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Travolta preist Sekte als "brillant", Cruise schweigt

Eine neue Dokumentation über Scientology sorgt in den USA für Wirbel. Während sich Schauspieler John Travolta demonstrativ hinter die Sekte stellt, hat sich Tom Cruise bisher nicht geäußert.

Von Andreas Renner, Los Angeles

  Die Schauspieler John Travolta (l.) und Tom Cruise gehören zu den prominentesten Anhängern von Scientology

Die Schauspieler John Travolta (l.) und Tom Cruise gehören zu den prominentesten Anhängern von Scientology

Man versuchte es mit allen Mitteln zu verhindern. Erfolglos. Seit Ende März wird die Dokumentation "Going Clear: Scientology and the Prison of Belief" auf dem amerikanischen Bezahlsender HBO ausgestrahlt. "Going Clear" wurde bereits von mehr als fünf Millionen Zuschauern gesehen. Das Entsetzen ist groß - und stellt die Seriosität des Kults erstmals seit Jahren schwer in Frage. Die Folge: Die in den USA noch als Religion anerkannte Glaubensgemeinschaft bereitet sich auf einen existentiellen Überlebenskampf vor.

Der Film legt die sehr zweifelhaften Methoden von Scientology bildlich offen, beschuldigt die Gemeinschaft sogar des körperlichen und psychischen Missbrauchs seiner Mitglieder sowie der aggressiven Einschüchterung und Bedrohung von ehemaligen Mitgliedern. Obwohl Pulitzer-Preis-Gewinner Lawrence Wright bereits 2013 in seinem Buch "Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief" die Methoden von Scientology entlarvte, ist es nun die Filmversion von Alex Gibney, die in den USA eine sehr ernsthafte Diskussion über die Machenschaften von Scientology auslöste.

Scientology-Boss David Miscavige, der die Gemeinschaft seit dem Tod des Gründers L. Ron Hubbard im Jahr 1986 mit totalitärer Hand leitet, wappnet sich dagegen in gewohnter Manier. Er zieht im Kampf gegen die Kritiker - mal wieder - seine stärksten Trümpfe aus dem Ärmel: John Travolta und Tom Cruise. Doch reicht das diesmal wirklich aus?

Die beiden Hollywood-Stars gehören seit Jahrzehnten zur wichtigsten Marketingstrategie von Scientology. Wann immer es brenzlig wird und Scientology in die Kritik gerät, schickt Miscavige seine beiden prominenten Wortführer an die Front, um mit ganz persönlichen Scientology-Lobpreisungen den öffentlichen Attacken entgegen zu steuern.

John Travolta singt Loblied auf die Sekte

So auch diesmal - während der, wie Experten glauben, wohl größten Bedrohung des mehrere Milliarden Dollar schweren Imperiums. "Ich bin sehr glücklich über meine Erfahrungen mit Scientology während der vergangenen 40 Jahre. Scientology stand mir immer bei, wenn ich stürmische Zeiten durchleben musste", sprang Travolta seiner "Glaubensgemeinschaft" nun prompt zur Seite. Einer der "Stürme" sei der Tod seines Sohnes Jett im Jahr 2009 gewesen. "Oh, mein Gott. Ich hätte das ehrlich nicht anders durchgestanden", sagte Travolta. Besonders die Auditing-Technologie des Scientology-Programms, also die Überprüfung des eigenen Seelenzustandes mit Hilfe eines so genannten e-Meters, einer Art Lügendetektor, empfindet Travolta als sehr effektiv: "Ich habe sie in vielen sehr harten Zeiten angewandt und sie hat immer funktioniert."

Die Dokumentation und die darin zu Wort kommenden, ehemaligen Scientologen kanzelt Travolta kurzerhand als "negativ" oder "verdrossen" ab, für ihn selbst sei Scientology bislang "brillant gewesen". Die Dokumentation habe er nicht gesehen, "das fände ich aufgrund meiner eigenen positiven Erfahrungen ein Verbrechen".

Travolta als Erpressungsopfer von Scientology

Dass sich John Travolta derart offensiv vor Scientology stellt, überrascht nicht viele. Autor Lawrence Wright und Dokumentarfilmer Alex Gibney sehen Travolta als Erpressungsopfer von Scientology. Sie spekulieren darüber, dass in den Auditings über Jahre hinweg sehr persönliche und brisante Informationen über den Schauspieler gesammelt wurden, vor allem über dessen angeblich homosexuelle Neigungen, die man bei Kündigung der Gefolgschaft öffentlich machen könnte.

Ob sich allerdings auch Tom Cruise als Busenfreund von Scientology-Boss David Miscavige bald öffentlich zu der Dokumentationen und den teils haarsträubenden Anschuldigungen äußern wird, ist die viel spannendere Frage, die derzeit in Hollywood diskutiert wird. Cruise wird im Film, mehr noch als Travolta, als die wichtigste öffentliche Figur der Gemeinschaft dargestellt. "Mission: Impossible 5" startet Ende Juli in den USA, er wird sich als Hauptdarsteller und Produzent schon bald der Presse stellen müssen, um den Streifen für das Studio Paramount zu bewerben.

Kann Tom Cruise dann wirklich schweigen zu den Enthüllungen, dass Scientology seinen Mitarbeitern gerade mal 40 Cent pro Stunde zahlt? Oder zu den Vorwürfen, dass ungehorsame Mitglieder bestraft werden, indem sie Toilettenböden mit der blanken Zunge und Toilettenschüsseln mit Zahnbürsten reinigen müssen? Das zumindest berichten mehrere hochrangige, ehemalige Führungsmitglieder von Scientology, die in der Dokumentation zu Wort kommen.

Wird Tom Crusie sich ebenfalls äußern?

Sind das vertretbare Methoden einer Religionsgemeinschaft, die Cruise einst als "einfach nur wunderbar und einen Segen für die Menschheit" bezeichnete? Weiß Cruise als Top-Repräsentant wirklich nichts von derartigen Praktiken? Wird der Film seine eigene Einstellung gegenüber Scientology verändern oder wird er, wie Travolta, weiterhin die Augen verschließen gegenüber diesem Unrechtssystem? Oder wird er, wie der Oscar gekrönte Regisseur Paul Haggis ("Crash") Scientology nach mehr als 30 Jahren den Rücken kehren, weil der Kult dessen lesbische Töchter böse diskriminierte und er auch sonst nicht mehr hinter den verschrobenen Philosophien dieser Religionsgemeinschaft stehen konnte? Es gäbe jedenfalls sehr viele Fragen an Tom Cruise - ob er sich diesen stellt, bleibt abzuwarten.

Der Journalist Peter Bart, ehemals Chefredakteur des mächtigen Branchenblatts "Variety", fordert angesichts der aktuellen Diskussion: "Wenn Tom Cruise wirklich die spirituelle Person ist, die er vorgibt zu sein, dann wäre es nun an der Zeit spirituellen Mut zu beweisen." Es wäre ein gewaltiger Schritt, wenn Cruise sich tatsächlich gegen Scientology stellen würde. Gegen jene Institution von der er sagt, sie habe ihm "Disziplin und Selbstbewusstsein vermittelt". Doch das ist am Ende so wahrscheinlich wie ein Glaubenswechsel des Papstes zum Islam.

Offen bleibt auch die Frage, welche Auswirkung die aktuelle Scientology-Diskussion in den USA auf die Karriere von Tom Cruise haben wird? Strafen ihn die Zuschauer wirklich an der Kinokasse ab, wenn er sich nicht von den Unrechttaten seiner Religion distanziert? Oder wird die Aufregung schon schnell wieder verpuffen? Wird die amerikanische Steuerbehörde IRS tatsächlich den Status von Scientology als Religionsgemeinschaft neu überprüfen und das mittlerweile angehäufte Vermögen von mehr als drei Milliarden Dollar künftig besteuern? Wünschenswert wäre es in den Augen der stetig wachsenden Schar von Kritikern, aber auf Antworten müssen wir wohl noch eine Weile warten.

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