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Echt lässig nach oben

Ein bisschen ist sie immer noch das Mädchen aus Delmenhorst. Und ein bisschen schon Superstar. Wie Sarah Connor, derzeit Deutschlands erfogreichste Popsängerin, das Geschäft ihres Lebens lernt.

Sie tigerte in ihrer Garderobe auf und ab, starb kleine Tode, immer wieder, es hörte nicht auf. Dreißig Minuten. Ab und zu verirrten sich Applaus und Stimmen zu ihr ins Zimmer, Gottschalk witzelte mit Boris Becker und Claudia Schiffer herum. Es war die Sendung, in der ein Mensch Wettkönig wurde, weil er Fliegen mit dem Mund fing. Sie wusste natürlich nicht, welche Folgen dieser Abend haben würde. Zehn Minuten.

Auf einmal stand ihre Mutter neben ihr. Sah ihre Tochter in diesem? diesem Kleid, und alles schnürte sich ihr zusammen. Doch sie schwieg. Auch ihr Manager Carlo Vista und ihr Plattenboss George Glueck sagten nichts. Sie alle haben an diesem Abend versagt. Und dann ging Sarah Lewe, die sich Särah Connor nennt, auf die Bühne. Sie sang live, sie kann ihrer Stimme vertrauen. Sie fühlte sich gut. Stand da, in der größten Unterhaltungsshow Europas, und mehr als 14 Millionen Menschen sahen zu. Und da passierte es. Unmerklich stülpte sich etwas über sie, das größer war als sie und stärker. Es war der Moment, in dem sie die Kontrolle über ihr Image verlor. Aus Sarah Connor wurde: »Die mit dem Kleid«. Sie merkte es gar nicht.

Sieben Monate später sitzt Sarah Connor im Restaurant eines Hotels in Helsinki und bestellt Tomaatti-Mozzarellasalaatti. Sie erzählt von diesem Abend. Sie habe sich gefühlt, als ginge sie zu ihrer eigenen Hochzeit: »Wetten, dass ..?« Unglaublich. »Make-up, Haare, Kleid, alles sollte perfekt sein«, sagt sie, zieht an einer ihrer Marlboros, mit denen sie sich nie fotografieren lässt. Schüttelt den Kopf, sagt: »Dieses Scheißkleid« und schaut den Rauchringen hinterher. Sie hat es nie richtig anprobiert. »Ich sah schlimm aus, so unvorteilhaft, ich kann bis heute nicht begreifen, dass ich das Ding angezogen habe.«

Sarah Connor ist eine unperfekte Frau mit perfekter Stimme. Manchmal wirkt sie eckig, fast kerlig, hat etwas Schweres, dann wieder ist sie leicht und fein und hat die Aura einer Schönheit. Ihr Gesicht ist eine einzige Asymmetrie, von halbrechts betrachtet sieht sie hinreißend aus, dann wendet sie den Kopf, und plötzlich sitzt da eine grimme Brunhild.

Sie redet viel und schnell, manchmal verplappert sie sich, teilt aus gegen Kollegen. Dann hält sie sich die Hand vor den Mund, als könne sie die Worte nachträglich wieder einfangen. Wohl keine Gestalt aus dem Popzirkus ist noch so bestürzend authentisch wie sie. Die Größen des Geschäfts sind durchkalkulierte Medienpuppen, die mit Songs und Plattenverträgen versorgt werden. No Angels, Bro?Sis, Biedermann - alles an denen ist ein bewusst gesetztes Statement. Keiner hätte es wohl aus eigener Kraft geschafft, doch sind sie erst mal oben, kommen sie angenehm und glatt daher. Fernsehtauglich eben.

Sarah Connor aber sagt tatsächlich einfach das, was ihr gerade in den Sinn kommt. Zieht an, was ihr gefällt. Manchmal würde man ihr wünschen, sie hätte einen Apparat um sich herum, der sie besser schützt. Vor sich selbst und vor dem Geschäft, dessen Regeln sie gerade erst lernt.

Ein bisschen ist sie immer noch das Mädchen aus Delmenhorst, zu schnell der Aufstieg, zu abrupt der Übergang von Sarah Lewe zu Sarah Connor. Der Name klingt vordergründig nach großer weiter Welt, dann aber auch wieder nach Regionalliga. Sie legt Wert darauf, dass ihr Großvater Amerikaner ist. Doch sie selbst ist natürlich durch und durch deutsch; ihr Englisch ist gut, perfekt ist es nicht. Sie kam in Hamburg zur Welt, hat fünf jüngere Geschwister, der Vater ist Werbetexter.

Sie ist eines jener Mädchen, die heil und behütet groß werden, die reiten gehen und davon träumen, Sängerin zu werden. Ein Musiklehrer fördert ihr Talent, bildet sie in klassischem Gesang aus. Irgendwann schickt sie Demos an Plattenfirmen - alles Schrott. Sie nimmt das Weihnachtslied »Leise rieselt der Schnee« auf, über Umwege gelangt es zum Berliner Musikverleger George Glueck, der sie sofort anruft. Es folgen Auftritte, Fehltritte, es kommt der Erfolg. Und der zieht sie in einen Sog, treibt sie von einem Land ins nächste, spült sie nun für zwei Tage nach Finnland.

Hier ist sie nicht »die mit dem Kleid«, hier hat niemand mitbekommen, wie sie sich bei Harald Schmidt um Kopf und Kragen plapperte, als sie sagte, dass Udo Jürgens auf kleine Jungs stehe, hier legt sich bei den Leuten nicht dieses leicht Süffisante um den Mund, wenn sie auftaucht. Man respektiert sie, Sarah Connor, die Sängerin.

Sie dreht ein Werbevideo für einen Radiosender, tritt mit zwei Liedern beim Wohltätigkeitskonzert für Kinder auf, das live im Fernsehen übertragen wird, nimmt zwei Platinschallplatten für 60 000 verkaufte Singles von »From Sarah With Love« entgegen - was man halt so macht, um auch noch den letzten Cent aus dem unfassbaren Erfolg ihrer ersten Platte »Green Eyed Soul« herauszupressen.

Die Singles und die CD verkauften sich insgesamt mehr als zwei Millionen Mal, machen aus ihr die zurzeit erfolgreichste deutsche Solokünstlerin. Jetzt kommt ihre neue Platte, und jetzt muss sie zeigen, ob sie sich halten kann. Sie will nicht weniger als ein internationaler Star werden: USA, England, Europa - alles. Hört man sich ihr Album »Unbelievable« an, traut man ihr es zu: Die 22-Jährige hat eine große Stimme, die Songs sind perfekt produziert von international angesehenen Leuten wie dem Ex-Fugees Sänger Wyclef Jean (der in der Klatschpresse kurzfristig als ihr Liebhaber geführt wurde -?was besonders ihren Freund, einen Sänger der Münchner Boygroup Natural, gefreut haben dürfte).

Die Zeit in Finnland ist wie Urlaub von den Fehlern, deretwegen sie in Deutschland wahrgenommen wird. Sie fährt mit ihrem Tross stundenlang über Land, lächelt, küsst fürs Foto Teddybärchen, singt wieder und wieder »From Sarah With Love«.

Die Woche drauf dann: Berlin. Termine bei MTV, danach: Chat bei »Bild.de«. Dazwischen Kurzinterviews übers Handy, immer nach demselben Muster - Superlativfragen: Dein schönster Moment? Dein größter Erfolg? Deine Lieblingsmusik? »Na ja«, sagt sie, »Teenie-Presse.«

Als sie in der Online-Redaktion von »Bild« erscheint, ist sie angespannt. Ihr Verhältnis zu dem Blatt ist geprägt von den Schlagzeilen nach jenem Ereignis: »Nacktskandal bei ,Wetten, dass ..?«» Oder: «Nach dem Skandalauftritt bei Gottschalk schlüpft uns ?ne Frage raus: Sind Sie ein Luder, Sarah Connor?»

Natürlich hat sie damals noch einen Fehler gemacht. Hat Kleid und Slip, über dessen Existenz sich die Redakteure so heftig Gedanken machten, bei »Bild« versteigern lassen - um sich hinterher in Talkshows zu beschweren, dass sie nicht als Sängerin wahrgenommen werde.

Naiv? Aber ja. Und fast komisch, wenn sie heute sagt, sie wollte, dass Kleid und Slip wenigstens einem guten Zweck dienen - eine Versteigerung erbrachte 5000 Euro, die an autistische Kinder gingen. Komisch vor allem, dass man ihr das abnimmt. Sie ist so. Aber bestimmt nicht mehr lange.

Schon in der Online-Redaktion lässt sich beobachten, dass sie sperriger wird. Die »Bild«-Leute wollen, dass sie sich Fotos von Männern anschaut und den Herren Noten für ihr Aussehen gibt. »Das finde ich verletzend«, sagt sie, lächelt. Eine unangenehme Pause entsteht. »Wo ist das Problem? Ich versteh das nicht«, mault der »Bild«-Mann. Sie setzt sich durch.

Später erkundigt sich einer so beiläufig es eben geht, was für einen Slip sie heute anhabe. »Was ist das denn für eine Frage?«, entgegnet sie. Und fügt hinzu: »Du weißt es doch genau, du starrst doch sowieso die ganze Zeit dahin« und zeigt auf den String mit Markennamen, der gut sichtbar über ihrem tief sitzenden Hosenbund zu sehen ist. Und so geht?s weiter:

Sie: Was hast du denn für Unterhosen an?

Er: Keine heute.

Sie: Aha. Na dann.

Er: Hey, war doch bloß 'ne Frage.

Sie lächelt. Ziemlich kalt.

Als sie die Redaktion verlässt, wartet vor dem Gebäude ein kleines Mädchen, bricht in Tränen aus, als es seinen Star sieht. Sarah Connor schreibt ihr Autogramm auf ein T-Shirt, das mit ihrem Gesicht bedruckt ist. Eine kleine Traube von Teenagern bildet sich um sie. Sie lacht.

Es sind Momente wie diese, die ihr immer wieder klar machen, was gerade passiert. Sie erzählt von einem Mädchen, das sich die Initialen S. C. auf den Rücken tätowiert hat. Tätowiert. »Eigentlich völlig irre und dann auch wieder ?« Sie sucht nach einem Wort, das ihr Staunen auf den Punkt bringt, man wartet gespannt; ein Wort, das den Aberwitz solcher Momente in ihrem Leben erfasst, vielleicht auch ihr ganzes Leben in einem solchen Moment. Sie sagt: »Schön«.

Oliver Link

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