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Trauerarbeit oder Vatermord?

Der Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens leidet an Demenz. Nun erklärt sein Sohn Tilman Jens in einem Buch, sein Vater sei aus Scham vor seiner 2003 enthüllten NSDAP-Mitgliedschaft in die Demenz geflohen. Eine Pietätlosigkeit? Ein Streitgespräch.

Herr Jens, Sie haben mehrere Auszüge aus Ihrem Buch "Demenz: Abschied von meinem Vater" (Gütersloher Verlagshaus, 17,95 Euro)über die Demenzkrankheit Ihres Vaters in der "Bild" vorab drucken lassen. Man könnte das als häppchenweisen Vatermord lesen.

Die Vatermord-These ist absurd und lässt sich durch keine Zeile meines Buches stützen. Auch nicht durch den Vorabdruck.

Sie sind Journalist. Sie können Medien einschätzen. Sie müssen doch sehen, wie unpassend es ist, dass der kritische Aufklärer Walter Jens im Zentralorgan für Voyeursjournalismus über seine Krankheit lesen müsste, wenn er denn noch lesen könnte.

Lassen wir die Kirche im Dorf. Einverstanden, die "Bild" ist ein nicht selten unangenehmes Blatt. Aber die bigotte Haltung vieler Kollegen gegenüber dieser Zeitung geht mir auf die Nerven. Jeder sagt "Igitt" - und jeder - wie man hört, selbst stern- Journalisten - liest das Blatt Morgen für Morgen, saugt die Trends heraus, hört, was der Boulevard so sagt. Ich habe mich mit einem Vorabdruck einverstanden erklärt, weil ich möchte, dass das Thema Demenz und Alzheimer breit diskutiert wird.

Jetzt kann man in der "Bild" über die feuchten Windeln von Walter Jens lesen. Fühlen Sie sich dabei wohl?

Ich fühle mich unwohl, dass mein Vater - wie Millionen Menschen - gewindelt werden muss. Sicher. Aber sind Windeln unwürdig? Wird er dadurch in seiner Größe, in seiner Menschlichkeit demontiert?

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Ihr Vater Sie das Nein-Sagen gelehrt hat: "Du hast mich 1968, da war ich knapp vierzehn, nächtens mit Deinen Studenten vor die Esslinger Druckerei des Springerkonzerns ziehen lassen, um die Auslieferung der ‚Bild‘-Zeitung am kommenden Morgen zu verhindern." Was ist seitdem passiert?

Seitdem sind 40 Jahre vergangen. Auch die "Bild" hat sich verändert. Damals schrieb die "Bild" DDR noch in Anführungszeichen. Damals war sie das Zentralorgan gegen die Apo. Ich bin kein Apologet der "Bild". Aber es ist nicht so, dass sich nicht dort auch etwas verändert hätte. Solange sie den Text in seiner ursprünglichen Form abdrucken, kann ich darin nicht einmal eine Geschmacklosigkeit entdecken.

Sie beschreiben, wie Walter Jens angesichts seiner vollen Windeln anfängt zu weinen. Warum breiten Sie das Leid Ihres Vaters in aller Öffentlichkeit aus?

Weil es zu dem realistischen Bild meines Vaters dazugehört. Schauen Sie: Eine Krankheit zu beschreiben, mit allem, wie das einen Menschen verändert, ist für mich nicht unwürdig. Genauso wenig wie die verschissenen Windeln eines Kleinkindes.

Der asketische Protestant Walter Jens war sicher niemand, der mit seinen Körperlichkeiten hausieren gegangen wäre.

Dann lesen Sie mal das Gespräch über seine Depression.

Da geht es um Geist.

Dann lesen Sie seine Texte über Asthma. Da geht es nicht um Geist. Wäre er zum Beispiel krebskrank, hätte er selber darüber geredet. Da bin ich mir sicher.

Hätte er sich defäkierend gezeigt?

Gezeigt gewiss nicht. Aber darüber geschrieben hätte er durchaus.

Hätte er von seinen vollen Windeln gesprochen?

Er kannte, was den Umgang mit Krankheit und Tod angeht, wenig Tabus. Er ist schonungslos mit sich umgegangen. Mit einer Ausnahme: seiner NSDAP-Mitgliedschaft.

Sie sagen, er sei schonungslos mit sich umgegangen. Aber bis zum Schluss haben Sie Ihrem Vater die Wahrheit über seine Krankheit nicht zumuten wollen. Er wusste nicht, an was er zugrunde geht.

Das ist für mich eines der ganz großen Themen. Ich hätte es ihm gesagt. Ich schreibe ja auch darüber. Meine Mutter sagte: "Tu es nicht." Sie nannte mir die Gründe. Da ist die Frage: Wie verhältst du dich? Klar ist: Ich muss als Journalist weiterarbeiten. Ich kann nicht sagen: Ich geh jetzt drei, vier Jahre nach Tübingen und pflege nur meinen Vater. Meine Mutter sagte zu Recht: "Ich muss das jeden Tag aushalten." Und sie sagte auch: "Er wird sich nicht umbringen, er wird sich nicht aus dem Fenster stürzen. Er wird nur noch trauriger werden." In der Zeit des Wegdämmerns war ich sicher jede Woche einmal da. Übrigens ohne Notizblock. Die Idee, dieses Buch zu schreiben, kam sehr viel später. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: "Wenn du das so siehst, dann werde ich mich dem fügen. Du musst es ausbaden." Die Alternative wäre gewesen, es ihm zu sagen und dann bei ihm zu bleiben. Wie lange, weiß man nicht.

Sie fordern von Ihrem Vater in seiner NSDAP-Angelegenheit die Wahrheit. Aber Sie selbst enthalten ihm die Wahrheit über seine Krankheit vor.

Allen Zweifeln zum Trotz, die ich in der Frage "Sagen oder nicht sagen" habe: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Es ist ein Unterschied, ob ich einem schwer kranken Mann seine Diagnose nicht mitteile. Oder ob ich meine Trauer darüber formuliere, dass mein Vater, der mit 19 in die NSDAP eintrat und nie einer Fliege etwas zuleide tat, an der Verdrängung, am Verschweigen seiner NSDAP-Mitgliedschaft zerbrach.

Sie schreiben, die Demenz sei eine Folge der Verdrängung der NSDAP-Mitgliedschaft. Ist Ihr Vater an seiner Demenz schuld?

Es geht nicht um Schuld. Um Himmels willen. Er ist tief traurig. Sie müssen sich vorstellen: Er war ganz oben mit dem Buch über Katia Mann. Auch das ist nicht einfach gewesen. Er hat zuvor ja allein geschrieben. Und plötzlich ist er mit meiner Mutter als Co-Autorin in der "Spiegel"-Bestsellerliste. Über Monate Platz zwei. Er war Bestsellerautor! Die haben 300.000 Exemplare verkauft. Er war ganz oben. Mit 80. Und dann kommt heraus, dass er Mitglied in der NSDAP war. Und auf einmal beginnt er zu rudern. Er sagt: "Ich bin ein Mann des Peutêtre, des Vielleicht." Das ist für mich ein erstes Stück Selbstabschaffung. Vernichtung von Identität. Das hat ihn in eine Depression geworfen. Ich habe es erlebt vor Ort. Dann ist er verstummt. Er wollte sich nicht mehr erinnern. Und dann erfahre ich, dass er schon ein Jahr zuvor Dokumente vorgelegt bekam, die ihn über diese Mitgliedschaft aufklärten. Er wusste alles vorher. Und er sagte uns kein Wort. Meine Mutter, mit der er immer alles besprochen hat, hat immer gesagt: "Das kann nicht sein." Mein Buch ist für mich ein Erklärungsversuch dieses Mannes und dieser Demenz.

Der Demenz-Spezialist Siegfried Weyerer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sagt, Ihre These von der Demenz als Folge von Verdrängung sei weder medizinisch haltbar noch wissenschaftlich zu begründen.

Es gibt einen erwiesenen Zusammenhang zwischen Seelenstress und Demenz, zwischen Depressionen und Demenz. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen Psychopharmaka und Demenz. Mein Vater hat nach dem Bekanntwerden seiner NSDAP-Mitgliedschaft die Dosen seiner Psychopharmaka immens erhöht. Der hat das wie Lollis genommen, um die Angst niederzukämpfen. Dieser Absturz war für ihn grauenhaft.

Walter Jens galt als der größte Rhetoriker der Republik. Jetzt zeigen Sie ihn, wie er nachts in ein Babyfon röchelt.

Schmälert das die Erinnerung an seine großen Auftritte als Redner?

Wollten Sie mithilfe dieses Babyfons die übermächtige Sprachkraft Ihres Vaters demontieren?

Das ist Quark, mit Verlaub. Er bleibt als Redner und Schriftsteller bestehen. Dass er die letzten drei Jahre sein wichtigstes Organ nicht benutzen konnte, macht die Dimension dieser Krankheit sichtbar.

Hatten Sie jemals das Gefühl, im Schatten Ihres Vaters zu stehen?

Nein. Er war und ist kein Übervater. Ich hatte eine freie, anregende Kindheit und Jugend. Ich habe, entgegen allen anderen Annahmen, nie unter meinem Vater gelitten. Nur in der Pubertät, erinnere ich mich, war es nicht immer einfach. Aber wem ging das nicht so mit seinem Vater? Später bin ich - von ihm ermuntert und gelegentlich auch pointiert kritisiert - Journalist geworden. Und das bin ich bis heute mit Leib und Seele. Da gab es niemals eine Situation von Konkurrenz. Aber da Sie mich partout auf die Couch legen wollen: Wenn es in meiner Biografie ein Problem gab, dann war es eher meine Mutter. Nicht der Vater. Tut mir leid.

Warum war Ihre Mutter ein Problem?

Weil sie so mit der Sozialisierung meines durchaus egozentrischen Vaters beschäftigt war. Wenn ein Manuskript stockte, ging er auf den Balkon und sagte: "Ich stürz mich runter!" Das war nicht nur beruhigend für ein kleines Kind. So richtig Trost gefunden habe ich als Kind bei meiner Mutter selten. Die warmherzige Mutter habe ich erst sehr viel später entdeckt, gerade in den Tagen der Krankheit meines Vaters. Eine späte Mutter-Sohn-Beziehung, wenn Sie so wollen. Aber, ich muss Sie enttäuschen, so richtig traumatisch war auch dies nicht. Meine Mutter hat mit meinem Vater auf eine geniale Art und Weise gekämpft. In großer Liebe und in großer Solidarität. Sie hat sich nicht unterbuttern lassen. Obwohl es nicht einfach war. Meine Eltern haben zum Beispiel zusammen ein Buch über die Universität Tübingen geschrieben. Diese Arbeit war wirklich 50 : 50. Aber auf dem Cover steht nur Walter Jens. Weil der Verleger sagte, das verkaufe sich besser.

Sie haben Ihren Vater nach dem Eklat um seine NSDAP-Mitgliedschaft für die TV-Sendung "Aspekte" interviewt. In Ihrem Buch schreiben Sie, dieses Interview sei Ihnen misslungen. Ist es nicht seltsam, dass der Journalist Tilman Jens in Sachen Walter Jens erst dann zu Höchstform aufläuft, wenn der Vater wehrlos ist?

Nein. Ich habe ihm ja Fragen gestellt. Aber ich benenne freimütig, dass ich es in diesem fünfminütigen Fernsehgespräch nicht so zu Ende gebracht habe, wie ich es wollte. Aber auch danach habe ich das Gespräch mit ihm gesucht. Aber er hat alles abgeblockt. Dann setzte sehr bald die Demenz ein. Mag sein, ich hätte hartnäckiger sein sollen. Ich schone mich ja in meinem Buch selber nicht. Die Selbstzweifel bleiben.

Ist es schwer, der Sohn von Walter Jens zu sein?

Es war beglückend. Es war aufregend. Er hat mich geprägt. Ich glaube nicht, dass es schwerer war als mit anderen Vätern. Und doch: Dass er mich, meine Familie und die Öffentlichkeit dann mit einem Rätsel zu zurücklässt, macht mir zu schaffen. Heute habe ich manchmal das Gefühl, ich sehe einen Fremden vor mir. Auch wenn Sie mich für einen ausgebufften Zyniker halten: Wenn wir darüber reden, könnte ich heulen. Der Umgang mit dem kranken Vater fällt mir sehr, sehr schwer. Aber ich fahre hin. Regelmäßig. Denn gleichzeitig ist er mir unendlich nah. Dieser kreatürliche Vater, der beeindruckt mich sehr. Ich habe meine Zweifel, ob das ein unwürdiges Leben ist. Ich war mir ganz sicher in Sachen Sterbehilfe. Aber ich bin es mir heute nicht mehr. Als Modell ist alles so klar. Jeder muss das Recht haben, einem unerträglich gewordenen Leben ein Ende zu setzen. Dafür hat mein Vater gekämpft. Ich stimme ihm zu. Aber ich bin sicher, er hat's letztlich nicht gewollt. 2007 gab es diesen Moment, als er uns sagte: "Ich will sterben. Ihr müsst mir helfen. Redet mit dem Arzt." Meine Mutter und ich guckten uns an und dachten: "Jetzt können wir es ihm sagen. Wir haben dem nichts mehr entgegenzusetzen." Wir sagten: "Ja." Dann drehte er sich um und sagte: "Aber schön ist es doch." Das ist eine existenzielle Erfahrung im Umgang mit meinem Vater, die mir unendlich kostbar ist.

Ist es heilsam zu sehen, dass eine so imposante Vaterfigur einen Makel wie die NSDAP-Mitgliedschaft haben kann?

Überhaupt nicht. Ein Mensch, auch und gerade mein Vater, schrumpft nicht mit seinen Widersprüchen. Er wächst. Ich gebe aber zu: Die NSDAP-Geschichte, das Schweigen, das ja auch manchen Kollegen meines Vaters befiel, Günter Grass, das treibt mich schon um.

In den 80er Jahren brachen Sie als stern- Reporter in die Londoner Wohnung des toten Uwe Johnson ein, um sich Material für eine Reportage zu beschaffen. Der stern entließ Sie daraufhin. Wie reagierte Ihr Vater damals?

Klar ist: Dies war der Fehler meines Lebens. Das vorausgeschickt. Ich habe mit meinem Vater darüber geredet. Natürlich haben wir auch darüber geredet, dass das ein Fehler war. Das war eine Überidentifikation in einer ganz schwierigen Zeit.

Was heißt das?

Als ich für den stern bei Nadine Gordimer in Südafrika war, ist meine Frau mit einem - wie ich damals gesagt habe - "Barmbeker Bullen" durchgebrannt. Da ist viel in mir zerbrochen. Und dann las ich in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen von Uwe Johnson, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem Agenten des tschechischen Geheimdienstes gehabt hatte. Diese Geschichte hat mich elektrisiert, als ich die Todesumstände des Dichters der "Jahrestage" für den stern rekonstruierte. Ich war damals 30. Erst bin ich mit einem Schlüssel, den mir ein Nachbar gegeben hat, in Johnsons Wohnung gegangen. Dann bin ich, bei einer zweiten Reise nach Sheerness, durch ein Küchenfenster eingestiegen. Ein Kardinalfehler. Geht nicht. Ganz klar. Wer mir das bis an mein Lebensende nachtragen will, darf das. Aber ich kann das erklären. Das ist ein gravierender Einschnitt in meiner Biografie. Aber ich denke, ich habe aus meinem Fehler gelernt.

Und wie hat Ihr Vater reagiert?

Als ich mein Buch über Johnson geschrieben habe, hat mein Vater mich sehr verteidigt. So wie auch ich mich heute nicht als Ankläger meines Vaters sehe.

Walter Jens hat Ihnen gegenüber unverbrüchliche Loyalität gezeigt?

Ja, das hat er.

Fühlten Sie sich angesichts dieser Loyalität Ihres Vaters nicht verpflichtet, Ihrem Vater in einer Krisensituation beizustehen?

Mein Buch ist nicht illoyal. Es ist der Versuch eines ehrlichen und liebevollen Abschieds und vielleicht auch - ein großes, abgedroschenes Wort - ein Stück Trauerarbeit.

Hatten Sie nie das Gefühl: Lass das mal die anderen machen. Da muss ich mich jetzt nicht auch noch reinhängen. Ich mache das mit meinem Vater in vier Wänden aus.

Nein. Dazu bin ich - mag sein - zu sehr Sohn meines Vaters, der sich immer auch als öffentliche Figur begriffen hat.

Haben Sie Kinder?

Nein.

Was wäre das Schlimmste, was ein Sohn oder eine Tochter Ihnen antun könnte?

Die Frage bleibt hypothetisch. Wenn ich Ihnen jetzt sage "Verrat", dann würde das Gespräch von vorn beginnen.

Interview: Stephan Maus/print
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