Für Russell James ziehen sich fast alle aus. Im Gespräch mit stern.de verriet der Fotograf, wie er das macht, warum Heidi Klum anders ist und wo die Schönheit aufhört. Und dann kam auch noch ein Model vorbei. Von Sophie Albers
Egal, welche Frau?
Die Augen, die Haare. Aber das erste, was ich wahrnehme, ist eigentlich die Präsenz. Wie wohl fühlt sie sich im Raum - oder auch nicht.
Ích will zuerst mal klarstellen: Für mich ist jede Frau schön. Ob ich nun Barbra Streisand fotografiere, deren Schönheit in der Kraft ihrer Gesichtszüge und ihrem Talent liegt, oder eines der Supermodels. Schönheit ist ein weites Feld. Und zum Set: Ich gehe zuerst immer davon aus, dass die Models sich unwohl fühlen in der Situation. Erstmal muss ich also für Vertrauen sorgen, bevor wir überhaupt mit dem Fotografieren anfangen können.
Indem ich mit ihnen rede, entspannt, wie wir jetzt. Einer der größten Fehler, den man machen kann, wenn man so intime Bilder machen will, ist reinzukommen und zu verkünden: "Hey, wir machen jetzt großartige, total intime Bilder. Du wirst es lieben!" Dann sind sie noch unsicherer als eh schon. Meistens komme ich also rein, mache ein Kompliment über die Schuhe oder das Haus. Was auch immer. Es fängt als Ablenkung an und wird eine Unterhaltung, in der es um alles geht, nur nicht darum, was wir gleich machen werden.
Ich habe viele Jahre als Polizist gearbeitet, und dazu gehörte, weil ich sehr jung war, dass ich Leute beobachte. Ich saß mit einer Kamera hinten in einem Van. Aber da musste ich ja nicht wirklich ein Bild komponieren. Ich hatte einfach eine lange Linse, und das Subjekt war nicht wirklich willig. Die echte Auseinandersetzung mit der Fotografie kam erst Ende der 80er, als ich angefangen habe, in Schweden zu arbeiten.
Naja. Ich habe mir mein Können erarbeitet, mit allem, was ich je gemacht habe. Zuerst habe ich in einer Fabrik Mülleimer zusammengebaut. Da habe ich gelernt, was ich nicht machen will - und Disziplin. Ich habe einen Höllenrespekt vor den Leuten, die so arbeiten. Dann wurde ich Polizist: In dem Job kommt man häufig an Orte, wo Chaos herrscht. Jemand ist tot, verletzt, irgendetwas passiert gerade. Die Leute sind hysterisch oder aggressiv. Das erste, was du machen musst, ist, Organisation und Ruhe reinzubringen, die Leute dazu zu kriegen, bestimmte Dinge zu tun, sich irgendwo hinzustellen. Das ist bei einem Fotoshooting ganz ähnlich. Der Haarstylist dreht durch, das Model hat nicht gefrühstückt, die Kunden reden über den nächsten Shoot. Es ist das undisziplinierteste Business der Welt!
Absolut! Alle sind verschieden, und je mehr du über jemanden weißt, desto einfacher wird es. Aber mit Gisele haben Sie eine in einer Milliarde rausgepickt. Sie hat einen ganz besonderen Arbeitsstil: Sie kommt - boom - Foto geschossen, im Kasten, auf Wiedersehen. So ist sie.
Es gibt Leute, über die gerade alle Welt ausflippt. Dann stehen sie vor der Kamera, und ich denke: "Warum eigentlich?". Ich kann ein hübsches Bild machen, aber ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu erforschen. Wenn das passiert, kümmere ich mich mehr um das Set. Das wird dann teurer und dramatischer. Bei Leuten, die sehr stark sind, lande ich dagegen mit der Kamera im Gesicht. Da, wo die Gefühle sind.
Nach Authentizität.
Es kommt immer darauf an, wen du fotografierst. Heidi ist ein sehr komplexer Charakter! Sie hat so viele verschiedene Arten, sich zu präsentieren. Bei diesem speziellen Shooting war das Motto: Lass uns Spaß haben in Mexico und dieser irren Landschaft. Ja, da ist ein bisschen Fake drin, aber sie kann das. Ich habe Heidi auch bei einer Geburt fotografiert. Das sind private, sehr persönliche Aufnahmen. Das war eine ganz andere Heidi. Ich habe sie schon in Mode und für Werbung fotografiert. Sie haben wieder eine aus einer Milliarde herausgepickt. Heidi ist einzigartig.
Sie hört nicht bei der schönen Frau auf. Ich bin fasziniert von der Kultur der Ureinwohner Australiens, den Aborigines. Da finde ich im Gesicht eines alten Mannes genauso viel Schönheit wie bei den Supermodels.
Ich habe meine Leidenschaft für die Fotografie erst gefunden, als ich angefangen habe, mit der Kamera kulturelle Probleme zu erforschen. Einerseits bin ich super fokussiert, andererseits brauche ich Vielfalt. An einem Tag fotografiere ich Unterwäsche, am anderen ein Kunstprojekt in Haiti.
Das Projekt "Nomads - Two Worlds" ist für mich selbst, das interessiert die Konsumindustrie weniger. Es gibt zwei Welten: die der Kreativität und die des Brandings. Beim Branding musst du die Leute und ihre Marke verstehen, und bei der Kreativität geht es um das, was dich selbst berührt.
Es gibt gerade eine große, neue Bewegung: Man könnte sie sozial bewussten Konsum nennen. Da wird versucht, Kunst und Kommerz zu verschränken. Da draußen sind zu viele Produkte ohne Seele und ohne Herz. Geplünderte Ideen. Es gab gerade eine Konferenz mit Vertretern der 50 wichtigsten Marken der Welt. Die haben beoachtet, dass die Konsumenten sich in den letzten Jahren stark verändert haben. Es passiert so viel Schlimmes in der Welt, und das beeinflusst auch das Konsumverhalten. Die Leute wollen emotional angesprochen werden, sie wollen eine Verbindung haben zu dem, was sie kaufen. Es muss etwas mit ihrer Erfahrung zu tun haben. Ich finde das sehr gesund.
Das Model Erin Heatherton kommt herein, eine große Blondine im schwarzem Minikleid. Eigentlich sollte sie von Anfang an dabei sein, musste sich jedoch noch frisch machen
Erin: Was, glauben Sie, ist Russells Lieblingsessen?
Weil Leute mich das immer fragen. Models überhaupt werden das dauernd gefragt.
James: Mich fragen Sie immer, wen ich am liebsten fotografieren würde. Auf keine der Fragen gibt es eine vernünftige Antwort.
Teil meines Jobs und der des Models ist es, sich immer und überall in seiner eigenen Haut wohlzufühlen. Du musst eins sein mit deinem Körper. Jede Unsicherheit ist zu sehen, und das beschränkt das Modeln. Zum Glück bin ich in einem sehr nackten Haus aufgewachsen. Der nackte Körper ist nichts Seltsames für mich. Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Jeder hat seine eigene Meinung darüber, was es heißt, nackt zu sein. Ich denke, wir sterben eh alle, und Gott hat uns schöne Körper gegeben, die sich immer weiter entwickeln und sich verändern. Da ist es doch toll, dass ich Nacktfotos habe aus der Zeit, als ich 20 war. Die kann ich mit 50 meinen Enkelkindern zeigen und sagen: Ich war mal sexy.
Natürlich!
Yeah!
Sofort! Nur würden meine Klienten es nicht verstehen. Agism ist ein großes Thema. Die ganze Zeit ging es nur um extreme Jugend. Aber jedes Alter hat seine eigene Schönheit.
Ganz sicher. Mit all den Krisen, die wir in der Welt gerade erleben, wollen die Menschen mehr Authentizität und echte Geschichten sehen. Die Leute werden Schönheit in verschiedenen Stadien und Formen genießen können. Schönheit wird nicht mehr nur die 20-jährige Frau sein. Die Model-Schönheit wird vielfältiger werden.
Die Werkschau "Russell James" ist vom 2. April bis zum 7. Mai 2011 in der Berliner Galerie Camera Work zu sehen.