäre die Frau eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Es ist der Stil und die Ruhe, mit der sie geht, die an andere Zeiten denken lässt, an Zeiten der Eleganz und der Klasse. Zeiten, die sie mal erfunden hat: Paulina war das erste Supermodel der Welt, sie war der Prototyp für den dann folgenden Hühnerhaufen aus Claudia, Naomi oder Cindy.

"Hose auf? Das war Modelalltag"

Ihre Sätze haben sarkastische Nägel, wenn sie sagt: "Ich und die anderen Models lebten schon damals in dieser abgeschlossenen Modewelt. Wenn da ein Mann seine Hose aufmachte und den Penis rausholte, dachten wir nur: Hallo Alltag!" Ein paar solche Szenen schildert das Ex-Model in seinem ersten Roman "A Model Summer": Blowjobs und Drogenexzesse mit jungen Mädchen etwa. Geschichten eben, die man zwar vom Hörensagen immer kannte, aber nun zum ersten Mal von einer Kronzeugin erzählt bekommt. Es ist der lakonische Ton, der das Buch auszeichnet, die Unaufgeregtheit, mit der Porizkova die Story des 15-jährigen schwedischen Models Jirina im Paris der 80er Jahre erzählt.

Jirina ist groß und dünn und hat das Etwas, das Agenten und Fotografen ein "neues Gesicht" wittern lässt. Aber sie ist erst 15. Herausgerissen aus ihrem alten Leben, treibt sie durch Paris, nimmt die Drogen, den Sex und die Enteignung ihres Körpers hin, weil sie glaubt, dass es wohl so sein muss in dieser Welt. "Wenn man fast noch ein Kind ist, und viele Models sind fast noch Kinder", sagt Paulina, "dann sind Erwachsene immer Autoritätspersonen, und man macht, was sie sagen. Und wenn also die Agenten oder Fotografen anordnen ‚zieh dich aus‘oder so, dann macht man das."

An manchen Stellen wird das Buch sehr deutlich, da werden Szenen sexueller Belästigung beschrieben, die für Schlagzeilen sorgen werden. Paulina winkt ab, sie ist vorsichtig, "was ich beschreibe, ist 25 Jahre her, ich habe wirklich an keine realen Personen gedacht". Aber offenbar an sich selbst, der Roman hat autobiografische Züge, denn wie Jirina kam auch Paulina 1980 aus Schweden nach Paris. Aber da hatte sie schon eine dramatische Vorgeschichte. "Man kann sich ja an entscheidende Momente seiner frühesten Kindheit genau erinnern", sagt sie, "ich werde den Moment nie vergessen, als meine Eltern in der Tschechoslowakei auf ein Motorrad stiegen und flohen. Mich ließen sie bei meiner Großmutter zurück. Ich höre heute noch das Motorengeräusch."

Das erste Gesicht mit einem Leben

Das war am Ende des Prager Frühlings 1968, sowjetische Truppen waren in Prag einmarschiert, wer Regimegegner war, floh. Paulinas Eltern gelangten nach Lund in Schweden und versuchten, ihre Tochter nachzuholen. Die "Lasst Paulina frei"-Kampagne und der Hungerstreik der Eltern gingen in Schweden durch alle Zeitungen und brachten die Diplomatie auf Hochtouren. Als dann Paulinas Mutter 1973 heimlich wieder in die Tschechoslowakei einreiste, um ihre Tochter aus dem Land zu schmuggeln, wurde sie festgenommen, was zu politischen Verwicklungen führte. Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme weigerte sich sogar, die Tschechoslowakei zu besuchen - der Druck wirkte, die 13-jährige Paulina durfte zu ihren Eltern ausreisen, die sich kurz darauf scheiden ließen. Die harten Kanten des Lebens waren ihr schon als Kind nicht fremd.

So gesehen, sie hebt kurz die Schultern, war Paris als junges Model für sie nicht die Hölle. Sie hatte sich ja schon vorher als Objekt gefühlt - als Objekt der Politik und des Kalten Krieges. Danach ein Objekt für hysterische Fotografen und Modedesigner zu sein war ein ähnliches Gefühl. Aber die Dinge entwickelten sich: Sie hatte diese hintergründige Schönheit, die sie schnell mächtig werden ließ. Anders als bei den Kaugummi kauenden, blonden kalifornischen Models oder den damals noch populäreren Schwedinnen schimmerte in Paulinas Blick immer ein Geheimnis mit, eine Ahnung, dass hinter der Kulisse noch ein richtiges Leben war. Mitte der 80er Jahre wurde Paulina zum Covermodel der Swimsuit-Ausgabe der amerikanischen "Sports Illustrated", ein erotisch aufgeladenes und viel verkauftes Heft, das sich niemand wegen der Badeanzüge holt. 1987 erreichte ein Kalender mit ihr Rekordauflagen, und Paulina setzte damit im Modelgeschäft erstmals die neuen Maßstäbe eines Supermodels - man kannte ihren Namen, sie hatte Millionen Fans außerhalb der Modewelt, sie wurde so etwas wie der erste Model-Popstar. 1988 unterschrieb sie beim Kosmetikkonzern Estée Lauder den bis dahin höchstdotierten Vertrag über sechs Millionen Dollar. Im selben Jahr stand sie mit Tom Selleck in "Ninas Alibi" vor der Kamera, "ein Film, den ich heute hasse", sagt sie. Sie spielte noch in einigen anderen Filmen, "mehr so Independent-Sachen, keine Kassenschlager, aber gute Filme".

Dann machte sie allen nicht so schönen Männern Hoffnung, als sie den nicht wirklich gut aussehenden, aber charismatischen Sänger der Band Cars, Ric Ocasek, heiratete und später mit ihm zwei Söhne bekam. Danach modelte sie nur noch gelegentlich für ausgewählte Kampagnen und trat in populären TV-Shows wie "Dancing with the Stars" auf. Die Dinge aufzuschreiben, sagt sie, war schon als Kind ihre Art der Verarbeitung, "ich habe immer alles aufgeschrieben, und als Model hast du viel Zeit dafür". An ihrem Buch hat sie über zwei Jahre gearbeitet. "Das Problem war nicht das Erinnern, sondern den richtigen Ton zu finden. Jirina ist 15, sie kann nicht reflektieren wie eine 42-Jährige. Einem Teenager meine Gedanken zu geben, das war die Arbeit", sagt sie. In dem Buch reist Jirina immer mit dem Roman "Das Schloss" von Franz Kafka. Darin versucht der Landvermesser K. verzweifelt, die Bewohner eines Schlosses von seiner wahren Existenz zu überzeugen, "und das ist", sagt Paulina mit einem sarkastischen Lächeln, "für ein Model nicht viel anders".

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools