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29. September 2009, 12:29 Uhr

Die Falle in der Schweiz

Warum wurde Roman Polanski nach über 30 Jahren verhaftet? Einiges spricht für einen Deal zwischen den USA und der Schweiz - und dass der Regisseur und seine Anwälte mehrere Fehler machten. Von Carsten Heidböhmer

Roman Polanski, Schweiz, Vergewaltigung

Roman Polanski hat ein 32 Jahre zurückliegendes Verbrechen wieder eingeholt© AFP

Ein vor 32 Jahren begangenes Verbrechen hat Roman Polanski am vergangenen Samstag eingeholt. Ausgerechnet in der neutralen Schweiz wurde der weltweit anerkannte Regisseur ("Chinatown", "Der Pianist") verhaftet. 1977 hatte der damals 43-Jährige mit der minderjährigen Samantha Geimer die Villa von Jack Nicholson am Mulholland Drive aufgesucht - für ein Fotoshooting im Auftrag der französischen "Vogue". Dort gab Polanski der 13-Jährigen Champagner und setzte sich zu ihr nackt in den Whirlpool. Später verabreichte er ihr ein starkes Beruhigungsmittel und hatte dann mehrmals Sex - nach Aussagen von Geimer vaginal, oral und anal.

Die Mutter des Mädchens zeigte Polanski an - ihr Anwalt erklärte sich jedoch zu einem Deal bereit, um dem Mädchen einen Prozessauftritt zu ersparen: Polanski solle sich des "Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen" schuldig bekennen - im Gegenzug würden Anklagepunkte wie Vergewaltigung fallen gelassen. Polanski willigte ein und gestand. Doch der Bezirksrichter Lawrence Rittenband wollte dabei offenbar nicht mitspielen. Er soll verlautbart haben, er wolle Polanski "für den Rest seines Lebens wegschließen". Im Februar 1978 erklärte er Polanskis Anwälten, er könnte aufgrund des öffentlichen Drucks den Gerichtshandel nicht mehr aufrechterhalten. Am nächsten Tag bestieg Polanski ein Flugzeug und verließ das Land - seither ist er viel in der Welt herumgereist, aber nie in die USA zurückgekehrt.

"Funktion von Strafe irrelevant"

Dass Polanski nach 32 Jahren noch immer verfolgt wird, mag auf den ersten Blick irritieren. "Es ist schauriges Delikt, das er sich geleistet hat. Aber die Funktion, die Strafe haben soll, ist nach 30 Jahren irrelevant. Das ist nur verständlich aus dem amerikanischen Kulturkreis und bei uns nicht nachvollziehbar", sagt Helmuth Jipp, Medienrechtler in Hamburg.

Warum ist er nun ausgerechnet in der Schweiz festgenommen worden? Auf den ersten Blick ist man geneigt zu glauben, Polanski sei in eine weltpolitische Gemengelage geraten. Denn es ist gerade einen Monat her, dass die Schweiz im Streit mit dem US-Fiskus de facto ihr Bankgeheimnis geopfert hat. Da liegt der Haben die USA ihren Einfluss auch auf anderen Gebieten geltend gemacht?

Dies streitet die schweizer Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf vehement ab. "Wir haben seit 1990 einen Vertrag mit den USA, dass wir einen amerikanischen Haftbefehl auch bei uns vollziehen", so Widmer-Schlumpf. Zudem sei Polanski seit 2005 weltweit zur Verhaftung ausgeschrieben. Den Anstoß zu Verhaftung hat offenbar das Bezirksgericht Los Angeles gegeben. Als man dort von Polanskis Reiseplänen nach Zürich erfuhr, hat man das US-Justizdepartement benachrichtigt. So gelangte das Gesuch um Festnahme schließlich an das Schweizer Justizministerium, das die Verhaftung anordnete.

Polanski drehte Anfang dieses Jahres auf Sylt

Grundsätzlich ein normaler Vorgang. Doch der Zeitpunkt überrascht. Denn Polanski besitzt ein Chalet im schweizerischen Gstaad, in dem er regelmäßig Urlaub macht. Dort hätte man ihn viel früher verhaften können. Merkwürdig auch, weshalb Polanski noch Anfang dieses Jahres in Deutschland auf der Nordseeinsel Sylt drehen durfte. Auch hier hätten die US-Behörden ein Auslieferungsgesuch stellen können. Doch dies ist nicht eingegangen. Beim Bundesjustizministerium war zu erfahren, dass am 1. November 2005 ein internationaler Haftbefehl eingegangen ist - ein förmliches Gesuch wie nun im Fall der Schweiz ist jedoch ausgeblieben. Deshalb gab es für die deutschen Behörden keinen Anlass, einzugreifen. Zudem wäre der Straftatbestand hierzulande verjährt.

Anders in der Schweiz: Im November vergangenen Jahres schafften die Bürger bei einer Volksabstimmung die Verjährbarkeit von sexuellen Straftaten an Kindern ab - damit wurde Polanskis Vergehen auch in der Schweiz justiziabel. Ganz offensichtlich hat der Regisseur von dieser Justizänderung nichts gewusst, für ihn war die Schweiz nach wie vor ein sicheres Land.

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