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"Meine Essstörung und ich waren beste Freunde"

Sie galt als Glamourgirl, doch innen sah es anders aus: Sara Schätzl litt jahrelang an Bulimie. Schwerkrank und mit Baby zog sie nach Kalifornien. Jetzt hat sie über ihren Kampf ein Buch geschrieben.

Von Sarah Stendel

Sara Schätzls Buch "Hungriges Herz" ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen.

Sara Schätzls Buch "Hungriges Herz" ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen.

Früher, da tanzte Sara Schätzl auf jeder angesagten Party in München. Eine angedichtete Affäre mit dem Schauspieler Bernd Herzsprung hatte ihr 2007 den Weg auf die roten Teppiche eröffnet, und da ging Schätzl erst einmal nicht weg. Sie plauderte bei Markus Lanz über ihre Brustimplantate, versuchte sich in Soaps als Schauspielerin und schrieb für die "Bild"-Zeitung eine Kolumne über die Münchner Schickeria. Und später sogar ein Buch über ihren Aufstieg zum titelgebenden "Glamourgirl". Überall sprach sie viel, schnell, witzig. Nur über eines hat sie nie gesprochen: Ihren Kampf gegen die Krankheit Bulimie.

"Es ist nie leicht, über schlimme oder ergreifende Dinge zu reden. Das macht man nicht gern. Wenn man aber der hässlichsten Wahrheit einen kleinen Partyhut aufsetzt, dann traut man sich eher, hinzuschauen", sagt die 27-Jährige, als der stern sie in ihrer Wahlheimat Los Angeles am Telefon erreicht.

Und genau das hat Schätzl getan. Ihr zweites Buch "Hungriges Herz" erzählt eigentlich eine traurige Leidensgeschichte. Von zwölf Jahren Lügen und Verstecken, von einem von der Sucht bestimmtem Leben und viel Einsamkeit. Aber Schätzl tut das in einem sehr persönlichen Tonfall, mit Humor und ironischem Blick auf ihr früheres Selbst. Herausgekommen ist eine Art Tagebuch, das Einblick in den Alltag einer Essgestörten gibt. "Es war ein großer Befreiungsschlag, dass ich so schreiben konnte, wie ich wollte und auch hässliche Dinge geschildert habe. Ich war acht Jahre lang eine sehr gut positionierte Kunstfigur, die sich in den Medien gut verkaufen hat lassen. Das ist jetzt vorbei", sagt sie.

Mit ihrem Sohn Louis lebt Schätzl mittlerweile in Los Angeles.

Mit ihrem Sohn Louis lebt Schätzl mittlerweile in Los Angeles.

Auf der Suche nach dem American Dream

Schätzl ist 14 Jahre alt, als sie das erste Mal absichtlich Essen erbricht, und von da an wird die Krankheit ihre ständige Begleiterin. Täglich schaufelt sie sich Unmengen an Kalorien rein, um diese kurz danach wieder loszuwerden. "Meine Esstörung und ich sind beste Freunde. Sie ist für mich da, wenn ich nicht weiterweiß. Sie hilft mir, wenn ich zu viel fühle oder zu wenig. Vor allem aber nimmt sie mir die Einsamkeit", schreibt Schätzl in "Hungriges Herz".

Den Tiefpunkt erreicht Sara Schätzl, als sie mit 24 Jahren schwanger wird und ihr damaliger Freund sie kurz nach der Geburt ihres Sohnes Louis verlässt. "Da saß ich nun also und weinte. Wochenlang. Tatsächlich wochenlang. Ich gab ein erbärmliches Bild ab. Und nein, da war kein Licht am Ende des Tunnels", steht im Buch über diese Zeit. Doch als der Liebeskummer versiegt, reift in ihr ein Entschluss.

Was folgt hört sich an wie die Erfüllung des klassischen American Dreams. Schätzl will es als Schauspielerin in den USA versuchen - und wandert 2013 aus. "Ich hatte in Los Angeles niemanden. Ich kam an mit vier Koffern und einem Baby, ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Freunde. Die Aktion kann man entweder als bewundernswert oder geisteskrank bezeichnen", sagt sie dem stern. Ihre Ankunft und erste Zeit in Kalifornien lässt Schätzl von Fernsehkameras begleiten, die deutsche TV-Sendung "Auf und davon - mein Auslandstagebuch" erzählt von ihrem Neuanfang. Sie bekommt viel positive Zuschauerpost. "Dabei war mein Leben eine komplette Lüge." Doch für Schätzl läuft es weit weg von München gut.

"Das Krönchen ist mir ordentlich verrutscht"

"Ich wurde in Deutschland immer belächelt, aber hier hab ich mir eine Greencard für Hochbegabte erarbeitet", sagt sie. Mittlerweile führe sie einen eigenen kleinen Party-Concierge-Service in Los Angeles. Zwei bis vier Mal die Woche arbeite sie von abends bis drei Uhr nachts, ihr Sohn werde dann von einer Nanny betreut. Auch als Schauspielerin laufe es in den USA viel besser als in Deutschland, weil die Amerikaner keine Voruteile gegen sie hätten. "Es ist sicher keine einfache Zeit im meinem Leben. Mein Krönchen is mir da auch ordentlich verrutscht in den letzten Jahren. Ich bin jetzt Mutter, ich bin alleinerziehend und ich muss irgendwie Geld verdienen," sagt Sara Schätzl.

Dass jemand, der mit Selbstzweifeln, Oberflächlichkeit und einer Essstörung hadert ausgerechnet nach Hollywood zieht, ist für sie nicht ironisch. "Egal wo du bist, du nimmst dein Problem mit. Man muss generell aufhören, sich zu vergleichen. Das ist auch die Geschichte des Buches. Es ist nicht wirklich ein Bulimie-Buch, sondern handelt auch davon, zu lernen, sich selbst anzunehmen und gut genug zu sein."

Sara Schätzl: "Hungriges Herz - mein Leben mit der Bulimie". Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 280 Seiten, 9,99 Euro.

Sara Schätzl: "Hungriges Herz - mein Leben mit der Bulimie". Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 280 Seiten, 9,99 Euro.

"Mein Sohn hat mich gerettet"

Doch dafür musste Schätzl erst einmal den Willen aufbringen. Der Moment, wirklich etwas ändern zu wollen, kam bei ihr nach einer wiederholten Einlieferung ins Krankenhaus. Die Nebenwirkungen ihrer Ess-Brech-Sucht machten sich immer stärker bemerkbar. "Mir wurde gesagt, dass man mir meinen Sohn wegnehmen könnte, weil die Gefahr besteht, dass ich ein Herzversagen erleide. Und da war es für mich vorbei", erzählt Schätzl. "Mein Sohn hat mich gerettet."

Sie traut sich endlich, in Santa Monica zu einer Therapieeinrichtung zu gehen und mit ihrem Umfeld über ihr Problem zu sprechen. Seit acht Monaten hat sich Sara Schätzl nun nicht mehr übergeben, aber sie hat "definitiv noch das Gehirn einer Essgestörten", sagt sie. "Ich kann mittlerweile ein Stück Käsekuchen essen. Aber Croissants zum Beispiel immer noch nicht. Die machen für mich keinen Sinn, das ist nur Fett und Kohlenhydrate."

Auch die physischen Nebenwirkungen lassen langsam nach, doch Ende vergangenen Jahres musste sie trotzdem wieder mit Verdacht auf Herzversagen ins Krankenhaus. "Der Körper erholt sich nicht so schnell nach zwöf Jahren Krankheit", sagt Sara Schätzl und setzt der Wahrheit dieses Mal keinen Partyhut auf.

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