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Warum eigentlich, Tom?

Scientology schwächelt. Ein neues Buch versucht, die letzten Geheimisse der berühmten Sekte offenzulegen. Pulitzer-Preisträger Lawrence Wright fragt, was die Stars eigentlich bei Scientology hält.

Von Sophie Albers

  Ansichtssache: Die Frage lautet weniger, warum der Hollywoodstar Tom Cruise eigentlich bei Scientology ist, denn eher warum der Ober-Scientologe Tom Cruise noch Hollywoodstar ist.

Ansichtssache: Die Frage lautet weniger, warum der Hollywoodstar Tom Cruise eigentlich bei Scientology ist, denn eher warum der Ober-Scientologe Tom Cruise noch Hollywoodstar ist.

Bleibt eigentlich noch jemand stehen, wenn die Scientologen an ihren Tapeziertischen in Fußgängerzonen zum Stresstest laden? Die meisten gehen vorbei, schütteln den Kopf oder werden sogar aggressiv, wenn sie von den Dianetikern an den E-Meter gebeten werden. Zu bekannt ist das düstere Bild dieser Sekte, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird, aber in den USA als anerkannte Religionsgemeinschaft Steuerfreiheit genießt. Internet, Filme und Bücher haben aus der großen Geheimniskrämerei längst öffentliches Wissen über "Thetane", "Auditing", "Xenu" und die Macht des Geldes gemacht. Gruselgeschichten über Betrug, Manipulation, Weltmachtfantasien und zerstörte Leben kursieren auf allen Kanälen, auch wenn die Organisation immer wieder dementiert. Ein an diesem Donnerstag in den USA erschienenes Buch versucht, die grundsätzliche Frage zu beantworten, warum Menschen sich trotzallem angezogen fühlen von der Science-Fiction-Fantasie des Sektengründers Ron L. Hubbard. Und was Stars wie Tom Cruise und John Travolta Scientology eigentlich hält.

"Going Clear. Scientology, Hollywood and the Prison of Belief" (Clear gehen. Scientology, Hollywood und das Gefängnis des Glaubens) heißen die 448 Seiten des Pulitzerpreisträgers und "New Yorker"-Autors Lawrence Wright, die derzeit für Aufregung sorgen, weil sie beschreiben, was man über die Sekte und ihre Anhänger wissen kann, und was das alles eigentlich mit der Glitzerwelt Hollywoods zu tun hat. In Deutschland hat das Buch kein Händler auf Lager, nicht einmal amazon.de. Solide Quellen sind die amerikanischen Meinungsseiten - von der "New York Times" bis zum "Daily Beast" der "Newsweek".

Eine Milliarde Dollar flüssig

Zuerst einmal sind da die Zahlen. Anstatt der 3,5 Millionen US-Mitglieder (bei angeblich acht Millionen Mitgliedern weltweit), von denen Scientology spricht, gebe es gerade mal rund 25.000 überzeugte Scientologen in den USA. Mehr als doppelt so viele Amerikaner seien bekennende Rastafaries, bemerkt Wright.

Tatsächlich in die Millionen gehe dagegen das Vermögen. Eine Milliarde Dollar hätten die Scientolgen flüssig, heißt. Damit läge ihre Liquidität höher als die der meisten großen Weltreligionen. Dazu kämen mehr als eine Million Quadratmeter Immobilienbesitz, verteilt über die ganze Welt. Der sei allein in Hollywood mehr als 400 Millionen Dollar wert, so die Sekte. Dazu passt der vielzitierte Hubbard-Satz: "Ich will eine Religion gründen - da steckt Geld drin." Getan hat es der Autor von Science-Fiction-Romanen 1952.

Wright zeichnet ein eindringliches wie abstoßendes Bild dieses Charismatikers, der seine Familie und Umwelt aufs übelste tyrannisiert haben soll. Eine harmlosere Version davon gibt es übrigens ab dem 21. Februar in dem Kinofilm "The Master" zu sehen.

"Sexuell pervers"

Womit wir beim Showbiz wären: Bereits 1955 habe es die Scientology-Anordnung gegeben, verstärkt Prominente zu rekrutieren, so Wright. Doch erst in den 70er Jahren sei es tatsächlich gelungen, Stars wie Kirstie Ally ("Kuck mal, wer da spricht", "Fat Actress") und den Drehbuchautor Paul Haggis ("Million Dollar Baby") zu Mitgliedern zu machen. Es folgten John Travolta und, 1986, das bekannteste Mitglied: Tom Cruise. Vor allem der stehe in engster Verbindung zum Hubbard-Nachfolger David Miscavige, dem ebenfalls Gewalttätigkeit nachgesagt wird. Er soll für Cruise nicht nur die Scheidung von dessen erster Frau Mimi Rogers arrangiert haben, sondern auch eine spektakuäre "Castingshow" für die nächste "Frau Cruise" nach der Trennung von Nicole Kidman.

Angeblich wurden Stars wie Jessica Alba, Lindsay Lohan und Scarlett Johansson zum "Vorsprechen" eingeladen - und Katie Holmes. Die "Vanity Fair" hat im vergangenen September eine unglaubliche Geschichte über diese Brautschau veröffentlicht, die das Leiden der letztlich auserwählten, aber verschmähten und schließlich bestraften (mittlerweile Ex-)Scientologin Nazanin Boniadi beschrieb. Cruise ließ über seine Anwälte mitteilen, er sei nie mit irgendjemandem zusammengebracht worden. Fast jedem Vorwurf in Wrights Buch - er berichtet von Misshandlungen ungehorsamer Mitglieder, Freiheitsberaubung und erzwungenen Abtreibungen - folgt der Hinweis auf ein Dementi der Scientologen. Der US-Verlag Knopf weist darauf hin, dass die Rechtsabteilung das Buch eingehend geprüft hätte. Wie die "New York Times" berichtet, wird das Buch in Großbritannien trotzdem gar nicht erst verlegt. Auch nicht in Kanada.

Erneut Thema ist Hollywood-Größe Paul Haggis, über dessen Ausstieg nach 34 Jahren Wright bereits 2010 einen schockierenden Bericht geschrieben hat. Der Oscar-prämierte Drehbuchautor brach mit Scientology vor allem wegen deren verachtender Haltung gegenüber Homosexuellen. Haggis hat zwei lesbische Töchter, die in den Augen der Scientologen "sexuell pervers" seien und weggesperrt gehörten. Er habe 34 Jahre einer Sekte angehört, so Haggis. "Jeder hat das gesehen. Ich weiß nicht, warum nicht ich."

Aber warum?

In der "New Yorker"-Haggis-Geschichte hatte Wright unter anderem den Hollywoodstar Josh Brolin ("Men in Black 3") zitiert, der seiner Verwunderung über seine Kollegen kundtat, die der Sekte vertrauen: "Die sind alle nicht auf den Kopf gefallen, sie treffen großartige Karriereentscheidungen, sie scheinen wunderbare Familien zu haben. Hat ihnen Scientology vielleicht dabei geholfen?"

Woher kommt die Anziehungskraft und die daraus resultierende Macht einer Organisation, die vielen nur als große Geldmaschine gilt und die immer wieder Thema investigativer Berichte ist? Wright meint - nach mehr als 250 Interviews mit aktiven und Ex-Scientologen und der Sichtung Tausender Dokumente - die strengen Regeln, die soziale Abschottung und die finanzielle Macht würde Menschen an die Sekte binden. Die "New York Times" fügt an, sie habe bei Hubbard selbst eine bessere Beschreibung gefunden: "Um einen Menschen auf dem Scientology-Weg zu halten, füttere ihn mit einem Mysterium-Sandwich."

Dieses Sandwich wurde just am Mittwoch von Tom Cruises Ex-Frau Nicole Kidman neu belegt: Im Interview mit dem "Hollywood Reporter" sagte die katholische Schauspielerin: "Ich habe beschlossen, mich nicht öffentlich über Scientology zu äußern. Ich habe zwei Kinder, die Scientologen sind - Connor und Isabella - und ich respektiere ihren Glauben zutiefst." Laut Wright ist die Ehe mit Cruise an der Intervention der Sekte zerbrochen.

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