Fast an derselben Stelle, wo sich zu DDR-Zeiten das Ministerium für Staatssicherheit befand, machen ein Ossi und ein Wessi eine Stasi-Kneipe auf. Kritiker schimpfen über die "Geschmacklosigkeit", die Weltpresse berichtet. Dann wirft der Wessi den Ossi raus und konfrontiert ihn mit seiner Stasi-Vergangenheit. Von Johannes Gernert

Nicht nur ein Witz: Wilfried Gau hatte tatsächlich einen IM-Ausweis© Rainer Jensen, DPA
Wie ein Eckkneipen-Stammgast lehnt Wolfgang Schmelz am Tresen und hört einem Besucher zu, der einen Stasi-Witz erzählt: "Mein Mann ist bei der Stasi - Und verdient er da gut? - Weiß nicht, sie haben ihn gestern erst abgeholt." Schmelz lächelt. Ein kleiner Mann, 53 Jahre alt, dem das Leben das Gesicht zerknittert und die Hand versteift hat. Er kann deswegen nicht mehr auf dem Bau arbeiten, wie früher, als er, der Westarbeiter, in der DDR mitgeholfen hat, Hotels hochzuziehen. Auf seinen Arm ist ein bunter Hund tätowiert, der die Zähne fletscht. Es ist Samstagnachmittag, so langsam kommen die Gäste.
"Kommen Sie zu uns - sonst kommen wir zu Ihnen" steht über dem Eingang der Kneipe. Ein DDR-Witz über das Ministerium für Staatssicherheit. Am Türrahmen hängt eine zerschredderte Täter-Akte in einer Plastiktüte. Es sind Leute aus dem Kiez da, aus der Gegend um die Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg, wo die Staatssicherheit ihr Hauptquartier hatte und wo sich nun nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch eine Stasi-Kneipe befindet. Sie heißt "Zur Firma". Manche, die dort ihr Bier trinken, murmeln, dass im Osten nicht alles schlecht gewesen sei. In der "Firma" soll es ganz gute ostdeutsche Gerichte geben. Ursprünglich waren es zwei Wirte: Willi und Wolle - Wilfried Gau, ein Ossi, und Wolfgang Schmelz, ein Wessi.
Bei der Eröffnung Anfang August standen noch beide gemeinsam hinterm Tresen: Gau als bierzapfender "Führungsoffizier" und Schmelz als "IM Küchenchef", der die Soljanka warm machte. Um den Tresen drängten sich Journalisten, viele davon aus dem Ausland. Ostalgie zieht immer. Nach Plattenbau-Hostel und Trabi-Safari nun eben die Stasi-Kneipe.
Doch der "IM Küchenchef" kocht jetzt sein eigenes Süppchen. Wo ist der zweite Wirt denn abgeblieben? "Herr Gau ist nicht mehr hier", sagt Wolfgang Schmelz. Es gebe dafür eine Menge Gründe. Streit über Bierpreise, Hygiene, die Rollenverteilung, "kreative Buchführung". Er wird nicht sehr konkret, und es ist nicht ganz klar, was davon ein Hausverbot rechtfertigt. Aber dann scheint ihm etwas Plausibleres einzufallen. Eine Begründung, die funktioniert: Außerdem sei Willi Gau Informeller Mitarbeiter der Stasi gewesen.
Ein IM als Wirt einer Kneipe, in der man sich einen Spaß daraus macht, IM-Ausweise als Rabattkarten an die Gäste zu verteilen? Ein ehemaliger Zuträger der DDR-Spionagebehörde als selbsternannter satirischer Anwalt der Verjährung und des Vergessens? Wolfgang Schmelz muss ahnen, welche Folgen es haben wird, wenn er die IM-Karte spielt, als er den Ex-Kumpel Gau gegenüber stern.de zum ersten Mal öffentlich anschwärzt. Gewusst hat er das alles lange vorher.
Wilfried Gau dagegen versteht die Welt nicht mehr. Es war doch alles so gut gelaufen, als er sich an einem Morgen im August mit seinem Kompagnon Wolle zum Kassensturz verabredet hatte. Willi war gerade dabei zu putzen und den Laden für den Tag vorzubereiten. Hat sich doch gelohnt, dachte Gau noch: Den ganzen DDR-Kitsch bei Ebay zu ersteigern und zigtausend Euro von der "Pflegemutter" zu leihen. So nennt er seine 81 Jahre alte Berliner Freundin. Doch kurz darauf stand Wolle in der Tür und erteilte seinem Partner Hausverbot, ohne Vorwarnung. Er ruft sogar die Polizei, um es durchzusetzen. Zwei Beamtinnen kommen, und Wilfried Gau lässt sich widerstandslos von ihnen hinauswerfen. "Wie damals bei meinem ersten Restaurant", denkt er, der Ossi.