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Hart, aber herzlich

Er ist berühmt für Penislänge, Potenz und saftige Pointen. Und in den USA bekannt wie ein bunter Hund. Pornostar Ron Jeremy über sein Leben zwischen Hardcore-Sex und Hollywood-Glamour.

Von Irmgard Hochreither und Christine Kruttschnitt

  • Irmgard Hochreither

Ein heißer Sommernachmittag in Los Angeles. Zum Interview erwarten wir einen Mann, den so gut wie jeder erwachsene Amerikaner kennt. Könnte nur sein, dass so mancher ein kleines Problem damit hat, dies auch zuzugeben. Ron Jeremy, 54, geboren als Ron Hyatt in New York, wohnhaft in Hollywood, ist vor allem berühmt für ausgeprägte Steher-Qualitäten in fast 2000 Pornofilmen. Doch er gilt auch als "smart". Als ein cleverer Außenseiter, der es geschafft hat, ganz selbstverständlich zwischen Sexgeschäft und der glamourösen Film-und-Party-Szene zu pendeln. Morgens Gruppensex am Pornoset, abends zum Dinner mit Superstar Matt Damon. Als der König des "Rein-und-raus-Business" schließlich eintrifft, sehen wir einen stämmigen Hell's Angel im Bonsai-Format aus einer weißen Spießerkarre steigen. Schlabbriges Riesen-T-Shirt, schwarze Turnvater-Jahn-Gymnastikhose, Gummilatschen. Er winkt uns zu sich und drückt uns mit den Worten "mein Lieblingsbuch" einen Fotoband in die Hand.

Sentimentaler Tierfreund mit Plauze und Schnurrbart

Darin geht es um die Freundschaft zwischen einem Flusspferdbaby und einer Riesenschildkröte. Sein Handy klingelt, und als er das mit Begeisterungsrufen gespickte Gespräch beendet hat, trompetet er stolz: "Das war die Produktionsfirma von Danny de Vito. Er will mich für einen Cameo-Auftritt in seinem neuen Film." Dann ordert er per Telefon noch schnell einen Kopf Römersalat für seine Schildkröte Cherry. "Den frisst sie halt am liebsten." Sex wäre wirklich das Letzte, woran man angesichts dieses sentimentalen Tierfreunds mit Plauze und Schnurrbart denken würde. Doch irgendein Witzbold hat einen erigierten Phallus in den Staub der Autorückscheibe gemalt. Ein ziemlich großes Ding. Wobei wir dann doch schnell beim Wesentlichen sind.

Mister Jeremy, in Ihrem Geschäft zählt jeder Zentimeter. Wie lang ist Ihr bestes Stück?

Ich sage immer: fünf Zentimeter ... vom Boden entfernt. Aber ernsthaft, mein Arbeitsgerät misst 24,6 Zentimeter.

Haben Sie den Längsten im Business?

Nein, diese Ehre gebührt dem verstorbenen John Holmes. Er protzte gern damit, dass er 35 Zentimeter hätte, aber es waren wohl eher 28. Meiner ist jedoch lang genug, um ganz vorne mitzumischen.

Wann hatten Sie Ihren letzten Porno-Dreh?

Vor einer Woche, hier in Kalifornien.

Sie sollen mit mehr als 4000 Frauen Sex gehabt haben. Sind Sie für diese Spitzenleistung von Feministinnen schon einmal mit faulen Eiern beworfen worden?

Das wäre doch mal was. Aber nein, ich höre im schlimmsten Fall Sätze wie: Ihre Filme sind abstoßend, ekelhaft, frauenfeindlich. Ich sage dann immer: Alles klar, aber Sie müssen die Filme ja nicht anschauen. Ich versuche immer, die Diskussion zu entschärfen. Außerdem gab es in meiner 29 Jahre währenden Karriere nie einen Streifen mit brutalen Sexszenen. Ihr in Deutschland macht die härtesten Filme der Welt. Dieses ganze Hardcore-Sado-Maso-Zeug ist bei uns sowieso verboten. Ich mache lustigen Blümchensex.

Können Sie trotzdem nachvollziehen, dass viele Frauen die Vorstellung nicht besonders komisch finden, zum allzeit verfügbaren Sexobjekt degradiert zu werden?

Ach, wissen Sie, auch in unserem Business wandeln sich die Geschlechterrollen. In vielen meiner Filme bin ich der Sklave der girls. Sie dominieren eindeutig die Situation. Außerdem ist es ein Märchen, dass die sexuellen Fantasien von Frauen soft und sauber sind. Im Gegenteil! Entweder schauen sie überhaupt keine Pornos, oder ihre Fantasien sind genauso schmutzig wie die der Männer.

In der US-Sexindustrie werden Milliarden umgesetzt, aber in einigen Staaten ist es gesetzlich verboten, dass ein Baby nackt am Strand spielt. Ist diese Prüderie nicht ein Widerspruch?

Ich sage nur eins: Christen. Diese moralinsauren Eiferer sind das Problem. Sie würden am liebsten alles ausmerzen: Pornografie, Prostitution, Lesben und Schwule, das Recht auf Abtreibung, die Stammzellenforschung. Wir Amerikaner sind eigentlich gar nicht prüde. Schauen Sie sich die College-Kids an. Schulen und Universitäten im ganzen Land laden mich ständig zu Vortragsabenden ein, um mit mir über Pornografie, Sex und Moral zu diskutieren. Seit zehn Jahren stelle ich mich diesen Debatten. 2005 war ich sogar Gast der Oxford-Universität. Die jungen Leute, Schüler und Studenten, sind meine größten Fans. Auf meinen Reisen quer durch den amerikanischen Bibel-Gürtel, von Georgia bis Oklahoma, habe ich eins gelernt: Diese Kids wollen sich ihren Spaß an Sex und Pornos von niemandem verderben lassen. Schon gar nicht von ultrakonservativen Moralaposteln.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Religion?

Ich respektiere jeden, der einen festen Glauben hat. Und ich bin glücklich, ein jüdischer Junge zu sein. Doch zur Kirche gehe ich fast ausschließlich, wenn Hochzeiten gefeiert werden. Das Beste daran: Dort gibt es Kaffee und Donuts für alle. Wenn ich meinen Bauch so betrachte, war ich wohl in den letzten Jahren ein bisschen zu oft in der Synagoge.

Wie kommt es, dass ausgerechnet ein kleiner, haariger Mann mit Übergewicht zum Superstar im Pornogeschäft wurde?

Moment, es gab eine Zeit, da hatte ich einen strammen Waschbrettbauch und war in Topform. Doch seit ich fülliger bin, werden mir sogar noch mehr Jobs angeboten.

Wie lässt sich das denn erklären?

Weil ich der lebende Beweis dafür bin, dass jeder Mann eine Chance hat. Die Zuschauer identifizieren sich mit mir und denken: Wenn dieser Typ eine Frau abbekommt, dann besteht für mich vielleicht auch noch Hoffnung. Wenn ihr Glaube an den eigenen Sex-Appeal wiederhergestellt ist, bringen sie vielleicht den Mut auf, den heißen Feger am anderen Ende der Bar anzusprechen. Ich mag diese Idee. Jedenfalls ist sie eine gute Ausrede, wenn ich wieder mal zum Büfett zurückkehre.

Haben Sie nie daran gedacht, diese ewig gleichen Rein-und-raus-Spiele am Pornoset zu beenden?

Ich wollte ja nie ein Pornostar sein. Ich habe einen College-Abschluss als Lehrer für behinderte Kinder, dann nahm ich Schauspielunterricht und träumte von der großen Hollywood-Karriere. Nachdem 1978 in der Rubrik "Der Junge von nebenan" ein Nacktfoto von mir in der Zeitschrift "Playgirl" erschienen war, kamen die ersten Sexfilm-Angebote. Es waren die Goldenen Zeiten im Pornogeschäft. Große Budgets, witzige Drehbücher, glamouröse Kino-Premieren. Ich hatte endlich Arbeit als Schauspieler. Und als die Räder sich erst mal in Bewegung gesetzt hatten, wurde ich unersättlich. Jungs wie ich haben einfach Spaß daran, jeden Tag zu rammeln wie die Karnickel. Und selbst wenn sie nach einem Drehtag abends ausgehen, haben sie noch Lust auf Sex.

Hatten Sie nie Angst, sich mit Aids zu infizieren?

Ich bin wirklich nicht lebensmüde, aber ich fürchte mich nicht. Obwohl ich auch ohne Kondom arbeite, habe ich mir noch nie irgendetwas eingefangen. Am Anfang war es natürlich schrecklich, dass Sex plötzlich zu einer tödlichen Gefahr wurde. Aber seit es die Medikamente gibt, haben wir das Gefühl, wieder durchatmen zu können. Die behördlich verordneten strengen Gesundheitstests tragen auch noch zu unserer Sicherheit bei. Vor Jahren gab es einen Typen, der in kurzer Zeit fünf Mädchen angesteckt hat. Daraufhin wurden rund 60 Sexpartner dieser Mädchen ausfindig gemacht und in Quarantäne gesteckt. Aber keiner von denen hatte das Virus. Ein Restrisiko bleibt natürlich immer.

Wie viele haben Sie an Aids sterben sehen?

In all diesen Jahren nur zwei. Einer von ihnen war der legendäre John Holmes. Und der war bi. Im heterosexuellen Pornogeschäft geht die Ansteckungsgefahr gegen null. Von den elf Aidsinfizierten, die ich kenne, sind mehr Regisseure als Darsteller. Und wer einmal positiv getestet wurde, wird nie wieder an einem Set arbeiten. Bei den Schwulen-Pornos könnte es allerdings etwas anders aussehen.

Sie sind 54. Da geht bei vielen Ihrer Geschlechtsgenossen ohne Viagra nicht mehr viel. Vertrauen Sie auch auf die Pille?

Fast jeder männliche Pornodarsteller benutzt heute Viagra. Aber ich rühre das Zeug nicht an. Sobald ich eine Pille brauche, um einen Ständer zu bekommen, ziehe ich mich aus dem Geschäft zurück. Ich drehe aber auch nicht mehr so viele Pornos wie früher, etwa alle sechs Wochen lasse ich mich anheuern.

Was machen Sie den Rest der Zeit?

Ich ackere täglich für meine Mainstream-Karriere in Hollywood. Bisher habe ich in mehr als 60 "anständigen" Filmen kleine Rollen gespielt. Oder ich arbeite als Berater für Regisseure und Produzenten. Daneben trete ich rund um die Welt als Stand-up-Comedian in Nachtclubs auf. Oder ich präsentiere Rockbands. Ich stand schon mit Kid Rock im L. A. Coliseum auf der Bühne und tauche in 13 Musikvideos auf. Ich hatte sogar eine Hit-Single, "Freak of the week", die über 27 Wochen in den amerikanischen Billboard-Charts war. Mein Name ist zur Marke geworden und erscheint auf Grußkarten, T-Shirts, Zigarettenpapier, Chilisaucen und Skateboards. Es gibt sogar einen nach dem Original geformten Ron-Jeremy-Dildo, der sich wie verrückt verkauft. Auch meine Auftritte in TV-Soaps, Talkshows oder Spring-Break-Events bringen eine Menge Geld.

Haben Sie es damit zum Millionär gebracht?

Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Ich kassiere, trage mein Geld auf die Bank und schweige. Nur so viel: Ich könnte es mir durchaus leisten, nicht mehr zu arbeiten. Und warum tun Sie es dann noch? Vielleicht weil ich Angst habe, dass ich aufhöre zu existieren, wenn ich zu lange still sitze.

Hängt es auch damit zusammen, dass Sie sich und der Welt ständig beweisen müssen, dass Sie es auch außerhalb des Pornogeschäfts zu etwas Großem bringen können?

Ich habe nie aufgehört, von einem Oscar und einer Titelgeschichte im "Time"-Magazine zu träumen. Doch als Pornostar ist man stigmatisiert. Zwar gibt es auch Regisseure, die dich genau deshalb buchen. Aber ich kämpfe auch Tag für Tag gegen Vorurteile und muss den Studiobossen immer wieder beweisen, dass ich nicht nur fürs Sexgeschäft tauge. Viele wissen gar nicht, dass ich in Kultklassikern wie "Orgazmo" gespielt habe oder neben Willem Dafoe in "Boondock Saints" und neben Val Kilmer in "Wonderland".

Sie gehen mit Matt Damon zum Dinner, und Charlie Sheen spendiert Ihnen auf seiner privaten Hausparty eine Edel-Hure. Gibt die A-Klasse in Hollywood Ihnen das Gefühl: Hey, Ron, du bist einer von uns?

Sie werden überrascht sein. Die meisten akzeptieren mich als Teil der großen Schauspieler-Familie. Außerdem haben einige vor ihrer großen Karriere auch schon mal ein paar Dollar auf einem Pornoset verdient. Es kommt äußerst selten vor, dass mich jemand behandelt wie ein Stück Dreck.

Ein Beispiel?

Ich war mit meinem Kumpel Adam Rifkin auf einer Party von Gregory Pecks Tochter Cecilia. Tolles Essen, tolle Musik und Promis, soweit das Auge reicht. Unter den Gästen: die Schauspielerin Rosanna Arquette. Ich wollte ihr nur kurz Hallo sagen, aber sie ignorierte mich. Und ich wurde sauer.

Warum so empfindlich?

Diese Art von Missachtung finde ich ärgerlich. Mein Kumpel Adam sagte: Weißt du was, ich gebe dir 10.000 Dollar, wenn du zu ihr gehst und deinen Schwanz in ihren Drink tauchst. Ich sagte: Kommt nicht infrage. Steve Bing, der reiche Ex von Liz Hurley, stand neben uns und meinte: Ich verdopple das Angebot. Die Wette machte auf der Party die Runde, und gegen Mitternacht waren etwa 50.000 Dollar zusammengekommen. Verdammt viel Geld. Als Höhepunkt tippte ein Kerl auf meine Schulter und sagte: Mick Jagger hat gerade von der Wette gehört. Er verdoppelt alles, was im Pott ist. Natürlich habe ich es nicht getan. So blöd bin ich nicht, meinen Schmeckel als Quirl zu benutzen, um eine Hollywood-Schauspielerin vor all den Leuten derart zu demütigen.

Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten und eine Familie zu gründen?

Wir leben derzeit allein. Ich und meine Schildkröte Cherry. Monogamie ist für mich wirklich schwierig. Ich kenne nur sehr wenige, die es schaffen, einem einzigen Partner treu zu bleiben. Aber ich wünsche mir Kinder. Vielleicht von der Frau, mit der ich zuletzt zwei Jahre zusammen war. Sie wollte, dass ich mein Swinger-Leben aufgebe. Weil ich das nicht auf die Reihe bekam, hat sie mich verlassen. Ich muss mich also ein bisschen anstrengen, um sie zurückzuerobern.

Wie würden Sie Ihre Kinder erziehen?

Zu Fairness, Offenheit und kritischem Denken. Sie sollen zum College gehen und lernen, ihren Kopf zu gebrauchen, damit sie erkennen, wenn einer Bullshit redet.

Und wenn sie in der Schule gefragt werden: Was macht denn euer Vater beruflich?

Dann könnten sie sagen: Unser Dad ist ein Ex-Pornostar. Kinder wären für mich der einzige Grund, sofort und endgültig aus dem Geschäft auszusteigen.

In Ihrem Buch heißt es, Sie wollen nicht, dass auf Ihrem Grabstein steht: Hier ruht Ron mit dem langen Rohr.

Welche Inschrift wünschen Sie sich stattdessen? Mir gefällt das Motto meines 89-jährigen Vaters: Egal, was du tust, versuche immer, der Beste zu sein.

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