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Die Alleskönnerin

Die US-Sängerin Santogold ist studierte Musikerin. Mit ihrem aufregenden Mix aus R&B, Rock, Punk, New Wave, Dub und Pop gilt sie als kommender Superstar der Musikszene.

Von Hannes Ross

An den Tag, als sie den FBI-Sender im Auto ihrer Mutter fand, erinnert sich Santi White noch gut, aber nicht besonders gern. 2004 war das, auf einer Einkaufsfahrt zum Supermarkt, keine 15 Minuten von ihrer Dreizimmerwohnung in Philadelphia entfernt. Der winzige Abhörsender klebte unter dem Handschuhfach. "Es war verrückt, eine Geschichte, die man sonst nur aus dem Kino kennt. Ich fühlte mich völlig ausgeliefert", sagt die 32-jährige Sängerin, während sich ihre bis dahin ruhig fließende Stimme in ein wütendes Beben verwandelt. Ihr Vater, ein prominenter Anwalt aus Philadelphia, war damals angeblich in einen Korruptionsskandal verwickelt. Nur verteidigen konnte er sich nicht mehr - drei Monate vor dem Gerichtstermin starb er an Krebs. Eine überwältigende Wut habe sie damals empfunden, sagt Santi White, und das Gefühl, betrogen worden zu sein. Zu jener Zeit war sie noch Sängerin einer aufstrebenden Punkband namens Stiffed. Sie verließ ihre Heimat Philadelphia, um in New York einen Neustart zu wagen. "Ich war nahe am Nervenzusammenbruch. Mein Leben zerbrach in tausend Teile."

Den Neustart hat sie hervorragend hinbekommen. Und mehr als das: Santi White, die inzwischen den Künstlernamen Santogold trägt, repräsentiert heute so etwas wie die Zukunft der modernen Popmusik. Sie ist eine musikalische Alleskönnerin, die jedes Schubladendenken sprengt. Ihre jetzt erschienene CD "Santogold" mischt R&B, Rock, Punk, Dub, New Wave und Pop zu einem aufregenden Gesamtkunstwerk.

Sie kennt die Mechanismen und Fallstricke

"Ich möchte eben nicht in einer musikalischen Sackgasse verenden!", sagt Santi White. "So was ist doch verdammt traurig! Beyoncé zum Beispiel, die ist großartig, aber die darf nur ihr R&B-Gesäusel machen! Nicht mein Fall." White sagt so etwas nicht leicht dahin, sie kennt die Mechanismen und Fallstricke der Popbranche ziemlich gut.

Aufgewachsen in Philadelphia, studierte Santi White Musik, Schwerpunkt "African Drumming". Kurz nach dem Studium begann sie als "Mädchen für alles" bei einer Plattenfirma zu arbeiten. Dort erkannte man schnell: Dieses Mädchen hat viele Talente. White spielt unter anderem Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboard, sie komponiert und produziert ihre eigenen Songs, "und das, seit ich neun Jahre alt bin". Trotzdem wird die erste Arbeit des Wunderkindes zum Flop: die Debüt-CD "How I Do" der R&B-Sängerin Res, die Santi White 2001 mitproduziert und -komponiert, bekommt zwar ein paar warme Kritiken, aber die Käufer machen einen Bogen darum.

Den Durchbruch schaffte Santogold schließlich von New York aus mit eigenen, selbst gesungenen Songs - und mit der Hilfe des Internets, wo ihre Lieder noch vor der Plattenveröffentlichung zu hören waren. Über fehlende Fanbegeisterung muss sie sich mittlerweile keine Sorgen mehr machen. Ihre "Myspace"-Seite im Internet, auf der Santi White heute regelmäßig neue Remixe ihrer Songs veröffentlicht, zählte bei Redaktionsschluss mehr als zwei Millionen Besucher, Tendenz steigend. Die isländische Sängerin Björk nahm sie vor einigen Monaten mit auf ihre Amerika-Tour, und der Star-Produzent Mark Ronson, der unter anderem Amy Winehouse berühmt machte, hält sie für "das größte Talent der letzten zehn Jahre". Auf einen ihrer Fans ist Santogold allerdings besonders stolz: Michael Jackson. Der gestrauchelte King of Pop war im vergangenen November zu Gast in einer Radioshow in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Arabischen Emirate. Michael Jackson sollte seine aktuelle Lieblingsmusik spielen. Er brachte unter anderem eine aus dem Internet gezogene Raubkopie von "Santogold" mit.

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