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"Ich glaube an grünen Luxus"

Als Modedesignerin verbannte sie als Erste Pelz und Leder vom Laufsteg, jetzt bringt Stella McCartney ökologisch reine Edel-Kosmetik auf den Markt.

Frau McCartney, ab Ende April gibt es Ihre Naturkosmetiklinie "Care" von Yves Saint Laurent, einer Marke, die zu Gucci gehört. Entdeckt der Luxuskonzern nun mit Ihnen den neuen grünen Glamour?

Ich habe nie verstanden, warum Dinge im Bad stehen müssen, die sich schrecklich anfühlen, aussehen oder riechen. Mir ist nicht klar, warum nicht auf Silikon, auf Formaldehyd oder Konservierungsstoffe wie Parabene verzichtet werden kann. Die Haut ist unser größtes Organ. Vieles, was wir dort auftragen, wandert direkt in unseren Körper.

Auch Marken wie L'Oréal oder Clarins haben eilig Naturkosmetikfirmen gekauft, etwa Sanoflore oder Kibio. Bekommen Sie bald Konkurrenz?

Viele große Häuser beobachten erst mal, was ich mache, und warten ab. Ich hoffe, dass ich Erfolg haben werde und auch andere dann einsteigen.

Julia Roberts pflegt sich seit dem Öko-Krimi "Erin Brockovich" mit Dr. HauschkaProdukten, auch in Europa wächst der Markt der Naturkosmetik um 20 Prozent jährlich. Wie lange, denken Sie, hält der Trend noch an?

Wir arbeiten seit drei Jahren an dem "Care"-Konzept, denn ich glaube schon lange an grünen Luxus. Ich habe mich immer gewundert, warum das, verflucht, noch niemand gemacht hat.

Vielleicht ist es wie in der Mode. Peter Ingwersen, Designer der dänischen ÖkoCouture-Marke Noir, sagt: Umweltfreundliche Kleidung war lange unsexy, hässlich, bestenfalls konnte man sie rauchen...

Er hat recht. Ich begreife nicht, warum es auch in der Kosmetik nur diese Extreme gab: Hautpflege, deren Verpackung natürlich toll aussieht, aber die noch allzu oft an Tieren getestet wird. Oder selbst angerührte, ölige Cremes aus Umweltläden, die komisch riechen. Immer scheinen nur zwei Welten zu existieren - und nichts dazwischen: Entweder lebst du von Solarenergie im Tipi, oder du fährst mit einem Allradantriebauto durch die Großstadt.

Was halten Sie von den neuen LifestyleGrünen? Gibt es die wirklich oder nur in Hollywood?

Vielleicht können es sich Wohlhabende eher leisten: ihre Biokost, das neue Hybridauto. Aber viel wichtiger ist doch, dass die Ansprüche wachsen und immer mehr Menschen anfangen zu fragen, was eigentlich in ihrem Essen oder ihrer Creme steckt.

Ihr Laden in London wird mit Windenergie betrieben. Ihre neue organische Kosmetik wurde nicht an Tieren getestet, und die Zutaten wie Kamille, Lindenblüten, grüner Tee sind nicht von Kindern gepflückt. Außerdem verzichten Sie in der Mode schon lange auf Pelz und Leder. Wollen Sie eine Vorzeige-Grüne sein?

Ich tue mein Bestes. Zwar fahre ich immer noch Auto, und ich fliege auch. Ich bin überhaupt nicht perfekt. Wichtig ist mir nur, dass keine Schuhe oder Taschen in unseren Läden liegen, für die ein Tier sterben musste. Aber das darf man denen natürlich nicht ansehen. Sie müssen einfach noch besser, noch modischer aussehen.

Stimmt es wirklich, dass Sie Ihrer Freundin Gwyneth Paltrow gesagt haben, wenn sie wieder im Pelz käme, sollte sie Ihnen nicht mehr unter die Augen treten?

Meine Freunde haben es nicht leicht mit mir. Ich bin nun mal direkt und kann so ein Verhalten schlecht ignorieren. Wir werden darüber aber immer ein erwachsenes Gespräch führen.

Warum werben Sie für "Care" mit einem nackten Model auf einer Weide, das ein Lamm auf dem Arm trägt?

Das soll sagen: Unser ganzes System ist ziemlich anfällig. Aber wir betrachten es, als ob es immer da wäre. Dabei ist die Erde das Unglaublichste, was wir besitzen.

Sie sind das Kind prominenter Tierschützer. Sie wuchsen mit Ihren Eltern Paul und Linda auf einer Ökofarm in Sussex mit Schafen und Pferden auf. Da kann man vermutlich gar nicht anders, als ein grünes Gewissen zu entwickeln.

In der Hinsicht waren meine Mum und mein Dad sehr modern. Ich wurde dazu erzogen, andere Lebewesen, Mitmenschen oder Tiere zu achten und Fragen zu stellen. Es war eine klassische, alternative Rock'n'Roll-Lebensart. Aber warum sollte die nur für Rock'n'Roller gelten?

Heute leben Sie mit Ihrer Familie in einem alten gregorianischen Haus auf dem Lande, einem feudalen Herrensitz mit großem Park.

Stimmt, wir sind ziemliche Baumnarren, mein Mann Alasdhair und ich. Als wir geheiratet haben, haben wir uns nur Bäume gewünscht, damit wir einen Hochzeitswald vor dem Haus pflanzen konnten. Zu Weihnachten hat er für mich einen Garten entworfen. So wunderschön! In der Hinsicht sind wir sehr emotional. Alasdhair ist gut, wenn es um Proportionen und Erdarbeiten geht, ich eher beim Pflanzen und der Farbauswahl.

Und dort bauen Sie auch Biogemüse an?

Ja, und Biofrüchte. Wir haben auf der Farm auch Pferde und Schafe. Aber das sind eigentlich eher Haustiere.

Für Ihren Mann und Ihren Sohn Miller Alasdhair sollen Sie auch Pullover aus eigener Schafswolle gestrickt haben.

Die kann aber keiner anziehen. Sie sind nämlich ohne Lanolin, Wollwachs, und deshalb steinhart.

Ihre verstorbene Mutter Linda gründete ein Unternehmen für vegetarische Fertigprodukte und trug sehr selten Make-up.

Nur, wenn sie ausging. Sie war eher eine natürliche, eine klassische Schönheit und auch als Mutter in jeder Hinsicht ein Vorbild für mich.

Was passierte, als Ihre Mutter 1998 an Brustkrebs starb?

Ich war komplett aus der Bahn geworfen, mein ganzer Körper reagierte. Meine Haut explodierte förmlich, das hatte ich noch nie zuvor erlebt.

Auch ein Grund für die Ökopflegelinie?

Mit Sicherheit. Außerdem bin ich jung - und eine Frau. Von mir wird erwartet, dass ich die Dinge neu und anders mache.

In diesem Jahr müssen Sie schwarze Zahlen schreiben, sonst hat Gucci gedroht, Ihre Marke zu verkaufen. Wie viele Kompromisse bedeutet das für Sie?

Ich denke, wir werden 2007 die Gewinnzone erreichen. Ich bin als Designerin selbstbewusster geworden. Ich höre mehr auf mich und lebe nach dem Motto: Versuch, ein guter Mensch zu sein, und hoffe, dass es auf andere abfärbt.

Sind Sie religiös?

Ich bin ein spiritueller Mensch, aber ich habe keinen Gott oder keine Religion, der ich folge. Ich lass mich eher treiben.

Ihre Kritiker beschreiben Sie als unnahbar, sogar als arrogant. Oder sind Sie nur skeptischer als andere Menschen?

Ja, stimmt, denn ich glaube, das ist eine gesunde Eigenschaft. Es bedeutet nämlich, dass ich kein Riesen-Ego habe. In dem Augenblick, in dem du denkst, du seist fabelhaft, hast du ein echtes Problem!

Interview: Viola Keeve/print

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